27.05.2008

GESELLSCHAFTObjekte der Begierde

Chinesische Künstler sind die neuen Stars internationaler Auktionen. Die Preise für Bilder und Installationen steigen wie einst die Börsenkurse.
Grau-schwarz ist das Bild, es zeigt eine Szene aus einer revolutionären Oper. Allerdings springt der Tänzer nicht in kriegerischem Eifer in die Höhe, sondern hat einen Basketball in der Hand, den er in den Korb schmettern will. Gegenüber dem Gemälde stehen Modelle der neuesten Pekinger und Shanghaier Prestigebauten, alle von Indianerpfeilen durchbohrt. Daneben liegt auf einem Bett die rosafarbene Plastik eines nackten Liebespaares, er mit Schweinskopf, sie als Fisch. Nur der Unterleib der beiden ist menschlich, für manche Betrachter in seinen Details vermutlich allzu menschlich.
Witzig, kritisch, erotisch - so stellt sich die Pekinger Kunstszene dar. Präsentiert werden die Werke von der Galerie Xin Dong Cheng Space for Contemporary Art in einer der alten Fabrikhallen des "Dashanzi Kunstbezirks", besser bekannt unter dem Namen "798". Dabei handelt es sich um eine Ansammlung von Werkgebäuden, die DDR-Architekten in den fünfziger Jahren im Bauhaus-Stil errichteten. Einst hatten hier Chinas Rüstungsarbeiter Elektronik und Keramik hergestellt. Streng geheim war das riesige Gelände, wie alle chinesischen Armeeeinheiten bekam es eine Nummer, die seinen wahren Charakter verbergen sollte.
Heute sind viele der Anlagen privatisiert, die meisten Ingenieure und Arbeiter den Malern, Bildhauern und Galeristen gewichen, die das Areal mit seinen Schornsteinen, Rohren und riesigen Produktionshallen vor wenigen Jahren entdeckten. "798" ist mittlerweile das "Mekka der chinesischen Gegenwartskunst", wirbt ein Galerist.
In Chinas Hauptstadt blüht die bildende Kunst wie nie, Avantgarde, Pop-Art, Propaganda; schräg, zynisch, realistisch, aber auch kitschig, konventionell und gefällig - die Szene ist lebendig und kreativ. Und wie Chinas Wirtschaft boomt auch der Kunstmarkt. Die Preise steigen wie einst die Börsenkurse steil an. Auf internationalen Auktionen sind chinesische Künstler die neuen Stars, ihre Werke oft teurer als die arrivierter westlicher Maler.
So wurde im April bei Sotheby's in Hongkong das Werk des Pekingers Liu Xiaodong "Schlachtfeld Realismus - die 18 Arhats", das chinesische und taiwanische Soldaten zeigt, für fünf Millionen Euro versteigert. Das Werk "Ein kichernder Yue als Papst gekleidet" von Yue Minjun erzielte voriges Jahr in London mehr als drei Millionen Euro.
Es sind längst nicht mehr die Ausländer, die die Preise nach oben treiben, sondern Chinas neue Reiche selbst. Das sozialkritische Gemälde "Die kürzlich Zwangsvertriebenen der Drei Schluchten" ging vor zwei Jahren für 2,2 Millionen Euro an die Gründerin einer Pekinger Restaurantkette.
Im abgeschotteten Villenviertel des "Gartens am grünen Fluss" außerhalb Pekings hat Zhang Rui seine über 700 Quadratmeter große Villa zu einem kleinen Museum ausgebaut. Zhang ist einer der prominentesten Sammler Chinas und wohl auch der reichste. Sein Geld hat er mit Internet-Firmen und Immobiliengeschäften gemacht, zudem besitzt er in Peking mehrere Restaurants.
Eine weiße Rampe führt im Halbrund ins oberste Stockwerk, "wie im Guggenheim-Museum in New York", sagt Zhang. Über 700 Gemälde und Skulpturen besitzt er, an der Wand hängt zum Beispiel ein Werk von Yue Minjun: fünf rosige, lachende Männer, bekleidet nur mit weißem Slip und weißen Socken, hüpfen mit geschlossenen Augen über die gewaltige Leinwand.
