26.02.2008

NAHAUFNAHMEDie Provokateurin

Ihre gesellschaftskritischen Bestseller „No Logo“ und „Die Schock-Strategie“ haben die kanadische Wissenschaftlerin Naomi Klein zum Star der Anti-Globalisierungs-Bewegung gemacht - mit begeisterten Fans und erbitterten Feinden.
Ihre ersten Todesdrohungen bekam Naomi Klein schon als Teenager. Der Anlass: Sie hatte in ihrer College-Zeitung einen kurzen, aber flammenden Artikel gegen die israelische Besetzung der Palästinensergebiete verfasst - die Reaktion waren Zettel mit angekündigten Bombenanschlägen. Und das mitten im gediegen-zivilisierten Kanada Ende der achtziger Jahre. "Ich habe nie größere Angst um mein Leben gehabt als damals", sagt sie im Rückblick.
Dennoch ging Klein hin, als die jüdische Studentengruppe darüber beraten wollte, wie mit dieser provokanten Israel-Feindin zu verfahren sei - "es wusste ja niemand, wie ich aussah". Die junge Frau, die in der Sitzung neben ihr saß, erklärte irgendwann, wenn sie Naomi Klein je träfe, würde sie sie umbringen. "Da bin ich einfach aufgestanden und habe gesagt: Ich bin Naomi Klein, ich habe diesen Artikel verfasst, und ich bin genauso jüdisch wie jeder Einzelne von euch." Die Stille im Raum muss ohrenbetäubend gewesen sein. "Da war ich 19", sagt Klein, "und das hat mich abgehärtet."
Heute ist Klein 37 Jahre alt, hat die beiden kontroversen gesellschaftspolitischen Bestseller "No Logo" (2000) und "Die Schock-Strategie" (2007) verfasst und ist durch nichts mehr zu erschüttern. Die Autorin wird von den einen heftig verehrt als Vordenkerin der Anti-Globalisierungs-Bewegung, ebenso heftig aber von den anderen gehasst, angefeindet und verunglimpft als linke Propagandistin.
Als Dauergast in Talkshows, bei Konferenzen, Podiumsdebatten, Lesungen und Interviews braucht Klein jede Unze ihrer Abhärtung: Sie bewegt sich in einem öffentlichen Raum, in dem eine Frau wie sie nach wie vor erhebliches Unbehagen hervorruft. Eine Frau, die mit radikalen, weit ausgreifenden Thesen den politischen Grundkonsens herausfordert und versucht, neue Erklärungen für gesellschaftliche Entwicklungen anzubieten. Klein ist die Frau für den großen Wurf: Wenn sie sich äußert, rappelt es im Diskurs. Solche Provokationen werden bis heute viel eher von Männern erwartet - und respektiert. Wäre ein männlicher Autor wohl gefragt worden, ob er "noch alle Tassen im Schrank" habe, wie es sich Klein vergangenen Herbst in der "Zeit" gefallen lassen musste?
Obendrein bewegt sich die gelernte Literaturwissenschaftlerin auf jenem Feld, auf dem - vielleicht abgesehen von der Autoreparatur - Frauen bis heute die geringste Kompetenz zugesprochen wird: der Wirtschaft. Schon "No Logo", eine Untersuchung der Markenkonsumkultur, war Gesellschaftskritik auf ökonomischer Grundlage, und Kleins aktuelles Buch "Die Schock-Strategie" ist nun eine Art Parallelgeschichte der vergangenen 30 Jahre, die nachzuweisen versucht, dass neoliberale Regierungen zielstrebig die Verwirrung und Lähmung ausgenutzt haben, in die Länder nach politischen oder wirtschaftlichen Krisen oder auch Naturkatastrophen verfallen. In diesen Krisenphasen werde, etwa derzeit im Irak, schnell das kapitalistische Wirtschaftssystem in seiner reinsten Form durchgepaukt, eine "Schockbehandlung", ehe die Bevölkerung wieder die Kraft habe, sich dagegen zu wehren.
Im Gespräch trägt Klein ihre kritische, unkonventionelle Lesart der politischen und wirtschaftlichen Zeitgeschichte stets mit einer Nüchternheit, Klarheit und Sachlichkeit vor, die sie vermutlich lange trainiert hat. Ihr ganzes Auftreten wirkt, als wäre es gründlich auf einen Mittelwert neutraler, unanstößiger Weiblichkeit austariert worden. Klein gibt sich nicht maskulin-forsch, aber auch nicht feminin-flattrig. Sie bevorzugt die geschmackvoll gedeckte Kleidung der amerikanischen Managerin; sie hat einen perfekt gefönten, perfekt gescheitelten Haarschnitt, makellos gezupfte Augenbrauen und trägt unauffälliges, aber höchst vorteilhaftes Make-up. Sie wird nie laut oder aggressiv, lässt jedoch keinen Zweifel an ihren Überzeugungen. Ihre Körpersprache ist ruhig und kontrolliert, ohne steif zu wirken. Sie behandelt ihr Gegenüber freundlich, charmant und verbindlich, ohne allzu viel zu lächeln. Die typisch weiblichen "Nettigkeitsgesten" findet man bei ihr nicht.
