26.08.2008

Der große Graben

Deutschland driftet auseinander. Während sich Topmanager Millionengagen und -abfindungen genehmigen, wären viele Bürger schon froh, wenn sie von ihren Löhnen leben könnten. Nie erschien ihnen ihr Land ungerechter als in Zeiten der Berliner Republik.
Der Mann, der Deutschland ins Portemonnaie gucken kann, heißt Markus Grabka. Niemand weiß genauer als er, wie die Einkommen im Land genau verteilt sind. Grabka ist Ökonom am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW).
Grabkas Computer ist mit dem "Sozio-oekonomischen Panel" des Instituts verbunden, einer der umfassendsten Datensammlungen, die es im Land gibt. Jedes Jahr untersucht das DIW die Lebensumstände von 20000 repräsentativ ausgewählten Bundesbürgern: was sie verdienen, wie viel Steuern sie zahlen, wo sie wohnen, wie hoch die Miete ist, welche Schule die Kinder besuchen und wie viel Geld auf dem Sparbuch liegt.
Aus den Antworten kann Grabka nicht nur ablesen, wie es den einzelnen Bürgern geht. Sie erlauben es auch, jene "Äquivalenzeinkommen" und "Ungleichheitskoeffizienten" zu berechnen, mit denen Experten die Kluft zwischen Arm und Reich messen.
Lange Zeit konnte Grabka nichts Auffälliges vermelden. Der Unterschied zwischen den Klassen war klein und die Mittelschicht riesengroß. Von der "nivellierten Mittelstandsgesellschaft" sprachen die Soziologen. Es stimmte die grundsätzliche Balance.
Seit ein paar Jahren aber beobachtet Grabka einen Wandel, der spektakulär ist. Spätestens seit dem Zusammenbruch der New Economy stürzen Deutschlands Werte ab, die bereits den Klassengesellschaften Großbritanniens oder Griechenlands bedrohlich nahekommen.
Früher zeigten Grabkas Grafiken zwei Linien, die übereinanderlagen. Die obere Linie zeigte die Einkommensentwicklung der Wohlhabenden, die untere die der weniger Reichen. Sie strebten beide nach oben. Auch die Armen wurden reicher.
Seine jüngsten Grafiken sehen anders aus: Es gibt keine allgemeine Aufwärtsbewegung mehr, sondern zwei Linien, die auseinanderstreben. Während die Einkommenslinie der Begüterten steil nach oben weist, strebt die der ärmeren Schichten ähnlich steil nach unten.
Die Einkommen der ärmeren Schichten sind gegenüber dem Jahr 1992 preisbereinigt um 13 Prozent gesunken. Die Bezüge der Spitzenverdiener haben im selben Zeitraum um fast ein Drittel zugelegt.
Grabka weiß: Während das reichste Zehntel der Bevölkerung mittlerweile über fast 60 Prozent des bundesdeutschen Immobilien-, Aktien- oder Geldvermögens verfügt, haben die unteren Einkommensschichten oft gar nichts mehr - außer Schulden.
Der große Graben zwischen oben und unten verbreitert sich derzeit in vielen Industrieländern. Das Tempo aber, mit dem sich die sozialen Gegensätze in Deutschland verschärfen, lässt selbst erfahrene Verteilungsökonomen staunen. "Die Entwicklung ist erschreckend", resümiert Grabka.
Im vorigen Jahr war er beim Bundespräsidenten eingeladen. Im Schloss Bellevue saß er Horst Köhler gegenüber, auf dem Tisch lagen jede Menge Grafiken über die Wohlstandskluft in Deutschland. Was man denn tun könne, wollte der Bundespräsident wissen. Grabka antwortete, es wäre schon hilfreich, das öffentliche Bewusstsein für die Probleme zu schärfen.
Zwei Wochen später hielt Köhler eine Rede über "Freiheit und Verantwortung". Er sagte: "Viele Menschen sind verunsichert", denn der Strukturwandel habe sich beschleunigt, die Einkommensungleichheit nehme zu. Gerade Unternehmer und Manager müssten sich verantwortungsvoll verhalten, mahnte Köhler. "Wer den Mitarbeitern Einschnitte abverlangt, sollte sich zweimal fragen, ob es angemessen ist, sich selbst großzügige Gehaltssteigerungen zu gönnen."
