26.02.2008

LEBEN & KARRIERE„Ich bin einfach ich“

Wer im Berufsleben Erfolg haben will, braucht eine Chance, um Qualität zu beweisen. Aber was noch? Spitzenfrauen mit den unterschiedlichsten Karrieren berichten, mit welchen Eigenschaften und Verhaltensweisen sie es geschafft haben.
JULIA FRANCK, 38, ist Schriftstellerin und wurde im Jahr 2007 für ihr Buch "Die Mittagsfrau" mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet. Sie ist alleinerziehende Mutter zweier Kinder und lebt in Berlin.
Der Beruf des Schriftstellers wird als ein ursprünglich männlicher wahrgenommen. Als Frau, die schreibt, wurde mir von Anfang an das Einnehmen eines männlichen Blicks nahegelegt.
Als mein erstes Buch erschien, habe ich mir die Haare streichholzkurz geschnitten und nur Hosen getragen. In den letzten Jahren habe ich mich entschlossen dagegengestellt. Mir hilft jetzt ein gewisser Mut, mich nicht als Mann zu verkleiden, mir nicht das männliche Pseudonym zuzulegen und die Arbeit so weiterzumachen, wie ich sie für richtig halte.
Wenn ich zehn Stunden am Tag arbeite, und das heißt bei mir oft bis Mitternacht, weil ich am Nachmittag ja noch den Haushalt und die Kinder schaffen muss, dann heißt es nicht, dass diese Arbeit zu irgendeinem Erfolg führt. Mit Erfolg meine ich, dass man überhaupt schon von etwas leben kann. Leider können verdammt wenige Schriftsteller von ihrem Beruf leben, und man arbeitet mit allen Zweifeln an der Sache selbst, und dahinter gibt es beständig noch das Fragezeichen, was mache ich im nächsten Jahr oder im nächsten Monat, wenn das Buch sich als erfolglos herausstellt.
Die größte Härte habe ich mir selbst gegenüber entwickelt. All diese Dinge, die sogenannter Lifestyle sind, zur Kosmetikerin gehen, zum Fitness, zum Wellness, das kommt in meinem Leben nicht vor. Freundschaften sind nur noch möglich, wenn beide Seiten mit einem halben Jahr des Nichtsehens leben können. Ins Kino gehe ich auch nur alle halbe Jahre mal, und ich sehe nie fern. Meinen Kindern gegenüber hatte ich immer Schuldgefühle. Das ist eine der schönsten Nebenerscheinungen des Erfolgs, dass ich mir jetzt zeitlich wie auch finanziell leisten kann, meinen Kindern mehr Zeit zu widmen.
SARAH KUTTNER, 29, hatte bei den Sendern Viva und MTV eigene Shows. Sie schreibt Kolumnen, war Mitorganisatorin eines Festivals und Co-Moderatorin eines Konzerts beim G-8-Gipfel. Derzeit ist sie mit einer Poetry-Sendung in Deutschland unterwegs.
Auch wenn ich mal im "Playboy" war, glaube ich nicht, dass mein Aussehen mir jemals irgendwo geholfen hat. Weil ich ja jetzt auch nicht im klassischen Sinne 'ne heiße Schnalle bin, sondern eher die, die nicht auf den Mund gefallen ist, so der sportliche Kumpeltyp. Ich sehe mich nie als Frau, ich kenne mich ja nicht anders. Ich bin einfach ich. Ich glaube, das ist auch das Mini-Geheimnis hinter dieser komischen Person Sarah Kuttner, dass ich einfach so bin, wie ich bin, dass ich mich nicht habe verbiegen lassen, aber auch - um ehrlich zu sein - dass ich einfach nichts anderes kann.
Eine Sendung zu moderieren, das ist für mich so wie für einen Bäcker Brötchenbacken. Ich fließe da einfach so durch. Ich habe noch nie Sendungen von mir geguckt oder angehört. Nie, nie, nie, nie, nie. Ich hasse das, ich will es nicht sehen. Ich habe von alleine ein Gefühl dafür, was gut ist und was nicht.
