25.03.2008

RELIGION & TRADITIONDas Gesicht nach Mekka

Die meisten Muslime, die in Deutschland sterben, werden in ihren Heimatländern beerdigt. Aber immer mehr Bundesländer und Kommunen erlauben islamische Bestattungsriten.
Zerrissen wie das Leben von Mustafa Künar ist auch seine Beerdigung. In den sechziger Jahren war der gläubige Muslim aus der Türkei nach Deutschland gekommen - im Alter von 72 Jahren starb der ehemalige Kreuzberger Gemüsehändler nun Anfang Februar in Berlin.
Nach seinem Tod ist ein Teil seiner Familie sofort in sein Heimatdorf Karamanli ins Hinterland von Antalya aufgebrochen: Der elffache Großvater sollte schnellstmöglich in türkischer Erde begraben werden. Ohne Sarg, nach islamischer Sitte nur in Leinentücher gehüllt, als Symbol, dass er nun ganz Gott gehört. "Beeilt euch mit dem Begräbnis", soll der Prophet Mohammed gesagt haben. Doch zuerst wollen sich Verwandte und Freunde an der Spree von Mustafa Künar verabschieden. Sie sind deshalb in die S¿ehitlik-Moschee am Columbiadamm in Neukölln gekommen. Zwei Söhne Künars haben dort in einem Waschraum zusammen mit einem Imam den Leichnam dreimal mit Wasser und Seife gewaschen, mit Kampfer bestreut, dreifach in weißes Leinen gewickelt und für den Flug in einen Sarg gebettet.
Nach dem Mittagsgebet ruht nun der luftdicht verschlossene Sarg mit Zinkeinsatz, für den Transport in Plastikfolie gehüllt, auf einem Metallgestell vor der Moschee. Der Imam spricht das Totengebet in ein Mikrofon, bittet Gott um Vergebung der Sünden des Verstorbenen. Dann tragen mehrere Männer den Sarg zum Leichenwagen. Bestatter Orhan Aydogdu schließt das Heck des weißen Mercedes-Vitro und startet zum Flughafen Tegel. Die Söhne Künars werden in derselben Maschine wie ihr Vater nach Antalya fliegen.
"Mein Onkel hat die letzten 40 Jahre mit der Sehnsucht gelebt, in die Türkei heimzukehren", sagt Ömer Acar, ein Neffe des Verstorbenen. "Bei uns heißt es: Was er zu Lebzeiten nicht geschafft hat, soll ihm wenigstens als Leichnam gelingen."
Die meisten der in Deutschland verstorbenen Muslime - in der Mehrzahl Angehörige der ersten Gastarbeitergeneration - kehren nach dem Tod in ihre Heimatländer zurück. Islamische Bestattungen sind in Deutschland selten. Das Miteinander zwischen Muslimen und Nichtmuslimen ist wie im Leben auch nach dem Tod nicht reibungsfrei: Viele Muslime sehen ihre Bestattungskultur durch deutsche Gesetze behindert - den Deutschen wiederum sind deren Gräber oft zu ungepflegt.
Doch in Zukunft, prophezeien Experten, wird die Zahl islamischer Gräber zwischen Kiel und Konstanz rasant wachsen. Etliche Bundesländer haben deshalb schon begonnen, ihre Gesetze den islamischen Riten anzupassen. Dass sich der Wunsch der Muslime nach eigenen Friedhöfen in Deutschland erfüllt, ist jedoch nicht in Sicht.
Wenn in den Sechzigern ein türkischer Gastarbeiter starb, kam es schon mal vor, dass ihn die Angehörigen in einen Teppich rollten, aufs Autodach luden und auf schnellstem Wege in die Türkei fuhren. Das ist kein Klischee aus einer Kinoklamotte, sondern die Wahrheit, erinnert sich Mohammed Herzog, Vorsitzender der Islamischen Gemeinschaft deutschsprachiger Muslime in Berlin. Inzwischen gibt es in der Hauptstadt eine Handvoll islamischer Bestattungsunternehmen. Sie heißen Vakif, Hicret oder Ikinci Bahar, sind 24 Stunden dienstbereit und bieten im Todesfall einen Rundum-Service an.