Das ist die große Debatte. Manche Manager gönnen sich gewaltige Gehälter und Abfindungen, auch wenn ihre Leistungen schlecht waren. Viele Arbeitnehmer verdienen dagegen so wenig, dass die Bundesregierung sie mit Mindestlöhnen schützen und stützen soll. Wie soll da eine Gesellschaft zusammenfinden, zusammenhalten?
Nur noch 15 Prozent der Deutschen sagen, dass es gerecht zugehe im Land, wie das Institut für Demoskopie in Allensbach ermittelt hat. Nie zuvor war dieser Wert niedriger. Und nur 5 Prozent der Befragten sagen, Deutschland sei das Industrieland, das ihren Vorstellungen von sozialer Gerechtigkeit am nächsten komme.
"Der Aufschwung kommt bei immer mehr Menschen an", behauptete die Bundeskanzlerin. Stimmt nicht, antworten die Menschen. Nur 17 Prozent geben Angela Merkel recht. Der Rest empfindet die eigene Wohlstandsposition als unverändert oder gar bedroht und ärgert sich, dass gescheiterte Manager fette Abfindungen oder Pensionen bekommen.
Die Große Koalition streitet seit einem Jahr darüber, ob man solchen Versorgungsexzessen mit Gesetzen beikommen sollte. Zusammen mit den Auseinandersetzungen um die Mindestlöhne ist dies Ausdruck der Suche nach Ober- und Untergrenzen für Einkommen, damit Deutschland nicht noch mehr auseinanderdriftet.
Dabei ist es noch nicht lange her, dass Politiker fast aller Parteien für wachsende Unterschiede plädiert haben, für Eliten und gegen Egalität.
Die rot-grüne Regierung unter Gerhard Schröder war kaum ein Jahr im Amt, da verschob sich die Rhetorik. Es war die Zeit einer globalen Euphorie. Weltweit explodierten die Börsenkurse, eine langanhaltende Wachstumsphase schien gesichert.
"Eine Gesellschaft lebt dynamischer, wenn es Ungleichheiten gibt", verkündete der damalige Wirtschaftsminister Werner Müller, heute Chef des Technologiekonzerns Evonik. Dies sei "eine historische Tatsache".
Viele Sozialdemokraten beriefen sich auf den amerikanischen Moralphilosophen John Rawls, der 1971 eine "Theorie der Gerechtigkeit" entworfen hatte, wonach soziale und ökonomische Ungleichheiten durchaus erwünscht seien. Voraussetzung: "Wenn sie, erstens, zum größten zu erwartenden Vorteil für die am wenigsten Begünstigten führen und wenn, zweitens, garantiert ist, dass gesellschaftliche Positionen allen unter Bedingungen fairer Chancengleichheit offenstehen."
Schröder schloss daraus: "Es geht nicht um Verteilungsgerechtigkeit, es geht um Chancengerechtigkeit."
Dieser Rhetorik folgten bald Taten, die auch dringend notwendig waren, denn Deutschland taumelte gerade in eine Wirtschaftskrise. Die Arbeitslosigkeit wuchs und wuchs, Schröder reagierte mit der Agenda 2010, die den Deutschen einige Sicherheiten nahm. Auch die Mittelschichten können auf alte Sicherheiten wie den lebenslangen Job oder die Gewissheit sozialer Absicherung nicht mehr vertrauen.
Andreas Meisel gehört zu den Leistungsträgern der Gesellschaft. Er ist Neurowissenschaftler, als Juniorprofessor leitet er eine elfköpfige Forschergruppe im Centrum für Schlaganfall-Forschung in Berlin. Meisel ist zelleigenen Schutzmechanismen auf der Spur, die helfen könnten, die Auswirkungen von Schlaganfällen zu lindern. Er ist Oberarzt an der Klinik für Neurologie der Charité.
Meisel, 41, müsste eigentlich zufrieden sein. Als Professor hätte er früher zu den oberen Zehntausend gezählt. Aber inzwischen sind Professoren nicht mehr die Elite des Landes, zumindest nicht finanziell. Sie wurden vom neuen Geldadel überrundet, von Managern, Bankern, von all den anderen, die auf den Kapitalmärkten ihr Geld verdienen.
