01.01.1989

„Das ist ein Todeskult“

Mit 18 ist Rome ausgebrannt. Ein kaputter Held aus dem schwarzen Getto, den Alpträume plagen. "In einem dieser Träume", erzählt er, "gehe ich nachts meine Straße runter, allein, auf dem Bürgersteig. Plötzlich hält ein Wagen neben mir, ich kann viele Köpfe drinnen sehen. Ich renne weg. Sie springen heraus und hetzen mir nach. Sie verprügeln mich. Dann beginnen die Kerle zu schießen ... peng! ... mitten in mein Gesicht."
Seit zwei Jahren sitzt er in einer Jugendstrafanstalt: schwere Körperverletzung, Drogenhandel, Bandenkriminalität. Seine Augen haben ihr Feuer verloren. Seine Stimme klingt hohl, wie das ferne Echo längst vergangener Tage. Er ist ein "OG", ein "Original Gangster", Veteran der Stammeskriege in den Gettos von Los Angeles.
Rome war zehn Jahre alt, als er seine erste Mutprobe bestand: Mit vorgehaltener Waffe raubte er einen armseligen Schnapsladen aus. Anschließend wurde er in seine Straßenclique aufgenommen, eine der vielen Banden, die sich dem Clan der "Crips" zugehörig fühlen.
Dies war nun sein Zuhause. Krakelige Schriftzeichen auf abgeblätterten Hauswänden und bunte Stoffetzen, die an Verkehrsschildern flatterten, markierten sein Territorium. Ungeschriebene Gesetze verlangten bedingungslose Gefolgschaft. Rome trug Blau, die Farbe der "Crips", und wenn sie zu Rachefeldzügen aufbrachen, hockte er auf dem Rücksitz eines Straßenkreuzers, sein Gewehr im Anschlag, und ballerte, ohne recht zu zielen, auf vermeintliche Gegner.
Seine Todfeinde waren die "Bloods"; wenn er irgendwo ihre roten Insignien entdeckte, packte ihn blinde Wut und löste den einzigen Reflex aus, den er in dieser Situation kannte: Töten. "Ich hatte nie Mitleid. Ich war ein 'Crip', und ich tat, was ich tun mußte", sagt Rome. Noch keine 15, schoß er im Drogenrausch einen unbeteiligten Passanten nieder.
Er hatte begonnen, mit Rauschgift zu handeln, und sich langsam in der Hierarchie hochgedealt: zunächst Aufpasser, dann Botenjunge, später kleiner Straßenverkäufer. Schließlich kontrollierte er sein eigenes Revier. In seinen besten Zeiten will Rome 30 000 Dollar in der Woche verdient haben. Er fuhr luxuriöse Cadillacs Coupe De Ville, kaufte teure Klamotten und knöchelhohe adidas -Sportschuhe, behängte sich mit Goldketten, überhäufte seine Mutter mit Geldgeschenken und hüllte seine Lady - im sonnigen Südkalifornien! - in einen dicken Pelzmantel.
Er war eine große Nummer. Eines Abends schnappten ihn die Cops an einer Straßenecke. Rome hatte die Taschen voller Crack und schlug wild um sich. Er selbst war so high, daß er seine Pistole nicht fand. "Sonst wäre ich jetzt tot", er zuckt mit den Achseln: "Elf meiner Homeboys hat es erwischt. Getötet. Ruht in Frieden. Die meisten anderen sind verletzt worden, viele sitzen im Rollstuhl, paralysiert."
Los Angeles sei die unangefochtene Bandenmetropole der Vereinigten Staaten, behauptet Staatsanwalt Ira Reiner; nirgendwo seien die Straßen so unsicher, nirgendwo werde derart ungeniert schwunghafter Drogenhandel betrieben, nirgendwo so häufig geschossen und gemordet. 387 Menschen starben im vergangenen Jahr in den Bandenkriegen von Los Angeles, über 400 werden es in diesem Jahr sein.