Ein paar Mal bin ich damit auch auf die Fresse geflogen. Man kann nicht sagen, dass das die Überschrift meines Lebens ist, dass ich mich auf meine Intuition verlassen habe, sondern es ist eine Mischung aus Talent und einer Zeit, in der Deutschland mal Lust hatte auf was anderes, auf etwas, das kompliziert und anstrengend ist. Und das bin ich. Ich bin 1,60 Meter - immer noch größer als Prince, Kylie Minogue und Madonna -, irre emotional und weder diszipliniert noch ehrgeizig. Wahrscheinlich könnte ich ein totaler Supertyp sein, wenn ich ein bisschen mehr Ehrgeiz hätte. Ich habe Kollegen an mir vorbeiziehen sehen. Gülcan zum Beispiel kam zu Viva, als ich schon länger da war, und jetzt kennt sie ganz Deutschland. Die ist irre reich, vermutlich, aber hat mit Sicherheit auch lauter Kacke gemacht. Ich habe die ganzen sechs Jahre, die ich das jetzt schon mache, dauernd riesige Sachen abgesagt, Werbung, Boulevard und so weiter, weil ich so pingelig bin. Ich könnte echt ein bisschen lockerer werden.
URSULA VON DER LEYEN, 49, ist Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Die in Brüssel geborene CDU-Politikerin ist verheiratet und hat sieben Kinder.
Frauen können ruhig mehr Ehrgeiz entwickeln. Wenn ich einer Frau sage, wie toll ich finde, was sie macht, erklärt sie mir erst mal, wer alles mitgeholfen hat und dass ihr Part eher beiläufig war. Ehrgeiz nur um des Aufstiegs willen beobachte ich bei Frauen fast gar nicht. Immer kommt zuerst das Gut-sein-Wollen. Dabei wäre es manchmal strategisch geschickter, zunächst eine bestimmte Position zu erreichen, um dann auf Dauer inhaltlich zu erreichen, was einem wichtig ist. Idealerweise ist der Ehrgeiz gepaart mit Leidenschaft, mit Brennen für die Sache.
Aggressivität bringt's dagegen überhaupt nicht. Es passiert manchmal unfreiwillig, dass man giftig wird, dass die Stimme steigt, die Gesichtsfarbe ändert sich, man gibt Signale der Schwäche. Wenn das Gegenüber aufbrausend oder aggressiv ist, lohnt es sich viel eher, die Stimme bewusst zu senken, leise zu sprechen, für einen Moment keine Angriffsfläche zu bieten. Aber in der Sache unbedingt beharrlich zu bleiben.
Ich fahre gut damit, wenn ich in schwierigen Verhandlungssituationen die sogenannte weibliche, also sanftere Art beibehalte und trotzdem stahlhart für die Sache kämpfe. Zum Schluss darf keiner wirklich das Gesicht verlieren.
Disziplin ist bei Frauen um ein Vielfaches wichtiger als bei Männern. Denn die meisten Frauen haben einfach mehr Päckchen zu schultern. Disziplin heißt: Zeitmanagement, Dranbleiben. Du kannst nicht versacken heute Abend, vor Mitternacht ins Bett. Morgen früh um sechs stehen deine Kinder da, die wollen Frühstück, die müssen zur Schule, der Hund muss noch mal raus, und dann geht dein Arbeitstag los. Mein Mann weiß auch, was das bedeutet, weil der zurzeit viele dieser Funktionen übernimmt. Die meisten Männer haben einen anderen Rhythmus: tagsüber stark arbeiten, und abends dann ab einem bestimmten Zeitpunkt abhängen.
In der Politik profitieren beide Geschlechter auch von einer gewissen Attraktivität, einer Qualität wie Charisma. Ich denke zum Beispiel an den ehemaligen Bremer Bürgermeister Henning Scherf. Der ist einfach knuffig, seiner Ausstrahlung konnte sich niemand entziehen. Und eh man sich's versieht, ist man übern Tisch gezogen. Schönheit, im klassischen Sinne, behindert Männer ebenso wie Frauen in unserer Branche eher.
Als ständigen Begleiter eines erfolgreichen Politikers muss es den Zweifel geben. Zweifel, den man nicht direkt nach außen zeigt, aber innerlich hat. Sonst ist man schnell arrogant, überschätzt sich und wird unbelehrbar.
ANNE WILL, 41, ist eine der erfolgreichsten deutschen TV-Journalistinnen und seit September letzten Jahres die Nachfolgerin von Sabine Christiansen im ARD-Sonntagstalk.