Mittlerweile haben selbst Menschen wie Meisel mit einem Jahreseinkommen von knapp 60 000 Euro Sorgen vor der Zukunft. Seit einigen Jahren beobachtet er, dass sein Gehalt stagniert, die Ausgaben aber stetig steigen. "Was reinkommt, geht auch wieder raus." Eigentlich habe er gehofft, Rücklagen für die Rente und die Ausbildung der Kinder bilden zu können. "Aber daran ist nicht zu denken."
Klagen möchte Meisel nicht. Seiner Familie geht es nicht schlecht. Sogar einen Ski-Urlaub mit den vier Kindern können sich die Meisels noch leisten. Im Sommer mieten sie für zwei Wochen eine Ferienwohnung. Seine größte Sorge ist die Privatisierungstendenz im Bildungssystem. "Ich habe Angst, dass ein ordentlicher Studienplatz 5000 Euro im Semester kostet, bis meine Kinder so weit sind."
Früher hatten Professoren in Deutschland einen Job auf Lebenszeit. Heute ist das anders. Professor Meisel arbeitet mit befristetem Vertrag. Trotzdem sieht er sich nicht als Verlierer der Gesellschaft. "Ich bin gut qualifiziert und kann immer den Job wechseln", sagt er. Anderen gehe es viel schlechter.
Silke Klarholz zum Beispiel hätte es in der deutschen Arbeitswelt vor zwei Jahrzehnten noch nicht gegeben. Sie hat schon in einer Wäscherei gearbeitet, im Callcenter, an der Supermarktkasse und zuletzt als Zustellerin für den privaten Postdienstleister Jurex. Sie ist 36 Jahre alt und seit Jahren darin geübt, sich mit niedrigsten Löhnen über Wasser zu halten. Zurzeit ist sie wieder arbeitslos.
Klarholz wohnt im niedersächsischen Dinklage. Bis es bei Jurex zu Ende ging, lieferte sie Briefe von Gerichten, Ämtern und Behörden aus. Im Firmen-Corsa fuhr sie täglich bis zu 400 Kilometer, hin und her, von 7 bis 18 Uhr. Am Ende des Monats bekam sie 1435,62 Euro brutto. Nach Abzug der Steuern und Sozialabgaben blieben 1020,21 Euro übrig. Ihr wurden aber nur 784,59 Euro ausgezahlt, denn Jurex berechnete 235,62 Euro für die private Nutzung des Firmenautos. Jetzt bekommt sie wieder Hartz IV und hofft verzweifelt auf den nächsten schlechtbezahlten Job.
Klarholz hatte bislang nur Arbeitsverhältnisse, die Experten prekär nennen. Es sind Verhältnisse, die es früher kaum gab. Heute ist es der am stärksten wachsende Bereich im deutschen Arbeitsmarkt überhaupt. Es ist ein Sektor ohne Weihnachtsgeld, ohne Betriebsrenten und ohne Kündigungsschutz. Es ist ein Sektor, in dem die Löhne meist nur eine Entwicklung kennen: nach unten.
Wer heute in Deutschland als Kurierfahrer oder Wachmann, Pförtner oder Reinigungskraft arbeitet, ist meist nur befristet angestellt, seine soziale Absicherung deckt oft nicht mal das Existenzminimum. Wer arbeitslos wird, muss damit rechnen, rasch auf Fürsorgeniveau zu rutschen. Im Land des Exportweltmeisters ist eine neue Unterschicht der arbeitenden Armen entstanden, die schon froh ist, wenn der Lebensstandard wenigstens einen Hauch über Hartz IV liegt.
Vor ein paar Jahren noch galt der deutsche Arbeitsmarkt als Hort der Überregulierung und Inflexibilität. Heute können sich die Arbeitgeber aus einem ganzen Katalog flexibelster Beschäftigungsformen bedienen. So stieg die Zahl der Teilzeitbeschäftigten zwischen 1996 und 2007 von 7,3 auf 11,8 Millionen. Die Zahl befristeter Beschäftigungsverhältnisse legte im selben Zeitraum von 2,3 auf 3,3 Millionen zu. Und die Zahl der Selbständigen, die mitunter nur für einen Auftraggeber tätig werden, kletterte von 3,7 auf 4,4 Millionen.