Mehr als die Hälfte der Opfer hatte nicht das geringste mit den Stammesfehden zu tun. Unlängst erwischte es die 79jährige Urgroßmutter eines "Crip". Rose Norman trat gerade auf die Veranda ihres Holzhauses in der Compton Avenue, als ein Rollkommando der "Bloods", oder einer anderen rivalisierenden Bande, vorbeiraste und blindlings das Feuer eröffnete. Eine verirrte Kugel traf die alte Dame zwischen die Augen.
Kinder im Alter von 12 und 13 Jahren stolzieren schwer bewaffnet durch die tristen Gettostraßen. Viele von ihnen sind mit Funkpiepern ausgerüstet. Baumelt solch ein elektronischer Melder am Hosenbund eines dieser Knirpse, so arbeitet er als Drogenkurier. Sogar zur Schule, die sie mitunter noch besuchen, nehmen die jungen Botengänger ihre Pieper mit.
Wenn das Zigarettenschachtel-große Plastikgerät mitten im Unterricht losquäkt, stehen sie auf, verlassen kommentarlos den Klassenraum und holen sich vom nächstgelegenen Münztelephon aus ihre Order. 300 bis 400 Dollar lassen sich auf diese Weise wöchentlich verdienen. Ein kleines Vermögen in den Elendsvierteln, wo die Jugendarbeitslosigkeit bei knapp 50 Prozent liegt und das legale Pro-Kopf-Einkommen 5500 Dollar im Jahr ausmacht - weniger als ein Drittel des kalifornischen Durchschnitts.
Die Subkultur aus den Gettos wuchert im Seuchentempo; immer schneller zerfressen die sozialen Metastasen die Stadt. Kein Polizeiapparat, kein Wohlfahrtsprogramm kann sie mehr bändigen. "Wir können lediglich notdürftig dafür sorgen, daß die Dämme nicht brechen", beteuert William Rathburn, der Polizeichef von South Central Los Angeles, jenem Stadtteil, in dem das Gemetzel auf den Straßen am heftigsten tobt: "Ich habe 1200 Polizisten und die Hälfte des gesamten Bandenproblems am Hals; den Begriff 'gewinnen' habe ich aus meinem Wortschatz gestrichen."
Bereits vor zehn Jahren schlugen Polizei und Politiker Alarm: Damals waren es 30 000 Bandenmitglieder, deren Fehden 201 Menschen zum Opfer fielen. Nunmehr sollen es 70 000 Kinder und Jugendliche sein, die sich im Landkreis Los Angeles zu einer Unzahl von ethnischen Cliquen, rivalisierenden Clans und streitsüchtigen Banden formiert haben. Sie kämpfen um jeden Straßenzug, um jedes Graffito und um jede neue Parzelle am Rauschgiftmarkt.
Los Angeles County, das sind 10 500 Quadratkilometer endloser Stadtlandschaft, eine überquellende, chaotische Megalopolis, durchschnitten von 800 Kilometern zumeist zehnspuriger Stadtautobahn. In den Millionärsreservaten behüten private Polizeipatrouillen die sorgenfreie Ruhe in den bombastischen Villen der Filmstars und Hollywood -Produzenten; in den angrenzenden monotonen Reihenhausvierteln herrscht Faustrecht. Keine 20 Minuten gemächlicher Autofahrt über die Santa Monica und Harbor Freeways trennt die wohlhabende Stadtgemeinde Beverly Hills und die pompöse, zehn Meter hohe Glasfassade der neuen Armani-Boutique am Rodeo Drive von South Central Los Angeles oder der Stadt Compton, wo es kein einziges Kino gibt und der letzte große Supermarkt vor neun Jahren zugesperrt wurde, weil zwischen den Warenregalen zuviel Blut geflossen war.
