24.04.2007

FÄCHERREPORTS„In die Lücke springen“

Die Berufsaussichten für Architekten sind dürftig. Doch wer bereit ist, sich zu spezialisieren oder ins Ausland zu gehen, der kann eine Anstellung finden.
Jan Blasko hat einen richtig guten Job. Der Architekt arbeitet seit vergangenem Juli im Shanghaier Büro von gmp. Von Gerkan, Marg und Partner sind eine der ersten Architekturadressen in Deutschland - und seit einigen Jahren stark in China aktiv. Dort baut das Hamburger Starbüro unter anderem die Satellitenstadt Lingang New City.
Der gmp-Mitarbeiter Blasko hat für Lingang ein Bürogebäude entworfen und damit einen Wettbewerb gewonnen. Jetzt zeichnet er Konstruktionsdetails, wählt Baumaterialien aus und ist für die Koordination mit dem chinesischen Partnerbüro verantwortlich, das den Bau ausführt. "Mein Job ist abwechslungsreich und füllt mich aus", freut sich der 32-Jährige. "Hier in China ist man viel näher an den Dingen dran als in Deutschland und kann als junger Architekt mehr Verantwortung übernehmen."
Den Einstieg in seinen Traumjob hat der gebürtige Gelsenkirchener über ein Praktikum gefunden, das er während des Studiums bei gmp in Hamburg absolvierte. Nach seinem Diplom an der Technischen Universität Darmstadt stand bei dem Erfolgsbüro an der Elbe ein Wettbewerb für ein Hotel an - und er wurde gefragt, ob er mitmachen wolle. Zwei Jahre später wechselte er nach Shanghai. "Die Mischung macht's: Ich kann ganz gut entwerfen, aber auch koordinieren und organisieren", mutmaßt er über die Gründe seines Erfolgs.
Dem Jungarchitekten ist ein glänzender Start ins Berufsleben gelungen. Davon können die meisten Architekturabsolventen nur träumen. Die Lage, die sich den frisch ausgebildeten Planern auf dem Arbeitsmarkt bietet, ist schwierig - und zutiefst verunsichernd. In Deutschland gibt es Architekten in Hülle und Fülle, aber seit Jahren kaum etwas zu bauen. Zudem sehen sich die Hochschulabgänger mit einem sich stark wandelnden Berufsbild konfrontiert. An die Stelle des traditionellen Allrounders, der das Nützliche mit dem Schönen verbindet, tritt immer mehr der Spezialist und Dienstleister.
In den vergangenen zehn Jahren hat sich die Zahl der Beschäftigten im Baugewerbe in Deutschland nahezu halbiert, da das Bauvolumen um ein Viertel zurückgegangen ist. Fatal: Im gleichen Zeitraum ist die Schar der Architekten und Stadtplaner kontinuierlich gewachsen - um fast ein Viertel. Inzwischen gibt es zwischen Konstanz und Kiel rund 119 400 bei den Kammern eingetragene Architekten, dazu kommen schätzungsweise 25 000 Diplomingenieure der Architektur, die keine Kammermitglieder sind. Damit kann Deutschland eine der höchsten Architektendichten in Europa vorweisen.
Die stark geschrumpfte Baubranche verzeichnet derzeit zwar einen leichten Aufschwung. "Doch die anspringende Konjunktur schlägt noch nicht auf den Arbeitsmarkt durch, es bleibt bei der drastischen Schieflage zwischen Angebot und Nachfrage", so Olaf Bahner vom Bund der Deutschen Architekten (BDA).
