07.08.2007

V. FAMILIE IM WANDELHölle im Reihenhaus

Die Generation der 68er verachtete die traditionelle Familie als Inbegriff des Spießigen und Autoritären. Mit ihrer Suche nach neuen Lebensformen wollte sich die Nachkriegsgeneration auch von der NS-Verstrickung ihrer Väter und Großväter befreien.
Mit dem Familienbild der 68er verhält es sich in etwa so wie mit der Vorstellung vom christlichen Paradies bei überzeugten Atheisten: Da ist nichts, jedenfalls nichts Greifbares. Metaphysisch Fehlanzeige.
Umso mehr erschließt sich die Sache andersherum: als Anti-Familienbild, als Feindbild, als reaktionäre Retro-Galaxie einer überkommenen Zwangsherrschaft.
Während heute, zu Zeiten eines neuen "Eva-Prinzips", die Rückkehr zu den alten Werten von treusorgender Mutter und Apfelkuchen backender Hausfrau im trauten Kreise der Familie gepredigt wird, galt damals, Ende der sechziger und Anfang der siebziger Jahre, die Devise: Nichts wie weg!
"We've Gotta Get Out Of This Place", sangen die Animals schon 1965.
Die Familie - verstanden als (klein-)bürgerliche Schicksalsgemeinschaft, selbst wenn die Eltern proletarischer Herkunft waren - empfanden viele junge Menschen als reine Hölle. Als psychosoziales Gefängnis oder - im Jargon der damaligen Zeit - als "Unterdrückungszusammenhang" mit Reihenhaus, Vorgarten und Jägerzaun. Provinziell, spießig, bedrückend eng und aufgeladen mit einer ungerechtfertigten Autorität des Vaters. Ein Schauplatz heftiger, teils sogar gewalttätiger Auseinandersetzungen zwischen den Generationen.
Was heute undenkbar erscheint, war damals in vielen Familien Alltag: Beim Sonntagsbraten wurde erbittert gestritten, über den Vietnam-Krieg, die Nazi-Zeit, den Holocaust und den Kalten Krieg. Nicht selten führten diese häuslichen Redeschlachten zu tiefen Zerwürfnissen zwischen Vater und Sohn, zu lähmendem Schweigen zwischen Tochter und Vater.
Denn anders als heute, konnten die Väter der Nachkriegskinder noch Nazi-Täter gewesen sein - Gefolgsleute von NSDAP, SA, SS und Gestapo, Frontsoldaten und KZ-Aufseher, Offiziere in Wachbataillonen und Euthanasie-Ärzte, Richter an Freislers Volksgerichtshof und Reichsbahnbuchhalter des Todes. Mitläufer und Mitschuldige.
Von "naziverbundenen Elternkörpern" sprach später der Schriftsteller Klaus Theweleit, als ginge es um eine Art verseuchtes Territorium. Davon wollten sich die nach 1945 Geborenen mit aller Kraft befreien. Nichts weniger als die "Zerschlagung der bürgerlichen Familie" stand auf ihrem Programm. Manch einer hatte jahrelang keinen Kontakt mehr zu seinen Eltern. Dafür las man Friedrich Engels' historische Abhandlung "Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staats" und wusste Bescheid - alles musste anders werden.
Der "manisch-gewalttätige Rigorismus", mit dem "das Band zwischen Eltern und Kindern durchtrennt" wurde, sei Ausdruck für das unbewusste "Schuldthema der Revolte" gewesen, schreibt der Psychoanalytiker und Alt-68er Reimut Reiche im Rückblick. Selbst die "sexuelle Revolution", so der Historiker Gerd Koenen, sei aufs engste mit dem Versuch verbunden gewesen, "mit den Verstrickungen und Schlacken der Geschichte alle familiären Prägungen hinter sich zu lassen und am Programm der eigenen narzisstischen Neuerschaffung bzw. Selbstverwirklichung" zu arbeiten.
Diese gleichsam "revolutionäre" Selbstinszenierung mit dem Ziel, eine ganz neue Gesellschaft, ja, einen "neuen Menschen" zu kreieren, hatte viele Orte: die Universität, die Straße, die Fabrik, die "Dritte Welt", vor allem aber die "Kommune" als dem radikalen Gegenentwurf zur bürgerlichen Familie. Tausende lebten in den siebziger Jahren in den inzwischen legendären "Wohngemeinschaften" alias "WGs".
Die Urmutter aller neuen Lebenskollektive war die "Kommune 1", die pünktlich am 1. Januar 1967 in Berlin das Licht der Welt erblickte. Fritz Teufel, Dieter Kunzelmann und Rainer Langhans waren ihre prominentesten Protagonisten, die schöne Uschi Obermaier ihr bis heute unvergessenes Maskottchen.
"Unser Ziel ist das Setzen der Kommune. Setzen der Kommune ist die Voraussetzung von Praxis", hatte der SDS-Theoretiker Bernd Rabehl in zeittypischer Diktion formuliert. Bei der amerikanischen Nachrichtenagentur UPI klang es zur Gründung der "Kommune 2" im Februar 1967 verständlicher: "Der Berliner Landesverband des linksgerichteten Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) will demnächst auf freiwilliger Grundlage versuchen, das alte Ideal menschlichen Zusammenlebens, die Kommunen, zu neuem Leben zu erwecken."
