01.01.1991

Einigendes Band zerfasert?

Für Walter Ulbricht war im Juni 1970 alles klar: "Sogar die einstige Gemeinsamkeit der Sprache ist in Auflösung begriffen. Zwischen der traditionellen deutschen Sprache Goethes, Schillers, Lessings, Marx' und Engels', die vom Humanismus erfüllt ist, und der vom Imperialismus verseuchten und von den kapitalistischen Monopolverlagen manipulierten Sprache in manchen Kreisen der westdeutschen Bundesrepublik besteht eine große Differenz. Sogar gleiche Worte haben oftmals nicht mehr die gleiche Bedeutung."
Drei Jahre später bestritt Honecker zwar nicht die vorhandenen Gemeinsamkeiten in der Sprache, wohl aber ihre gemeinschaftsstiftende Kraft: "Nicht Sprache und Kultur haben die Grenze zwischen der DDR und der BRD gezogen, sondern die unterschiedliche, ja gegensätzliche Struktur der DDR und der BRD... Gemeinsamkeiten in der Sprache können diese Unterschiede nicht hinwegzaubern."
Offen blieb die Frage, die Victor Klemperer, berühmter Verfasser des "Notizbuchs eines Philologen - Lingua Tertii Imperii", gleich nach Kriegsende warnend gestellt hatte, ob man demnächst in den Schaufenstern des Auslandes Schilder werde lesen müssen mit der Aufschrift "Hier spricht man Ostdeutsch" - "Hier spricht man Westdeutsch", eine Vorstellung, die ihn tief erschreckte.
In den fünfziger Jahren, teilweise noch bis Ende der sechziger Jahre, war es in der Bundesrepublik üblich, Befürchtungen und Vorwürfe an das System der DDR zu adressieren, es betreibe mit seinen zahlreichen bürokratischen Neuwörtern, seinen "Begriffsverdrehungen", seinem "Moskauderwelsch" eine Politik der Sprachspaltung. Westdeutsche Linguisten und Germanisten hatten sich allerdings schon spätestens Anfang der sechziger Jahre distanziert: Keineswegs spalte sich das Sprachsystem, vielmehr handele es sich um Sonderungen oder Differenzierungen im Bereich des Wortschatzes und des Wortgebrauchs.
Hier allerdings wurde man reichlich fündig. Die Etablierung stalinistischer Strukturen in der SBZ und später in der DDR hatte eine Fülle von neuen Wörtern, Wörtern mit neuer Bedeutung und spezifischen Wendungen hervorgebracht, die westdeutschen Betrachtern geradezu exotisch vorkommen mußten. Ideologiehaltige Wörter wie demokratisch, fortschrittlich, Zukunft, Freiheit, die sich von jeher durch einen außerordentlich weiten Bedeutungsumfang auszeichneten, wurden auf eine einzige, nämlich die marxistisch-leninistische Definition zurechtgestutzt, ebenso negative Gegenwörter wie imperialistisch oder Ultras. Auch weniger ideologiehaltige Wörter gerieten in den Sog des Definitions- und Formulierungsmonopols der Partei: Initiative, Bewegung, bürgerlich, idealistisch durften öffentlich keineswegs mehr wie gewohnt gebraucht werden.
Außerhalb des Bereichs der Politik und Ideologie waren die Spezifika der DDR womöglich noch zahlreicher. Staatsrat, Ministerrat, Volkskammer waren bald auch den Bundesbürgern bekannt, aber nicht viele wußten, was sich hinter Bezeichnungen wie GST (Gesellschaft für Sport und Technik), DSF (Deutsch-Sowjetische Freundschaft), Arbeiter-und-Bauern-Inspektion, Rote Ecke verbarg. Die Bedeutung von Wörtern wie Kadergespräch, gesellschaftlicher Bedarfsträger, Dienstleistungskombinat, Zielprämie und Kinderkombination erschloß sich außerhalb der DDR fast nur noch Spezialisten.
Kein einziger Sach- und Lebensbereich blieb von DDR-Spezifika ganz verschont. Naturwissenschaftliche Fachbereiche und Medizin, aber auch Zweige der Literatur- und Kunstwissenschaft blieben in ihren Fachterminologien weitgehend unbeeinflußt. Um so stärker waren die Neuerungen der nun volkseigenen Wirtschaft: VEB und VVB (Vereinigung Volkseigener Betriebe), Plankennziffer, Leitbetriebe, Gegenplan, Plansilvester und Selbstverpflichtung fanden sich neben zahlreichen anderen Spezifika in der Presse der DDR ständig, nicht minder Spezifika des Rechtswesens (Konfliktkommission, Gesellschaftlicher Ankläger) oder des Erziehungswesens (Elternaktiv, Produktive Arbeit). Die Liste läßt sich beliebig verlängern - es gibt ganze Wörterbücher dazu.