Der Wettbewerbsdruck, der auf den knapp 37 000 Architekturbüros lastet, ist dementsprechend hoch - ihr Umsatz häufig gering. Etwa 90 Prozent aller Büros sind kleine Klitschen mit weniger als fünf Mitarbeitern; jedes zehnte setzt weniger als 17 500 Euro im Jahr um. Und auch angestellte Architekten arbeiten in der Regel überdurchschnittlich viel und verdienen schlecht: Laut der Studie "Studentenspiegel 2 - die Umfrage für Berufseinsteiger" vom SPIEGEL und der Unternehmensberatung McKinsey bilden sie mit Historikern, Anglisten und Germanisten das Schlusslicht bei den Einstiegsgehältern.
Trotzdem überschütten die Hochschulen den darbenden Markt weiter mit Architektur-Neulingen. Zwar studieren immer weniger das Fach, das als die Mutter aller Künste gilt, und die Zahl der Absolventen sinkt. Doch auch in den kommenden Jahren werden die Universitäten und Fachhochschulen mit 5000 bis 6000 Abgängern jährlich noch etwa doppelt so viele Berufsanfänger entlassen wie Altgediente aus dem Arbeitsleben ausscheiden.
Bei den Bauingenieuren sieht es besser aus: Als Reaktion auf den anhaltenden Stellenabbau im Baugewerbe ist die Zahl der Studienanfänger seit Mitte der neunziger Jahre stark geschrumpft. Da nun die Absolventenzahlen in den nächsten Jahren deutlich sinken, rechnen Experten gar mit einem Mangel an Bauingenieuren. Nach dem Diplom weichen zudem viele Bauingenieure in den Maschinenbau aus - dort sind sie willkommen.
Die frischgebackenen Diplomingenieure der Architektur schlagen sich um die spärlichen Stellen, die vor allem Planungsbüros, aber auch Verwaltung, Immobilienwirtschaft und Unternehmen anbieten. Die Crux: Sie müssen zwei Jahre Berufspraxis nachweisen, um sich Architekt nennen, sich in die Landeskammern eintragen und als Architekturbüro auftreten zu dürfen. Wer im Jobgerangel leer ausgeht und trotzdem Erfahrung sammeln will, hangelt sich häufig als freier Mitarbeiter von Projekt zu Projekt, heuert als Praktikant an oder bietet in der größten Not seine Mitarbeit auch kostenlos an - viele Architekten sind Mitglieder des modernen Prekariats.
Um der Arbeitslosigkeit zu entgehen, machen sich viele Hochschulabgänger selbständig. Sie weichen dabei häufig auf verwandte Bereiche wie das Immobiliengeschäft oder die Fotografie aus. In der jüngsten Gründungswelle, die Thomas Welter, Referent für Wirtschaft bei der Bundesarchitektenkammer, beobachtet hat, sieht er denn auch, neben dem Absolventenrückgang, einen der Hauptgründe für die gesunkene Arbeitslosenquote. Die verharrte jahrelang bei zehn, inzwischen liege sie bei sechs Prozent, so Welter. "Doch unter diesen Gründern sind viele Küchenarchitekten, die nicht von ihrer Arbeit leben können."
Trotz der sich etwas verbessernden Aussichten gilt es paradoxerweise immer noch als schick, Architekt zu werden. Das Bild vom genialen Entwerfer, der mit seinen kühnen Visionen aus Stahl, Glas und Beton die Welt erschließt, hält sich hartnäckig in den Köpfen. Dabei hat sich das Berufsbild stark verändert. Der Architekt, der als Generalist den Bauprozess vom Entwurf bis zur Schlüsselübergabe begleitet, ist immer weniger gefragt. Wer nicht zu den Großen wie etwa gmp gehört und dennoch im umkämpften Markt überleben will, muss sich auf besondere Aufgaben rund um die Architektur spezialisieren oder bereit sein, seine Eigenständigkeit aufzugeben.
Genau das hat Andrej Penner getan. Dem ehemaligen Architekturstudenten der Fachhochschule Lippe und Höxter drohte nach dem Diplom im vergangenen Sommer die Arbeitslosigkeit. Mit einem Studienfreund gründete er ein Ingenieurbüro - Architekten dürfen sich die beiden Newcomer noch nicht nennen. Sie kooperieren eng mit einem Bauträger, der Wohnhäuser von der Stange plant, baut und verkauft. Für seinen Auftraggeber zeichnet Penner Pläne und reicht beim Amt Bauanträge ein.