Damit begann, was vor allem Studenten in ihrem theorielastigen Politsprech als enge strategische Verknüpfung zwischen privater und politischer Sphäre priesen - und als Beginn einer Revolutionierung der Gesellschaft insgesamt.
Der Fortgang der Geschichte ist bekannt. Das profane Ende wird nicht zuletzt durch zwei berühmt-berüchtigte Zitate charakterisiert: "Was geht mich Vietnam an - ich habe Orgasmusschwierigkeiten!", rief eines Tages Dieter Kunzelmann, inoffizielles Oberhaupt der "Kommune 1", in die Runde, und Lisbeth Schlotterer schleuderte ihren "K2"-Genossen entgegen: "Was wollt ihr eigentlich verändern in dieser Gruppe, wenn ich jeden Tag für alle abwaschen muss?"
Ziemlich rasch war der großspurig angekündigte Versuch einer umfassenden Selbstaufklärung und Befreiung des Individuums in wechselseitigem Psychoterror gelandet, ausgehängte Klotüren hin, ausgefeilter Putzplan her.
Am 3. Mai 1967 schloss der Berliner SDS die "Kommune 1" wegen "falscher Unmittelbarkeit", "Realitätsflucht" und chronischer Selbstüberschätzung aus seinem Landesverband aus.
Doch der Kampf ums Kollektiv ging weiter. Einfach zurück in den Schoß der Familie, der Urzelle des Kapitalismus - das war unmöglich.
Zu attraktiv war außerdem eine Lebensform, in der es um alles zu gehen schien, ums kleine private Glück wie um die Weltrevolution, um Theorie wie Praxis - ein großes Experiment, dessen geradezu mythische Ausstrahlung bis heute wirkt.
Auf dem Höhepunkt der Revolte von 1968 schrieb das von Hans Magnus Enzensberger gegründete "Kursbuch" einen Wettbewerb zum Thema "Konkrete Utopie" aus. Nicht zufällig errang den ersten Preis ein Beitrag mit dem Titel "Vom elastischen Familienverband zur Kommune".
Dennoch darf der historische Rückblick nicht auf die zwar einflussreiche, aber zahlenmäßig relativ kleine Kohorte der aktiven "68er" verengt werden. Im politisch unruhigen Jahr 1968 gab es in der Bundesrepublik immerhin noch exakt 444 150 Trauungen, 78,2 Prozent davon auch vor dem Altar. Allerdings liegt diese Zahl schon weit hinter den mehr als 530 640 Eheschließungen, die Statistiker für 1962 vermelden, dem Ehe-Boomjahr im Nachkriegsdeutschland. Und nach der Revolte beschleunigte sich der Sinkflug der bürgerlichen Familiengründung nochmals deutlich.
Am Ende des "roten Jahrzehnts" (Gerd Koenen), 1978, wurde gerade noch 328 215-mal geheiratet. 2002, im nunmehr vereinten Deutschland mit 82 Millionen Einwohnern, war nur noch knapp 392 000-mal das doppelte "Ja" auf deutschen Standesämtern zu hören. Vor den Traualtar traten von den damals Verehelichten nur noch 29 Prozent. Gleichzeitig hielten es die Paare immer kürzer miteinander aus, die durchschnittliche Dauer der ehelichen Verbindungen sank dramatisch. Von einem klassischen "kulturellen Wandel" sprechen Soziologen.
Der vollzog sich jedoch langsam, voller Widersprüche und nicht ohne Gegentendenzen: Im April 1966, acht Monate vor Gründung der "Kommune 1", heiratete ausgerechnet Rudi Dutschke, Ikone und Matador der Studentenbewegung, seine amerikanische Freundin Gretchen. Die spätere RAF-Terroristin Ulrike Meinhof hatte den "Konkret"-Herausgeber, Frauenheld und Bonvivant Klaus Rainer Röhl 1961 geehelicht, und auch andere angehende "Revolutionäre" lebten noch im bürgerlich-familiären Ambiente. Anzug und Krawatte gehörten in akademischen Kreisen bis Ende der sechziger Jahre durchaus zum selbstverständlichen Standard. Auch die härtesten Redeschlachten im Audimax folgten anfangs noch einem gewissen Komment aus vergangenen Zeiten.
Das änderte sich erst, als die Kommune in Serienproduktion ging und die sich radikalisierende Revolte auch die Umgangsformen erreichte, kurz: als Tausende von Wohngemeinschaften entstanden und mit ihnen eine ganze Subkultur aus Kneipen, alternativen Zeitungen, "selbstbestimmten" Läden und Werkstätten. In 68er-Hochburgen wie Berlin, Frankfurt, Hamburg oder Köln bildete sich eine politischsoziale "Szene" heraus, in der manch einer jahrelang fast seinen gesamten Lebensalltag gestalten konnte, ohne mit der normalen Welt "draußen" wirklich in Berührung zu kommen.