Die Bestattungsprofis besorgen die Sterbeurkunde, stellen die Schwämme und Handtücher für die Waschungen, organisieren den Auslandstransport genauso wie ein Erdbegräbnis in Deutschland. Feuerbestattungen sind im Islam nicht erlaubt. Doch 90 Prozent seiner durchschnittlich 15 Aufträge pro Monat seien Überführungen, so Orhan Aydogdu vom Bestattungsunternehmen Vakif. "Die erste Generation hat noch viel Verwandtschaft in der Türkei, die Eltern liegen dort begraben."
"Du sollst dort begraben sein, wo du gelebt hast, heißt es bei uns", sagt Herzog, der als Imam viele Muslime auf ihrem letzten Weg begleitet hat. Dass häufig gegen diese Regel verstoßen wird, liegt nicht nur am Heimweh: Die Bestattungsriten der Muslime kollidieren mit deutschem Recht. So müssen sie in vielen Bundesländern ihre Toten in Särgen begraben. Auch auf die ewige Totenruhe, die der Islam den Verstorbenen gewährt, nehmen die deutschen Paragrafen meist keine Rücksicht. Gräber werden hierzulande nach spätestens 25 Jahren aufgehoben.
Tote können außerdem nicht innerhalb von 24 Stunden, wie in islamischen Ländern üblich, beigesetzt werden - in Deutschland dürfen Verstorbene frühestens 48 Stunden nach Eintritt des Todes bestattet werden. "Die Vorschriften stören viele Angehörige sehr", so Dinçer Balci vom Kreuzberger Bestattungsunternehmen Hicret. Der Name Hicret bedeutet so viel wie Auswanderung. Dazu kommt: Überführungen kosten mit 1600 bis 1800 Euro bei den meisten Anbietern mehrere hundert Euro weniger als eine Bestattung hierzulande; zudem unterstützen viele islamische Sterbekassen die Überführung in die Heimat.
Dennoch wächst seit Jahren die Zahl der islamischen Gräber in deutscher Erde, weiß der Islamkenner Thomas Lemmen aus Köln. Denn immer mehr Bundesländer und Kommunen ändern ihre Gesetze. In den Augen des Experten eine erfreuliche Entwicklung: "Islamische Bestattungsvorschriften - und damit Regelungen des islamischen Rechts, der Scharia - sind in deutsche Friedhofssatzungen eingegangen, und niemand hat sich darüber aufgeregt."
So stellen laut Lemmen inzwischen mehr als hundert Städte und Gemeinden auf ihren Friedhöfen gesonderte Grabfelder zur Verfügung. Muslimen ist es strikt verboten, neben Christen oder Atheisten begraben zu werden. Inzwischen ist der Trend zum multikulturellen Friedhof gar in der ostfriesischen Provinz angekommen: Im Oktober vergangenen Jahres hat die Stadt Emden ihren 1500 Muslimen ein eigenes Gräberfeld übergeben.
Noch sind es vor allem Kinder und Jugendliche, die auf muslimischen Grabflächen in Deutschland die letzte Ruhe finden - so können die Eltern, die weiter hier leben, die Gräber regelmäßig besuchen.
Die islamischen Felder auf dem städtischen Friedhof am Neuköllner Columbiadamm oder dem Landschaftsfriedhof Gatow in Berlin-Spandau fallen sofort ins Auge: Die Gräber sind nach Osten ausgerichtet. Der Leichnam liegt darin auf der rechten Körperseite, das Gesicht weist nach Mekka. Die meisten ziert ein schlichter Stein oder eine Holztafel mit Namen sowie Geburts- und Sterbejahr.
Aufwendiger Grabschmuck mit Blumen und Kränzen ist in islamischen Ländern unbekannt - das lässt schon das Klima nicht zu. So sprießt auf manchen Gräbern nur Unkraut und Gras, andere dagegen sind liebevoll bepflanzt, mit Steinen verziert und lassen klar deutsche Einflüsse erkennen.
