01.02.1992

DIE ZIONISTEN SIND ENTTÄUSCHT

SPIEGEL: Wie ist das Phänomen zu erklären, das Sie einmal "den großen historischen Denkfehler des Zionismus" genannt haben: daß sich die Zionisten über alles mögliche Gedanken machten, aber nicht über das Nächstliegende - die Araber. Und wie konnte die wirklichkeitsfremde These aufkommen: "Das Land ohne Volk für das Volk ohne Land"?
GOLDMANN: Der Zionismus ist unter dem Einfluß der europäischen Staatsphilosophie des 19. Jahrhunderts entstanden. Herzl war ein Jude, der - so genial er als Visionär war - nicht viel vom Judentum wußte. Aber er wußte viel von der europäischen Staatsphilosophie, die in Hegel ihren Höhepunkt fand. Für ihn war der souveräne Staat der Gipfel der historischen Entwicklung, was meines Erachtens Blödsinn ist. In Herzis beiden Büchern "Altneuland" und "Der Judenstaat" existieren die Araber nicht. Daß sie etwa nationale Aspirationen haben könnten, kam ihm und Europa nicht in den Sinn. Ich nenne Herzl übrigens nur als Beispiel. Ich beschuldige mich selbst, daß ich in den Jahren, in denen ich zur Führerschaft des Zionismus gehörte, nicht genügend auf Verhandlungen mit den Arabern bestanden habe.
SPIEGEL: Glaubten Sie in Ihrer Jugend auch, Palästina sei leer?
GOLDMANN: Nein. "Land ohne Volk für ein Volk ohne Land" war eine Herzlsche Vereinfachung. Hätte Herzl gewußt, wie kompliziert das Judenproblem ist, hätte er nie gewagt, den Zionismus zu verkünden. So aber wurde das Hauptproblem für ihn etwas Technisches: eine Transportfrage.
SPIEGEL: Sie glaubten aber auch, daß in Palästina massenhaft Platz sei?
GOLDMANN: Ja, wenn es entwickelt würde, denn es war ja ein unterentwickeltes Land. Dennoch bleibt unser Fehler, unsere "Erbsünde", daß wir nicht ein Zehntel der Bemühungen, die wir investiert haben, um England, Frankreich und sogar das wilhelminische Deutschland für den Zionismus zu gewinnen, für Verhandlungen mit den Arabern investiert haben.
SPIEGEL: Wieso sah das niemand?
GOLDMANN: Einer hat es ja sehr genau gesehen und dazu noch glänzend formuliert: Chaim Weizmann. Er sagte, der arabisch-jüdische Konflikt sei nicht ein Konflikt zwischen Recht und Unrecht, sondern zwischen zwei Rechten: Beide haben recht, allerdings hat unser Recht Priorität. Wir haben für die Kultur etwas geleistet, wenn Sie nur denken, daß die drei größten Geister der Moderne - Marx, Freud, Einstein - Juden waren. Wir haben also eine Raison d'êre. Die Zukunft des jüdischen Volkes hängt jedenfalls für einen Zionisten von Palästina ab. Die Zukunft der Araber dagegen hängt nicht von Palästina ab. Weizmann folgerte, daß die Lösung in einem Minimum an Unrecht gegenüber den Arabern bestehe. Wir haben leider nicht auf ihn gehört.
SPIEGEL: Warum haben Sie persönlich nicht auf ihn gehört?
GOLDMANN: Ich hätte gern, aber ich hatte nicht genügend Einfluß und habe vielleicht auch selbst nicht genug dafür gekämpft.
SPIEGEL: Als die Juden schließlich nicht mehr übersehen konnten, daß es in Palästina Probleme mit den Arabern geben würde - warum waren sie dann nicht bereit, Konzessionen zu machen?
GOLDMANN: Die Juden haben 2000 Jahre lang ihren Talmud studiert und sind große Logiker. Aber die jüdische Psyche ist auch die eines ungeheuer hartnäckigen Volkes. Wenn Mose uns nicht mit starker Hand aus Ägypten geführt hätte, wären wir noch heute dort, sagt schon der Talmud. Die Juden haben nie gelernt, Konzessionen zu machen, denn sie lebten in Illusionen. Im Ghetto und in der Diaspora konnten sie ihr Schicksal sowieso nicht beeinflussen. Sie mußten weglaufen, oder sie fanden sich bei der Inquisition auf dem Scheiterhaufen wieder. Ich habe mal gesagt, der einzige Staatsmann in der jüdischen Geschichte der letzten 2000 Jahre, der langfristige Lösungen vorzuschlagen hatte, war der Messias.
SPIEGEL: Woran lag es, daß nicht nur der Staatsgründer Ben-Gurion, sondern auch seine Nachfolger in der Frage der Behandlung der Araber keineswegs weitsichtiger waren als die ersten Zionisten?
