30.09.2008

„Literatur ist auch eine Waffe“

Yasar Kemal über die Macht der Mythen und den Einfluss Europas auf sein Werk
Vor elf Jahren wurde ich auf der Buchmesse in Frankfurt am Main mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels geehrt. Meine Dankesrede begann ich mit dem Satz: "Ich bin ein Mann der Dichtkunst, und seit ich mich mit dieser Kunst befasse, habe ich mich bemüht, das mir Bestmögliche zu tun."
Ich sagte: Seit ich mich mit Dichtkunst befasse - und nicht: Seit ich schreibe. Ich habe ja nicht mit der Dichtkunst begonnen, seit ich schreibe. Denn das sind zwei verschiedene Welten.
Ich habe Gedichte verfasst, lange bevor ich Romane geschrieben habe. Und meine Lyrik war beeinflusst von der Volkskunst des Erzählens, wie sie bei uns früher sehr gepflegt wurde und mit der ich großgeworden bin. Bis zu meinem 17., 18. Lebensjahr war ich ein Sammler und Erzähler solcher Sagen.
Seit der Gründung der Republik 1923 durch Mustafa Kemal, genannt Atatürk, Vater der Türken, besannen wir Künstler uns auf unsere eigene Kultur und Sprache. Dabei halfen die neugegründeten Volkshäuser und die sogenannten Dorf-Institute. Durch diese Bildungseinrichtungen und die offiziellen Übersetzungen lernten wir aber auch die Klassiker der Weltliteratur kennen: Goethe, Schiller, die Gebrüder Grimm, Stendhal, Balzac, Tolstoi, Dostojewski, Faulkner wurden unsere Lehrmeister.
Wir müssen uns zwar weltweit an allen kulturellen Werten orientieren, aber dies sollte geschehen auf dem soliden Fundament unserer eigenen Kultur, mit der wir aufgewachsen sind.
Meines Erachtens beginnt unsere zeitgenössische Literatur mit Nazim Hikmet. Der 1902 im damals osmanischen, heute griechischen, Thessaloniki geborene Dichter ist für mich der Vater der türkischen Lyrik. Er hat die Schönheit unserer Sprache entdeckt. Aber auch er ist eigentlich nur ein Glied in einer Kette, fügt dem Ring des großen Barden Dadaloglu, unseres letzten großen Volksdichters, einen weiteren Ring hinzu.
Der zeitgenössische türkische Roman, die Lyrik und die darstellende Kunst nehmen weltweit einen Rang ein, auf den wir stolz sein können. Anatolien, das wegen seiner geografischen Lage Heimstatt vieler Kulturen gewesen ist, kann als eine Quelle der Weltkulturen betrachtet werden. Und wenn der Druck, der auf den Kulturschaffenden dieser Region lastet, aufgehoben wird, werden wir wie früher die Kulturen der Welt beeinflussen.
Unsere Literatur hat sich aus ihren eigenen Wurzeln entwickelt. Trotzdem brauchen wir Vorbilder auch aus fremden Kulturen. Die Wurzeln der französischen Literatur beispielsweise reichen ins Lateinische und Altgriechische, und dennoch entstand daraus eine eigenständige Literatur. Bei Stendhal etwa findet man das Erbe eines Homer: das Verständnis für die Sage. Stendhal hat einmal gesagt: "Ich schreibe wie ein Straßenschreiber." Homer erzählt, als säße er in einem Straßencafé. Das ist die Tradition des Epos. Stendhal hat sie erspürt, deshalb erzählt er wie ein Straßenschreiber.
Im Alter von etwa 20 Jahren habe ich zum ersten Mal Stendhal gelesen, und er war mir seither immer nahe. Bevor ich anfange, einen Roman zu schreiben, lese ich Stendhals "Die Kartause von Parma" oder "Rot und Schwarz". Außerdem lese ich Nazim Hikmet. Bei beiden suche ich Inspiration: Nazim schreibt ein großartiges Türkisch, und zusammen mit Stendhals einzigartigem Gefühl für den Erzählverlauf ergibt sich bereits eine festgefügte Romanstruktur.
