26.02.2008

LIEBE, LUST & ROLLENSPIELE„Hundert Prozent Leidenschaft“

Sie stehen auf Bühnen, dirigieren Scharen von Angestellten und repräsentieren in ihrem Fach die Spitze Deutschlands. Zehn Topmänner mit unterschiedlichen Karrieren erzählen, was sie von Frauen gelernt haben.
JOSCHKA FISCHER, 59, war während der rot-grünen Regierung unter Gerhard Schröder Vizekanzler und Außenminister. Er ist Vater von zwei Kindern, in fünfter Ehe verheiratet und lebt in Berlin.
Ich bin als Abkömmling der quasi vaterlosen Generation das Produkt eines reinen Feminats, nämlich meiner Mutter und zweier älterer Schwestern. Ich bin groß geworden als der kleine Prinz. Hausarbeit, fand meine Mutter, ist für die Schwestern da, aber nicht für mich "Gottesgeschenk".
Die Väter waren nach dem Krieg, wenn sie überlebt hatten, doch ziemlich kaputt und übertünchten das, indem sie meist großspurig auftraten. Die Mütter verfügten über die natürliche Autorität, die Familie am Leben gehalten zu haben.
Auch bei den 68ern herrschte zunächst noch ein wohlgeordnetes, patriarchales Weltbild. Das Matriarchat hatte die Söhne ja im verschwiegenen Pakt mit dem Patriarchat Abhängigkeit gelehrt. Die Generation meines Vaters pflegte ohne ihre Frauen in kürzester Zeit zu verfallen. Aber der Pascha wurde uns durch die Frauenbewegung nachhaltig ausgetrieben. Die in WGs und Beziehungen erzwungene Selbstbefreiung der Männer hat bei mir habitualisiert, dass die Hausarbeit geteilt wird, was den Vorteil hat, dass man für sich selbst sorgen kann.
Stärke ist für mich mit Frauen verbunden. Im Laufe des Lebens habe ich gelernt: Kämpfe lieber gegen drei Männer als gegen eine Frau.
ROLAND BERGER, 70, ist Wirtschaftsfachmann und gründete die Unternehmensberatung Roland Berger Strategy Consultants, die mit 32 Niederlassungen in 23 Ländern weltweit operiert. Berger ist verheiratet, hat zwei Söhne und lebt in München.
Ich bin Kriegskind und in einem Frauenhaushalt aufgewachsen: mit meiner Schwester, meiner Mutter, einer Tante meiner Mutter und meiner Großmutter. Ich habe von Frauen sehr viel gelernt. Sie können besonders gut mit weichen Faktoren umgehen, trotzdem sollte man ihre Zielstrebigkeit nicht unterschätzen.
Frauen, das habe ich schon als junger Mann gemerkt, beeinflussen das Geschehen erheblich, nicht zuletzt, weil sie erheblichen Einfluss auf Männer ausüben. Meine Mutter hat mich, mehr noch als mein Vater, ganz wesentlich fürs Leben geprägt, emotional wie rational.
Wenn unser Land nach vorn kommen will, müssen wir die Chancen für Frauen, in Führungspositionen zu kommen, deutlich verbessern. Das männliche Potential schöpfen wir aus bis zum Bodensatz, das der Frauen haben wir noch nicht einmal angekratzt. Das ist gesellschaftliche und menschliche Verschwendung. Zumal vom demografischen Standpunkt aus bleibt es für Deutschland eine existentielle Frage, ob es uns gelingt, das weibliche Reservoir an Zielstrebigkeit, Kreativität und Intelligenz zu nutzen, oder ob wir es brachliegen lassen. Frauen sind unsere bedeutendste verfügbare Ressource.
ANDREAS LEBERT, 52, ist seit sechs Jahren Chefredakteur der Frauenzeitschrift "Brigitte" und gemeinsam mit seinem Bruder Autor des Buchs "Anleitung zum Männlichsein". Er ist Vater zweier erwachsener Kinder.