Der Hausherr versteht sich als Pekinger Bohemien, er trägt schwarze Hosen und ein weißes Hemd, der oberste Knopf ist geöffnet, um den Hals hängt ein Amulett. Ein wortkarger hoher Funktionär schaut sich mit seiner Frau die Kollektion an. "Ich sammle nicht, weil ich mit den Kunstwerken spekulieren will", versichert Zhang, "sondern weil ich Freude an ihnen habe." Pekings moderne Kunstszene ist rund 30 Jahre alt. Als sich Chinas KP in den achtziger Jahren langsam von der Planwirtschaft verabschiedete und ihr Reich öffnete, lernten viele Künstler erstmals die Werke ihrer Kollegen in New York, Paris, Berlin oder Tokio kennen. Besucher brachten Kataloge mit, und bald durften die ersten Chinesen ins Ausland reisen.
Maler und Bildhauer, die bis dahin in Hochschulen, Armee, Betrieben und Partei angestellt waren und wackere Arbeiter, rauchende Schornsteine oder liebliche Frauen ethnischer Minderheiten schufen, begannen neue Themen und Techniken zu erkunden. Damals nannten sie sich die "Sterne", "Xiamen Dada", "Kunstgruppe Nord" oder "Gruppe Neuer Maßstab".
Sie taten, was bis dahin in Chinas Kunstszene undenkbar schien: Sie wuschen Zeitungen in der Waschmaschine, um aus dem Pappmaché traditionelle chinesische Gräber nachzubilden. Sie verbrannten öffentlich ihre Bilder oder täuschten einen Selbstmord als Happening vor. Einer pinselte in vierjähriger Fleißarbeit auf Papier und Leinwand Tausende chinesischer Schriftzeichen, die nur seiner Phantasie entsprungen waren.
Die Künstler siedelten sich in Dörfern an, deren Bewohner ihre Häuser an das Volk mit den verrückten T-Shirts, unförmigen Stiefeln und den hübschen Mädchen im Gefolge vermieteten, und gründeten inoffizielle Kommunen, misstrauisch beobachtet von der Polizei und den Anwohnern. Ein paar hundert Meter östlich von "798", an der Teststrecke der Eisenbahn, ist jüngst wieder so eine Kolonie entstanden, im Dorf Songzhuang im Osten Pekings eine andere.
1993 stellen die Künstler zum ersten Mal im Ausland aus, in Berlin und in Hongkong, außerdem sind sie auf der Biennale in Venedig vertreten. Zu Hause lassen die Zensoren die Maler meist gewähren. Erotik und Sozialkritik sind erlaubt. Sogar Staatsgründer Mao Zedong dürfen Chinas Künstler in allen möglichen Formen darstellen und karikieren.
Vorsichtig wagen sich Pekings Künstler auch an heikle Themen der Vergangenheit, etwa die Kulturrevolution (1966 bis 1976). Xu Weixin präsentierte beispielsweise voriges Jahr im privaten "Today Art Museum" 63 Porträts von Tätern, Mitläufern und jenen, die umgebracht oder wahnsinnig wurden oder die sich das Leben nahmen. Die Gemälde Xus sind alle gleich groß und in grauen Tönen gemalt. "Wir Chinesen müssen endlich zurückblicken, damit wir in Zukunft solche Irrwege vermeiden können", sagt Xu, ein Mann mit dem Haarschnitt amerikanischer GIs.
Aber die KP und ihre heutigen Führer bleiben für Pekings Künstler tabu, auch Kritik an ausländischen Despoten darf nicht sein, wie der Berliner Installationskünstler Via Lewandowsky im vergangenen Jahr bei der Ausstellung "Erinnerung an den Fortschritt" auf dem "798"-Gelände erfuhr.