Das verdienstvolle "Wörterbuch der deutschen Gegenwartssprache" aus Ost-Berlin hatte schon Mitte der siebziger Jahre etwa 2500 seiner knapp 90 000 Stichwörter, mit einem spezifizierenden Hinweis "DDR" oder "BRD" versehen.
Westdeutsche Kritiker dieser Sprachentwicklung übersahen allerdings, daß sich auch in der Bundesrepublik seit 1945/49 gewaltige Veränderungen in Wortschatz und Wortgebrauch ereignet hatten. Der Frankfurter Linguist Horst Dieter Schlosser vermutete sogar, daß die Zahl der Neuerungen in der Bundesrepublik höher gewesen sei als in der DDR, da die Bundesrepublik auch in sprachlicher Hinsicht mehrfach starken Innovationsschüben ausgesetzt gewesen sei. Den meisten ist diese Fülle an Neuerungen selten bewußt, es sei denn, es handele sich um eine besonders auffällige Blüte der Werbesprache (seit neuestem: Unkaputtbar für eine neue Plastik-Mehrweg-Flasche von Coca-Cola). Um so bewußter erleben die ehemaligen DDR-Bürger jetzt dieses BRD-spezifische Vokabular als eine sie förmlich überwältigende Flut von Neuerungen.
In mancher Beziehung zeigte sich der Sprachgebrauch der DDR eher sprachkonservativ. Es gab weniger Einflüsse des Englischen, weniger Einflüsse des Jargons und der Umgangssprache, weniger Suche nach kessen Sprachgags, mehr Bewahrung hergebrachter Normen, Der öffentliche Sprachgebrauch der DDR, jene Mischung aus Tribünenpathos und knöchernem Direktiven-Stil, war gekennzeichnet durch überbordende Wiederholung und nervtötende Stereotypie. Zu seinen einfachsten Elementen gehörte die feste Kopplung von Substantiv und meist pathetisch steigerndem Adjektiv: unerschütterlich (Reihen, Grundsätze, Solidarität), heldenhaft (Kampf Kämpfer), unauflöslich (Bruderbund mit ... ), unverbrüchlich (Freundschaft), ruhmreich (Siege, Sowjetarmee), schöpferisch (Aneignung des Marxismus-Leninismus). Größter Beliebtheit erfreuten sich die Verben durchführen, entfalten, entwickeln, verwirklichen, insbesondere mit den verstärkenden Adverbien konsequent, konkret, komplex, breit, allseitig, umfassend, ergänzt durch stets und ständig.
Auch DDR-Bürger, die diese Sprache gebrauchen konnten und mußten, achteten darauf, sie in ihrer privaten, nicht öffentlich kontrollierten Alltagskommunikation zu vermeiden. Es gab eine "innersprachliche" Differenz zwischen öffentlichem und nichtöffentlichem Sprachgebrauch. Hinzu kam noch ein wieder anderer Sprachgebrauch bei Kontakten mit "Wessis", denen man die DDR-typischen Ausdrücke erklären oder sogar durch bundesdeutsche oder gemeindeutsche ersetzen mußte. DDR-Bürger beherrschten diesen "Transfer" in der Regel sehr gut, viel besser jedenfalls als umgekehrt die bundesdeutschen Besucher den Sprachgebrauch der DDR-Bürger.
Gerade dieser gekonnte Transfer DDR-spezifischer Wörter in gemeinverständliche verführte manche Beobachter zu dem Fehlschluß, es gebe zumindest im Alltag der DDR-Bürger kaum DDR-spezifische Wörter, Bedeutungen, Wendungen; es sei alles weitgehend gemeindeutsch geblieben.
Selbstverständlich verwendeten die DDR-Bürger die offiziellen Bezeichnungen, kauften im HO oder in der Kaulhalle statt im Supermarkt. Man schickte seine Kinder zum Pioniernachmittag, bemühte sich um einen Ferienscheck und, zusammen mit dem Kollektiv oder der Brigade, um eine möglichst hohe Jahresendprämie. Im Restaurant wurde man plaziert, fand auf der Speisekarte einen halben Goldbroiler (statt Brathähnchen) und Juice statt Saft.