Das Erste, was ich gelernt habe, ist, dass assoziatives Denken zu überraschenden und großartigen Lösungen führt. Beispiel Redaktionskonferenz: Wenn man zehn Männer einlädt, dann kommen die mit dem vorbereiteten Thema, und man geht raus aus dieser Sitzung und hat drei Ansätze. Wenn man Frauen einlädt, nimmt man Platz, und die eine sagt: "Ich habe da unlängst bei meiner Schwiegermutter gehört ..." Dann sagt die andere: "Ach Schwiegermutter, hör mir auf, gestern war meine wieder zu Besuch." Und die Dritte sagt: "Das müsste man mal machen, ein Schwiegermutterthema!" Wenn man das laufen lässt, kann es sein, dass am Ende dieser Sitzung sechs superspannende neue Themen stehen - und nichts zum Grund der Konferenz. Das ist toll! Punkt zwei: Von Frauen kann man lernen, dass sie viel schneller zur Sache kommen als Männer. Wenn ich zu einem Mann gehe und sage: "Ich finde Ihren Text am Anfang und in der Mitte nicht gut, weil ... " Dann können Sie die nächsten zehn Minuten vergessen, weil jetzt erst mal der Gockel mit seiner Darstellung kommt. Wenn Sie das einer Frau sagen, kuckt die sie an, überlegt, und sagt: "Das leuchtet mir ein", oder eben nicht. Aber sie braucht nicht die Bühne. Männer brauchen diese Bühne immer wieder. Das Dritte ist die extreme Nervenstärke beim Multitasking. Hier bei der "Brigitte" sind hundert Frauen, es gibt jede Form von Teilzeit, die man sich nur vorstellen kann. Dinge wie ganz schnell ein Thema fertig machen, gleichzeitig ruft die Schule an und sagt, der Bub hat sich gerade einen halben Finger weggeschnitten und liegt im Krankenhaus, und dann kommt noch ein Friseurtermin dazu, das wird in Sekundenschnelle gemanagt. Das ist enorm. Ich verliere schon die Nerven beim bloßen Zuhören.
THOMAS GLAVINIC, 35, wurde mit seinen Bestsellern "Wie man leben soll" und "Die Arbeit der Nacht" bekannt. Der österreichische Schriftsteller lebt mit seiner Frau und seinem kleinen Sohn in Wien.
Abgesehen davon, was ein kleiner Schüler von der Lehrerin in der Grundschule lernt, abgesehen von dem, was ein erwachsener Mann von Frauen im geschlechtlichen Miteinander lernt, habe ich von Frauen nicht sehr viel gelernt. Was aber nicht die Schuld der Frauen sein dürfte, sondern eher meine. Frauen können sich auch mit Männern identifizieren, Männer umgekehrt jedoch sehr schlecht mit Frauen. Das ist ein ernstes und beklagenswertes Defizit, aber kaum zu leugnen. Welcher Mann liest schon häufig Bücher von Frauen, deren Helden Frauen sind? Interessiert uns nicht so sehr. Umgekehrt hat eine Frau überhaupt kein Problem, ein Buch von einem Mann zu lesen, dessen Held ein Mann ist.
ARMIN EMRICH, 56, war deutscher Handballspieler und ist derzeit Trainer der Deutschen Handballnationalmannschaft der Frauen. Emrich ist verheiratet und hat vier Söhne.
Es ist eigentlich eine ganze Latte: Sie sind unglaublich ehrgeizig, sie sind leistungswillig, lernwillig, haben in der Regel eine unglaublich hohe Sozialkompetenz, sie beklagen den kleinsten Fehler, wollen immer so gut wie möglich sein, und sie gehen alles mit einer hundertprozentigen Einstellung und großer Leidenschaft an. Emotionen werden viel intensiver ausgetragen als bei den Männern. Als Trainer braucht man daher vor allem eines: Feingefühl.