Im Moment brauche ich vor allem Ausdauer. Ich arbeite mich Woche für Woche in ein anderes Thema ein, auch wenn wir bis kurz vor der Sendung an den Details feilen oder die Gästerunde noch einmal überdacht wird. Dann muss man weiter arbeiten, weiter lesen und darf sich nicht ablenken lassen. Ausdauer bedeutet für mich auch, über Jahre Ansprüche an mich selbst hochzuhalten und nicht zu glauben, jetzt bin ich auf dem Zenit und ruhe mich mal zweieinhalb Jahre aus.
Ich bin so gar kein mütterlicher Typ, aber ich habe ein gutes Maß an Einfühlungsvermögen und Empathie. Das lässt mir die Chance, in Interviews auch Dinge zu hören, die gar nicht gesagt worden sind, die nur darin liegen, wie jemand etwas gesagt hat, und dann nachzufragen. Als ich Ende 1992 anfing, im Fernsehen zu moderieren, habe ich meine Sensibilität und meine Vorsicht auch als Schwäche gespürt. Früher bin ich in Interviews manchmal sehr leise geworden, wenn es richtig haarig wurde, und man konnte mich fast nicht mehr hören. Ich habe mir dann angewöhnt, gleichsam eine Faust in der Tasche zu machen und lauter zu werden, als ich eigentlich wollte, um die Stimme zu halten. Wenn man lang genug an Schwächen arbeitet, werden sie zu Stärken.
Die müssen Frauen dann aber auch mal klar behaupten und herausstellen. Das ist Selbstbewusstsein im besten Sinne. Wenn eine Frau Erfolg hat, sagt sie, das sei allein Glück und glücklichen Umständen zu danken. Das machen Männer nicht. Die sagen: Es lag an meiner Kompetenz und meinem Talent. Ich achte inzwischen sehr darauf: Ich hab nicht nur Glück, ich kann auch was.
NINA ÖGER, 34, ist seit 2003 Juniorchefin von Öger Tours, des sechstgrößten deutschen Reiseanbieters. Sie lebt als alleinerziehende Mutter in Hamburg.
"Aha, die Tochter also. Die hat's ja easy." So was habe ich schon gehört, als mein Vater mich mit in die Geschäftsführung aufgenommen hat. Vielleicht wäre es anders gewesen, wenn ich der Sohn gewesen wäre. Aber eine Frau mit 30 Jahren als Stammhalter? Da musste ich schon zeigen, dass ich meinen Kopf nicht nur als Deko auf dem Hals habe.
Ich habe meinem Instinkt vertraut. Instinkt ist es, glaube ich, was Frauen erfolgreich macht. Ich kann zwischen den Meetings auch mal ein Ohr haben für etwas, das nicht mit dem Job zu tun hat. Autoritär bin ich überhaupt nicht, das kann ich gar nicht. Wenn ich von meinen Mitarbeitern hundert Prozent verlange, können sie auch von mir verlangen, dass ich ein netter Mensch bin.
Ich habe leider Gottes den Fehler gemacht, als ich 2003 Mutter wurde, zu denken: Kind? Kein Problem. Ich schaffe das alles! Ich habe im Büro gestillt und den Kinderwagen hin- und hergeschoben. Wenn ich nach Hause kam, war ich müde vom Organisieren. Aber als Frau will man sich das selten eingestehen. "Heute war wieder Superstress!", das sagt ein Mann wohl eher als eine Frau.
Inzwischen ist mein Leben angepasst an meine Tochter Ada und an die Firma. Ich bin in dieser Firma groß geworden, ohne die geht es nicht. Mein Vater verantwortet die Strategie im Haus, ich bin verantwortlich für das operative Tagesgeschäft. Wir haben nie richtig zusammengelebt zu Hause, denn seit ich acht Jahre alt war, leben meine Eltern getrennt. Wir haben hier zueinander gefunden, durch den Job. Mich auszuwählen für die Generationenfolge, da hat er eigentlich eine ganz kluge Entscheidung getroffen.
STEFFI JONES, 35, ist Präsidentin des Organisationskomitees für die Fußball-Weltmeisterschaft der Frauen in Deutschland 2011 und war vorher Fußballnationalspielerin.
