27.05.2008

WIRTSCHAFTDie Karawane zieht weiter

China will nicht länger die Billigfabrik der Welt sein. Die Kosten steigen, die Exportware wird damit immer teurer. Die Planer in Peking treiben den Umbau des Standorts zu einer Hightech-Volkswirtschaft voran. Preisgünstig produziert wird nun in anderen Ländern wie Indien oder Vietnam.
Die Weltfabrik braucht neue Billiglöhner, und deshalb schreit sich der Mann im dunklen Anzug heiser. "Zögert nicht", ruft er den Umstehenden zu und presst seinen Mund ans Mikrofon. "Wir regeln alles in Minuten, dann habt ihr sofort Arbeit."
Der Mann, er heißt Zhou Liang, arbeitet für eine private Jobvermittlung, sie liegt mitten in einem Busbahnhof von Shenzhen, der südchinesischen Industriemetropole. Aus allen Landesteilen rollt hier ein Bus nach dem anderen ein und liefert frischen Nachschub an jungen Wanderarbeitern.
Doch Vermittler Zhou klingt verzweifelt, wie einer, der etwas versteigern muss, was niemand haben will. An der Wand werben Poster für einige der am schlechtesten bezahlten Jobs der Welt. Alle möglichen Fabriken suchen Personal, sie zahlen nur den Mindestlohn von 750 Yuan monatlich, umgerechnet sind das rund 70 Euro: für acht Stunden am Tag, fünf Tage je Woche. Aber mit Überstunden und Wochenenddienst, lockt Zhou, könnten die Arbeiter leicht doppelt so viel verdienen.
Endlich hat Zhou 40 Bewerber gefunden, er lässt sie in drei Reihen antreten, eine der Kandidatinnen ist die 20-jährige Zhong Xia aus der Provinz Sichuan; sie hat eine Tasche dabei und einen Plastikeimer, darin will sie ihre Wäsche waschen im Wohnheim der Fabrik, wo sie künftig mit mehreren Frauen ein Zimmer teilen wird.
Die junge Frau soll Elektroteile montieren, Kabel, Stecker. Für den Anfang sei das besser als nichts, sagt sie hastig, dann wird ihre Gruppe abgeführt, vor dem Bahnhof warten Kleintransporter zur Fahrt in die Fabriken. Alles muss rasch gehen, kein Arbeiter soll in letzter Minute noch abspringen. Denn die Ware Arbeitskraft ist knapp geworden in der Weltfabrik.
Allein im Perlflussdelta an der Grenze zu Hongkong, wo Marken von Adidas bis Mattel ihre Produkte fertigen lassen, fehlen rund zwei Millionen Arbeiter. Die Hersteller liefern sich einen gnadenlosen Wettbewerb um Personal, einen Kampf um jeden Mitarbeiter. Er markiert ein neues Kapitel in der Geschichte der Globalisierung.
Lange schien es, als stünde mit 1,3 Milliarden Chinesen ein schier unerschöpfliches Reservoir von Niedriglöhnern zur Verfügung. Darauf beruhte das Erfolgsrezept, das der Reformer Deng Xiaoping dem Land vor 30 Jahren verschrieb: Ausländische Konzerne verlagerten die Fertigung einfacher Produkte ins gelobte China. Und die Kommunisten stellten ihnen die Arbeiter zur Verfügung.
Davon profitierten alle: Rund 300 Millionen Chinesen wurden aus tiefer Armut befreit, China avancierte zu einem Hauptlieferanten der Industrieländer. Und die Verbraucher im Westen freuten sich über preiswerte T-Shirts und Turnschuhe.
Doch nun funktioniert das symbiotische System nicht mehr so reibungslos wie früher. Der Zustrom von Wanderarbeitern ebbt ab, weil die Wirtschaft auch in den ärmeren Westprovinzen boomt; viele Chinesen suchen lieber zu Hause einen Job. Und die Unternehmer müssen ganz neu kalkulieren.
Überall verzeichnen sie steigende Kosten. Insbesondere der Mangel an Arbeitskräften hat die Produktion verteuert, die Beschäftigten können höhere Löhne verlangen. Ein strengeres Arbeitsgesetz, teurere Rohstoffe sowie die Aufwertung des chinesischen Yuan gegenüber dem Dollar treiben die Ausgaben zusätzlich in die Höhe. Die Inflationsrate ist zuletzt auf acht Prozent geklettert. China, der ultimative Billigstandort - das war einmal.