ROGER CICERO, 36, lebt als Jazzsänger in Hamburg und wurde mit Liedern wie "Zieh die Schuhe aus" und "Frauen regier'n die Welt" bekannt. Für sein Debütalbum "Männersachen" erhielt er im vergangenen Jahr zweimal Platin.
Als kleiner Junge hatte ich sehr engen Kontakt zu der Chansonsängerin Helen Vita, die in Berlin lebte und mittlerweile verstorben ist. Wir haben häufig miteinander telefoniert, und sie hat mir über das Singen allgemein sehr viel erzählt und Tipps gegeben, das hat mich sehr geprägt. Als ich dann Jazzgesang studierte, hatte ich einige Gesangslehrerinnen und war einer der ganz wenigen männlichen Sänger, umgeben von unglaublich vielen Kolleginnen. Jetzt, heute, habe ich eine Managerin, mit der ich sehr eng zusammenarbeite. Ich bin beruflich also sehr viel von Frauen umgeben - und trotzdem finde ich die Frage grundsätzlich schwierig zu beantworten. Ob es etwas gibt, das man wirklich nur von Frauen lernen kann, das weiß ich nicht.
ULRICH WICKERT, 65, war bis 2006 "Mister Tagesthemen" und das bekannteste Gesicht des öffentlich-rechtlichen Fernsehens. Er schreibt Sachbücher und Kriminalromane, ist Vater einer Tochter, in dritter Ehe mit der Verlagsmanagerin Julia Jäkel verheiratet und lebt in Hamburg.
Meine Mutter war Rheinländerin und verfügte über den rheinischen Humor, und mit diesem Humor transportierte sie Toleranz und dieses Verhältnis zum Leben, dass man nicht alles immer so ernst nehmen soll. Das habe ich von ihr gelernt. Dann ging es weiter mit dem Leben, und ich hatte das Glück, als 19-Jähriger mit einem Stipendium nach Amerika zu kommen. In Amerika erlebte ich, dass die dortigen Studentinnen sehr viel emanzipierter waren als die Frauen in Deutschland, die fühlten sich den Männern gegenüber schon gleichberechtigt. Daraus entstand auch bei mir das Bewusstsein, dass Frauen mindestens gleichberechtigt sind und auch so behandelt werden sollen. Für mich bedeutete es aber auch, dass ich emanzipierte Frauen immer spannender fand - und deshalb bin ich jetzt mit genau so einer Frau verheiratet.
WOLFGANG SCHMIDBAUER, 66, ist einer der bekanntesten Psychoanalytiker Deutschlands und Autor zahlreicher Bücher. Er schrieb unter anderem "Du verstehst mich nicht. Die Semantik der Geschlechter" und "Die Rache der Liebenden". Schmidbauer ist Vater dreier Töchter, verheiratet und lebt in München.
Ich glaube, dass Frauen sehr häufig viel mehr Humor haben als Männer, dass sie nicht so stur sind, dass sie viel genauer Menschen beobachten, während Männer eher rivalisieren und ihr Ding durchziehen, koste es, was es wolle. Ein typisch männlicher Spruch ist: I will fix it - even if it kills me. Die Frau sagt: Wenn's nicht geht, dann geht's halt nicht. Beide Geschlechter neigen zum Perfektionismus, aber Frauen haben eher die Möglichkeit, sich davon zu distanzieren. Es ist ja kein Zufall, dass Frauen sehr viel häufiger in eine Psychotherapie-Praxis kommen, und, wenn sie da sind, eigentlich sehr viel eher bereit sind, über sich nachzudenken oder zu akzeptieren, dass sie einen Anteil an einem Konflikt haben. Frauen sind beziehungsfähiger und beziehungsinteressierter. Ich denke, unter dem Psycho-Blickwinkel ist die Frau der bessere Mensch. Wenn wir aber eine Utopie entwerfen, in der die Geschlechter wirklich gleichberechtigt sind, dann denke ich, verlieren Frauen manche ihrer Tugenden. Wenn sie genau die gleiche Macht haben wie die Männer, dann haben sie sicher auch ganz genau die gleichen Laster und Untugenden.