Wie gewünscht, brachte die Liberalisierung den Arbeitsmarkt in Schwung. Die offizielle Zahl der Arbeitslosen sank in den vergangenen Jahren von über 5 auf 3,2 Millionen. Die Schattenseite war nur, dass die meisten neuen Jobs gering bezahlt werden und die neuen Beschäftigten kaum noch Rechte haben. Wer befristet beschäftigt ist, gründet keinen Betriebsrat. Wer als Minijobber ackert, tritt selten einer Gewerkschaft bei.
Wenn man so will, ist Silke Klarholz auch ein Opfer der Globalisierung. Keine andere Entwicklung hat den deutschen Arbeitsmarkt so umgekrempelt. Sie hat aus Verlierern Gewinner gemacht und Gewinner in Verlierer verwandelt.
Seit Jahren schüttelt diese Globalisierung die deutsche Gesellschaft durcheinander. Seit Millionen einfacher Jobs nach China, Indien oder Osteuropa abgewandert sind, seit im Gegenzug viele Billigflieger als Erntehelfer oder Putzkräfte vorwiegend aus Osteuropa anrücken, hat sich die deutsche Arbeitswelt zu einer Dreiklassengesellschaft entwickelt.
Unten tauchen die Prekären, oben treiben Manager wie der ehemalige Post-Chef Klaus Zumwinkel, Porsche-Sanierer Wendelin Wiedeking oder Deutsche-Bank-Boss Josef Ackermann. Dazwischen aber gibt es noch immer die klassischen Facharbeiter, deren Schicksal vor allem davon abhängt, welcher Industrie sie angehören. Ob es eine Branche ist, für die die Globalisierung einen Platz in Deutschland oder in ärmeren Teilen der Welt vorgesehen hat.
Wer einen festen Job in den exportstarken Sektoren der deutschen Auto-, Chemie- oder Maschinenbauindustrie hat, gehörte auch in den vergangenen Jahren meist zu den Gewinnern.
Volker Gebhardt ist Schichtführer im ArcelorMittal-Stahlwerk im brandenburgischen Eisenhüttenstadt. Die Stahlindustrie in Deutschland galt schon als sterbende Branche, jetzt ist das Werk bis an die Kapazitätsgrenze ausgelastet. Die neuen Autofabriken Osteuropas hungern nach hochwertigen Karosserieblechen. Die Industrialisierung Indiens und Chinas treibt die Preise. Ausgerechnet an der deutschen Ostgrenze hat der weltweite Stahlboom ein kleines Wirtschaftswunder geschaffen.
Gebhardt verdient einen Tariflohn von 2100 Euro. Obendrauf kommen Zulagen und Prämien. Der Konzern zahlt Urlaubs- und Weihnachtsgeld, es gibt eine Kinderzulage und eine betriebliche Altersversicherung. Gebhardt hat sich gerade ein Haus gebaut. Zweimal im Jahr fährt er mit seiner Familie im VW-Bus zum Angelurlaub nach Norwegen. "Eigentlich", sagt er, "ist es jedes Jahr aufwärtsgegangen."
Nach der Wende hatte das einstige Eisenhüttenkombinat Ost fast drei Viertel der 12 000 Beschäftigten verloren. Doch dann stiegen Investoren aus Belgien und Frankreich ein, vor drei Jahren übernahm der indische Stahlmagnat Lakshmi Mittal das Werk. "Wir sind auf der Gewinnerseite", sagt Gebhardt.
Noch glücklicher als er sind in Deutschland nur noch die Manager über die Entwicklung der vergangenen Jahre. Sie haben einen Weg gefunden, sich persönlich auch in den neuen, den unsicheren Zeiten weitestgehend abzusichern. Beraten von Vergütungsspezialisten und Anwälten, handeln sie Verträge aus, die einer Vollkasko-Police gleichen.
Ganz selbstverständlich haben Manager, die für ihre Belegschaften kürzere Kündigungszeiten fordern, einen Fünfjahresvertrag. Wird ihnen gekündigt, erhalten sie eine entsprechende Abfindung für die restliche Laufzeit.
Bis Anfang des neuen Jahrtausends basierte das Vertrauen in die deutsche Wirtschaftsordnung auch auf einem Grundkonsens: Wenn es den Unternehmen besserging, erhielten die Belegschaften mehr Geld, und dann konnten auch die Chefs mehr kassieren. Im Krisenfall wurden dafür Einschnitte akzeptiert, weil auch die Führungskräfte mit weniger auskommen mussten.