Wenn möglich, versuchte man Baumaterial von der nächsten volkseigenen Baustelle für die eigene Datsche zu organisieren oder abzuzweigen. Die Dienstleistungskombinate waren für den Alltag ebenso wichtig wie die Sero -Annahmestellen (Sero = Sekundär-Rohstoffe) oder die E & A Stellen (= Erfassungs- und Aufkaufstellen für landwirtschaftliche Produkte). Ausdrücke wie Organ, Einschätzung hatten eine DDR-spezifische Bedeutung. Verben wie qualifizieren, orientieren auf profilieren, informieren wurden in Wendungen gebraucht, die in der Bundesrepublik als merkwürdig gelten mußten: nicht nur wir haben uns qualifiziert für... , sondern auch wir wurden qualifiziert für . . .
Gerade in diesem Bereich der alltagssprachlich-umgangssprachlichen Wörter und Wendungen hat vieles die Wende überdauert (siehe Kasten). Sofern aus dem Sprachgebrauch der ehemaligen DDR einige Wörter und Wendungen in den gesamtdeutschen übergehen werden - hier sind die Kandidaten dafür zu suchen.
In Medien der ehemaligen DDR findet sich auch heute noch bemerkenswert vieles, von dem wir wissen, daß es vor der Wende DDR spezifisch war, bisher diese Wende aber ganz gut überstanden hat. DDR-Bürger gebrauchen ganz unbefangen Zielstellung statt Zielsetzung, territorial statt regional und Plast oder Plaste statt Plastik; sie sprechen womöglich weiterhin mit Wärme von unserem Kollektiv und meiner Brigade, obwohl sie nichts vom SED-System hielten. Es stört sie auch nicht, daß schon Walter Ulbricht Fakt ist/das ist der Fakt sagte. Pläne, Konzepte, Vorschläge werden angedacht und später abgenickt, durchgestellt und zum Schluß abgerechnet.
Und wenn ein westlicher Journalist einen ostdeutschen Bürger um seine Einschätzung bittet, sollte er sich nicht wundern, wenn der Befragte sozusagen sprachlich Haltung annimmt und eine amtlich klingende Stellungnahme abgibt, denn einschätzen wird eben nicht als subjektive Meinungsäußerung verstanden, sondern als eine verantwortliche Stellungnahme.
Westdeutscher Hochmut gegenüber den sprachlichen Besonderheiten der ehemaligen DDR ist sicherlich nicht angebracht. Die DDR-Bevölkerung hat sich von den alten Machtstrukturen in Staat, Gesellschaft, Wirtschaft, Kultur befreit oder ist im Begriff, sie umzubauen. Das war und ist eine beeindrukkende Leistung. Sie hat das Verschwinden jener massiven Decke aus repressiven Sprachkonventionen als Befreiung empfunden und gewollt. Von diesem Umbruch und seinen Folgen sind allerdings auch Strukturen betroffen, die bis ins alltägliche Leben hineinreichen, die den meisten DDR-Bürgern in 40 Jahren längst vertraut und heimatlich geworden sind. Sie zu verlieren und sich andere unvertraute zu eigen zu machen, ist eine erhebliche Belastung.
Die Westdeutschen sollten dies akzeptieren und respektieren, auch und gerade dann, wenn Bürger der ehemaligen DDR ihre sprachlichen Eigengewächse beibehalten.
Warum auch nicht? Deutschland war noch nie ein sprachlich einheitliches Land. Ein künftiges Gesamtdeutsches Wörterbuch wird neben den zahlreichen Regionalismen auch eine Reihe von Wörtern mit der Kennzeichnung "ehem. DDR" enthalten.
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Was ist ein Azubi?
Die Emnid-Interviewer nannten den Befragten in Ost-Deutschland drei Begriffe, die es in der früheren DDR nicht gab, und fragten nach deren Bedeutung. Das Ergebnis:
Was ist ein Broiler?
Die Emnid-Interviewer nannten den Befragten in West-Deutschland drei Begriffe aus der früheren DDR und fragten nach ihrer Bedeutung. Das Ergebnis:
Werbe-Sprache in der DDR (1974): Manche Wörter und Kürzel erschlossen sich fast nur noch Spezialisten
Werbe-Sprache in der Bundesrepublik: Eine überwältigende Flut von Neuerungen
Von Manfred W. Hellmann

SPIEGEL SPECIAL 1/1991
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