01.03.1992

„Das hat mich sehr bestürzt“

Mit dem Roman "Die Insel des zweiten Gesichts", einem Meisterwerk fabulatorischer Autobiographie, wurde Albert Vigoleis Thelen 1953 berühmt. Der im niederrheinischen Süchteln geborene Schriftsteller, ein skurriler Sprachkünstler und melancholischer Humorist, erzählte darin von seinem und seiner Frau Beatrice Exil-Leben auf Mallorca (1931 bis 1936). In den siebziger Jahren geriet er fast in Vergessenheit. 1989 starb der 85jährige in Dülken. Im vergangenen Frühjahr brachte Claassen eine Neuausgabe der "Insel des zweiten Gesichts" heraus. In diesem Herbst erscheint ein von Jürgen Pütz aus Thelen-Texten zusammengestelltes Lebensbild des Dichters: "Sie tanzte nackt auf dem Söller. Das Leben des Albert Vigoleis Thelen" (Claassen Verlag, Hildesheim; 356 Seiten; 44 Mark). Der Band enthält einen bisher unveröffentlichten Brief in dem Thelen über seinen Auftritt bei der von H. W Richter geleiteten Literaten-" Gruppe 47" berichtet.
Liebe Frau Karin Kiwus,*
gerne will ich Ihnen ein paar Auskünfte geben, die Sie indes der Öffentlichkeit lieber nicht preisgeben; es hieße, Hans Werner Richter seinen 80. Geburtstag zu vergällen. Ich war kein willkommener Gast auf der Tagung Herbst 1953 in Bebenhausen. Ich kam dort hin auf Bitten meines holländischen Verlegers der deutschen Ausgabe meiner "Insel", G. A. van Oorschot, in Begleitung des niederländischen Dichters Adriaan Morrien, der Mitbegründer der Gruppe 47 war. Von dieser hatte ich nie etwas gehört. Wir lebten seit 1947 in Amsterdam und waren mit Morrien befreundet.
Der Empfang durch Hans Werner Richter im Schloß zu Bebenhausen war sehr steif, schlimmer noch, unfreundlich, ja rundheraus ablehnend. Das hat mich sehr bestürzt, und ich sagte meinem Verleger, ich möchte lieber wieder gehen, und auch beängstigte mich der lose Ton der Diskussionen: gerade wurde von einem sehr jungen Mann ein älterer Autor furchtbar verrissen. Später lernte ich sie kennen, es waren Joachim Kaiser und Walter Jens - ich kannte ja niemanden, nicht einmal dem Namen nach. Die Holländer überredeten mich zu bleiben; der Verleger sagte: Du wirst morgen eines der ganz starken Kapitel der "Insel" lesen!
Ich war beim Postmeister untergebracht, hatte eine schlechte Nacht, von Mücken zerstochen und von dem Gedanken gequält, als unwillkommener Gast da auftreten zu müssen. Auch sann ich darüber nach, was ich denn lesen solle. Ich hatte das ganze Buch mitgebracht, ein dickes Paket der Druckbogen in der 2. Korrektur.
Am anderen Morgen wurde ich beim Frühstück erneut von HWR hochgenommen, er meinte spöttisch, auf das Paket zeigend: Ist das Ihr ganzes Werk? Und das wollen Sie uns nun alles lesen? Da sagte jemand am Nebentisch: Richter, lassen Sie unseren Gast in Ruhe, und, auf mich zukommend, bat er mich an seinen Tisch und bat um Entschuldigung für die Anranzerei. Nach dieser neuerlichen Taktlosigkeit wußte ich mit einem Mal, was ich lesen würde: kein sogenanntes starkes Kapitel, sondern den als schwierig geltenden Introitus, von Seite eins des Buches an.
Meine Lesung war auf den Vormittag angesetzt, HWR stellte mich vor, nach einem Zettel suchend: Wie heißt er denn etc., und ich begann zu lesen. Es war
unruhig im Saal, doch merkte ich bald, daß man aufmerksam wurde und völlige Stille eintrat. Ich vernahm leises Klatschen, das eine und andere zustimmende Wort. In der vorderen Reihe saßen einige Autoren, die geräuschlos klatschten, sich die Hände rieben und mir freundlich zunickten. So kam ich ans Ende - ganz ruhig.
Zur Diskussion indes kam es nicht. HWR betrat das Podium und begann, mich zu verreißen, was darin gipfelte, daß er sagte: Was man eben gehört habe, sei Emigrantendeutsch und .. ., doch ehe er weiterfahren konnte, erhob sich ein Mann mit einem nicht alltäglichen Haarwuchs, und sagte, ungefähr so, Richter, nimm dich zusammen und einiges der Zurechtweisungen mehr; dann zeigte er auf mich und sagte, wörtlich (ich habe keine Aufzeichnungen, von nichts übrigens): Wenn ich ein reicher Verleger wäre, dann würde ich diesen mir ebenfalls völlig unbekannten Autor engagieren, die Manuskripte sprachlich etwas aufzumöbeln; hier kann er auch ein anderes starkes Wort gebraucht haben. Es war Alfred Andersch.
Ich aber machte mich davon, ehe der holländische Verleger, den ich holländisch schimpfen hörte, zu mir kommen konnte. Auf dem Schloßhof stellte ich mich in eine Schießscharte oder sowas und kam zu Atem: Emigrant! Dann kam der junge Mann, der Jens auf die Kapelle genommen hatte, und sagte mir, schulterklopfend, daß ich ein sehr gutes Buch geschrieben hätte, wenn der Rest auf gleicher Höhe sei; was aber das Urteil von "Papa Richter" angehe, das solle mich nicht anfechten: die Emigration sei das schlechte Gewissen von HWR. Nachher erfuhr ich, daß es Joachim Kaiser war, der mich getröstet hatte. Eine Frau umarmte mich noch, es war Ingeborg Bachmann - mehrere andere gratulierten mir, die beiden Holländer waren glücklich.
Beim Mittagessen kam es noch zu einer kleinen Szene: Martin Walser
und Andersch nahmen sich meiner an und würden dafür sorgen, daß ich nicht neben HWR zu sitzen komme. Jemand der Gruppe sagte mir, ich hätte den Vogel abgeschossen, welches Wort ich sogleich nach Amsterdam an Beatrice telegraphierte, die in einer Großbuchhandlung (mein Verleger Meulenhoff) das Brot verdiente, damit ich an meinem Emigrantendeutsch weiterarbeiten könne.
Wie Sie sehen, war ich kein Mitglied der Gruppe 47 - auch da war ich ein Außenseiter.
HWR lud mich noch zu einer Tagung in Rom ein, doch habe ich freundlich abgesagt. - Mit Andersch und I. Bachmann habe ich noch Briefe gewechselt. Aufzeichnungen etc. besitze ich nicht . . .
Mit freundlichen Grüßen Albert Vigoleis Thelen
* Brief vom 14.1.1988 an Karin Kiwus, Akademie der Künste, Berlin, die Thelen um Informationen und Material für eine Ausstellung anläßlich des 80. Geburtstages Hans Werner Richters gebeten hatte. In dem aus diesem Anlaß erschienenen Katalog taucht der Name Thelen nicht auf.
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Autor Thelen: "Ich wurde von HWR hochgenommen"
Von Albert Vigoleis Thelen

SPIEGEL SPECIAL 3/1992
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