25.09.2007

BIOGRAFIENTragik eines Genies

Die Revolution der Physik, eine Kette persönlicher Schicksalsschläge und die Hinnahme der Vertreibung von Albert Einstein markieren die Biografie von Max Planck.
Abenteuern sei er abgeneigt, sagte Max Planck über sich. Auch andere erlebten ihn als zurückhaltend und nüchtern. Und doch war es ausgerechnet dieser bescheidene Mann, der die vielleicht größte Revolution der Physikgeschichte ins Rollen brachte. Später schrieb er darüber: "Ich dachte mir nicht viel dabei."
Am 14. Dezember des Jahres 1900 trat Planck vor die Deutsche Physikalische Gesellschaft in Berlin. Hochrespektiert von den Kollegen, war er bisher jedoch nicht durch wissenschaftliche Großtaten aufgefallen. Und mit seinen 42 Jahren hatte er die Phase jugendlicher Verwegenheit bereits hinter sich, die zumeist als die fruchtbarste eines Physikerlebens gilt.
Dieser eine Moment jedoch sollte alles ändern, sollte aus dem nur angesehenen einen herausragenden, aus dem nur talentierten einen wahrhaft großen Physiker machen: Jene eine Idee, die er an diesem Freitag der Fachwelt vortrug, machte ihn zum vielleicht meistgeehrten Forscher seines Faches.
Die renommierteste Wissenschaftsorganisation Deutschlands trägt inzwischen seinen Namen und die angesehenste Auszeichnung für theoretische Physik in Deutschland, die Max-Planck-Medaille. Die kürzeste physikalisch sinnvolle Zeitspanne, die Planck-Zeit, ist nach ihm benannt, ebenso wie die gleichfalls elementare Planck-Länge. Außerdem heißt nach ihm natürlich jene Größe, die er damals in seinem Vortrag präsentierte: das Plancksche Wirkungsquantum.
Rückblickend ist Plancks Auftritt vor der Physikalischen Gesellschaft als Geburtsstunde der Quantentheorie gedeutet worden. Den Zuhörern indes war die Tragweite dessen, was sie da hörten, nicht bewusst - so wenig wie dem Vortragenden selbst.
Schließlich war es Planck nur darum gegangen, ein Phänomen zu verstehen, das über die Grenzen der Physik hinaus kaum von herausragender Bedeutung zu sein schien: Sein Ziel war es, die überraschende Beobachtung zu erklären, dass die Farbe, in der ein heißer Körper glüht, ausschließlich abhängig von seiner Temperatur, nicht jedoch von seiner sonstigen Beschaffenheit ist.
Jahrelang hatte Planck über diesem Problem gebrütet. Immer wieder waren seine Versuche, dem Phänomen auf die Spur zu kommen, fehlgeschlagen. "Verzweiflung" habe ihn umgetrieben, wie er sich später erinnerte.
Da verfiel Planck auf einen mathematischen Trick: Er nahm einfach an, die Wärmestrahlung sei aus winzigen Energiebündeln, sogenannten Quanten, zusammengesetzt. Dass er mit dieser Hypothese das gesamte Gebäude der klassischen Physik zum Einsturz bringen würde, ahnte damals keiner, am wenigsten er selbst.
Noch als Albert Einstein fünf Jahre später die Idee der Quanten wörtlich nahm und daraus handfeste Schlussfolgerungen über das Wesen des Lichtes zog, zählte Planck zu seinen Kritikern. Allzu sehr verehrte er die bewährten Grundsätze seiner Wissenschaft, als dass er daran hätte rütteln wollen; zu sehr fühlte er sich konservativen Werten verbunden, als dass er sich in der Rolle des Umstürzlers hätte sehen wollen.
Nun hat der Konstanzer Wissenschaftshistoriker Ernst Peter Fischer eine Biografie des großen deutschen Theoretikers vorgelegt. Er porträtiert Planck als einen Brückenbauer zwischen verschiedenen Welten, als Vermittler zwischen der klassischen Physik, die er liebte, und der Quantenphysik, die er gebar; zugleich aber auch zwischen dem konservativen Milieu, dem er entstammte, und der modernen Welt kühner neuer Ideen, in die er hineinwuchs.
Leider ist das Bild des großen Physikers unscharf geraten; allzu gern verplaudert sich Fischer unterwegs. So kommt er unversehens auf die Ordnung des Universums im Urknall zu sprechen; später ist von der Bedeutung der Symmetrien im Gefüge der Natur die Rede. Mit Planck hat beides wenig zu tun.
Gern gerät Fischer ins Philosophieren, wobei er es offenbar für überflüssig hält, den Leser darüber aufzuklären, wo er Plancks Gedanken referiert und wo sie mit seinen eigenen verschwimmen. Eines aber wird deutlich: Planck soll herhalten für Fischers Lieblingsthese, dass sich Wissenschaft nur verstehen lasse, wenn man auch deren "Nachtseite" betrachte, die "den Tiefen der menschlichen Seele" entspringe.
Fischer sieht "Archetypen" durch das "kollektive Unbewusste der Menschen" wabern, die dann Besitz ergreifen von einzelnen Wissenschaftlern wie etwa Planck. Bei Fischer liest sich dieser Gedanke dann so: "Die Energie drängt ihn von innen her, die physikalische Welt mit ihrer Hilfe zu erkunden." Zum Verständnis von Plancks epochaler Erkenntnis trägt das wenig bei.