Oder von der Kreuzung Oak Street und Santa Fe Avenue, jener Straßenecke, an der an einem heißen Sommerabend der 18jährige Bootsie Johnson verblutet war. Eine alltägliche Vendetta wurde damals im Getto vorbereitet. Die "Santana Block Crips" hielten Kriegsrat; Bootsie war nicht einmal einer von ihnen, er platzte eher zufällig in das Palaver seiner Freunde aus der Nachbarschaft. Langsam senkte sich die Dämmerung über der tatendurstigen Gruppe.
Zwei Lieferwagen preschten heran. Eine Handvoll Halbwüchsiger sprang heraus: Die "Limehood Pirus" waren den "Crips" zuvorgekommen. Die nahmen Reißaus. Bootsie schwang sich auf sein Fahrrad, trat mit letzter Kraft in die Pedale. Hinter einer Palme tauchte der Lauf einer abgesägten Schrotflinte auf. Der Schuß traf Bootsie in den Rücken. Er krachte blutüberströmt auf den Asphalt, sein Rad schlingerte fahrerlos ein Stück weiter. Verzweifelt versuchte Bootsie noch unter ein geparktes Auto in Deckung zu kriechen. Der Todesschütze schob eine neue Patrone in die Kammer und trat näher. "He, Bloods! Dieser Crip ist noch nicht verreckt", rief er. Dann drückte er ab.
Als Bootsie Johnson vor sieben Jahren von Kopf bis Fuß von Schrotkugeln durchsiebt wurde, sorgte sein Tod weder für Schlagzeilen noch für offizielle Beunruhigung. Der Krieg, der in den Gettos wütete, fand unter Ausschluß der weißen Öffentlichkeit statt. Alle Warnungen wurden ignoriert; lieber frönte man dem legeren Californian way of life.
Im Januar dieses Jahres schreckten die kalifornischen Biedermänner urplötzlich hoch. "Alle fühlten sich schuldig", meint Steve Valdivia, einer der erfahrensten Sozialarbeiter der Stadt. "Jahrelang haben sie krampfhaft weggesehen, doch nun lag eine Leiche vor ihrer Wohnungstür."
Im gepflegten Westwood Village, unweit des Campus der ehrwürdigen "University of California, Los Angeles", war eine ahnungslose Passantin, die 28jährige Graphikerin Karen Toshima, in den Schußwechsel verfeindeter Gettobanden geraten. Tödlich getroffen starb sie im grellen Licht der Neonreklamen.
Sie hatten sich ins öffentliche Bewußtsein geschossen, und nun machte die ganze Stadt Jagd auf sie. Zeitungsreporter durchstreiften neugierig die Slums, die Scheinwerfer der Fernsehteams strahlten in finstere Sackgassen, Politiker hielten drohende Reden, und Daryl Gates, der Polizeichef von Los Angeles, kündigte an, er werde mit dem "verrotteten Gesindel" aufräumen.
Staunend erfuhren nun die Bürger von Los Angeles, was sich seit Generationen in ihrem unerforschten Niemandsland eingenistet hatte. In den schwarzen Gettos fordert der Kleinkrieg der unversöhnlichen "Bloods" und "Crips" jede Nacht neue Opfer; gleichzeitig befehden einander aber auch rivalisierende "Crip"-Banden, wenn ihnen ihr Spielraum zu eng wird. Jeder vierte der rund 100 000 schwarzen Jugendlichen zwischen 15 und 24 hat sich einer der fast 300 Cliquen angeschlossen.
Ihre Umwelt läßt ihnen auch keine andere Wahl. Wie früher armer Leute Kinder in die abgestreiften Schuhe ihrer älteren Geschwister hineinwuchsen, so rückt nun Generation um Generation in die Reihen dieser Blutsbrüderschaft nach. Ehrgeizig eifern die Grünlinge ihren muskelbepackten, hartgesottenen Vorbildern nach. Sie wollen noch kaltblütiger, noch todesmutiger sein - und sterben häufig noch jünger. Zumeist heuern die Kinder an, noch bevor sie lesen und schreiben können; viele von ihnen werden es nie richtig lernen.