GOLDMANN: Das lag in erster Linie an der Intransigenz der Araber. Wenn sie Engländer wären, hätten wir schon längst Frieden. Denn die Engländer können sich Realitäten anpassen. Die Araber nur sehr schwer.
SPIEGEL: So wie die Juden.
GOLDMANN: Ja. Wenn wir ein Imperium verloren hätten wie die Engländer, wir würden jeden zweiten Tag fasten. Die Araber sind ähnlich. Sie berauschen sich an Worten, leben in Illusionen, neigen zu Extremen. Immer, wenn wir mit ihnen verhandeln wollten, verlangten sie praktisch die Liquidierung Israels.
SPIEGEL: Auch Nahum Goldmann hat keine Konzeption. Wenn es stimmt, daß Israels Größe seinen Propheten zu danken ist und nicht seinen Kriegern, ist es dann nicht falsch, wenn die Propheten außer Landes bleiben und den Kriegern das Feld überlassen?
GOLDMANN: Ich bin alles andere als ein Prophet. Und: Wäre ich heute 20 Jahre jünger, würde ich in Israel politisch tätig werden. Israel wird nicht existieren können, wenn es ein Staat ist wie alle Staaten. Dazu ist die Sache zu kompliziert: ein Volk, bei dem Nation und Religion völlig identisch sind; ein Volk aber auch, von dem nur 18 Prozent in seinem Staat leben und 82 Prozent anderswo.
SPIEGEL: Ein absurder Staat also.
GOLDMANN: Diese Bezeichnung lehne ich strikt ab. Es muß ein einzigartiger Staat sein - was nicht unbedingt heißt ein besserer. Den Ausdruck "auserwähltes Volk" habe ich nie gebraucht.
SPIEGEL: Was meinen Sie also?.
GOLDMANN: Der große zionistische Ideologe Achad Haam hat gesagt: Was wir brauchen, ist ein kulturelles, ein geistiges Zentrum, nicht einen Staat. Denn nicht die Makkabäer haben Israel gerettet, bei aller Bewunderung, die ich für sie habe. Gerettet hat Israel der schlichte Talmudist Jochanan Ben Sakkai. Der ging nach der Vertreibung der Juden aus Israel zum römischen Imperator und erbat sich eine Talmud-Hochschule in Jawne. Er bekam sie bewilligt. Diese sicherte die Existenz des jüdischen Volkes in den 2000 Jahren seiner Zerstreuung. Im Talmud und in der Tradition hatte der Jude, wie Heine einmal sagte, "ein portatives Vaterland". Und wenn er vertrieben wurde, von Frankreich nach Deutschland etwa, nahm er sein portatives Vaterland mit. Heute, glaube ich, kann das jüdische Volk nur mit dem Staat Israel überdauern. Aber nur mit einem Israel, das nicht ein anderer Libanon ist - wobei ich den Libanon nicht beleidigen will -, auch nicht ein anderes Holland, sondern ein Staat, der versuchen will, jüdische Ideen des Prophetismus zu verwirklichen.
SPIEGEL: Wenn Sie so hohe Ansprüche an Israel stellen, müßten Sie doch sehr enttäuscht sein.
GOLDMANN: Einerseits bin ich befriedigt über die großen und ungewöhnlichen Leistungen des jungen Staates. Doch andererseits bin ich enttäuscht. Die besten Zionisten sind enttäuscht, Ben-Gurion war enttäuscht, Golda Meir ist es.
SPIEGEL: In Ihrer Autobiographie schreiben Sie, der Zionismus sei eine der irrationalsten Ideen der Geschichte. Haben Sie keine Zweifel, ob die Idee nicht vielleicht zu irrational war?
GOLDMANN: jede revolutionäre Idee ist zumindest teilweise irrational, der Marxismus und auch der Zionismus. Aber der Zionismus sollte auch mit der Staatsgründung keinesfalls zu Ende sein. Er hat, davon bin ich überzeugt, noch einen langen Weg vor sich, und eine absolute Raison d'être, wenn er sich nach der Staatsgründung der viel schwierigeren Aufgabe widmet: diesen Staat zu einem einzigartigen jüdischen Staat zu machen.
Aus: SPIEGEL 5/1975.
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Goldmann
(1895 - 1982), geboren in Rußland, aufgewachsen in Frankfurt/ Main, handelte als Präsident des Jüdischen Weltkongresses (von 1949 bis 1978) mit Bonn das
deutsch-israelische Wiedergutmachungsabkommen von 1952 aus.
Weltkongreß-Präsident Goldmann 1966*: "Die Juden sind große Logiker"
* Links: Golo Mann und Eugen Gerstenmaier.

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