"Mit den Utopien, die wir im Studium entworfen haben, hat mein Berufsalltag nichts zu tun", sagt der 28-Jährige. Stattdessen muss er mit Traufhöhen und Geschossflächenzahlen jonglieren und Baukosten pro Quadratmeter errechnen. "Das Bauträgergeschäft ist bei anspruchsvollen Architekten verpönt", sagt er. Doch mit seiner Spezialisierung hatte Andrej Penner einen guten Riecher: Sein Mini-Business expandiert, im Sommer soll ein dritter Partner einsteigen.
Um Kooperationen mit Bauträgern, Investoren oder ausländischen Partnerbüros kommen Architekten in Zukunft nicht herum. "Die Rolle des Architekten wird sich zunehmend von einem selbständigen Anbieter in Richtung eines Mitarbeiters eines Anbieters, zum Beispiel eines Generalübernehmers, verschieben", heißt es in einer Untersuchung zur Zukunft des Berufsstandes, die von der Architektenkammer Nordrhein-Westfalen in Auftrag gegeben wurde. Kurzum: "Sie müssen in die Lücken im Markt springen."
Die größten Chancen bieten sich dabei Berufsanfängern, die sich als Dienstleister, Berater oder neudeutsch "Solutions Manager" rund um den Bau und Betrieb von Gebäuden begreifen. Deren Aufgaben: Ideen für Bauprojekte entwickeln und Grundstücke erschließen, als Facility Manager die Wirtschaftlichkeit von Gebäuden optimieren oder als Controller Termine und Kosten managen. Aber auch Marketing-Beratung, PR-Arbeit oder die Pflege der EDV-Ausstattung eines Planungsbüros sind Dienstleistungslücken, die sich im Architekturmarkt auftun. Als zukunftsträchtige Geschäftsfelder gelten außerdem energieeffizientes Bauen, die Modernisierung von bestehenden Gebäuden oder die Bauherrenberatung.
Eines steht fest: Von den Absolventen der kommenden Jahre gelingt es sicherlich nur den wenigsten, sich als klassische Planer zu etablieren. Architekturcoach Edgar Haupt rät Studierenden, sich unbedingt schon während des Studiums zu orientieren. "Schaut, was euch liegt, geht möglichst früh in die Praxis und vernetzt euch", empfiehlt der Berater für Marketing- und Persönlichkeitsentwicklung, der in Düsseldorf und Karlsruhe als Lehrbeauftragter tätig ist. "Die Leute lernen im Studium nicht nur, wie man Gebäude konstruiert. Sie können komplexe Prozesse leiten und strukturiert denken. Das lässt sich auch in vielen anderen Bereichen, etwa im Produktdesign, der Mode oder in der Kommunikation anwenden."
Jeannette Merker konnte schon während des Studiums an der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus die Frage, ob sie einmal Häuser bauen wolle, nicht mit einem klaren Ja oder Nein beantworten. "Ich habe mich immer bemüht, über den Ateliertisch hinauszuschauen", so die 29-Jährige. Während eines Auslandsaufenthalts in Mailand schnupperte sie ins Produktdesign sowie in die Grafik hinein und machte bei Ausstellungen mit; mit ihrem Partner entwarf und vermarktete sie ein mobiles Barsystem - ein tragbarer Tresen aus zwei Modulen, der mit wenigen Handgriffen überall aufgebaut werden kann.
