26.06.2007

DAS MITMACHNETZEin bunter, chaotischer Marktplatz

Im Internet sind die Nutzer nun auch die Akteure. Sie schaffen sich ihre Inhalte selbst - und entblättern dabei ihre Seele, ihren Alltag und manchmal ihren Körper. Experten prophezeien gravierende Folgen für Politik, Wirtschaft und Gesellschaft.
Der Nachfolger von Diderot und d'Alembert, die mit ihrer 1751 begonnenen Encyclopédie Weltruhm erlangten, lebt im Rentnerparadies St. Petersburg in Florida. Seine Mitarbeiter heißen nicht Rousseau, Voltaire oder Montesquieu, sondern schreiben unter Pseudonym im Internet.
An seinem Arbeitsplatz gibt es keinen Globus und keine Bibliothek. Das Areal gleicht einer winzigen Rumpelkammer: Auf dem Boden liegen Papiere verstreut zwischen Tüten, einem Rucksack, Pappkartons und einer Kiste voll verworrener Computerkabel.
Mitten in diesem Chaos sitzt Jimmy Wales, ein entspannter Vierzigjähriger, dem das Hemd aus der Hose hängt. Hier organisiert er das Wissen der Menschheit. Und hier führt er eine Tradition fort, die von den Philosophen der französischen Aufklärung bis zum Brockhaus und zur Encyclopaedia Britannica reicht. Es gibt aber auch Leute, die sagen, dass er diese Arbeit nicht fortsetzt, sondern zerstört.
Wales ist der Gründer und das öffentliche Gesicht von Wikipedia. Die Online-Enzyklopädie ist ein für den modernen Jedermann offenes, basisdemokratisches Projekt: Mehrere zehntausend Menschen weltweit schreiben regelmäßig Beiträge, sie ergänzen oder korrigieren bestehende Artikel. Und sie diskutieren mitunter erregt, wie sie zum Beispiel den Irak-Krieg möglichst objektiv, fehlerfrei und aktuell darstellen können.
Die Welt, sofern sie über einen Internet-Anschluss verfügt, hat sich mit ihm auf die Suche gemacht nach der einen, der einzigen Wahrheit.
Es gibt keine Redaktion, keinen Verlag und kein enormes Millionenbudget. Es gibt weder Werbung noch Benutzergebühren. Wikipedia verbreitet nicht die Erkenntnis von Nobelpreisträgern und Fachautoritäten, sondern die Weisheit der Massen: oft erstaunlich informativ, gelegentlich brillant, manchmal schludrig bis falsch, aber meistens aktuell - und immer umsonst. Wann hat es das schon einmal gegeben: eine Volks-Enzyklopädie, die auch vom Volk geschrieben wird?
Mit Wikipedia ist eine täglich wachsende Wissensmaschine entstanden, eines der größten und spannendsten Internet-Imperien weltweit. Gut 1,8 Millionen Beiträge enthält allein die englische Fassung, die zweitwichtigste - die deutsche - ist zurzeit mehr als 580 000 Artikel stark; jeden Tag kommen hierzulande 500 neue hinzu. Wikipedia gehört zu den international am häufigsten besuchten Websites - neben Google, MySpace, YouTube und Yahoo.
Nur Wales hat davon nichts, zumindest finanziell: Als er Wikipedia am 15. Januar 2001 ins Leben rief, war die Internet-Blase an den Börsen gerade geplatzt. Niemand wollte etwas von neuen Geschäftsideen wissen, Risikokapital gab es nicht. Anstelle einer Firma gründete er deshalb eine Volksbewegung.
"Ich weiß selbst nicht, ob ich damals die dümmste oder die klügste Entscheidung meines Lebens getroffen habe", sagt Wales, ein ehemaliger Börsenhändler mit abgebrochener Promotion. Weil seine Hobby-Enzyklopädisten bis heute von Banner-Werbung und überhaupt von Kommerz nichts wissen wollen, ist sein Laien-Lexikon als Stiftung organisiert, die von Spenden lebt.
Wikipedia ist längst zum Symbol geworden - für eine neue Ära des Internets, die zunächst unter dem Schlagwort Web 2.0 Furore machte und inzwischen für Millionen Menschen zum Alltag gehört. In diesem neuen Web-Zeitalter spielen die Nutzer, die User, eine zentrale Rolle: Aus passiven Konsumenten werden höchst aktive Produzenten. Leser, Radiohörer und Zuschauer schaffen die Inhalte für sich und ihresgleichen selbst.
Wikipedia steht auf jenen zwei Säulen, die zugleich das Fundament dieser neuen Generation @ ausmachen: Einerseits wächst da eine neue Macht des Kollektivs heran, dessen vermeintliche Allwissenheit sich dauernd verändert und ständig zur Disposition gestellt wird.
Andererseits wird der Einzelne zum Machtfaktor. So entblößen sich Abermillionen im Netz - mal als Besserwisser bei Wikipedia & Co., mal im eigenen Online-Tagebuch, mal ganz profan mit verhuschten Nacktfotos vor der heimischen Schrankwandkombination.
So verändert ein Medium auch das Denken seiner Nutzer. Ich surfe, also sind wir.
Ein Heer von Freizeitforschern und Hobbyjournalisten, von Amateurfotografen, Nachwuchsfilmern und Feierabendmoderatoren hat das World Wide Web als Podium erobert. Das Internet ist zu einem bunten, chaotischen Mitmach-Marktplatz geworden, auf dem jeder nach Laune im Publikum sitzen oder die Bühne bespielen kann. Ein wahres Welt-Theater, dessen Konsequenzen erst allmählich abschätzbar werden.
Werden wir umso unselbständiger, je vernetzter wir sind? Oder umso aktiver, je mehr Zeit unseres Lebens sich im Web abspielt? Wird es die eine Wahrheit da überhaupt noch geben, wo die Meinung von Millionen durch die Breitband-Leitung strömt? Erleben wir eine schöne neue Welt von Bescheidwissern - oder eine von egomanischen Rechthabern? Klar ist nur: Bislang bestimmten Intendanten, Regisseure, Journalisten das Programm - kurz: Profis. Jetzt erhebt sich aus jedem einzelnen Zuschauersessel Konkurrenz.