Ich war früher superschüchtern, ich hatte überhaupt kein Selbstwertgefühl. Ich dachte, ich bin halt die Steffi, die spielt ein bisschen Fußball, aber ich wusste nicht, dass ich mehr schaffen kann, dass ich wirklich mal Nationalspielerin werden kann, dass ich mal OK-Präsidentin werde. Erst so mit zwölf habe ich gemerkt, dass ich vielleicht doch etwas Stärke ausstrahle. Ich habe im Verein bei den Jungs gespielt, und sie haben mich zum Spielführer gewählt. Da merkte ich auf einmal: Die gucken zu dir auf, die respektieren dich. Dann kannste ja auch mal ein bisschen selbstbewusster sein. Durch den Sport war ich auch bei den Jungs in der Schule voll anerkannt. Die Mädels waren Girlies, die hatten ganz andere Dinge im Kopf, die wollten Shoppen gehen und ihre Fingernägel machen. Ich war eher so der Tomboy, der mit den Jungs rumgezogen ist, da habe ich mich auch wohl gefühlt. So richtig Dame bin ich erst mit 30 geworden. Ich hab mir damals gesagt, du bist jetzt 30, du solltest mal langsam deine Kleidung ändern und ein bisschen erwachsener wirken. Ich habe dann sehr viel Wert darauf gelegt, gut auszusehen, zum Beispiel wenn ich als Fußballerin einen TV-Auftritt hatte, weil ich einfach wollte, dass man nicht nur dieses typische Fußballerinnenbild hat, sondern dass man auch die andere Seite sieht, dass ich vielleicht auch etwas Schönes darstellen kann.
Wenn ich überlege, was für meinen relativ schnellen Erfolg die größte Rolle gespielt hat, dann ist das Ehrgeiz und dass ich mir selbst treu bleibe. Ich schaue jeden Tag in den Spiegel und sage: So Steffi, was haste schlecht gemacht gestern, was kannste heute besser machen? Und ich hoffe, ich bin ein guter Mensch, das ist das Ziel, das, was ich leben möchte. Meine beiden Brüder haben es nicht einfach gehabt, für die war ich oft die "Mrs. Perfect", die, die alles kriegt. Mein jüngerer Bruder Frank ist mit der U. S. Army in den Irak und hat im November 2006 bei einem Anschlag beide Beine verloren. Und mein älterer Bruder ist drogensüchtig, befindet sich aber momentan auf einem guten Weg. Ich wollte beiden eigentlich immer helfen, musste aber lernen, dass ich bei ihnen nicht die Mutterrolle spielen darf. Inzwischen sagen sie mir beide, dass sie auf mich stolz sind.
MARGOT KÄSSMANN, 49, ist evangelische Landesbischöfin von Hannover. Sie hat vier Töchter und wurde 2007 von ihrem Mann geschieden.
Meine Mutter sagt, ich sei immer schon schlagfertig gewesen. Ich erschrecke nicht gleich, wenn ich angegriffen werde.
Als ich mich scheiden ließ, war ich trotzdem kurz davor zu sagen, das halte ich hier nicht mehr aus, weil die Angriffe sehr persönlich waren. Ich kann gut mit beruflichen Auseinandersetzungen umgehen, aber ich finde es sehr schwer, mit persönlichen Angriffen umzugehen, Und die sind gegen Frauen schärfer, finde ich.
Was manche Menschen da meinen, einer Frau, die sie nicht kennen, sagen zu dürfen, das geht schon weit unter die Gürtellinie. Ich habe das geschafft, weil ich ganz tolle Mitarbeiterinnen habe, weil unsere leitenden Gremien alle gesagt haben, wir wollen, dass du Bischöfin bleibst, und sich die deutliche Mehrheit hinter mich gestellt hat, mich ermutigt hat. Ein paar Jahre früher hätte das vielleicht noch anders ausgesehen. Da gab es Menschen, die haben gesagt: Sie können doch keine Kirche leiten, eine Frau mit vier Kindern, das entspricht nicht dem Bild eines Bischofs. Das ist ein älterer, gesetzter Herr.
Inzwischen hat sich das gelegt. Im katholischen Bereich, im orthodoxen Bereich oder auch in den lutherischen Kirchen Osteuropas bin ich nach wie vor eher eine Exotin. Klares Auftreten hilft dann. Da darfst du nicht anfangen, an dir selbst zu zweifeln.