Auch wenn es dauerte, bis sich die ganze Sprengkraft von Plancks Quanten-Hypothese entfaltete, so wurde doch bald klar: In seinem Leben bedeutete sie eine Zäsur. Immer weniger widmete sich Planck fortan der Forschung selbst, immer mehr Kraft und Zeit forderte das Forschungsmanagement. Er wurde in Deutschland zur Stimme der Wissenschaft. "Hohe Ehrung, tiefes Leid", so überschreibt Fischer, durchaus treffend, das Kapitel über diese Zeit.
Besonders Plancks privates Leben war reich an Erschütterungen: Sein Ältester fiel bei Verdun, die Zwillingstöchter starben, im Abstand von nur zwei Jahren, im Kindbett; schwanger waren beide vom selben Mann. Auch Plancks Sohn Erwin überlebte den Vater nicht: Er wurde als Beteiligter des Hitler-Attentats vom 20. Juli 1944 gehängt. Ohne Antwort war Plancks flehender Brief an Hitler geblieben.
Doch auch Plancks so ruhmreiche berufliche Karriere ist nicht frei von Tragik, wenngleich seine großen Verdienste um die deutsche Wissenschaft unbestritten sind. Als Rektor der Berliner Universität, als "Sekretar der Preußischen Akademie der Wissenschaften" und Präsident der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft hatte er Schlüsselpositionen der Forschungslandschaft inne. Und obwohl er sich keineswegs durch die Macher-Eigenschaften auszeichnete, die heute einen erfolgreichen Forschungsmanager ausmachen, nutzte er seinen Einfluss entschlossen.
Berlin machte er zu einem der wichtigsten Zentren der Physik, indem er all seine Überredungskunst aufbot, um Einstein zur Übersiedlung in die deutsche Hauptstadt zu bewegen. Nicht unerheblich hat Planck auch dazu beigetragen, dass die deutsche Wissenschaft den Ersten Weltkrieg weitgehend unangefochten als die weltführende überstand. So sehr ihn, den Patrioten, auch die Niederlage schmerzte, so appellierte er doch ans "Pflichtgefühl" der Kollegen. "Durchhalten und weiterarbeiten", so lautete die Losung, die er den verunsicherten Forschern zurief.
Bedenklicher war die Durchhalteparole, als Planck sie, kaum verändert, erneut ausgab, um die deutsche Wissenschaft im Dritten Reich zusammenzuhalten. Bekümmert sah er, wie sich die Reihen lichteten; verzweifelt mühte er sich, die Kollegen zum Bleiben zu bewegen.
Durchaus mutig stellte sich Planck auch vor jüdische Forscher. Vor allem erbitterte ihn die Entlassung des Chemikers, Patrioten und Nobelpreisträgers Fritz Haber. Als Vater der Giftgaswaffen hatte dieser im Ersten Weltkrieg geglaubt, dem deutschen Volk zu dienen; nun war er wegen seiner jüdischen Abstammung plötzlich zum Volksschädling geworden.
Planck sprach 1933 persönlich bei Hitler vor, um sich für Haber zu verwenden - vergebens. Als gebrochener Mann starb Haber ein Jahr später im Exil. Planck ließ sich nicht daran hindern, zum Gedenken an den verehrten Kollegen eine Gedächtnisfeier abzuhalten. Seine Festrede hielt er vor einem überwiegend weiblichen Publikum - den geladenen Wissenschaftlern hatte der Reichserziehungsminister die Teilnahme ausdrücklich verboten; gekommen waren nur deren Gattinnen.
Ein anderer Fall jedoch lässt Planck weniger makellos erscheinen. Und dabei ging es ausgerechnet um Albert Einstein, jenen überragenden Denker, dessen Genialität Planck früher als alle anderen erkannt, den er stets gefördert und dessen Relativitätstheorie er unbeirrt verteidigt hatte gegen alle Verunglimpfung als jüdische Irrlehre.
Dennoch ließ sich nicht leugnen, wie viel sie politisch trennte: hier der patriotische Planck, der sich trotz aller Abscheu vor den Nazis seinem Volk in tiefem Pflichtgefühl verbunden fühlte; dort der pazifistische Einstein, der den Sieg der Barbarei in Deutschland fassungslos verfolgte.
Einstein, der sich zum Zeitpunkt von Hitlers Machtergreifung zufällig auf einer Vortragsreihe in den USA befand, hatte beschlossen, nicht wieder nach Deutschland zurückzukehren. Als daraufhin ein Disziplinarverfahren gegen Einstein eingeleitet werden sollte, schrieb Planck seinem Freund, dass hier "zwei Weltanschauungen aufeinander geplatzt" seien, um dann hinzuzufügen: "Auch die Ihrige ist mir fern, wie Sie sich erinnern werden."
Einsteins forsche Äußerungen über die Herrschenden in Berlin machten es, so Planck, "allen denen, die Sie schätzen und verehren, außerordentlich schwer, für Sie einzutreten". Am besten, riet er, möge Einstein von sich aus seinen Austritt aus der Preußischen Akademie der Wissenschaften erklären.
Einstein war tief getroffen von der Feigheit seines Freundes. Verziehen hat er sie ihm am Ende aber doch: "Die Stunden, die ich in Ihrem Hause verbringen durfte, werden für den Rest des Lebens zu meinen schönsten Erinnerungen gehören", schrieb er 1947 nach Plancks Tod an die Witwe und fügte dann hinzu: "Daran kann die Tatsache nichts ändern, dass uns ein tragisches Geschehen auseinander gerissen hat." JOHANN GROLLE
Ernst Peter Fischer
Der Physiker - Max Planck und das Zerfallen der Welt
Siedler Verlag, München; 352 Seiten; 22,95 Euro
Von Johann Grolle

SPIEGEL SPECIAL 5/2007
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