Das spüren auch deutsche Investoren, die die niedrigen Kosten einst nach Fernost gelockt haben. Erstaunt stellen sie neuerdings fest, dass von den finanziellen Vorteilen nur noch wenig übrig ist, wenn überhaupt: "Es passiert immer seltener, dass unter dem Strich ein Gewinn bleibt", berichtet der Berater Wilfried Krokowski, Spezialist für den Einstieg deutscher Unternehmen ins chinesische Geschäft.
Die Folge: Insbesondere das Perlflussdelta, aber auch andere Produktionsregionen erleben einen regelrechten Exodus. Jedes fünfte Unternehmen, so eine Umfrage der US-Handelskammer in Shanghai, überlegt sich bereits, China wieder zu verlassen. Viele Unternehmer ziehen mit ihren Fabriken dorthin, wo die Löhne niedrig sind: nach Vietnam, Bangladesch oder Indien.
Oder sie machen ganz dicht, wie das Unternehmen Boji: Bis vor kurzem war Boji weltweit einer der größten Hersteller künstlicher Weihnachtsbäume, 20 000 Menschen arbeiteten hier. Jetzt steht der Gebäudekomplex in Shenzhen verlassen da, die Werkstore sind verschlossen. "Wir wollen unser Geld", haben wütende Lieferanten an die Wand gekritzelt.
Allein im Dezember und Januar verschwanden mehr als tausend Firmen aus dem Perlflussdelta; die meisten stammten aus Taiwan oder dem benachbarten Hongkong. Sie bilden nur die Vorhut: Zehn Prozent der bis zu 70 000 kleinen und mittleren Hersteller dürften dieses Jahr schließen, schätzt Stanley Lau, Vizechef eines Hongkonger Unternehmensverbands. Rund 4000 Firmen der Schuhindustrie hätten bereits dichtgemacht.
Das Erstaunliche: Kaum jemand in China regt sich über den Abzug der Klitschen auf. Es gibt keine großen Proteste, keine hilflosen Appelle von Seiten der Politiker. Im Gegenteil, der Wandel ist gewollt. Chinas Planer wissen, dass ihr Land als Billigmanufaktur keine Zukunft hat. Nach dem Vorbild von Japan und Südkorea bauen sie die Weltfabrik um, sie wollen die Industrie auf Hightech-Niveau katapultieren. Und diese Veränderung treiben die roten Strategen so energisch voran, wie es nur Diktaturen können.
Neuerdings haben sie Ausländern, die investieren wollen, Privilegien bei der Körperschaftsteuer gestrichen, für zahlreiche Exportgüter senkten sie steuerliche Nachlässe. Damit können bestimmte Produkte wie Schuhleder praktisch nicht mehr profitabel ausgeführt werden.
Zugleich will Peking die gesellschaftliche "Harmonie" fördern, die Staats- und Parteichef Hu Jintao unermüdlich predigt. Denn mittlerweile regt sich auch in der Volksrepublik Unmut. Die Untertanen werden sich ihrer Rechte bewusst, sie wollen sich nicht länger ausbeuten lassen.
Alle paar Tage legen bei Clever Metal & Electroplating in Shenzhen die Beschäftigten die Arbeit nieder. In ihren blauen Uniformen mit aufgestickten gelben Nummern hocken sie am Straßenrand, es sieht harmlos aus, wie bei einem Picknick. Doch die Stimmung ist geladen.
Seit zwei Wochen warteten sie auf ihr Gehalt, sagen die Arbeiter. Den Bossen gehe das Geld aus, vermuten sie - und ihnen die Geduld: "Bis zu zwölf Stunden täglich bespritze ich Metallrahmen mit Farbe", klagt einer, "gegen den Gestank hilft auch der dünne Mundschutz nicht."
Noch immer haben sich die Bedingungen in vielen chinesischen Fabriken nicht wesentlich verbessert. Die Arbeitgeber zahlen Hungerlöhne, rechnen Überstunden nicht an, und sie ruinieren die Gesundheit der Belegschaft. Wie knochenhart es hinter den Kulissen zugeht, berichtet eine Arbeiterin von Taiway, einem Zulieferer der Sportartikelindustrie.
Bis zu zehn Stunden täglich müsse sie Leim auf Schuhsohlen streichen, mit einem Gerät, das kaum größer als eine Zahnbürste ist. Der Geruch sei ätzend, oft leide sie unter Kopfschmerzen. Als Schutz habe die Firma zwar Atemmasken verteilt, aber die nützten nichts, deshalb trage sie fast niemand - außer, wenn Inspekteure kämen.
Abends fällt sie erschöpft ins Bett. Im firmeneigenen Wohnheim teilt sie sich mit sechs anderen Frauen ein Zimmer. Über eine Dusche verfügen die Arbeiterinnen nicht; um sich zu waschen, schleppen sie heißes Wasser in Eimern heran.