GEORG RINGSGWANDL, 59, ehemaliger Oberarzt, arbeitet seit Jahren als Kabarettist und Rocksänger. Er veröffentlichte zahlreiche Platten und wurde mit diversen Preisen ausgezeichnet. Er ist verheiratet, Vater von drei Kindern und lebt in Murnau.
Von der Ersten, meiner Mutter, hab ich gelernt, wie man mit Messer und Gabel isst, sich die Nase putzt, ohne Arzt eine Grippe abwettert, Knöpfe annäht und Socken stopft, Betten bezieht, ein Hemd bügelt, paar essbare Grundgerichte kocht, nicht gleich die Flinte ins Korn wirft und dass die Mehrheit meistens danebenliegt.
Von der Zweiten lernte ich per akutem Entzug, dass Frauen hin und wieder ihre Ruhe haben wollen und von der Dritten unter Schmerzen, dass sie kein Eigentum sind.
Im weiteren Lebenslauf profitierte die Nächste jeweils von der Vorherigen, so dass mir allmählich klar wurde, was die Solidargemeinschaft aller Frauen bedeutet: Alle arbeiten daran, die Männer etwas erträglicher zu gestalten.
Demzufolge käme meine letzte Gefährtin in den Genuss des am weitesten entwickelten Ringsgwandl. Ich weiß allerdings nicht, ob sie das dann so zu schätzen weiß, wie es dem versammelten Leid der Vorgängerinnen angemessen wäre.
MARIO ADORF, 77, gehört seit mehr als einem halben Jahrhundert zu den profiliertesten deutschen Schauspielern. Er ist mit einer Französin verheiratet und Vater einer Tochter.
Was ich an Frauen liebe, ist ihre Andersartigkeit. Lange Zeit habe ich versucht, in die Psyche von Frauen einzudringen, zu begreifen, was da vor sich geht, auch erotisch. Das ist fehlgeschlagen. Ich habe gelernt, dass ich Frauen nicht wirklich verstehen kann, weil sie anders ticken. Aber das ist es gerade, was so interessant ist. Deshalb konnte ich mit dem Teil des Feminismus nichts anfangen, der die Unterschiede zwischen den Geschlechtern bestritt. Was mir an Frauen gefällt, ist ja gerade ihre Weiblichkeit und das Geheimnis, das sie umgibt. Enigma Woman. Das bedeutet nicht, dass sie als Weibchen am Herd stehen und auf die Kinder aufpassen sollen.
Von meiner Mutter habe ich vor allem Pflichtgefühl gelernt. Als ich jung war, hat sie mir vorgeworfen, dass ich meine Freundinnen behandelte wie die Axt im Walde. Ich musste lernen, Frauen nicht nur zu genießen, sondern zu respektieren. Das hat mir meine Mutter sehr energisch klargemacht.
Lange schien es so, als ob Frauen, die beruflich erfolgreich sein wollen, so wie Männer sein müssten. Was ich schade fand. Denn was Frauen da lernen konnten, waren so unerfreuliche Eigenschaften wie Machtgier, Rücksichtslosigkeit und übertriebene Härte. Allerdings sehe ich zurzeit, dass sich auch da etwas verändert. Vor allem in der Politik. Wir bewegen uns schnurstracks ins Matriarchat, davon bin ich überzeugt. Nicht weil die Frauen so feministisch-kämpferisch sind, sondern weil sie gut sind, weil sie anders sind und weil sie mehr und mehr ihre weiblichen Stärken und Qualitäten einsetzen. Sie organisieren besser. Sie stehen nicht wie die Männer für Krieg, wir fühlen uns bei ihnen besser aufgehoben, weil sie nach friedlichen Lösungen suchen. Insofern wäre es vielleicht gar nicht schlecht, wenn auch in Amerika noch eine Frau Präsident wird.

SPIEGEL SPECIAL 1/2008
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