Verwandtschaft und Familie, Mütter, Väter, Onkel und Tanten waren in den siebziger Jahren für viele nur noch ferne Planeten eines anderen Sonnensystems, die so gut wie nichts mit den eigenen Wünschen und Hoffnungen zu tun hatten.
"Familie, das wusste Joe, war ein sozialer Zustand, in den er auf keinen Fall wieder zurückwollte, niemals." So skizziert Matthias Horx, Publizist und ehemaliger Redakteur des links-alternativen Zeitschrift "Pflasterstrand", seinen halbfiktiven Helden in dem Buchessay "Aufstand im Schlaraffenland: "Und bis heute achtet er eisern darauf, dass sich in seine Frauenverhältnisse nichts Familiäres einnistet", und dass "sein Verhältnis zu seinen Eltern, das sich ein Jahrzehnt nach den Höhepunkten der Revolte langsam wieder zu normalisieren begann, immer eine vernünftige Distanz behielt".
Bis in die Wortwahl hinein machten sich die Veränderungen bemerkbar. Eltern wurden in den antiautoritären Kinderläden zu "Bezugspersonen", statt Papa und Mama riefen viele Kinder ihre Altvorderen fortan beim Vornamen. Bloß keine "Fixierung" auf die klassischen Autoritätspersonen. Am wichtigsten waren sowieso die "Erzieher" respektive die "Erzieherinnen" als Lehrmeister des kollektiven Lebens jenseits der patriarchalisch dominierten Kleinfamilie.
Es war die hohe Zeit der "Beziehungskiste", ein euphemistischer Begriff, der suggerierte, dass auch die intensivste "Zweierbeziehung" (ein weiteres Schlüsselwort der Zeit) noch Lichtjahre von Ehe und Familie entfernt war. Stattdessen: das Leben als Laboratorium, als ewiges Experiment.
Bei alldem fiel den Beteiligten gar nicht auf, dass Wohngemeinschaft und linke Szene längst eine einzige große Ersatzfamilie geworden waren.
Im Laufe der achtziger Jahre, als die Szene zerfiel und mit ihr auch viele soziale Bindungen, stellte sich heraus, dass nun prinzipiell alles möglich war: Weiterhin gab es Wohngemeinschaften, meist ohne das Chaos früherer Tage. Gleichzeitig aber kehrte auch die alte Sehnsucht nach Sicherheit und Geborgenheit zurück, nach dem kleinen großen Glück. Ehe und Familie wurden wieder salonfähig, auch wenn manche Hochzeitsfeier noch die Unsicherheit eines Tabubruchs widerspiegelte: Darf man das - heiraten? Gar noch vor dem Traualtar? Auch wenn auf den Feiern nun statt Hochzeitswalzer die Rolling Stones gespielt wurden, ein letztes Unbehagen blieb, nicht zuletzt bei jenen Zaungästen, die sich unversehens in der "Ein-Mann-Kommune" wiederfanden: "Singles", wie sie bald genannt wurden.
In Großstädten wie Berlin, Hamburg und München stellt diese Spezies statistisch inzwischen schon die Mehrheit aller Haushalte, während die ersten unter den Alt-68ern ein großangelegtes Comeback anpeilen: die selbstbestimmte Rentner- und Senioren-WG. Anything goes.
Ehe mit Kindern oder ohne, Singles, Paare in verschiedensten Kombinationen - ein ganzes Panorama von Lebensmodellen hat sich entfaltet, das auf keinen gemeinsamen Nenner mehr zu bringen ist. Zur populär-soziologischen Charakterisierung dieser neuen familiären Unübersichtlichkeit hat sich das englische Wort "Patchwork" eingebürgert.
Bis heute zehrt der deutsche Fernsehfilm von den unendlichen dramaturgischen Gestaltungsmöglichkeiten zwischen alleinerziehender junger Mutter, schwulem Nachbarpärchen und dem zweifach geschiedenen Vater dreier Töchter, der sein erzwungenes Single-Dasein beenden will.
Sind nun an diesem ganzen Schlamassel die 68er schuld?
Vom Eva-Prinzip her gesehen vielleicht.
In Wahrheit ist die Antwort ganz einfach. Und hochkompliziert: Wir sind heute viel freier als vor 50 Jahren. Aber mit der Freiheit, das wissen nicht nur die alten Philosophen, fangen die Probleme erst richtig an. REINHARD MOHR

Die "Nationalrevolutionäre" Rabehl, Mahler & Co.
Einige namhafte Aktivisten der Studentenbewegung zog es inzwischen politisch ganz an den rechten Rand. Bernd Rabehl, lange Jahre Weggefährte Rudi Dutschkes und ehemals Soziologieprofessor an der FU Berlin, trat bei NPD-Veranstaltungen auf und kandidierte jüngst erfolglos mit der rechtslastigen Wählerinitiative "Bremen muss leben". Am radikalsten wandelte sich Horst Mahler - vom linken Anwalt mit Mitgliedschaft in SPD, RAF und KPD bis zum NPD-Mitglied und einem von wüstem Antisemitismus angetriebenen Neonazi.
Von Reinhard Mohr

SPIEGEL SPECIAL 4/2007
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