Solche Bedingungen hätten Chinesen früher leise ertragen. Nun lassen sie sich so etwas nicht mehr bieten. Sie können mit der Unterstützung von ganz oben rechnen. Das neue Arbeitsgesetz, zu Jahresbeginn eingeführt, gewährt den Beschäftigten einen besseren Kündigungsschutz und höhere Abfindungen - den Unternehmern allerdings damit auch steigende Ausgaben, insbesondere den Billigproduzenten.
An allen Fronten kämpft der Manager Huang Hanxin gegen den neuen Kostenschub. Der 68-Jährige leitet das Unternehmen Sha Wan Dian Ji, einen der weltgrößten Hersteller von Haarföhnen, sieben Millionen Geräte verlassen jährlich die Fabrik. Die Arbeiter - meist junge Frauen - montieren Föhne für die Marken Revlon, Conair, Babyliss und Vidal Sassoon. In akrobatischer Manier setzen sie die Kunststoffgehäuse zusammen, an jedem Band fertigen 70 Frauen 3000 Stück am Tag.
Einst erwirtschaftete die Fabrik 15 Prozent Gewinn, jetzt blieben nur noch 3 bis 5 Prozent übrig, klagt Manager Huang. Das Unternehmen trage schwer an der Aufwertung des Yuan gegenüber dem Dollar. Außerdem verteuerten strengere Umweltschutzauflagen die Produktion um drei bis fünf Prozent, sagt Huang. Neuerdings verlangt Brüssel die Begrenzung gesundheitsschädlicher Substanzen wie Blei oder Kadmium in elektronischen Geräten. Deshalb müsse er nun andere, teurere Materialien einkaufen.
Die Abnehmer der Importware aus China müssen erheblich mehr bezahlen, vor allem einfache Artikel wie Kleidung oder Schuhe sind teurer geworden. "Made in China", bestätigen die Chefeinkäufer von deutschen Handelskonzernen und Industriebetrieben, sei längst nicht mehr gleichbedeutend mit "konkurrenzlos billig".
Man spüre inzwischen "deutliche Preissteigerungen", heißt es beim Versandhändler Otto, vor allem gelte dies für Textilien. Auch das Warenhaus Kaufhof beobachtet aufmerksam, wie Produkte chinesischer Herkunft immer teurer werden: "Es beschäftigt uns." Es beschäftigt alle, die mit China geschäftlich zu tun haben, gerade auch Mittelständler.
Quer durch das Sortiment erhöhten chinesische Lieferanten die Preise, klagt Mario Moeschler, Marketingmann beim Schweinfurter Fahrradhersteller Winora, mal um fünf Prozent, mal um zehn Prozent: "Die Ankündigungen liegen auf dem Tisch." Drei bis vier solcher Schreiben gehen jede Woche bei ihm ein. Die Begründung lautet immer gleich: Stahl und Aluminium seien so ungeheuer teuer geworden, leider falle daher die Rechnung höher aus. Das trifft Fahrradhersteller besonders, sie beziehen einen Teil ihrer Komponenten wie Rahmen oder Gabeln aus China.
Freilich haben die Rohstoffpreise überall auf der Welt angezogen. Was derzeit aber gerade Waren aus China derart verteuert, sind die immens gestiegenen Arbeitskosten. Ein Aufschlag von jährlich zehn Prozent und mehr bei Lohn und Gehalt ist mittlerweile die Regel.
Heute verdient ein Ingenieur, von der Ausbildung einem deutschen Techniker vergleichbar, jährlich rund 20 000 Euro, das ist doppelt so viel wie zu Beginn des Jahrzehnts. Zudem wird es immer schwieriger, solche qualifizierten Kräfte überhaupt zu bekommen - und diese auch zu halten.
Kein Wunder, dass so gut wie jedes deutsche Unternehmen (94 Prozent), das Geschäftsbeziehungen nach China pflegt, weiter steigende Lohnkosten erwartet, wie eine Umfrage der Beratungsfirma PricewaterhouseCoopers (PwC) und des Bundesverbands Materialwirtschaft, Einkauf und Logistik ergeben hat. Danach beträgt der Preisvorteil chinesischer Produkte im Schnitt nur noch rund zehn Prozent. Nicht selten, behaupten die Firmen, nähmen sie sogar Verluste in Kauf. "Mit steigendem Qualitätsanspruch und Automatisierungsgrad sowie engen Zeitvorgaben werden Produkte preislich immer weniger interessant für eine Beschaffung aus China", urteilt der PwC-Experte Klaus Schulten.