Gleichzeitig verwahre ich mich gegen das Klischee der Kirchenfrau, die in "Walletüchern" auftritt. Ich denke, eine Bischöfin darf sich modern kleiden. Weiblichkeit kann ja auch hilfreich sein. Männer haben beispielsweise offenbar eine größere Beißhemmung, wenn die Frau feminin ist. Sie sind überrascht, wenn sich eine weibliche Frau durchsetzt, weil das nicht ihrem Muster entspricht.
Kürzlich bin ich einem Russen begegnet, in der Konferenz Europäischer Kirchen, der sagt, Frauen müssen doch nicht in Leitungsgremien, das macht ihnen keinen Spaß, die machen lieber was Praktisches. Ich habe gelacht und gesagt: Du hast keine Ahnung.
HILDEGARD HAMM-BRÜCHER, 86, promovierte 1945 in Chemie, arbeitete als Wissenschaftsredakteurin und vertrat bis Ende 1990 die FDP im Deutschen Bundestag. 2002 trat die Politikerin, die sich auch als Publizistin und Kommentatorin einen Namen gemacht hat, aus der Partei aus. Sie ist verheiratet und hat zwei Kinder.
Als ich 1946/47 als Überlebende der Studenten der Weißen Rose die Verpflichtung spürte, dafür zu leben, wofür Freunde und Bekannte gestorben waren, gab es so etwas wie Eitelkeit oder Selbstdarstellungsbedürfnis in der Politik überhaupt nicht. Auch nicht Politik als Schau und Geschäft, nicht einmal als Machtkampf. Wir wollten nur aus dieser schrecklichen Misere wieder raus.
Für mich persönlich hab ich die Politik nie so wichtig gefunden. Die Dinge haben mich getrieben. Und ich hatte ein Grundgefühl, dass Frauen nicht noch einmal zuschauen dürfen, wenn Männer alles zerstören. Das war meine erste Emanzipation sozusagen.
In der Politik braucht man auch heute noch das Grundbedürfnis, sich einzumischen, etwas beitragen zu wollen zur Demokratie. Und wer sich nicht für Geschichte interessiert, kann allenfalls ein braver Fachpolitiker, aber niemals ein wirklich einflussreicher Politiker werden.
Stehvermögen ist wichtig. Was meinen Sie, was ich in den sechziger Jahren im Bayerischen Landtag gegen die konfessionellen Schulen gestritten habe und dafür, dass Mädchen bessere Bildungschancen erhalten und wir mehr Kindergärten bauen. Da braucht man Sturheit, damit einen die anderen nicht klein-kriegen. Wie man ausschaut, spielt sicher auch eine große Rolle im Berufsleben. Wobei es nicht darum geht, schön zu sein, aber ein lebendiges Gesicht zu haben, ausdrucksvoll zu sein, das hilft natürlich schon.
JULIA FISCHER, 24, ist Stargeigerin und seit Herbst 2006 jüngste Professorin Deutschlands an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Frankfurt am Main.
Das Wesentliche vom Unwesentlichen zu trennen - ich denke, das war die wichtigste Sache, die ich in meiner Kindheit gelernt habe. Egal ob es um Schule, um Musik oder auch um zwischenmenschliche Beziehungen ging - wenn man nicht weiß, worauf es ankommt, was wichtig und was nichtig ist, kann man sich nicht auf das konzentrieren, was man tatsächlich erreichen möchte. Das Wort Stress ist so gut wie nie in meinem Elternhaus gefallen, und es ist ein Wort, das ich bis heute nicht benutze. Wenn man zu viel zu tun hat, liegt die Kunst auch wieder darin, zu entscheiden, was wesentlich ist und was nicht - was kann man verschieben, was weglassen, und was muss unter allen Umständen sofort erledigt werden.
Musik ist mein Leben. Nichts hat mich als Kind so berühren können beziehungsweise erziehen oder bereichern. Die Persönlichkeit sowie das innere Leben eines Menschen werden durch seine Gefühlswelt bestimmt, die durch emotionale Erlebnisse geformt wird. Schon sehr früh bemerkte ich an mir selbst, wie mich Musik veränderte - wie ich durch die Musik solche Erlebnisse erfuhr, die mich prägten und mich auch mit anderen Menschen verbanden.