Ein Urtraum der Aufklärung scheint wahr zu werden. Dass ein Publikum sich selbst aufkläre, schrieb einst Immanuel Kant, sei unausbleiblich, wenn man ihm nur die Freiheit ließe, von seiner Vernunft öffentlich Gebrauch zu machen. Die neue bunte Bildungsbürgerbewegung, die mit Bühnen wie Wikipedia entstanden ist, fühlt sich dieser Tradition durchaus verpflichtet. Freiheit, Nützlichkeit, Vereinsarbeit: E-mancipation als Aufklärung Version 2.0.
Ein Massenphänomen ist so entstanden, dessen Auswirkungen bislang nur zu erahnen sind. Im Kleinen lassen sie sich bereits beobachten, zum Beispiel in der Branche der Enzyklopädisten. Noch Ende der achtziger Jahre konnte die Britannica für ihre Gesamtausgabe etwa 2000 Dollar verlangen. Jetzt wird das aufwendig erarbeitete Geistesmonument für rund 30 Dollar auf CD-Rom verscherbelt. Vergleichbare Qualität gibt es dafür bei Wikipedia, getreu dem Stichwort "die Weisheit der Massen", völlig kostenlos - wenn man einer Untersuchung der Wissenschaftszeitschrift "Nature" folgt.
Was sind die Folgen für Medien-, Wissens- und Unterhaltungsindustrie? Werden ganze Branchen umgepflügt, werden Traditionskonzerne untergehen, weil sie sich nicht rechtzeitig der neuen Zeit angepasst haben und völlig neue Unternehmen oder gar Non-Profit-Bewegungen an ihre Stelle treten? Und welche Auswirkungen hat es auf Gesellschaft, Politik und Kultur, wenn Massenkommunikation eine Sache für jedermann wird?
Nach über einem Jahr an Web-2.0-Euphorie mehren sich längst auch kritische Stimmen. "Millionen Blogs haben unseren Sinn für wahr und falsch, für echt und eingebildet untergraben", sagt zum Beispiel Andrew Keen. Der Hightech-Autor aus dem kalifornischen Berkeley trauert einer Welt hinterher, in der es einen klaren Unterschied zwischen Autor und Publikum gab. "So wie nicht jeder Arzt, Lehrer oder Astronaut sein sollte, sollte auch nicht jeder Autor sein", sagt Keen über den bislang hochgelobten "Bürger-Journalismus". Er glaubt, dass das Web 2.0 eher einen "digitalen Narzissmus" als die Weisheit der Menschheit befördert.
Andere beklagen den Sittenverfall im Netz und beobachten mit Argwohn Online-Communitys und Blogger-Gemeinschaften, die sich grundsätzlich nur in ihren Vorurteilen bestätigen und ansonsten im Rüpel-Ton über den Gegner herfallen. Selbst Wikipedia-Gründer Wales fordert mit anderen Pionieren schon einen Verhaltenskodex fürs Internet. "Sprich online nicht anders als im echten Leben" lautet einer der Leitsätze.
Mit der Flut an Blogs und Bildern und Kontaktbörsen geht ein Branchenboom einher, der an die schönsten Zeiten der guten alten New Economy erinnert. Wieder werden Internet-Firmen für Milliardensummen verkauft. Wieder beschwören Trend-Gurus Joseph Schumpeters Kraft der "schöpferischen Zerstörung". Wieder schwellen die Kurse an, denn kaum haben sich wenige Überlebende wie Google in kürzester Zeit als Milliardenkonzerne etabliert, drängen schon neue Namen nach vorn.
Beispielsweise MySpace.com. Die amerikanische Kontakt- und Entertainmentbörse für Teens und Twens wurde im Juli 2003 gegründet. Inzwischen melden sich jeden Tag weit über 200 000 neue Fans an. Fast aus dem Nichts wurde MySpace zur fünftbeliebtesten Website der Welt: ein bunter Jahrmarkt, auf dem inzwischen auch immer mehr deutsche Kids ihr virtuelles Poesiealbum verfassen oder Liebesbriefe schreiben, ihre Fotos und Videos vorzeigen oder den nächsten Flirt aufreißen. Mit zuletzt rund 180 Millionen Mitgliedern hat MySpace bereits mehr als doppelt so viele "Einwohner" wie die Bundesrepublik.
Oder YouTube.com: Die Internet-Plattform für selbstgedrehte Kurzvideos ging erst im Dezember 2005 online. Weniger als ein Jahr später wurde sie für 1,65 Milliarden Dollar an Google verkauft. Zwischenzeitlich steht sie im globalen Internet-Ranking auf Platz vier.
Ganz gleich ob Flickr, Facebook oder PodShow, egal ob Meetup, Evite oder Technorati: Junge Internet-Firmen werden wieder mit Risikokapital überhäuft, nachdem sie jahrelang eher gemieden wurden. Ihre Gründer gelten in Silicon Valley wieder als Stars, ihre Websites stehen für einen neuen Lebensstil.
Ihr Konzept ist völlig anders als das früherer Internet-Pioniere. Sie betrachten ihr Publikum nicht als passive "user", sondern als kreative, mitteilungsbedürftige Urheber und Gestalter, die sich fortwährend austauschen wollen und dabei ein bislang eher knappes, teures Gut völlig kostenlos produzieren: Inhalt. "User generated content" und "social networks" lauten deshalb die Zauberworte, die Investoren und Trend-Gurus gleichermaßen elektrisieren.
Zeitungsmacher hatten einst Angst vor dem Radio, dieses fühlte sich vom Fernsehen attackiert - das Aufkommen neuer Medien hat immer für Unruhe gesorgt, doch im Prinzip hat sich seit Gutenbergs Erfindung der modernen Druckerpresse Mitte des 15. Jahrhunderts kaum etwas geändert. Stets gab es wenige - professionelle - Sender und viele, viele Empfänger.
An dieser Grundregel wird kräftig gerüttelt. Denn das Internet im Jahr 2007 ist mehr als nur Vertriebskanal. Es ist zu einem Ort geworden, an dem die Leute sich unterhalten und darstellen, an dem sie ihr Wissen und ihre Interessen organisieren - oder ganz einfach mit Freunden herumhängen. Es steht für eine Demokratisierung der Massenkommunikation, frei nach dem Motto: Mein Netz gehört mir!