"Ein Fünftel schafft es an die Spitze, ein Fünftel geht zur Hölle", sagt die Gefängnispsychologin Susan Egan. Die Mehrzahl fristet ein Leben im Abseits. Geht am sozialen Rand der Gesellschaft verloren. Kaputte Familien, alleinstehende Mütter, arbeitslose Sozialhilfeexistenzen, hilflose Drogenkrüppel. Ihre Kinder sind die Rekruten der Straße.
Im Ostteil von Los Angeles, im lateinamerikanischen "El Barrio", haben sich an die 45 000 Großstadt-Desperados zusammengeschlossen. Viele dieser Latino-Banden sind traditionsbewußte Familien-Clans. Jahrzehntelang blieben sie unbehelligt. Erst nach den Rassenunruhen der sechziger Jahre breitete sich das Bandenwesen aus. Bis zu diesem Zeitpunkt galt es als Phänomen der grimmigen Ruinenviertel in den Metropolen an der Ostküste. Zu weitläufig schien das kalifornische Paradies; hier gab es ja selbst in den Slums kleine Vorgärten.
20 Jahre später haben sich die Gettos von Los Angeles in ein verwirrendes Flickwerk von Territorien und Stammesgebieten verwandelt, deren Grenzen wöchentlich neu gezogen werden. Filipinos, Samoaner, Vietnamesen, Chinesen, Thais oder Molukker, all die hundert nationalen Minderheiten schicken nun ihre Straßenkrieger in die urbane Wüste. Die ethnischen Gruppen mischen sich selten: Asiaten töten Asiaten, Latinos schießen auf Latinos, Schwarze lauern Schwarzen auf.
Es gibt "Gangers", einfache Gefolgsleute, "Bangers", die einen Stoßtrupp ins Feindesland bilden, und "Hangers", Mitläufer und Möchtegerne. Es gibt "Shooters", die wild losballern, und Killers", die gezielt töten; "Rappers", die das große Wort führen, "Lookers", die auf Beobachtungsposten stehen, und "Hookers", die ihr Geld mit Prostitution verdienen; "Pusher", die nur kleine Mengen Rauschgift am Straßenrand vertreiben, und "Dealer", die im großen Stil mit Drogen handeln; "Rollers", die im Luxus leben, und "Wannabes", die sich erst beweisen müssen.
Will ein Latino-Junge in eine Clique aufgenommen werden, so muß er sich von drei, vier Muskelprotzen besinnungslos prügeln lassen, um zu zeigen, daß ein Löwenherz in seiner Brust schlägt. "Bloods" und "Crips" schicken ihre Novizen auf Himmelfahrtskommandos. Filipinos brennen sich mit glühenden Zigaretten drei Punkte auf den linken Handrücken. Fernando, der Schutzzölle eintreibt, ist auch rechts von Narben gebrandmarkt. "Hatte nichts Besseres zu tun", behauptet er.
Ihre "Ehre" ist verletzt, wenn ein trotziger Junge mit gespreizten oder gekrümmten Fingern das Codezeichen einer feindlichen Clique demonstrativ zur Schau stellt. Die Antwort besteht in einer Geschoßgarbe. Wird das Graffito-Kürzel einer Gang übersprüht, so fordert diese "Respektlosigkeit" blutige Rache. Die meisten tragen eine dieser Kennzeichnungen auf Oberarmen, Rücken oder Nacken eintätowiert. Manch einer hat sich zudem auch noch einen unauslöschlichen Racheschwur übers Herz tätowieren lassen: den Namen eines getöteten Kameraden.
Bandenbegräbnisse in den Gettos von Los Angeles sind farbenprächtige Aufzüge. Alle "Gangers" und "Hangers" sind im Haus des toten Blutsbruders versammelt. Hell leuchtet die Parademontur ihrer Clique, die bunten Tücher sind um den Kopf geschlungen. Sie haben alle ihre Waffen zum letzten Geleit mitgebracht.