Das Schönste und Anziehendste an der Musikwelt ist, dass Nationalität, Religion, Geschlecht und Alter keine Rolle spielen. Von frühester Kindheit an musizierte ich mit Musikern aus aller Welt, probte in verschiedenen Sprachen - sogar in Sprachen, die ich gar nicht beherrschte, dann war Musik eben die Ebene der Verständigung, das, was man sich durch sie zu sagen hatte. Ein Musiker offenbart sein Inneres, wenn er spielt. In der Musik kann man nicht lügen und sich auch nicht verstecken. Wenn ich mit einem Kollegen gemeinsam zum ersten Mal musiziere, wird er danach Dinge über mich wissen oder zumindest erahnen, die ich in Worten nie ausdrücken würde oder könnte, und umgekehrt.
Es war mir nie wichtig, erfolgreich zu werden. Mein Wunsch war es immer, Menschen an dieser Verbindung, die zwischen den Musikern auf der Bühne herrschen kann, teilhaben zu lassen. Auf dieser Ebene der höchsten Kommunikation, ohne Erklärungen, nur durch Empfinden. Da Musik eine so persönliche Sache ist, ist das Wichtigste, sich selbst treu zu bleiben, sich nicht für oder durch den Erfolg zu verändern oder sich zu verstellen, um sogenannten wichtigen Personen zu gefallen. Denn dann wird man als Künstler unaufrichtig, und das ist etwas, was in der Kunst nicht zu verzeihen ist.
SEYRAN ATES, 44, wurde als deutsch-türkische Juristin, Autorin und Frauenrechtlerin bekannt und gab 2006 vorübergehend ihre Anwaltszulassung zurück, nachdem sie wegen ihres Engagements auf offener Straße angegriffen wurde. Ates hat eine Tochter und lebt als alleinerziehende Mutter in Berlin.
Als Kind musste ich viel im Haushalt helfen. Wenn ich das gemacht habe, was meine Mutter von mir wollte, häkeln, stricken, kochen, putzen, bügeln, habe ich das immer eher als Beleidigung empfunden für mich und meinen Intellekt. Ich hatte schon sehr früh das Gefühl: Ich kann mehr als das. Ich will mehr als das. Ich wurde aufsässig, aber wurde mit Gewalt ausgebremst, wurde geschlagen. So wurde ich eine stille Rebellin. Geholfen hat mir dabei meine unstillbare Wissbegierde.
Mit 15 Jahren entschied ich mich, Jura zu studieren, und fing zur gleichen Zeit an, Frauenliteratur zu lesen. Alice Schwarzer, Simone de Beauvoir und Berichte von Frauen, die ihre Lebenssituation geändert hatten. Meine Eltern hatten mir vermittelt: Frauen, die frei sind und rausgehen, das sind alles Huren. Ich habe schnell begriffen, dass das nicht so ist. Ich wollte studieren, wollte politisch aktiv sein, wollte ins Kino, ins Theater, Kultur erleben!
Also bin ich von zu Hause abgehauen. Ich hatte riesiges Glück und einen Freund, der mich finanziell und moralisch unterstützt hat. Geholfen hat mir aber auch meine Vernunft. Ich wusste: Wenn ich abhaue, brauche ich eine Unterkunft, ich muss wissen, wovon ich lebe, wovon ich mich ernähre. Das hatte ich alles vorher mit anderen organisiert. Was das anbelangt, bin ich sicher ein Talent.
Es gab immer wieder Zeiten, in denen ich gezweifelt habe. Aber die ganz großen Entscheidungen, die sind dann doch die richtigen gewesen. Seit ich vor drei Jahren meine Tochter bekommen habe, bin ich viel sanfter geworden. Und ich achte mehr auf mein Äußeres. Als Kind der deutschen Frauenbewegung hatte ich mir angeeignet: Die Haare werden nicht frisiert, es wird kein BH getragen und nur sackähnliche Kleidung. Jetzt spielt meine Tochter Prinzessin und zieht Kleidchen an, mit hühühü und tütütü, und ich frage mich: Darf eine Frau attraktiv sein? Darf ich mein Kind so erziehen? Attraktivität und Erfolg, passt das zusammen?
Das Ergebnis ist: Natürlich.