Dass die Muslime "keine akkurate Grabpflege" betrieben, stoße deutschen Friedhofsnutzern gehörig auf, weiß Gerhard Kempf, Friedhofsinspektor in Gatow. Und wenn sie Plastikeinfassungen und andere "unschöne Elemente" aus dem Baumarkt für ihre Gräber holten, strapazierten sie auch die Gestaltungsvorschriften. "Doch wir respektieren die fremden Trauertraditionen", sagt Kempf.
Experten rechnen damit, dass die Zahl der islamischen Bestattungen in den nächsten 20 bis 30 Jahren, wenn die folgenden Migrantengenerationen ins Sterbealter kommen, drastisch ansteigen wird.
Muslime wie Firouz Vladi, Geschäftsführer des Landesverbands der Muslime in Niedersachsen (Schura), fordern schon jetzt, dass ihre Toten möglichst in allen Bundesländern ohne Sarg unter die Erde dürfen. Dem haben bislang schon etliche Länder entsprochen - in Hamburg, Niedersachsen, Schleswig-Holstein, Nordrhein-Westfalen, Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg, Thüringen und im Saarland wurde der Sargzwang gekippt.
Dabei ist die Sargfrage unter islamischen Gelehrten strittig - der Koran gibt darauf keine Antwort. Volkan Coskun, Gründer der islamischen Abteilung Ikinci Bahar beim Berliner Traditionsbestatter Ahorn-Grieneisen, präsentiert dazu ein Schreiben des Islam-Archivs Deutschland. Danach hat die Akademie für islamisches Recht in Mekka die Bestattung "in hölzernen Särgen gestattet". Den speziellen Islam-Sarg, den Coskun seinen Kunden "aus hygienischen Gründen" empfiehlt, hat er sich patentieren lassen: aus unbehandeltem Vollholz, mit einem spitz zulaufenden Deckel, der den Zusammenhang zwischen Himmel und Erde symbolisieren soll.
Tatsächlich wird vom Sargverzicht, den die neuen Gesetze ermöglichen, oft kein Gebrauch gemacht - in Aachen beispielsweise nur in der Hälfte der Fälle, wie Theologe Lemmen berichtet.
Belastender für die religiösen Gefühle sind die befristeten Ruhezeiten - sie gefährden nach islamischen Vorstellungen die Aussicht auf Auferstehung, soll doch der Tote in seinem Grab dem Tag des Jüngsten Gerichts ungestört entgegendämmern können. Doch auch in diesem Punkt zeigen sich einige Länder inzwischen flexibel und gestatten es in Ausnahmefällen, eine Grabstelle zu verlängern.
Bekir Alboga, Sprecher des Koordinierungsrats der Muslime, sieht durch die Lockerung der Bestattungsgesetze "die Bereitschaft zur lntegration" gestärkt. Der Wunsch, eigene Friedhöfe zu betreiben, bleibt den Muslimen allerdings verwehrt: In Deutschland dürfen lediglich juristische Personen öffentlichen Rechts Träger von Friedhöfen sein, wie beispielsweise Kirchen und Gemeinden; islamische Verbände haben bislang keine Aussichten, diesen Status zu erlangen.
Solange das große politische Ziel noch weit entfernt ist, besinnt sich Firouz Vladi auf kleine pragmatische Schritte. Dass es auf den islamischen Gräbern manchmal aussieht "wie Kraut und Rüben", ist auch dem Deutsch-Iraner ein Dorn im Auge. Er appelliert deshalb an die Moscheevereine, "Grabpflegeclubs" zu gründen. Sie sollen regelmäßig ein paar Leute mit Schippen und Harken auf die Friedhöfe schicken - um den deutschen Ordnungssinn zu besänftigen. ULLA HANSELMANN
Von Ulla Hanselmann

SPIEGEL SPECIAL 2/2008
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