Manchesmal gelingt es Pfarrern und Sozialarbeitern, einen Waffenstillstand auszuhandeln, wenn einer der Gettokrieger zu Grabe getragen wird. Meist ist die Versuchung jedoch zu groß. Aus vorbeifahrenden Autos wird ein Trauerzug beschossen.
"Diese ganzen Bandenkriege, das ist doch nichts anderes als ein Todeskult", meinte Howard (Yogi Bear) Hall, ein arbeitsloser Werftarbeiter, der zwölf Jahre bei den "Mona Park Crips" überlebt hatte: "Alles wird zerstört; nur Grabsteine bleiben übrig."
Anfangs, als sich vor Jahrzehnten die Söhne mexikanischer Einwanderer zusammenrotteten, schlugen sie noch mit Fäusten und Fahrradketten aufeinander los. Bald blitzten Messer auf, wurden Baseball-Schläger geschwungen. Nachdrängende Heißsporne spickten daraufhin ihre Knüppel mit Stahlnägeln und verwandelten sie so zu
mittelalterlichen Kriegskeulen.
Eine Generation später kamen kleinkalibrige Revolver in Mode. Schrotflinten folgten. Dann tauchten klobige Magnum -Pistolen auf. Heute gehen die Gettokrieger wie Untergrundkämpfer bewaffnet auf Kriegspfad: Israelische Uzi-Maschinenpistolen und AK-47 -Sturmgewehre sind zu Statussymbolen geworden.
Die "zivile", weil halbautomatische Version dieser Armeewaffen (die allerdings mit geringem Aufwand aufgerüstet werden kann) ist in Kalifornien
ohne weiteres legal erhältlich. In ganzseitigen Inseraten preist beispielsweise ein Großhändler ein AK-47-Gewehr aus chinesischer Produktion für 299 Dollar an. Ein anderes, besonders günstiges Angebot lockt mit einem Schleuderpreis von 159 Dollar, inklusive 50 Schuß Munition.
Die Polizisten in South Central tragen kugelsichere Westen. Einige der Streifenbeamte haben sich auf eigene Kosten (500 Dollar) mit halbautomatischen 9-Millimeter-Pistolen ausgerüstet; mitunter schieben sie auch mal verbotene Dumdum-Patronen ins Magazin.
Los Angeles South Central ist ein langer, schmaler Streifen, der sich südlich der Bürotürme der Downtown bis zum Hafen von San Pedro hinzieht. Hier liegt Watts, das schwarze Herz der Stadt. Hier befinden sich die schlechtesten Schulen von ganz Kalifornien und 18 der 21 gemeinnützigen Wohnsiedlungen
von Los Angeles: "Schlangennester" nennen sie die Polizisten.
Am Karfreitag dieses Jahres gelang es einem Katastrophenreporter, auf der 46. Straße ein Massaker zu filmen: ein Toter, neun Schwerverletzte, unter ihnen ein vierjähriger Bub. Die Bilder in den Abendnachrichten schockierten sogar den Polizeipräsidenten. Er befahl die "Operation Hammer": 1000 zusätzliche Polizeibeamte, eskortiert von einer Hundertschaft Reporter, durchforsteten das Getto. 12 500 verdächtige Jugendliche wurden festgenommen - und größtenteils bald darauf wieder freigelassen. 2,5 Millionen Dollar kostete die sechswöchige Aktion.
Die Männer von South Central stehen auf verlorenen Posten; und sie wissen es. Der gewählte Präsident George Bush hatte im Wahlkampf einen Polizeiappell besucht und mit markigen Worten versprochen, durchzugreifen: mehr Polizisten, härtere Gesetze, Milliarden für neue Gefängnisse. "Diese ahnungslose Bande weiß es wohl noch nicht", sagt ein abgebrühter Streifenpolizist, "uns alle wird der Teufel holen: die 'Bloods', die 'Crips', die Cops, das ganze gottverdammte Getto." Er grinst bitter und schwingt sich hinter das Steuer seines Wagens: "Let's get 'em!"