Nun ist die Entwicklung gegenläufig. Die Belegschaften sollen verzichten, während die Vorstände sich immer höhere Einkommen sichern. Die Vorstandschefs der Dax-Konzerne konnten in vier Jahren ihre Vergütung um rund 60 Prozent steigern. Solche Zahlen spalten nicht nur Unternehmen, sondern die ganze Gesellschaft in zwei Welten.
Der Darmstädter Soziologe Michael Hartmann hat in Studien belegt, dass sich die Oberschicht mit wachsendem Erfolg vom Rest der Gesellschaft abschottet. Er hat die Lebensläufe von 6500 promovierten Juristen, Wirtschaftswissenschaftlern und Ingenieuren untersucht. Die große Mehrheit von ihnen hatte ohnehin gute Startbedingungen und kommt aus wohlhabenden Verhältnissen. In den 100 größten Unternehmen des Landes sind 80 Prozent der Stellen im Topmanagement mit Leuten besetzt, deren Eltern Unternehmer, Manager, hohe Beamte oder von Adel waren. "Das ist eine wirklich geschlossene Gesellschaft", sagt Hartmann.
Die Zweiteilung der Gesellschaft setzt sich beispielsweise im Gesundheitswesen fort, wo Kassenpatienten schon lange schlechter behandelt werden als Privatversicherte. Der SPD-Bundestagsabgeordnete Wolfgang Wodarg glaubt sogar, dass Kassenpatienten systematisch bei der Versorgung mit überlebenswichtigen Spenderorganen benachteiligt werden: Obwohl Privatpatienten in Deutschland nur etwa 10 Prozent der Bevölkerung stellen, haben sie 16 Prozent aller verwendeten Spendernieren erhalten. Von den gespendeten Herzen wurden sogar 20 Prozent für Privatversicherte verwendet.
Auf welcher Seite der Überlebensgrenze man steht, entscheidet sich schon im Kindesalter. Timm zum Beispiel ist auf der richtigen Seite gelandet. Er besucht die private Berliner Phorms-Schule. Im Unterricht hat Timm immer zwei Lehrer vor sich, einen für das jeweilige Fach und einen reinen Pädagogen. Man unterhält sich fast immer auf Englisch, ein perfektes Training für die globalisierte Welt.
Rund tausend Euro im Monat zahlen seine Eltern, damit Timm und sein kleiner Bruder Tom eine bessere Ausbildung bekommen als ihre Freunde auf der staatlichen Schule. Timms Eltern sind nicht wirklich reich, aber ihre Kinder sind es ihnen wert.
Seit 1992 stieg die Zahl der Privatschüler um 52 Prozent. Während an öffentlichen Schulen die Zahl der Schüler sinkt und der Staat Schulen schließen muss, kommen jedes Jahr 80 bis 100 allgemeinbildende Schulen in privater Trägerschaft hinzu.
Nichts bestimmt so sehr über den späteren Wohlstand wie die Ausbildung. Deren Erfolg wiederum hängt in kaum einem europäischen Land so stark vom Status der Eltern ab wie in Deutschland. Das hat die Pisa-Studie belegt. Demnach ist der durchschnittliche Anteil der Kinder aus "bildungsnahen Schichten", die ein Gymnasium besuchen, mehr als viermal so hoch wie der Anteil der Kinder aus Facharbeiterfamilien. Und nur 6 von 100 Arbeiterkindern beginnen ein Hochschulstudium, während 49 von 100 Kindern aus einkommensstarken Familien später eine Universität besuchen.
Wer arm zur Welt kommt, hat statistisch gesehen schon verloren. Und arm sind immer mehr Kinder in Deutschland. Als arm gelten Kinder, deren Eltern weniger als 60 Prozent des deutschen Durchschnittsverdienstes bekommen. Zurzeit sind es 1,8 Millionen.
Pastor Bernd Siggelkow weiß, was Armut aus Kindern macht. Er ist Leiter der "Arche" in Berlin-Hellersdorf, einer längst berühmt gewordenen Betreuungseinrichtung. Sie kümmert sich um Kinder, die vernachlässigt wurden - von den Eltern, vom Schicksal oder von beiden. "Armut bedeutet mehr als den Verzicht auf schicke Jeans, das neue Fahrrad oder ausgewogenes Essen", sagt Siggelkow. "Es bedeutet, von Beginn an schlechte Karten zu haben."