JUDITH ROSMAIR, 40, gehört seit sieben Jahren zum Ensemble des Hamburger Thalia Theaters. 2007 wählte die Zeitschrift "Theater heute" die gebürtige Bayerin zur Schauspielerin des Jahres. Rosmair lebt in Hamburg.
Das Wort 'Karriere' mochte ich nie, ich stellte mir darunter so etwas Ähnliches vor wie die Carrera-Bahn meiner Brüder: nervig monotones Im-Kreis-Gesummse, mit regelmäßigem Aus-der-Kurve-Fliegen. Auch 'Ehrgeiz' klingt eher nach vergrätzten Mundwinkeln als nach Spaß, aber man braucht natürlich Kampfgeist, um Grenzen zu überschreiten und sich wirklich zu entwickeln. Leidenschaft ist ja etwas sehr Anziehendes. Ein sinnlicher Mensch, dem die Funken aus den Augen sprühen, ist doch viel erotischer als ein lebloser Langweiler. Ohne Eros geht in meinem Beruf gar nichts. Nur mit Energie, Lebenslust und Vitalität bringt man die Hütte zum Brennen. Auch gute Wut ist wichtig, um zu wissen, was man nicht will, und um nein sagen zu können, wenn die Sache nicht stimmt.
Talent schadet auch nicht und reicht auch 'ne Weile - ungefähr bis zur Aufnahmeprüfung. Dann sollte man sich an Samuel Beckett halten: "... wieder versuchen, wieder scheitern, besser scheitern!" Fräuleins: be klug! Nie aufhören zu lernen. Finde deine Leute. Und bloß kein Fachidiot werden!
Klar, ohne Disziplin kommt man nicht weit. Besonders wichtig: Gefühlsdisziplin. Die richtige Balance finden von Kontrolle und Hingabe. Von Verstand und Instinkt. Talent will geschützt, das Feuer will genährt, deine Kräfte wollen dosiert werden. Die Frauen, die ich bewundere: Pina Bausch, Therese Giehse, Marcia Haydee und viele andere haben mit Eigenwillen und großem Fleiß ein unverwechselbares Werk geschaffen, einzigartig, unvergleichlich in seiner Art. Diese Inspiration, diese Qualität suche ich. Der Erfolg erfolgt dann schon, toi, toi, toi.
INGRID MATTHÄUS-MAIER, 62, frühere SPD-Finanzexpertin, ist Vorstandssprecherin der KfW-Bankengruppe und gehört zu den einflussreichsten Frauen Europas. Sie ist verheiratet und hat zwei Kinder.
Ich habe drei Berufsleben: Das erste als Richterin, das war aber relativ kurz, denn schon 1976 bin ich als damals jüngste Frau in den Deutschen Bundestag, und mein zweites Leben begann. Seit neun Jahren bin ich nun im Vorstand der KfW. Frauen müssen sich selbstbewusst durchkämpfen. Und sie müssen bereit sein, in Bereiche und Positionen zu gehen, wo die Luft dünner wird, wo Konflikte ausgetragen werden und das grundsätzlich positive Streben nach Harmonie und Ausgleich auch schon mal durch harte Auseinandersetzung ersetzt werden muss.
Während meiner Zeit im Bundestag wurden unsere beiden Kinder geboren. Dies war neu, denn bis dahin galt: Entweder kriegte man keine Kinder als Abgeordnete, oder, wie das so schön hieß, "man ist aus dem Gröbsten raus", also die Kinder sind schon erwachsen. Das erforderte große Selbstdisziplin. Mein Mann hat dann, nach der Geburt unseres zweiten Kindes, seine Berufstätigkeit als Mathematiker erst unterbrochen und dann ganz aufgegeben. Er wäre heute wahrscheinlich Professor für Mathematik. Dies für die Familie, für den Beruf der Frau und für unser politisches Ziel aufzugeben - das war schon ein sehr großes Opfer.
Obwohl ich eine sehr engagierte Mutter bin, passt Mütterlichkeit im Job nicht zu mir. Auch mit Sanftheit hat mich noch nie jemand in Verbindung gebracht, wohl aber mit Teamgeist - damals als Richterin, in der Politik sowieso und auch in der Bank mit fünf anderen Kollegen im Vorstand. Manchmal bin ich der Kumpel im Umgang mit den Mitarbeitern. Ich komme ab und zu auch mit Jeans in die Bank. Im Bundestag habe ich immer gern bunte Farben getragen, Gelb, Rot, Blau, Grün. In der Bank trägt man traditionellerweise Grau und Blau. Ein halbes Jahr habe ich das auch getan, dann habe ich gedacht: Was soll das? Und meine bunten Kleider wieder rausgeholt.