Trübe Straßenlampen flackern auf. Sergeant Gary Grubbs, einer von 250 Mann der Spezialeinheit "Crash", kurbelt das Fenster seines Funkwagens herunter. "Es ist kühl", meint er, "es wird eine ruhige Nacht." Er steuert seinen Schlitten langsam durch die ausgestorbenen, gespenstisch ruhigen Gettostraßen. In kaum einem der Häuser brennt Licht. Die meisten Bewohner, behaupten die Polizisten, wagen es nicht mehr, ihr Fernsehgerät einzuschalten, denn sie wollten kein Ziel bieten. Viele verbringen die Nacht auf dem Fußboden, um nicht bei einem Feuerüberfall im Schlaf getroffen zu werden.
"Auf einem Computermonitor in Grubbs' Streifenwagen blitzen Meldungen auf: Überfälle, eine Schießerei, ein Bandenkrieger wird verfolgt. Am Armaturenbrett klemmt das Photo eines Mädchens. Sie soll das Auto gesteuert haben, aus dem vor vier Nächten ein Polizist erschossen worden ist. Sergeant Grubbs mustert jedes Gesicht, das am Straßenrand auftaucht. "Wir spielen hier Räuber und Gendarm", sagt er.
Die Jordan-Downs-Siedlung liegt mitten in Watts, ein riesiger Komplex trister, vergammelter Wohneinheiten. Hier regieren die "Grape Street Crips", eine der berüchtigtsten Banden von Los Angeles. Sie haben das "Crip"-Blau gegen ihre eigene Farbe, Violett, eingetauscht.
Sergeant Grubbs hat Verstärkung bekommen. Leise rollen die beiden Polizeikreuzer mit abgeschalteten Scheinwerfern durch eine dunkle Seitengasse. Licht an, Vollgas um die nächste Ecke. Sie ertappen eine Gruppe "Crips", die am Straßenrand feiert. Die Streifenwagen rumpeln quer über den Bürgersteig, die Polizisten hechten aus der Tür. Niederknien. Hände im Nacken verschränken. Füße über Kreuz. Apathisch lassen es die Jugendlichen geschehen, beantworten wortkarg die Fragen. Grubbs durchsucht einen violetten Oldsmobile Cutlass; er gehört einem Crip, der behauptet, Geburtstag zu haben. Der Sergeant muß nicht lange stöbern: Auf dem Rücksitz liegt eine Papiertüte, vollgefüllt mit Banknoten. Gut 4000 Dollar zählt Grubbs.
"Wie kommst du zu diesem Vermögen?" fragt er.
"Gespart", sagt das Geburtstagskind. "Gespart", höhnt Grubbs, nachdem er die kleine Partygesellschaft wieder hat laufen lassen müssen. "Gespart, dieser Hurensohn. Wenn ich nur ein Staubkorn Crack gefunden hätte ..."
Crack, das ist das neue Zauberwort in den Gettos von Los Angeles. Vor fünf Jahren waren die ersten Kiesel rauchbaren Kokains aufgetaucht, und wie eine Epidemie griff das Crack-Fieber um sich. Crack-Küchen wurden in den Kellern vieler Elternhäuser eingerichtet. Halbverfallene Schuppen mit Gittern und Stangen zu Crack-Häusern verbarrikadiert. Jedermann scheint zu wissen, wo sie zu suchen sind; doch bis die Polizei eine dieser Drogenfestungen geknackt hat, sind drinnen längst alle Spuren beseitigt worden.
Das Geschäft ist lukrativ, und "Bloods" wie "Crips" sind voll eingestiegen. Die weniger unternehmungslustigen Latino-Banden sind noch vorsichtig; vorläufig bleiben sie bei Heroin und Marihuana. 10 000 Dollar kostet ein Kilo Kokain bei den südamerikanischen Drogenkönigen. Im Getto werden daraus bis zu 12 000 Portionen Crack gebacken; für rund zehn Dollar, je nach Marktlage, wird einer dieser fingernagelgroßen Klumpen auf der Straße gehandelt. Der Absatz steigt unentwegt.