Projekte wie Wikipedia, MySpace und YouTube animieren alle zum Mitmachen und erfüllen so selbst einen Traum marxistischer Medientheorie. Eine wirkliche Revolution in den Massenmedien, schrieb Hans Magnus Enzensberger vor 37 Jahren, müsse nicht die Manipulateure zum Verschwinden bringen, sondern jeden zum Manipulateur machen.
Schon Bertolt Brecht verlangte seit Ende der zwanziger Jahre, das Publikum solle nicht nur belehrt werden, sondern auch selbst belehren. Über den Rundfunk schrieb er hoffnungsvoll, er "wäre der denkbar großartigste Kommunikationsapparat des öffentlichen Lebens ... wenn er es verstünde, nicht nur auszusenden, sondern auch zu empfangen, also den Zuhörer nicht nur hören, sondern auch sprechen zu machen und ihn nicht zu isolieren, sondern ihn in Beziehung zu setzen". Erst durchs Internet ist diese Form der Massenkommunikation aller mit allen möglich geworden.
Eine Generation zieht sich online aus, manchmal wortwörtlich, manchmal, indem sie ihre Gefühle und Gedanken, ihren Alltag und ihr Familienleben offen präsentiert - die mediale Distanz lässt auch bisher gültige Schamgrenzen fallen.
Der "gläserne Mensch", in der Vergangenheit für viele eine Schreckensvision, wird zunehmend zur Realität - für manche gar zum erstrebenswerten Ideal. Wer viel von sich preisgibt, wird interessant, er wird in anderen Blogs erwähnt oder mit "comments" überhäuft. Das ist die neue Ökonomie der Aufmerksamkeit. Für alle, die eine interessantere Online-Version ihres realen Ichs haben, springt nebenbei ein Spiel mit Identitäten heraus - solange es keine Begegnung mit der Wirklichkeit gibt.
Doch es geht nicht nur um Selbstdarstellung, Web 2.0 hat auch Folgen für die politische und gesellschaftliche Entwicklung. Mit Blogs und Podcasts lassen sich in einer verlinkten Netz-Gemeinschaft in Windeseile Protest, Boykott und Unterstützung organisieren. Jeder kann seine Meinung über Politik oder Produkte äußern - und im Internet einen machtvollen Verstärker finden. Einst belanglose Splittergruppen können sich übers Web zu einflussreichen Fronten formieren.
Undemokratische Regierungen haben die Gefahr erkannt und versuchen mitunter, globale Suchmaschinen wie Google zu domestizieren - siehe China. Motto: Freiheit, die sich nicht googeln lässt, existiert auch offline nicht.
Einer der wesentlichen Charakterzüge des Web 2.0 aber ist die kollektive Intelligenz: Die Weisheit der Massen erweist sich oft als schneller und aktueller, tiefgründiger sowie - durch zahlreiche Links - breiter als herkömmliche Artikel, Fachbücher oder Forschungsprojekte.
"Die einfache Orientierung an klassischen Autoritäten bricht zusammen", sagt der Berliner Kommunikationswissenschaftler Norbert Bolz. Anwälte und Ärzte, Journalisten, Lehrer, Professoren und Politiker - alle, die professionell mit Wissen umgehen, seien einem Erosionsprozess ausgesetzt: "An die Stelle von Autorität tritt dieses eigentümliche, breitgestreute, selbstkontrollierte Netzwerkwissen."
So jedenfalls wurde das Platzen der Internet-Blase nicht das Ende, sondern der wahre Beginn der digitalen Revolution. Seither hat die rasante Verbreitung von Breitbandanschlüssen völlig neue Voraussetzungen geschaffen: sowohl technisch, wie wirtschaftlich, politisch und kulturell. Es wird sichtbar, wozu das Internet wirklich fähig ist.
Das bekommen vor allem die klassischen Medien zu spüren. Denn wenn informative und unterhaltsame Inhalte umsonst im Web entstehen und ein globales Publikum finden: Wer soll dann noch aufwendig erstellte Zeitungen, Sendungen, CDs und Filme kaufen? Ein weltweites Milliardengeschäft ist bedroht. "Jeder ist in Gefahr", sagt Trendforscher Paul Saffo vom Institute for the Future in Palo Alto über die veränderte Wirtschafts- und Gesellschaftswelt.
Eines der prominentesten Gesichter der Web-2.0-Generation ist Caterina Fake. Zusammen mit ihrem Mann, Stewart Butterfield, brachte sie es schon bis auf die Titelseite von "Newsweek": als Pioniere des neuen "Wir"-Gefühls im Netz.
Fake hat zwar schon seit 1994 für Start-ups im Silicon Valley gearbeitet, sie hat Websites für Firmen wie McDonald's gebastelt, Online-Zeitschriften gegründet und Foren ins Leben gerufen. Und sie gehört zur ersten Generation der Blogger. Seit 1999 schreibt sie beinahe täglich neue Beiträge für ihr Online-Tagebuch. Sie selbst zählt sich "zu den Ureinwohnern des Internets".
Der größte Erfolg ihres Lebens war trotzdem eher Zufall. Nach dem Zusammenbruch der New Economy waren Fake und Butterfield ins kanadische Vancouver gezogen, wo sie ein komplexes Online-Spiel entwickelten. "Game Neverending" würde wahrscheinlich heute noch eine Nischenexistenz fristen, hätte es damals nicht eine interessante Zusatzfunktion geboten: Die Spieler konnten hier unkompliziert ihre Digitalfotos online stellen - und das taten sie massenhaft. Binnen wenigen Wochen wurde der ungewöhnliche Bilderdienst zum eigentlichen Renner des Spiels.
Das war das Ende von Neverending - und die Geburtsstunde von Flickr. Nur drei Jahre später ist die Internet-Seite zu einem riesigen, internationalen Bilderreigen geworden, zu einem gemeinsamen Familienalbum der globalen Netz-Gesellschaft. Gut sechs Millionen Menschen laden im Sekundentakt ihre Bilder auf die Server der jungen Firma.