Eines Tages tauchten mehrere Herren auf und verschlossen die Tür zu seiner Schau mit einer Vorhängekette. Er habe, warfen sie Lewandowsky vor, eine "hohe Persönlichkeit herabgewürdigt". Stein des Anstoßes war ein Plakat mit dem Titel "Als Stalin weinte", aus den Augen des Diktators flossen zwei Wasserstrahlen in einen blauen Plastikeimer.
Ein anderes Werk Lewandowskys - eine tote Fliege auf dem Deckel einer Teetasse, der wiederum auf einem in die chinesische Fahne gehüllten Kissen lag und die "Vergeblichkeit des menschlichen Strebens" symbolisieren sollte - hatten die Zensoren wegen "Beleidigung eines Nationalsymbols" schon vorher abgeräumt.
Viele Chinesen erwerben Kunst mittlerweile nicht nur, weil sie sich an Farben oder Motiven erfreuen, sondern auch, weil sie sich eine ordentliche Rendite versprechen. "Unter meinen Kunden", sagt die Pekinger Galeristin Emily Zhang, "sind immer mehr Chinesen, die den Kauf von Bildern als Investition verstehen."
Nach Autos, Villen und Schmuck gelten Bilder und Skulpturen als gute Geldanlage. Ausländische Auktionshäuser wie Christie's und Sotheby's drängen ins Reich der Mitte, "dorthin, wo die Kunden sind", wie ein britischer Händler sagt. Immer mehr in- und ausländische Galerien entstehen, die Webseite chinaartinvest ments.com bietet Bilder im Internet an. Es sei an der Zeit, einen "ästhetisch angenehmen Aspekt zu Ihrem Vermögen hinzuzufügen", wirbt sie und schwärmt von einem "meteoritenhaften Wertanstieg zeitgenössischer chinesischer Kunst".
"Der Markt entwickelt sich in China schnell und intensiv", sagt der chinesischstämmige Kunstexperte Arnold Chang aus New York. Auch für die zierliche Galeristin Zhang, die ihre Bilder in einer Erdgeschosswohnung im Südosten Pekings präsentiert, sind hohe Preise mittlerweile Alltag. An der Wand hängt eine mit wenigen Pinselstrichen hingeworfene füllige nackte Frau mit rotem Kussmund, ein Werk des Malers Pang Yongjie. "Vor wenigen Monaten hätte ich noch rund 2000 Euro dafür verlangt", sagt Zhang, "heute bekomme ich 5500."
Folge: Die Künstler arbeiten wie am Fließband. "Einige kopieren schon sich selbst, weil sie keine Zeit mehr haben, schöpferisch zu sein", sagt Zhang. Als die Galeristin jüngst von einem "nicht mal sehr guten Maler" neue Bilder wollte, "stand ich auf Platz 54 seiner Bestellliste". Nicht immer, klagt Zhang, seien die Werke das viele Geld auch wert. Doch moderne chinesische Kunst ist so begehrt, dass selbst mindere Qualität bestens geht. Maler, die gerade ihr Studium beendet haben, verlangen selbstbewusst schon mal 25 000 US-Dollar für ihre Erstlingswerke.
"Der Assistent kleckst irgendetwas hin. Daneben steht der Künstler und telefoniert. Dann setzt der ein paar Pinselstriche hinzu und verkauft das Ganze für Tausende von Dollar", beobachtete der Berliner Maler Ekkehard Stoevesand, der in den vergangenen Jahren in Peking gearbeitet und unterrichtet hat, in einem Atelier. "Als ich meine Sachen verkaufte, haben mich alle für verrückt erklärt, weil sie so billig waren."
Manche der einst bitterarmen Maler sind mittlerweile zu Wohlstand gekommen. Viele leben in feinen Villen, fahren große Autos, beschäftigen Sekretäre und lassen Assistenten malen, weil die Nachfrage so groß ist.
Einer der ganz Großen ist Yue Minjun, 45, dessen lachende Fratzen auf den jüngsten Auktionen so viele Millionen Euro brachten. Er selbst sieht davon keinen Cent, denn die Werke verkaufte er bereits Anfang der neunziger Jahre.