Ein Höhenflug mit Crack ist wie der Start zur "Challenger"-Katastrophe: von null auf tausend in 70 Sekunden. Euphorieexplosion im Schädel. Minuten später der Absturz in tiefste Depression. Zurück bleiben verstreute Seelentrümmer und die unbändige Gier nach einem neuen Start.
Crack ist die ideale Getto-Droge: billig, schnell und unersättlich. Ganze Viertel donnern Nacht für Nacht im Drogenwahn vom Hyper-High in Paranoia-Krater. Erbittert wird um jeden Häuserblock am Rauschgiftmarkt gekämpft. Nicht mehr ihre Ehre steht für die roten und blauen Banden auf dem Spiel, sondern Crack-Dollar, die ihre schicken Schlitten und ihre Schnellfeuerwaffen finanzieren. "Crack", sagt Sozialhelfer Valdivia, "ist der große Gleichmacher, der gemeinsame Nenner der Zerstörung."
Am 1. und am 15. jeden Monats treffen die Sozialhilfe-Schecks im Getto ein. Durchschnittlich 295 Dollar, Kapital für zwei, drei Drogennächte. An diesen Tagen stoppt das Blutvergießen. "Mütter vergessen ihre Babys", erzählt ein Streetworker, "Männer ihre Frauen, die 'Crips' und 'Bloods', daß sie einander umbringen müssen."
Am 15. November vibriert in Compton die Luft. Der Drogenbasar hat geöffnet. In einer Münzwäscherei auf der 15. Straße herrscht Hochbetrieb: Ein Großhändler macht reißenden Umsatz. Die meisten Telephonautomaten sind belegt: Geschäfte werden getätigt. Kinder flitzen auf Fahrrädern hin und her: Lieferungen werden ausgetragen. Ab und zu gleitet ein Mercedes-Sportcoupé durch die Nacht: Ein Crack-Lord überwacht den Vertrieb. Vor einer abgetakelten Autowaschanlage in der Alhambra Avenue parkt ein feuerroter Lamborghini: Drogendollar werden reingewaschen.
Spät nach Mitternacht lungern noch immer einige "Crips" an einer Straßenecke am Long Beach Boulevard. Sie sind schon etwas in die Jahre gekommen. Am Hosenbund hängen Funkpieper. Sie lassen eine Flasche "Eight Ball Old English 800 Malt Liquor" in einer zerfledderten, braunen Papiertüte kreisen. Torkelnd, doch gleichzeitig tänzelnd, gehen sie auf und ab.
"Das ist das Getto, und ich bin ein Killer", stellt sich einer von ihnen vor. Er deutet hinter sich. "Den da", sagt er, "hat's hier vor seinem Haus erwischt. Sitzt im Rollstuhl. Pißt in einen Plastiksack."
Schon seit Stunden hockt der gelähmte Crip auf der schmalen Veranda und starrt stoisch in die Dunkelheit. Heute nacht werden sie nicht kommen. Heute nacht herrscht düstere Glückseligkeit im Getto. Crack regiert.
_____
Bandenveteran von den "Grape Street Crips": "Uns alle wird der Teufel holen"
Banden-Nachwuchs
Drogenhändler mit Funkpieper
Bandenmitglied mit Schrotflinte
Crips in South Central Los Angeles: "Crack ist der große Gleichmacher"
Aufnahmeritual bei den "East Side Longos": Novizen werden bewußtlos geprügelt
Polizist Grubbs: "Wir spielen Räuber und Gendarm"
Begräbnis eines Bandenmitglieds: "Nur Grabsteine bleiben"
Von Joachim Riedl

SPIEGEL SPECIAL 1/1989
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


SPIEGEL SPECIAL 1/1989
Titelbild
Abo-Angebote

Sichern Sie sich weitere SPIEGEL-Titel im Abo zum Vorteilspreis!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.