Es gibt Schnappschüsse von Hochzeiten, von Sonnenuntergängen und Straßenprotesten in Katmandu. Freunde und Verwandte kommentieren gegenseitig ihre Fotos, Fremde finden sich zu virtuellen Gruppenausstellungen zusammen, in denen es ums Zuprosten geht ("Cheers") oder um Architektur in Aserbaidschan. Einen "Platz, auf dem die Leute zusammenkommen", nennt Fake Flickr.
Doch die Internet-Seite ist inzwischen weit mehr als ein Forum für Millionen Hobbyknipser. Ihre globale Präsenz ist von professionellen Fotografen nicht zu schlagen. Als "Augen der Welt" bezeichnet deshalb Butterfield das Unternehmen. Schon vor zwei Jahren war er überzeugt, dass im Nachrichtengeschäft die besten und frischesten Fotos oft auf Flickr zu finden seien - und nicht bei klassischen Agenturen wie Reuters, AP oder Getty.
Ganz gleich, ob beim Tsunami in Südostasien, bei den Terroranschlägen von London oder den Studentenunruhen in Paris: Längst greifen auch etablierte Medien auf die Arbeit der Amateurfotografen zurück.
Im besten Fall wird die neue Plattform zur Startrampe für Karrieren, die im Offline-Leben kaum denkbar wären. Rebekka Guoleifsdottir, alleinerziehende Mutter aus Island, hatte früher wenig Ahnung vom Fotografieren. Dann begann sie, ihre Bilder ins Internet zu stellen: Selbstporträts und Bilder ihrer Söhne, Buchten, Wasserfälle, verfallene Häuser. Inzwischen wurden ihre Bilder hunderttausendfach angeklickt. "Fotografie ist mein Leben geworden", sagt sie. Solche Karrieren rütteln auch die Branchenriesen wach.
Im kalifornischen Sunnyvale residiert Yahoo, ein Milliardenkonzern, der selbst erst vor gut einem Jahrzehnt als bunter Haufen um Gründer Jerry Yang entstanden und eine Ikone der Web-1.0-Ära geworden ist. Hier arbeiten Fake und Butterfield, die ihre Firma im Frühjahr 2005 für eine zweistellige Millionensumme an Yang verkauften. Flickr war damals gerade profitabel geworden; das Unternehmen verdient, indem es Speicherplatz für Fotos verkauft oder wenn Kunden ihre Schnappschüsse ausdrucken oder zu Kalendern, Büchern und Postkarten verarbeiten lassen. Die beiden Gründer sind jetzt so eine Art Abteilungsleiter im Yahoo-Reich geworden.
Noch vor wenigen Jahren wurden Start-up-Karrieren ganz anders gekrönt: mit einer rauschenden Party an der Wall Street zum Börsengang. Doch inzwischen gelten im Silicon Valley andere Regeln als in der Gründerzeit der neunziger Jahre. Viele Pioniere aus dieser Epoche sind, so sie überlebt haben, zu mächtigen Paten der Hightech-Szene zwischen San José, Palo Alto und San Francisco geworden.
Drei, zwei, eins - meins: Ebay-Chefin Meg Whitman, die den deutschen Werbeslogan für ihr Online-Auktionshaus verinnerlicht hat, greift beherzt zu. Für rund 630 Millionen Dollar kaufte sie die Preisvergleichsseite shopping.com; 1,5 Milliarden Dollar war ihr das Online-Bezahlsystem PayPal wert; die Internet-Telefonfirma Skype nahm sie für mindestens 2,5 Milliarden in ihr Reich auf.
Amazon, Cisco, Google und Microsoft: Amerikas Hightech-Konzerne langen derzeit zu, wo sie nur können; mitunter aus schierer Angst, den Anschluss zu verlieren. Die besten Online-Innovationen fänden an der Basis statt und sie hätten "sehr zerstörerische" Auswirkungen auf die etablierten Konzerne, warnte Microsoft-Gründer Bill Gates per Memo seine Kollegen.
Die Kapitäne der alten Industrien wollen ebenso wenig fehlen, wenn die Welt online geht. News-Corp-Eigner Rupert Murdoch, 76, kaufte MySpace vorvergangenen Sommer für gut 580 Millionen Dollar. Ex-Paramount-Studioboss Barry Diller, 65, legte sich für 1,85 Milliarden Dollar die Suchmaschine Ask zu.
Am Geld mangelt es nicht, eher schon an guten Kaufgelegenheiten, und das treibt die Preise weiter in die Höhe. Facebook zum Beispiel wurde offenkundig schon von Viacom und Yahoo umworben, zuletzt soll Google sogar 2,3 Milliarden Dollar für die bei Schülern und Studenten beliebte Kontaktbörse geboten haben. Doch Mark Zuckerberg, der die Seite vor drei Jahren als Harvard-Student gründete, weigert sich noch, zu verkaufen. Er und seine Geschäftspartner betrachten Facebook als das neue MTV und bewerten die Firma mit acht Milliarden Dollar.
Solche Aussichten haben sich längst auch in der deutschen Internet-Szene herumgesprochen. Wie schon beim letzten Hype sind auch diesmal wieder "Entrepreneure" von Berlin bis Wetzlar höchst aktiv. Manchmal reicht es ja schon, sich an amerikanische Geschäftsideen anzulehnen. Was in Amerika MySpace.com heißt, nennt sich dann in Deutschland du-gehoerst-zu-meinen-freunden.de
Ein ganzes Jahr Vorbereitung brauchte als Letztes zum Beispiel die deutsche Web-Firma United Internet des Online-Veteranen Ralph Dommermuth, um ihre eigene MySpace-Variante auf die Beine zu stellen: Seit Ende April ist das social network mit dem Namen unddu.de online - etliche Monate nachdem das amerikanische Vorbild mit einem deutschen Ableger den hiesigen Markt erschloss. Die neue Plattform der Firma aus Montabaur bietet die üblichen Dienste von der Blog-Funktion bis zur Foto- und Videosammlung.