Längst schauen sich die Importeure nach Alternativen um. "Osteuropa und Indien werden als Beschaffungsmärkte mittelfristig erheblich an Bedeutung gewinnen", so die Prognose der PwC-Studie. Die Karawane zieht weiter.
Und die Schuhbranche gibt die Richtung vor: Zu Hunderten haben in der Provinz Guangdong bereits Fertigungsstätten aufgeben müssen. Dafür eröffnen Hunderte neuer Betriebe in Ländern wie Indien, Bangladesch, Indonesien, Vietnam oder Kambodscha. Dort trifft die deutsche Schuhindustrie zuweilen auf alte Bekannte: Vielfach sind es Chinesen, die in diesen Ländern die Fabriken aufbauen.
Auch Thomas Schneider, 52, ist angekommen in Vietnam, dem gelobten Land der internationalen Schuhindustrie, wo die meisten seiner Kunden - Weltmarken von der Adidas-Gruppe bis zu Timberland - jetzt vermehrt Schuhe produzieren lassen. Unzählige Industrieparks schrieb Schneider vergebens an, bis er ein Areal nahe Ho-Tschi-minh-Stadt, dem früheren Saigon, fand. Ab August 2009 sollen hier 400 Arbeiter für ihn Leder gerben.
Dabei war der Unternehmer, der in Reutlingen Gerberei lernte, fast schon sesshaft geworden: In Taiwan hatte er eine Lederfabrik aufgebaut, dann folgte er Anfang der neunziger Jahre der Lederbranche nach China, damals das allerneueste Billigparadies.
In Kanton betreibt Schneider inzwischen eine der größten Gerbereien des Landes, ausgerechnet hier entwickelte seine Firma ISA Tan Tec umweltschonende Produktionssysteme, sorgte für vorbildlichen Arbeitsschutz und revolutionierte so die traditionell als Schmutzindustrie verrufene Gerbereibranche.
Doch jetzt steckt die Vorzeigefabrik in Schwierigkeiten. Im vorigen Jahr nahm die Regierung in Peking die Steuernachlässe für Exportartikel wie Leder zurück. Ab April zahlt ISA Tan Tec fast 18 Prozent des Verkaufspreises, wenn es Schuhfabriken im Ausland beliefert - vorher betrug der Aufschlag nur etwas über 2 Prozent.
Hinzu kommt die allgemeine Verteuerung: durch höhere Löhne, eine Rekordinflation von über acht Prozent und den steigenden Kurs des Yuan. Am schlimmsten sei jedoch die Ungewissheit in China, sagt Schneider, denn die Pekinger Beamten wollen die Steuernachlässe jährlich neu festlegen. So aber kann keine Firma seriös planen.
Wegen der hohen Kosten hat der Gerber sein Personal in Kanton bereits von 1000 auf 800 Arbeiter reduziert. Bis die geplante Fabrik in Vietnam in Betrieb geht, lässt Schneider in dem Land schon Leder bei einem anderen Hersteller fertigen. Denn seine Kunden, die globalen Schuhmarken, warten nicht auf ihn.
Auch seinen neuen Standort bei Ho-Tschiminh-Stadt plant Schneider als Musterfabrik. Zwar brauche er Arbeitern in Vietnam nur halb so hohe Löhne zu zahlen wie in China, etwa 42 Euro pro Monat, aber die strengen Auflagen der Schuhmarken in puncto Umweltschutz und Arbeitssicherheit muss er hier ebenfalls erfüllen. Und das will er auch, denn vor allem seine klimafreundlichen Produktionsmethoden sind seine stärkste Waffe im Kampf gegen die Konkurrenz. Die Temperatur in seiner Fabrik will Schneider auch durch Einsatz einer Wärmepumpe drosseln.
Mit solchen Methoden senkt Schneider nicht nur den CO2-Verbrauch, sondern zusätzlich die Stromkosten. Denn auch Vietnam kämpft gegen die Teuerung: Die Inflation liegt zurzeit bei fast 20 Prozent. Auf seiner Erkundungstour hört Schneider von anderen Bossen, wie gnadenlos sie um qualifiziertes Personal konkurrieren. Nach dem Neujahrsfest, dem Tet, kehrten Tausende Vietnamesen nicht zurück an ihre Arbeitsplätze - sie wechselten zu Firmen, die besser zahlen.
Doch Schneider hat keine andere Wahl. Seine nächste Etappe heißt Vietnam, bis seine Kunden aus der Schuhindustrie weiterziehen - ins nächste Billiglohnland. ALEXANDER JUNG, WIELAND WAGNER
Von Alexander Jung und Wieland Wagner

SPIEGEL SPECIAL 3/2008
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