Dass ein Schriftsteller immer von sich selbst erzählen muss, bezweifle ich. "Ich bin Madame Bovary", sagte Flaubert. Aber ich, Yasar Kemal, muss deshalb noch lange nicht Memed sein, die Hauptperson meines Romans "Memed mein Falke". Ein Roman erschafft eine völlig neue Welt, auch wenn sie angelehnt ist an die reale Welt, aus der wir unsere Themen beziehen.
In unserer Zeit herrscht ein Durcheinander menschlicher Beziehungen. Sie werden von Tag zu Tag verwickelter, werden fast zum gordischen Knoten. Es ist ziemlich schwer, sich aus diesen Verflechtungen zu lösen, aus diesem Gewirr von Lügen, Unterdrückung, Entfremdung, Verwilderung, Ausbeutung, Erniedrigung, Grausamkeit.
Außer in der realen Welt lebt der Mensch aber auch in einer Welt, die er sich selbst schafft: einer Welt der Mythen und Träume. Damit wendet er die Qualen der realen Welt ab, wendet sich der Liebe zu, der Freundschaft, der Schönheit. Gerade weil ich die Realität bewusst mit Mythen und Träumen angereichert habe, verstehe ich mich als Schriftsteller.
Und ich bin ein traditioneller Schriftsteller. So wie das Fleisch fest mit dem Knochen verbunden ist, will ich nicht, dass sich meine Kunst loslöst vom Volk. Ich bin in einem kleinen Dorf der Çukurova geboren. In der Nähe befinden sich die Ruinen der großen römischen Stadt Anazarbos. Als Kind spielte ich in den Gassen dieser Stadt. Aus ihr stammte der berühmte Arzt Dioskurides, hier ist Cicero eine Zeitlang Präfekt gewesen. 50 Jahre vor meiner Geburt wurden die Bewohner meines Dorfs nach der Niederschlagung eines Aufstands hier angesiedelt. Während meiner Kindheit sangen sie noch immer Lieder dieses Aufstands. Die Tradition unserer Literatur ist auch eine Tradition von Aufständen und mit ihnen verbundener Opfer. In dieser Tradition ist die Literatur auch eine Waffe.
Die Kunst des Wortes stand immer an der Spitze menschlicher Werte. Eine Gesellschaft spiegelt sich in ihrer Literatur wider. Und weil die Literatur die einflussreichste Kunst ist, muss sie auch den Niedergang in der Gesellschaft bekämpfen. Eine degenerierte Literatur ist das Produkt einer ungesunden Gesellschaft.
In keinem Zeitalter hatte sich das Böse so organisiert, war es so mächtig wie heute. Wir sind täglich Zeuge, wie das Böse das Leben unserer Welt bedroht. Milliarden Menschen werden von ihren Brüdern ausgebeutet, die dazu Möglichkeiten bekommen haben. Eine rasende Kriegshetze ist nicht aufzuhalten. Wenn die Literatur wie früher ihren Kampf für mehr Menschlichkeit fortsetzt, können wir leichter drohendes Unheil verhindern.
Literatur war niemals nur ein Zierrat. Sie wurde immer auch als politische Waffe benutzt, um Ziele durchzusetzen. Und Künstler wussten meistens, auf wessen Seite sie zu stehen haben.
Betrachten wir das Tagesgeschehen, so müssen wir uns fragen: Sind wir auf Seiten des Atoms, des Todes oder auf der Seite des Friedens, der Brüderlichkeit, der Lebensfreude? Der Dunkelheit oder der Helle? Der Liebe oder der Feindschaft? In unserer Zeit ist alles so offensichtlich, ist es für den Künstler eigentlich unmöglich, sofern er keine eigensüchtigen Ziele verfolgt, einen Irrweg einzuschlagen. Und es gibt keine zwingenden Gründe, die den Künstler in den Sumpf der Entfremdung und Degeneration führen.
Doch wie werden wir Künstler mit dieser Herausforderung fertig? Der Künstler unseres Zeitalters muss wie ein Vogel zwitschern, hell wie klares Wasser leuchten, einfältig sein wie ein Kind. Ansonsten wird es sehr schwer, trotz all dem auf uns lastenden Schmutz zu bestehen. Die Künste des Wortes haben die reinigende Kraft des Feuers, das jeden Schmutz tilgt.

SPIEGEL SPECIAL 6/2008
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