Andere, wie der Informatik-Student Dennis Bemmann, waren deutlich schneller. Im Oktober 2005 gründete er mit seinen Geschäftspartnern StudiVZ. Das Studentennetzwerk, das bis in die Details hinein wie eine Kopie von Facebook wirkt, ist eine Mischung aus Mensa, Hörsaal und Schwarzem Brett, aus Uni-Zeitung und Studentenkneipe. Mitglieder können ihre Uni, Studienfächer und private Vorlieben angeben, Freunde sammeln, Fotos hochladen und auf einer virtuellen Pinnwand Nachrichten schreiben. Rund zwei Millionen Mitglieder sind inzwischen dabei - im Januar wurde die Firma für geschätzt 85 Millionen Euro an Holtzbrinck verkauft.
Es herrscht wieder Gründerzeit in der deutschen Online-Welt. Bei SinnerSchrader, jener Hamburger Internet-Agentur, die als eine der wenigen den großen Crash überlebte, ist von "neuer Lust und neuer Leidenschaft" die Rede, der Untergang der klassischen Medien schon wieder in Sicht.
Und es gibt wieder Stammtische wie den "Web Montag", der in Städten wie Köln, Berlin, München und Hamburg Gründer, Anwender, Blogger und dergleichen zu Diskussionen über "Social Bookmarking" oder "E-Democracy" versammelt - an Orten, die sich zum Beispiel newthinking store nennen.
Vasco Sommer hat all das schon einmal erlebt. Bei einem der Berliner Web-Montage ist er mal wieder auf einen der jugendlichen "Business-Leader" gestoßen. "Hast du Programmierer?", hat der ihn aufgeregt gefragt, "ich brauche mindestens zehn davon, sofort!" "Alles ist wie früher", sagt Sommer.
Damals, 1997, gründete er mit seinem Geschäftspartner Florian Wilken kontaktanzeigen.de. Das Kleinanzeigenportal überstand den Zusammenbruch der New Economy. 2002 verkauften die beiden heute 32-Jährigen ihre Firma und nahmen eine Auszeit. Jetzt betreiben sie mit blog.de eines der größten deutschen Blogger-Foren. Gerade hat Burda Digital Ventures eine Minderheitsbeteiligung erworben.
Wie in einer gigantischen Seifenoper breiten dort Online-Chronisten ihre phantasierten oder realen Erlebnisse aus. Die Leser geben Kommentare ab, schreiben sich E-Mails und verlinken ihre Seiten untereinander. Da mutet es schon fast rührend an, wenn auch tatsächliche Promis wie die deutsche Schriftstellerin Else Buschheuer, ihr US-Kollege Norman Mailer oder das Model Eva Padberg das Medium entdecken.
Eine Momentaufnahme der Online-Tagebücher auf Sommers Portal jedenfalls würde ein völlig chaotisches Porträt der deutschen Web-Gesellschaft zeigen: Binnen Sekunden folgen Beiträge über den eigenen Job ("Wieder hab ich einen Arbeitstag geschafft ... seufz"), die Abi-Feier ("Ich war schon um zwölf Uhr mittags strunzbesoffen"), Kosmetik ("Hab mir eine neue Gesichtscreme gegönnt") oder Sex ("Al hat übrigens den Dreier abgelehnt").
"Man erreicht andere am besten, wenn man von sich selbst etwas preisgibt", sagt Sommer über seine Blogger. Er will Informationshierarchien abbauen und den Menschen Werkzeuge an die Hand geben, damit sie ihre Kreativität ausleben können - am liebsten gleich international: Sommer und Wilken haben ihr Blogger-Geschäft schon bis nach Spanien und Schweden ausgedehnt.
Ist der Markt bereits wieder überhitzt? Zumindest die Auswirkungen an der Börse sind diesmal weniger deutlich. Zwar werden erneut astronomische Preise gezahlt, aber nicht an der Börse, sondern in diskreten Deals mit Murdoch & Co. So bleiben die jungen Firmen von Analysten verschont, die Quartal für Quartal immer phantastischere Umsatz- und Gewinnprognosen erwarten. Die Aussicht auf rasche Milliarden-Deals jedenfalls spült jede Menge frisches Risikokapital in die Firmchen zwischen Palo Alto und San Francisco.
YouTube.com legt ein besonders hohes Tempo vor. Die Video-Plattform hatte erst vor anderthalb Jahren 3,5 Millionen Dollar Startkapital erhalten. Schon kurz nach dem Start im Dezember 2005 waren drei Millionen oft verwackelte Kurzvideos abrufbar: kleine, meist mit Digitalkameras gedrehte Filmschnipsel, häufig von Teens und Twens, die sich als Freizeit-Popstars oder Hobby-Comedians versuchen. Die Nutzerzahlen explodierten. Im Oktober vorigen Jahres sicherte sich dann Google den Senkrechtstarter für einen Milliardenbetrag.
Chad Hurley, 30, ist einer der Firmengründer der Firma. Anfang 2005, erzählt er, drehten er und seine Freunde bei einem Abendessen kleine Videos. Weil die per E-Mail wegen ihrer großen Datenmenge nur schwer zu verschicken waren, tüftelte er - wo sonst als in seiner Garage? - an einer einfacheren Lösung. Das war der Beginn von YouTube.
Noch zum Zeitpunkt der Übernahme zählte die Firma gerade mal ein paar Dutzend Mitarbeiter. Und doch wird sie von den klassischen Fernsehsendern genauso argwöhnisch beäugt wie von Hollywood - weil sie für einen Wandel in der Entertainment-Industrie steht. Bei YouTube gibt es weder einen Studioboss noch Regisseure. Deren Jobs erledigt das Publikum.
Hurley spricht vom "Übergang zur Clip-Kultur". Er glaubt, dass zunehmend mehr Menschen selbst für halbstündige TV-Serien weder Zeit noch Geduld aufbringen. Wozu noch stundenlange Oscar-Übertragungen verfolgen, wenn die wichtigsten oder lustigsten Momente kurz darauf bei YouTube über den Bildschirm flackern? Warum ein ausführliches Liza-Minnelli-Interview anschauen, wenn die peinlichsten Ausschnitte auch online zu sehen sind? Ist ein Sekunden-Clip über Präsident Bushs Versprecher bei einer Pressekonferenz nicht viel unterhaltsamer als die Abendnachrichten?
