25.03.2008

NAHAUFNAHMEDie Vorbeterin

Halima Krausen betreut seit 1996 die deutschsprachige muslimische Gemeinde in der Hamburger Imam-Ali-Moschee. Die deutsche Muslimin sieht sich als Mittlerin zwischen den Religionen.
Sie könnte die Schwester Oberin sein. Eine dieser strengen Frauen in Schwarz-Weiß, die zwischen alten Gemäuern jungen Klosterschülerinnen Zucht und Ordnung beibringen. Vielleicht ist es der knöchellange dunkle Rock, der zusammen mit dem weißen Kopftuch an die christliche Tracht erinnert, vielleicht ist es auch ihre Pose: die Knie ein wenig gebeugt, den schweren Oberkörper nach vorn geneigt, als wolle sie sich gleich bekreuzigen. Doch das liegt ihr fern.
Die Frau hat sich nur gebückt, um die Schuhe von den Füßen zu streifen, wie es Muslime vor dem Gebet zu tun pflegen. Auf Socken läuft sie über die weichen Orientteppiche hinüber in den Kuppelsaal, das lichtdurchflutete Zentrum des Gebäudes. Etwa 30 Jugendliche hocken dort unter dem großen Kristalllüster auf dem Boden und lauschen still einem vollbärtigen Mann, der eine spannende Geschichte zu erzählen scheint.
Als sie die Runde erreicht, unterbricht der Bärtige seinen Vortrag. "Das ist Halima Krausen", stellt er sie mit leichtem Akzent vor, "eine deutsche Freundin, zuständig für die deutschsprachige Gemeinde hier in der Imam-Ali-Moschee. Ich nenne sie meine Imamin."
Halima Krausen, die Imamin, nickt kurz. Die Jungen und Mädchen lächeln verlegen zurück. Es sind Konfirmanden aus Schenefeld bei Hamburg, die hier etwas über den Islam lernen sollen. Krausen findet das gut, denn den Koran verstünden sowieso schon viel zu viele Menschen falsch. Das Wort "Dschihad" zum Beispiel, das so oft im Koran vorkomme, das werde mit "Bemühung" übersetzt. "Wer Krieg oder Kampf da hineininterpretiert, liegt falsch", sagt Krausen, die in den vergangenen Jahren schon an einigen Kommentaren und Übersetzungen mitgearbeitet hat. Sie liebt den Koran. Schon lange. Mit acht Jahren, sagt sie, habe sie die ersten Verse gelesen. Heute ist sie 58.
Sie hat früh gezweifelt am Gott der Christen oder vielmehr an dem, was ihre Verwandten aus ihm machten. Es schien ihr merkwürdig, dass die evangelische Familie ihrer Mutter und die katholische Familie ihres Vaters sich gegenseitig in die Hölle wünschten.
"Wenn Gott gerecht und barmherzig ist, muss es verschiedene Wege zu ihm geben", sagt Krausen heute dazu. Sie steht in der Eingangshalle der Moschee und zeigt auf die beiden Treppen, die zu den Büros auf der Galerie im ersten Stock führen. Eine von links. Eine von rechts. "Das ist das Schöne an diesem Gebäude. Auch hier kann man immer auf verschiedenen Wegen zum Ziel kommen."
Der Weg, der Halima Krausen in diese Moschee führte, klingt wild und geheimnisvoll. Mit 13, sagt sie, habe sie die Antworten auf ihre Fragen im Islam gefunden. Ohne einen eigenen Koran zu besitzen.
Als Gymnasiastin in Aachen sammelt sie Verse wie andere Rabattmarken. Die Einzelgängerin durchforstet das heimische Bücherregal, Bibliotheken, Buchläden, liest Reiseberichte und Gebetbücher. Sie mag "das Ganzheitliche dieser Religion, die Einheit von Körper, Geist und Seele".
Alles, was sie über den Islam entdeckt, schreibt sie in ein Heft, das sie jeden Tag an einem anderen Platz in ihrem Zimmer versteckt, damit die Mutter es nicht findet. Und nebenbei bringt sie sich Arabisch bei, ganz allein.
Kurz vor dem Abitur, mit 19, verlässt Krausen das Elternhaus, wohl im Streit, mehr will sie nicht preisgeben. "Eltern muss man ehren", das ist ihr einziger Kommentar. Sie schlägt sich durch - als Schwesternhelferin, Übersetzerin, am Fließband einer Staubsaugerfabrik. "Das war Akkord, zack, zack, zack", sagt sie laut.