Die Weichen für ihren Berufseinstieg stellte die Architektin schon mit ihrer Diplomarbeit, in der sie einen Beitrag für eine Ausstellung an der Schnittstelle von Architektur und Kultur entwickelte. Nach dem Diplom im vergangenen April genügte der kreativen Wahl-Berlinerin eine einzige Bewerbung, um unterzukommen: Seit November 2006 ist sie für das Design und die Koordination einer Ausstellung des Deutschen Architektur Zentrums in Berlin verantwortlich. Ein Job, bei dem ihr architektonischer Sachverstand genauso gefragt ist wie ihr konzeptionelles und organisatorisches Talent. "In meiner Arbeit fließt alles zusammen, was mir Spaß macht", freut sich die Projektleiterin.
Beim Aufstöbern von Nischen sind viele Jungarchitekten erstaunlich kreativ: Die einen betreiben Galerien oder forschen nach neuen Baumaterialien, die anderen schließen sich zu Netzwerken zusammen und inszenieren Kunstaktionen im öffentlichen Raum - neben der etablierten Architektur blüht in den Großstädten eine experimentelle Off-Szene. Wem diese Nische zu riskant und brotlos ist, dem bleibt noch die Option, ins Ausland zu gehen: In England, Irland, Skandinavien, aber auch in Asien oder den Arabischen Emiraten sind deutsche Planer gefragt. Und natürlich gilt auch für Architekten: "Qualität setzt sich durch. Für gute Absolventen ist durchaus ein Markt vorhanden", so BDA-Sprecher Olaf Bahner.
Um sich aus der Masse herauszuheben, reichen nicht nur gute Noten. Vor allem Praxiserfahrung, gern auch im Ausland, ist gefragt, sagt Referent Thomas Welter, "am besten in der Bauüberwachung und der Bauleitung". In einem Starbüro als Zeichenknecht Details schrubben, verbessere die Jobaussichten hingegen wenig.
Insgesamt werde sich an den Berufschancen nicht vor Mitte des kommenden Jahrzehnts etwas ändern. "Die größte Gruppe der Architekten stellen heute die 35- bis 55-Jährigen", so Welter. "In frühestens zehn Jahren, wenn die ersten in den Ruhestand gehen, ist mit einer nachhaltigen Entspannung zu rechnen." Wer in der Zwischenzeit Gefahr läuft, Endlosschleifen als Praktikant zu drehen und mit 40 immer noch ohne festen Job dazustehen, ist besser beraten, rechtzeitig auszusteigen.
Zwei Jahre hatte Jan Frühling nach seinem Architekturdiplom eine feste Stelle in einem kleinen Berliner Büro - dann kam die Kündigung, mangels Aufträgen. Als seine zahlreichen Bewerbungen erfolglos blieben, bot er mit ehemaligen Kollegen architektonische Stadtführungen durch die Hauptstadt an; ein Honorarjob als Reiseleiter bei einem Radreiseveranstalter schloss sich an. Der zweifache Familienvater, der inzwischen in Hamburg lebt, baute das neue Standbein im Tourismus nach und nach aus. Seit vergangenem Jahr bietet der 40-Jährige eigene Reisen für die Generation 50 plus an. Ein zweites Geschäftsfeld erschloss sich der Diplomingenieur als EDV-Berater für Architektur- und Grafikbüros.
"Als Architekt habe ich den ganzen Tag vor dem Rechner gesessen und bunte Striche gezeichnet", sagt Jan Frühling. "Dafür habe ich nicht studiert. In meinem jetzigen Job habe ich viel mit Menschen zu tun. Das ist viel erfüllender." Die Architektur hält er für einen "unmenschlichen und familienfeindlichen Beruf", Wochenendarbeit und Nachtschichten seien dabei völlig normal.
Der Aussteiger rät jedem Studienanfänger, der mit dem Fach liebäugelt, seinen Wunsch gründlich zu hinterfragen. "Wer heute wirklich Architekt werden will, der muss bereit sein zu leiden." ULLA HANSELMANN
Von Ulla Hanselmann

SPIEGEL SPECIAL 2/2007
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