Es war nicht grundsätzlich falsch, dieser Gesellschaft Sicherheiten zu nehmen. Die neuen Unsicherheiten im Arbeitsleben sind zum großen Teil notwendig, damit das Land als Ganzes im internationalen Wettbewerb bestehen kann. Man kann die Folgen auffangen, durch einen gesetzlichen Mindestlohn in anständiger Höhe, durch ein Ende der Zweiklassenmedizin, durch eine gerechte Besteuerung von Vermögen und Einkommen.
Wer die Gesellschaft auseinanderreißt, muss dafür sorgen, dass so ziemlich jeder die Chance bekommt, einen Platz in der besseren Hälfte zu ergattern. Das geht nur über Erziehung und Bildung, in Kindergärten, Schulen und Hochschulen.
Jedes Kind muss die Chance haben, dass es nicht dort landet, wo Ralf Schröter gelandet ist. Schröter war Müllmann bei einer privaten Entsorgungsfirma in Berlin. Vor Jahren verdiente er im Großhandel über 1600 Euro netto. Dann wuchtete er Müllcontainer auf den Lkw und bekam 1050 Euro brutto. Er fing morgens um 5 Uhr an und schuftete oft bis 18 Uhr.
Als der Betriebsrat gegen die Arbeitsbedingungen protestierte, gründete die Unternehmensleitung eine neue Firma, um die Mitarbeitervertretung auszuhebeln. Zugleich wurden die Arbeitsverträge auf zwei Jahre begrenzt, die Probezeit dehnte man auf sechs Monate aus. Schröters Bezahlung blieb gleich. Überstunden seien im Gehalt enthalten, hieß es im Vertrag. "Von nun an ging alles einen Zacken schärfer zu", sagt Schröter.
Dann schnitt er sich an einer Glasscherbe durch den Arbeitshandschuh den Daumen auf. Schröter ließ sich krankschreiben. Einen Tag später hatte er die Kündigung im Briefkasten.
Am Tag der Kündigung hat sich Schröter zum ersten Mal Gedanken gemacht über das System, in dem er lebt. "Gerechtigkeit ist die Balance zwischen Geben und Nehmen", sagt er. Wenn er etwas gebe, wolle er auch etwas bekommen. "So schwere Arbeit zu machen und so behandelt zu werden wie ich, das ist nicht gerecht." MARKUS FELDENKIRCHEN,
DIRK KURBJUWEIT, LARS-MARTEN NAGEL, MICHAEL SAUGA

INDIEN GLÄSER MIT STIL
Die Sprache, in der Carl Zeiss um mehr als eine Milliarde Kunden wirbt, heißt Hinglish. Eine Mischung aus Englisch und Hindi, die Sprache der indischen Jugend. "Brand nahin to style nahin!" - "Kein Stil ohne Marke!" Mit diesem Slogan preist Carl Zeiss seine Brillengläser auf dem indischen Markt an.
Seit rund 30 Jahren ist Carl Zeiss mit industrieller Mess- und Medizintechnik in Indien präsent, seit 1998 ist auch die Augenoptiksparte mit wachsendem Umsatz vor Ort.
Mitarbeiter von Zeiss schreiben den Erfolg vor allem der Entscheidung zu, die Produkte nicht allein über Händler - wie in Deutschland -, sondern über ein eigenes Vertriebs- und Servicenetz zu verkaufen.
Das Unternehmen will die Zahl der Mitarbeiter in Indien im Bereich Messtechnik bis 2010 verdoppeln und neue Zweigstellen eröffnen. Die Geschäfte der industriellen Messtechnik laufen gut, knapp ein Drittel der Aufträge kam im Jahr 2007 aus der Automobilindustrie, Schwerpunkte sind außerdem Maschinenbau und Luftfahrtindustrie.
Bisher konnte sich das Unternehmen mit Sitz im baden-württembergischen Oberkochen gegen die starke Konkurrenz in Indien - etwa die billigere französischen Firma Essilor - gut behaupten. Denn viele Inder erhoffen sich von den relativ hohen Preisen für Zeiss-Produkte auch echte "German quality".
PADMA RAO
Von Markus Feldenkirchen, Dirk Kurbjuweit, Lars-Marten Nagel und Michael Sauga

SPIEGEL SPECIAL 5/2008
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