Andererseits: Lässt uns vielleicht genau das auch zu einer Art Best-of-Gesellschaft degenerieren? Einer Welt, die nur noch auf Höhepunkte fixiert ist?
YouTube ist ein buntes, chaotisches Panoptikum. Jeder stellt rein, was ihm gefällt, Urheberrechte spielten lange nur eine untergeordnete Rolle. Doch mit dem wachsenden Erfolg mehrten sich auch die Beschwerden von TV-Sendern und Entertainment-Konzernen. Eine Milliarde Dollar Schadensersatz fordert allein Viacom (MTV, Paramount, Dreamworks) für ohne Erlaubnis auf YouTube gestelltes Material. Hurley glaubt allerdings, die klassischen Medien sollten auf Protest lieber verzichten und ihre Inhalte stattdessen als Partner auf seiner Seite promoten: "Wir helfen ihnen, ein völlig neues Publikum anzusprechen." Google-Chef Eric Schmidt kündigte inzwischen neue Funktionen an, mit denen urheberrechtlich geschütztes Material identifiziert und entfernt werden kann.
Wie schnell und mächtig das Medium funktioniert, haben im Frühjahr 2006 drei türkischstämmige Jungs aus dem pfälzischen Germersheim erfahren. Ihr talentfreies HipHop-Video, in einem Jugendtreff produziert, wurde auf YouTube in wenigen Tagen zum Hit der Trashkultur. Über den holprig gereimten und schief gesungenen Song "Wo bist Du, mein Sonnenlicht?" wurde quer durch Deutschland gelacht.
Solche Phänomene wie die gruslige Grup Tekkan aber, die Arctic Monkeys oder Gnarls Barkley zeigen, dass die Fan-Gemeinde im Netz bereits groß genug werden kann, um den einzelnen Künstler übers Web hinaus berühmt zu machen - wenngleich bislang dann auch noch der Plattenvertrag oder TV-Auftritt die Karriere erst richtig befeuert. Beispiel OK Go: Die zuvor eher wenig bekannte US-Band stellte im vorigen Sommer ein Musikvideo ("Here it goes again") auf YouTube. Die Tanz-Choreografie auf Laufbändern wurde mit inzwischen 17 Millionen Clicks so populär, dass OK Go zu den MTV Video Music Awards geladen wurde und einen Grammy gewann.
Früher sei Online nur die Idee eines zusätzlichen Vertriebskanals gewesen. Das war der bedeutende Irrtum in der Ära des Web 1.0, glaubt Tim O'Reilly, einer der Vordenker des www. Schon 1992 schrieb er eine erste umfassende Gebrauchsanweisung fürs Internet. Als er im Oktober 2004 in San Francisco eine Konferenz über die jüngsten Netztrends organisierte, wurde der Titel der Veranstaltung, Web 2.0, zum Namen der neuen Ära.
"Die alten Medien haben versucht, das Internet nach ihrem Weltbild zu gestalten", sagt O'Reilly. Firmen, die jetzt aufsteigen, hätten dagegen die neuen Regeln verstanden. Was das für Wirtschaft und Gesellschaft heißt, wird erst allmählich deutlich. Die Verunsicherung ist groß. Fachtagungen in den USA wurden bereits mit Titeln wie "Der Tod des Produzenten" überschrieben. Das "Live-Web" wird als "das neue Hollywood" ebenso gefeiert wie gefürchtet. Und auch die Werbebranche hat die Macht der Blogger schon zu spüren bekommen.
Nachdem der deutsche Kreativ-Guru Jean-Remy von Matt Weblogs als "Klowände des Internets" bezeichnet hatte, schlugen die Blogger zurück. Der überraschte Matt sah sich angesichts des Proteststurms zu einer öffentlichen Entschuldigung genötigt und lobte die "virale Kraft dieser Medienform".
Kaum abzusehen sind die Folgen für die Politik. Neben den traditionellen Nachrichtenmarkt mit seinen professionellen Kommentarseiten, Titelgeschichten, Interviews und Enthüllungen tritt ein anschwellendes Stimmengewirr von politischen Blogs und Podcasts. Die sorgen - in den USA schon deutlich spürbar, in Deutschland erst allmählich - für größere Meinungsvielfalt. Aber zugleich radikalisieren und polarisieren sie auch die Debatte.
"Übers Internet kommen Leute zusammen, die eigentlich nicht miteinander sprechen sollten", sagt Zukunftsforscher Saffo. Die christlichen Fundamentalisten Amerikas zum Beispiel fanden früher viel schwerer zueinander, sie waren in größere Gemeinschaften eingebunden und konnten ihre Vorstellungen nicht so leicht verbreiten.
Das Web wurde zum idealen Instrument, um ihren Einfluss auf Politik und Gesellschaft zu verstärken. "Das ist soziales Dynamit", sagt Saffo. Er glaubt, dass im Netz viele selbstgewählte virtuelle Gemeinschaften entstehen, die nach eigenen Gesetzen funktionieren und ihre eigene kulturelle Identität entwickeln. Das Internet, sagt er, werde zu einem "völlig unvorhersehbaren Verstärker sozialer Trends".
Heute müssten sich die fußmüden Veteranen des langen Marschs durch die Instanzen die Augen reiben. Nicht die politisch engagierten Revoluzzer haben die neue Ordnung herbeigeführt, sondern verhaltensunauffällige Stubenhocker vor ihren Bildschirmen. Die Revolution kam nicht von der Straße, sie schlich durch die Hintertür. Erst als aus der Kommune die Community wurde, kam es zum Umbruch der herrschenden Verhältnisse. Seitdem wächst stetig die Meinungsmacht der Blogs und Foren, die auch von den alten Eliten nicht mehr ignoriert werden kann.
Was aber bedeuten diese Veränderungen für die klassischen Medien? Ist die Angst berechtigt, die selbst Medienmythen wie Rupert Murdoch bereits um sein konservativ-publizistisches Lebenswerk fürchten lässt? "Gesellschaften und Unternehmen werden scheitern und untergehen, wenn sie glauben, dass ihre glorreiche Vergangenheit sie vor dem Wandel beschützt", sagte er im Frühjahr 2006.