Natürlich weiß Klein, die bekennende Feministin, dass Frauen in der Öffentlichkeit immer noch viel stärker nach ihrem Auftreten und Aussehen bewertet werden als Männer - und dass Häme über Äußerlichkeiten bei ihnen gern die inhaltliche Auseinandersetzung ersetzt. Dass Kleins Zähne "so weiß wie die eines Hollywood-Stars" seien, fand etwa die "taz" bei einer Berliner Lesung berichtenswert, die auch beobachtete: "Sie schreitet zwischen den Stuhlreihen entlang, strahlt in die Kameras, zieht neckisch die Augenbraue hoch." "Jetzt.de", das Online-Jugendmagazin der "Süddeutschen Zeitung" notierte: "Für die Fotos setzt Naomi Klein die Brille ab. Sieht noch besser aus als mit. Ein Lichtgewitter blitzt kurz, aber nur kurz, denn schließlich geht es hier um Inhalte und nicht um Äußerliches. Ist schließlich kein Modell, die junge Frau. Auch wenn sie wirklich gut aussieht."
Viel Angriffsfläche bietet Klein für derartig billige Herablassung nicht - sicher bewusst. Indem sie alle Extreme in ihrer Erscheinung vermeidet, nimmt sie ihren Kritikern die Gelegenheit, sie wahlweise als vernunftunfähiges Weibchen oder als frustrierte Emanze zu diffamieren. Und indem sie, die Globalisierungskritikerin, so etabliert, bürgerlich und adrett daherkommt wie nur irgendeine Globalisierungsgewinnlerin, kann sie auch nicht als randständige Anarcho-Spinnerin ausgegrenzt werden.
Inhaltliche Attacken beantwortet sie mit Gegenfragen oder aber mit Fakten, Fakten, Fakten. Sie ist eine verbissene Rechercheurin, und sie hat ein Gedächtnis wie ein Intel-Chip. "Ich liefere lediglich Informationen", sagt Klein, was natürlich eine bewusste Irreführung ist. Ein Wegducken vor den Angriffen, denn es lässt Kritik erst einmal ins Leere laufen. Die Zitate, Zahlen und Tatsachen, die sie immer zur Hand zu haben scheint, sind ihre Rüstung; mit ihnen panzert sie sich gegen die gern geäußerte Unterstellung, sie würde ja nur unhaltbare Thesen aufstellen, die völlig daran vorbeigingen, wie die Welt wirklich funktioniert, oder auch gegen gönnerhafte Andeutungen, als Nicht-Ökonomin würde sie wohl die Sachlage nicht so ganz durchdringen. So leicht ist ihr nicht an den Karren zu fahren.
Wer lernen will, sich als Frau im Minenfeld öffentlicher Kritik zu bewegen, kann Klein als Studienobjekt dafür heranziehen, wie man so ziemlich alles richtig macht.
Den Hang zum Aktivismus hat Klein schon in ihrem Elternhaus mitbekommen. "Ich habe die Politik in den Genen", sagt sie. "Zu Hause wurde immer diskutiert, wie man die Welt retten kann. Ich habe es gehasst." Kleins Mutter ist eine feministische Filmemacherin, die einst vom Porno-Magazin "Hustler" zum "Asshole of the Month" gewählt wurde, ihr Vater ein in linken Kreisen engagierter Mediziner. Aus Protest gegen den Vietnam-Krieg hatten die Kleins in den sechziger Jahren die USA verlassen, so dass Naomi in Kanada aufwuchs - in einem Hippie-Haushalt, in dem die Babynahrung von Hand püriert und die beiden Kinder schon früh zu Demos und Mahnwachen mitgeschleift wurden.
"Ihr seid Verlierer", hat Naomi irgendwann die Eltern angeschrien. Sie rebellierte schon als Sechsjährige, indem sie sich auf die Gewinnerseite schlug, und die hieß für sie: Shoppen, Markenverehrung, Konsum. Im Teenie-Alter nähte sie kleine Stoffkrokodile auf ihre Polohemden, damit sie nach Lacoste aussahen. Erst im College gab sie den Protest gegen den Protest auf und wandelte sich zur engagierten Tochter ihrer Eltern.
Aber ihr Verständnis für die Versuchungen des Konsums hat Klein gelehrt, dass mit der freudlosen altlinken Vorwurfsnummer bei den meisten Menschen nichts zu holen ist. Die Leute wollen ihr Leben genießen und sich nicht von hohlwangigen Vegetariern in Strickpullis ein schlechtes Gewissen machen lassen. Darum stilisiert sich Klein nicht als Aussteigerin, sondern als nette Nachbarin. "Manchmal habe ich das starke Bedürfnis, jede sichtbare Stelle meines Körpers zu piercen, um nicht länger so vorzeigbar auszusehen", hat sie vor Jahren in einem Interview gestanden, "aber dann sehe ich 17-jährige Teenager bei meinen Veranstaltungen und weiß, dass sie nur gekommen sind, weil sie mich als jemanden sehen, mit dem sie sich identifizieren können." Klein gelingt es, ihr radikales Gedankengut an Orten zu verbreiten, an die es sonst nie gelangen würde. Man sieht ihr nicht an, dass sie nichts Geringeres will als eine völlig andere Weltordnung. Und wer weiß, vielleicht wird sie die sogar eines Tages bekommen. SUSANNE WEINGARTEN
Von Susanne Weingarten

SPIEGEL SPECIAL 1/2008
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