Erst nachdem sie das Abitur im Selbststudium geschafft hat, kann sie mit 33 Jahren in Hamburg Islamwissenschaften studieren. Über ihren richtigen Namen, den, mit dem sie getauft wurde, will sie nichts sagen. Und auch über ihren Mann schweigt sie eisern. Seit 30 Jahren ist sie mit einem Muslim verheiratet, das müsse reichen.
Wann sie denn konvertiert sei?
"Ich bin nicht konvertiert", sagt Krausen barsch, und ihr Blick hinter den dicken Brillengläser wird starr. Krausens rundes Gesicht, umrahmt von dem weißen Kopftuch, wirkt alterslos. Die helle Haut ist fast faltenfrei, aber um die Mundwinkel haben sich tiefe Furchen gegraben.
"Ich habe nie an etwas anderes geglaubt als heute", erklärt sie und klingt dabei, als würde sie den Satz am liebsten in Stein meißeln.
Das Leben als Muslimin ist kompliziert. Seit dem 11. September 2001 ist es nicht einfacher geworden. Der Verfassungsschutz habe wohl auch die Imam-Ali-Moschee im Blick, vermutet Krausen: "Die sollen ruhig bei mir vorbeikommen. Ich würde denen schon erklären, dass für Muslime in Deutschland das Grundgesetz zur Scharia gehört."
Sie selbst sieht sich als Mittlerin zwischen den Religionen. Ihre beste Freundin ist Rabbinerin im US-Bundesstaat Connecticut. Aus einem der vielen Papierstapel auf ihrem Schreibtisch lugt das Programm des 31. Deutschen Evangelischen Kirchentags hervor. Neben dem Koran liegt die "Bibel in gerechter Sprache", eine Übersetzung, die "politisch korrekt" sein will, sagt sie. Und an der Wand hängt eine Postkarte, auf der in dicken Buchstaben das Wort "coexist" geschrieben steht, wobei das "c" durch eine islamische Sichel, das "x" durch einen jüdischen Davidstern und das "t" durch das christliche Kreuz ersetzt worden sind.
Seit 1996 betreut die Imamin etwa 400 Familien der Gemeinde in Hamburg, häufig christlich-muslimisch gemischte Ehen oder Konvertiten. Sie betrachtet sich als deren Seelsorgerin. Sie vermittelt bei Eheproblemen und hilft, wenn es Ärger in der Schule oder am Arbeitsplatz gibt. Meist seien Verständigungsprobleme die Ursache. Und davon gibt es viele. Krausen zeigt auf ihren großen, in schwarzes Leder gebundenen Terminkalender. "Der ist dicker als mein Koran", sagt Krausen.
Denn nicht nur die Gemeindemitglieder fragen sie um Rat. Krausen lehrt auch an der Universität Hamburg, arbeitet dort im Arbeitskreis Interreligiöser Dialog, den sie mitgegründet hat. Und gerade hat eine Studiengruppe aus Birmingham "um Input" gebeten. Sie wird hinfliegen. Sie ist gern unterwegs.
Ihr Kopftuch behält sie dabei immer an. Es gehöre einfach dazu, zum Gebet. "Außerdem bin ich so bestens über die aktuellen ausländerfeindlichen Sprüche informiert." Als Frau unterdrückt fühlt sich Krausen davon nicht.
"Natürlich ärgern mich die mickrigen Räume für Frauen in manchen Moscheen", sagt sie, dafür müsste man auf die Barrikaden gehen. Und wenn sie den Eindruck hat, Frauen seien in einer Moschee so gar nicht willkommen, dann geht sie erst recht dort hin und beginnt ein extra langes Gebet. "So ein Gebet unterbricht man nämlich wirklich nur im Notfall", sagt sie und grinst breit. Krausen lässt sich nicht vertreiben.
In der Imam-Ali-Moschee fühlt sie sich zu Hause. Ohne jede Demut, mit festem Schritt und geradem Rücken bewegt sie sich durch das Haus, grüßt jeden, der ihr begegnet mit einem lauten "Salam aleikum". "Natürlich gibt es hier auch Meinungsverschiedenheiten", sagt sie. Doch bislang konnte sie alles klären. Sie ist Profi im Dialog.
Was nicht heißt, dass sie für alles Verständnis hat. Vor der Tür zum Gebetsraum liegen Schuhe mitten auf dem Gang. Mit einem festen Tritt schießt sie die Plastiklatschen zur Seite.
Plötzlich, als riefe jemand aus weiter Ferne durch ein Megafon, erweckt Sprechgesang das bis dahin stille Gebäude zum Leben. Es ist der Muezzin, der ruft. Krausen murmelt seine Worte leise nach. Dann verschwindet die Imamin zum Gebet. ULRIKE DEMMER
Von Ulrike Demmer

SPIEGEL SPECIAL 2/2008
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