Seine Rede klang wie ein Fanal: "Die Macht entgleitet den alten Eliten in unserer Branche, den Chefredakteuren, Verlagsführern und Eigentümern." Gutausgebildete Medienkonsumenten wollen nicht mehr geführt werden, sagte Murdoch, in einer wettbewerbsintensiven Welt "können sie alles kriegen, wann sie wollen und so viel sie wollen".
Spätestens seit der spektakulären Übernahme von MySpace durch Murdochs News Corp ist die Online-Plattform zu einem der momentan bedeutendsten Phänomene der US-Massenkultur aufgestiegen. Mittlerweile gibt es nationale Ableger von Deutschland bis Mexiko und Japan.
Gut 180 Millionen Nutzerprofile bilden mittlerweile eine riesige Parallelgesellschaft. MySpacer stellen sich dort mit ihrer eigenen Seite vor: Sie zeigen Privatfotos und -videos, lassen ihre Lieblingsmusik erklingen, beschreiben sich selbst und wen sie treffen wollen. Im "Friend-Space" stehen die Fotos sämtlicher Freunde - wer weniger als hundert vorweist, gilt leicht als Autist.
Ein Online-Tagebuch hält die virtuelle Clique über die jüngsten Erlebnisse auf dem Laufenden. Kommuniziert wird über öffentliche Kommentarlisten, die wie ein modernes Poesiealbum wirken, vollgestopft mit Bildern und belanglosen Kurzbotschaften, mit Komplimenten und mitunter eindeutigen Angeboten. Viele MySpacer breiten ungehemmt fast alles über sich aus: vom Gehalt und ihrer sexuellen Orientierung bis zum letzten Vollrausch und den für die nächste Party zu besorgenden Betäubungsmitteln.
Allmählich lernen sie, dass ihr Kosmos genau beobachtet wird. Mal sprengt die Polizei ein Event wegen illegalen Alkoholkonsums von Minderjährigen, mal schmeißt ein katholisches College einen schwulen Studenten raus - Eltern, Lehrer, Dozenten und Wachtmeister surfen aufmerksam durch die Profile; selbst Arbeitgeber schauen sich Bewerber inzwischen schon auf MySpace an. Trotzdem macht sich die Online-Gemeinschaft auch in Deutschland langsam breit.
Über 300 Mitarbeiter kümmern sich am Firmensitz in Beverly Hills um die Belange der Gemeinschaft. Die Gewinne des Unternehmens waren zunächst eher bescheiden.
Es ist deshalb eine der drängendsten Fragen der Industrie, wie aus dem Massenphänomen auch ein Massengeschäft werden kann. MySpace ist kein zentraler Marktplatz, auf dem sich Shows von News Corp und generell Inhalt, egal welcher Art und welcher Herkunft, einfach promoten ließen. Aufmerksamkeit entsteht bei MySpace von unten, durch eine Art Mundpropaganda der Fans. "Wir können das hier nicht als Medienunternehmen betrachten", sagte News-Corp-Präsident Peter Chernin bereits letztes Frühjahr der "New York Times": "Diese Seite wird von ihren Nutzern programmiert."
Die Frage nach dem richtigen Geschäftsmodell stellt sich deshalb quer durch die gesamte Branche. Zwar gibt es diesmal, so scheint es vorerst, weniger Luftbuchungen als beim ersten Boom; die Technik ist leichter zu nutzen, die Reichweite sehr viel größer. Börsenmillionen verpuffen nicht mehr großflächig in Werbekampagnen. Gemeinschaften wie MySpace, Flickr oder YouTube haben sich an der Basis quasi von selbst aufgebaut. Trotzdem bleibt meist offen, woher künftige Profite eigentlich kommen sollen.
Eindrucksvoller als die Gewinne sind auch diesmal häufig wieder Ehrgeiz und Visionen. Ron Bloom beispielsweise glaubt, dass schon in vier Jahren "die Hälfte aller Medieninhalte weltweit von Privatleuten produziert werden wird". Seine Firma soll eine der wichtigsten Plattformen für "user generated content" werden. "In diesem Bereich", sagt er, "wollen wir die weltweit größte Mediengruppe aufbauen."
Anfang 2005 hat Bloom zusammen mit dem früheren MTV-Moderator Adam Curry PodShow gegründet - eine Plattform für Freizeitmoderatoren, die übers Web ihre selbstproduzierten Radioshows ausstrahlen wollen.
Zurzeit residiert der künftige Weltkonzern noch mit ein paar Dutzend Mitarbeitern in San Francisco. Mit über hundert Kategorien für Sendungen hat PodShow trotzdem schon eine riesige Fan-Gemeinde gefunden. Zuhörer weltweit laden sich regelmäßig Beiträge vom "wine podcast" bis zu "Keith and his girlfriend talk shit" auf ihren Computer.
Bloom findet, dass man diese Entwicklung nicht hoch genug einschätzen kann. "Vor zehn Jahren konnte es sich kein normaler Mensch leisten, eine eigene Zeitung zu drucken oder eine Radiofrequenz zu kaufen", sagt er. Heute sind nur ein paar Mausklicks erforderlich.
Was da ins Netz gestellt wird, hat allerdings nicht mehr viel mit klassischem Radio und traditioneller Werbung zu tun. So unprofessionell, frisch und authentisch wie die Sendungen wirkt auch das Sponsoring. "Ich trinke ja selbst kein Bier, find's aber klasse, dass Heineken meine Sendung unterstützt. Meine Freunde sagen, das sei ein Super-Bier" - so ähnlich klingt Reklame im Podcast-Zeitalter.
Manche Podcaster starten steile Karrieren - so wie Gruselautor Scott Sigler, der jahrelang vergebens versuchte, einen Agenten oder Verlag für seine Romane zu finden. Dann begann er, sein Werk kapitelweise und als Audiodatei online unters Volk zu bringen. Mehrere zehntausend Fans hören ihm inzwischen Woche für Woche zu, einige Bücher wurden längst gedruckt und tausendfach verkauft.
Andere klingen, als sei das Radio gerade erst erfunden worden: "Oh, ich bin zu leise, hallo, hört ihr mich?" - so geht es zu, wenn zum Beispiel Larissa Vassilian alias Annik Rubens ihren Podcast "Schlaflos in München" sendet.