MICHAELA PETERS, 36, Küchenchefin des Restaurants "Le Rendez-Vous de Chasse" in Colmar, ist seit fünf Jahren die einzige Sterneköchin Frankreichs. Sie ist Mutter eines Kindes.
Meine Männer, also meine Köche, haben kein Problem damit, von einer Frau dirigiert zu werden. Ich habe die auch danach ausgesucht. Da ist kein Macho dabei, der sagt, Frauen gehören nicht in die Küche.
In meinem Restaurant habe ich sieben Leute unter mir, darunter auch eine Auszubildende. Es ist schön, wenn man eine Frau im Team hat, das sonst nur aus Männern besteht: Die Männer verhalten sich anders, sind freundlicher und geben sich mehr Mühe. Wenn Köche nur unter sich sind, geht es derber zu, auch in der Sprache.
Da ich immer schon mit Männern gearbeitet habe und zwei ältere Brüder habe, konnte ich mich immer ganz gut durchsetzen. Allerdings bin ich zu nett, das weiß ich. Manchmal muss ich den harten Ton anschlagen, aber das macht mir keinen Spaß. Wenn ich in der Küche die Bestellung angebe, mache ich das auch in einem gewissen Ton, aber ich muss jetzt nicht denjenigen anschreien, weil der den Schnittlauch nicht richtig drauflegt.
Wenn ich etwas will, versuche ich, das mit ein bisschen Charme rüberzubringen, so dass sie nicht nein sagen können. Ich weiß nicht, ob man das Flirten nennen kann, aber ich versuche schon, meine Weiblichkeit einzusetzen und Dinge mit einem Augenzwinkern oder einem Lächeln voranzutreiben. Die Männer freuen sich immer, wenn sie eine Frau in der Küche sehen. Wenn sie dann handwerklich noch was kann, ist das natürlich umso besser. Es ist auch ein Vorteil, wenn man gut aussieht. Als blonde Deutsche bin ich hier in Frankreich immer sehr gut angenommen worden - das war eher ein Vorteil für mich.
ANNA LÜHRMANN, 24, ist die jüngste in den Deutschen Bundestag gewählte Abgeordnete und sitzt dort seit 2002 für Bündnis 90/Die Grünen. Sie ist verheiratet.
Ich hatte schon Zweifel, ob ich das schaffe. Ob ich nicht vielleicht doch zu jung bin. Und ob mir das überhaupt Spaß macht, hier in dieser riesigen Politikmühle. Aber die Zweifel sind eigentlich alle weg, mittlerweile. Mit am wichtigsten dafür war konstruktives und positives Denken, also dass ich, wenn irgendein Problem kam, nicht gesagt habe: Alle haben sich gegen mich verschworen! Sondern: Wie kann man das jetzt lösen? Die größte Rolle bei meiner Karriere spielt die Fähigkeit zum strategischen Planen.
Nicht seinen Lebenslauf, aber seinen Alltag muss man auf jeden Fall stark planen, wenn man nicht im Hamsterrad landen will. Im Bundestag hatte ich am Anfang das Gefühl, dass mich viele skeptisch anguckten, aber dann habe ich mich im Haushaltsausschuss und im Europa-Ausschuss auf bestimm-te Themen konzentriert und mir den Ruf erarbeitet, das seriös für die Grünen zu vertreten. Wenn man ernst genommen werden will, müssen die Leute wissen, dass man zu seinem Wort steht, und man muss sich zum Experten machen in bestimmten Themen.
Es gibt auch Leute hier, die dadurch überleben, dass sie alle Tuscheleien, allen Gossip und alle Zeitungsmeldungen kennen und das immer weitergeben. Das ist nicht mein Stil. Dieses Getratsche "Ja, haste schon gehört, derundder macht jetzt denundden Job, und dieunddie hat sich dasunddas Peinliche geleistet", das machen vor allen Dingen die Männer. Weil man sich dann nämlich wichtig vorkommen kann.

SPIEGEL SPECIAL 1/2008
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