"Ich habe keine Ahnung, warum der Käufer jetzt so viel Geld dafür ausgegeben hat. Ich will es auch nicht wissen", sagt Yue. Dass seine Werke womöglich zu Spekulationsobjekten verkommen sind, streitet er ab. "Die Käufer sind Intellektuelle. Sie verstehen meine Bilder. Es geht ihnen nicht nur darum, ihr Geld zu vermehren."
Yue ist ein schmaler Mann mit kahlgeschorenem Kopf. Er gehört zur Generation der sogenannten Polit-Pop-Künstler, die den Malern der achtziger Jahre nachfolgten. An der Wand seines riesigen Ateliers im Künstlerdorf Songzhuang hängen vier neue Versionen der lachenden Figuren: "Dies sind alle Porträts von mir in verschiedenen Lebensphasen und Lebenssituationen", sagt er. "Ich werde sie auch in Zukunft malen."
Bei einer Schale grünem Tee sinniert er über die starke Nachfrage nach seinen Werken. "Die Menschen wollen wissen, was in China nach so vielen Jahren Reformpolitik passiert. Wir Künstler stellen in Frage, was um uns herum geschieht. Wir setzen uns kritisch mit Kultur und Umwelt auseinander."
Derzeit arbeitet er an einer neuen Serie: Er malt Propagandabilder und Plakate aus den sechziger Jahren nach. Allerdings lässt er die Figuren weg. So fehlt auf einem riesigen Landschaftsgemälde Mao Zedong, nur Schreibpapier und Bücher liegen noch da. Vor dem Eingang eines "Revolutionskomitees" ist die Wache nicht mehr vorhanden, auf dem Wachturm an der russischen Grenze die zwei Soldaten. "Ich will den Blick auf die Vergangenheit schärfen", sagt Yue.
Kritiker werfen vielen seiner Kollegen mittlerweile vor, sich zu sehr nach dem Geschmack betuchter Käufer zu richten, etwa wenn sie immer neue Mao-Variationen und hübsche Rotgardistinnen auf die Leinwand tünchen, und sich künstlerisch nicht weiterzuentwickeln - im Gegensatz zu jenen Künstlern der achtziger Jahre, die, wie Yue sagt, "plötzlich mit so vielen Einflüssen von außen fertig werden mussten und noch auf der Suche waren".
Wie ganz Peking wandelt sich in diesen Tagen auch "798". Betuchte Geldgeber wie der Belgier Guy Ullens veranstalten in den Hallen Ausstellungen, in seinem Laden kosten Drucke namhafter Künstler schon bis zu 5000 Euro. In der Nähe des "Ullens Center for Contemporary Art" hat ein anderer finanzschwerer Investor das "Iberische Kunstzentrum" hingestellt, unterstützt von der Cognac-Firma Hennessy und der Bank Credit Suisse.
In der Haupthalle von "798", in der noch die alten grünen Werkbänke aus der DDR stehen und rote Schriftzeichen an der Wand zu erkennen sind ("Der Große Vorsitzende Mao Zedong ist die Sonne in unserem Herzen"), veranstaltet der japanische Kamerahersteller Canon an einem Sonnabendnachmittag im April eine Verkaufsschau. Durch die Straßen und Höfe des Geländes wühlen sich Bulldozer, die Platz freischaufeln für neue Galerien und Parkplätze - und möglicherweise Charme und Charakter des Viertels unter sich begraben.
Viele Maler und Galerien haben bereits wieder das Feld geräumt, weil ihnen die Atmosphäre zu umtriebig ist und die Mieten zu teuer wurden. Andere versuchen, dem Kommerz-Trend entgegenzusteuern: Sie veranstalteten Ende April eine besondere Schau - für "Kunst, die man sich leisten kann". Kein Werk durfte mehr als 920 Euro kosten. Nach wenigen Stunden waren fast alle Bilder verkauft. ANDREAS LORENZ
Von Andreas Lorenz

SPIEGEL SPECIAL 3/2008
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