Hobbyschreiber, -fotografen, -filmer und -moderatoren, die im Internet kostenlos gegen ihre professionellen Kollegen konkurrieren; Informations- und Unterhaltungsformen, die bestens ohne Sendeanstalt und Verlag funktionieren: Solche Herausforderungen hat es für die Medien - und die Mediengesellschaft - bislang nicht gegeben.
In seiner Brandrede vor britischen Zeitungsverlegern fand Rupert Murdoch dennoch ein versöhnliches Fazit. "Großartiger Journalismus wird immer Leser finden", sagte er. Murdoch glaubt, dass Nachrichtenorganisationen weiterbestehen, wenn sie unverzichtbare Inhalte schaffen und diese in dem Medium liefern, das ihren Lesern am besten passt.
Vor einiger Zeit saß Wikipedia-Gründer Wales bei einer Podiumsdiskussion neben dem Chef von USA Today online. "USA Today" ist die größte Tageszeitung Nordamerikas, die Redaktion ihrer Online-Ausgabe ist personell bestens ausgestattet. Wales hatte zum Zeitpunkt der Begegnung überhaupt keinen Angestellten - und trotzdem mehr Verkehr auf seiner Internet-Seite. "Das war cool", erinnert er sich.
In Berlin saßen an einem warmen Maiabend im Jahr 2006 rund 30 seiner Hobby-Enzyklopädisten ausnahmsweise in Echtzeit und ganz real zusammen, bei Grillwürsten und Bier am Spreeufer gleich gegenüber der Jannowitzbrücke, manche hatten ihre Laptops dabei.
Eine eigentümliche Feierabendakademie hatte sich da versammelt, es gab Experten für Fahrräder und Drogenpolitik, für Ufos und Kroatien. Jaan-Cornelius Kibelka war dabei, ein Gymnasiast, der alles über U-Bahnen weiß und für seinen Artikel über Budapest dort jede Station besuchte. Eine andere Autorin stellte sich als Juliana C. vor; sie schreibe Beiträge über Pornografie und Erotik. "Danach habe lange als Prostituierte gearbeitet und zu viel Quatsch über diese Themen gelesen", erklärte sie ihre Motivation.
Ganz klein fing das alles vor ein paar Jahren an. Es gab ein paar eher belanglose Artikel ("Die Nordsee ist ein Teil des Atlantiks und somit ein Meer") und nur wenige Autoren. Kurt Jansson, ein Berliner Soziologiestudent, gehörte dazu. Wikis waren an seinem Uni-Institut damals, 2002, ein Fremdwort, die Diskussion dort war in den neunziger Jahren steckengeblieben. Jansson legte deshalb 700 Zettel mit einer Ankündigung für sein "autonomes Seminar" in Vorlesungsverzeichnisse. Der Titel ("Freie Software - Freies Wissen - Freie Gesellschaft?") beschreibt ziemlich gut, was danach passierte.
Inzwischen ist Jansson Vorsitzender des deutschen Wikimedia-Vereins. Über 580 000 Artikel haben er und über 40 000 weitere Autoren seither verfasst. Ihr Web-Lexikon gehört zu den beliebtesten Internet-Seiten Deutschlands. 95 Prozent aller Gymnasiasten machen sich laut Umfragen bei Wikipedia schlau.
Irgendwann entstand dann der Plan, die gesammelte Erkenntnis der Online-Enzyklopädie zu Papier zu bringen. Ein Berliner Verlag war brennend interessiert und wollte gleich 100 Bände drucken - ein direkter Angriff auf Brockhaus, Britannica & Co.
Das Vorhaben platzte. "Unsere Community ist noch nicht so weit", sagte Jansson. Seine Wikipedianer wehrten sich erbittert gegen diese Kommerzialisierung ihres Projekts. Und gegen den Versuch, ihr täglich wachsendes kollektives Wissen für die Ewigkeit unveränderlich zwischen Buchdeckel zu pressen. FRANK HORNIG

Reality-TV im Web 2.0
Eines Tages im März schnallte sich Justin Kan eine Videokamera auf den Kopf und sendet seither online - rund um die Uhr und immer live. Der 23-Jährige aus San Francisco, der zuvor mit einem Online-Kalenderservice gescheitert war, hat mit seinem "Lifecast" riesigen Erfolg: Bis zu 20 000 Zuschauer sehen nun die Welt wie mit seinen Augen. Kans Experiment vereint Reality-TV und Web 2.0 - eine Totalinszenierung des eigenen Lebens, wie sie in der Kino-Satire "The Truman Show" nur erfunden war.

Zweifel an Wikipedia
Der Digitalvisionär Jaron Lanier, 47, der den Begriff "Virtual Reality" geprägt hat, warnt vor dem "Glauben an die sogenannte Weisheit der Massen". Jeder kann im Online-Lexikon Wikipedia neue Einträge verfassen, Artikel verändern und auch gezielt falsche Informationen verbreiten - alles anonym. Lanier: "In der Wikipedia-Welt bestimmen jene die Wahrheit, die am stärksten besessen sind." Wikipedia-Mitbegründer Larry Sanger hat deshalb Citizendium gegründet, wo die Artikel vor der Veröffentlichung von Experten verifiziert werden.

Netz-Falle
Die Mitglieder des Web-Dienstes Plazes zeigen der ganzen Welt auf einer interaktiven Karte, wo sie sich gerade befinden, indem sie sich an einem Hotspot ins Netz einloggen. Kürzlich wurde Plazes-Chef Felix Petersen dadurch ertappt, dass er seine Kollegen über seinen Aufenthaltsort belogen hatte. Denen hatte er erzählt, dass er zu seiner kranken Tochter nach Berlin müsse und deshalb eine Rede in Amsterdam nicht halten könne. Auf Plazes entdeckten die Mitarbeiter, dass Petersen in Wahrheit bei einem Kongress in Kopenhagen weilte - belegt durch eine Plazes-Nachricht und mehrere Flickr-Fotos.
Von Frank Hornig

SPIEGEL SPECIAL 3/2007
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