18.11.2008

„Schnell, Mami. Lies schneller!“

Eltern flunkern gern, wenn sie erzählen, was sie mit ihren Kindern lesen. Pädagogisch wertvoll? Sprachlich originell? Hauptsache, es macht Spaß. SPIEGEL-Redakteure rezensieren ihre liebsten Mama- und Papa-Vorlesebücher.
LIEBE OHNE WORTE Wimmelbücher
Bücher ganz ohne Text, nur Illustrationen, herumwuselnde Menschen auf sieben riesigen Doppelseiten: Das sind Rotraut Susanne Berners "Wimmelbücher". Ein Frühlingsbuch, ein Sommerbuch, ein Herbst- und ein Winterbuch gibt es, neuerdings auch ein Nachtbuch. Von Seite zu Seite entwickeln sich herrliche kleine Geschichten. Von Manfred, dem Jogger etwa, der auf der einen Seite losläuft, auf der nächsten Seite hinfällt, von Elke bemitleidet, und auf der nächsten Seite von ihr verarztet wird - und sich dann, das ist eindeutig, in sie verliebt. Oder von hedonistischen Nonnen, die durch die Straßen von Snack zu Snack marschieren. So viel gibt es zu entdecken, so viel Heiteres, Freches und auch kleine Dramen - das schiere Leben halt, kunterbunt. SUSANNE BEYER
Rotraut Susanne Berners "Wimmelbücher" sind im Gerstenberg Verlag, Hildesheim, erschienen; je 12,90 Euro

"DAS WIRD NOCH GUT" Die Mumins
Anfangs fanden wir sie öde. Figuren mit schlumpfigen Namen wie Snork, Schnüferl, Schnupferich tappten durch reichlich skandinavische Landschaftsbeschreibungen und fanden dabei kuriose Dinge - Zauberhüte, Bojen, Galionsfiguren. Und sowohl um ihre Umgebung - Wälder, Höhlen, Strand und Muminmutters Blumenbeete - wie um ihre Trouvaillen machten sie ein ziemliches Gewese. Hannah gab als Erste auf. "Mumins sind langweilig", befand sie, "lass uns lieber Elfer raus spielen!". Ich hasse Elfer raus. "Das wird noch gut", behauptete ich daher stur und las weiter vor. Weiter und weiter, jedes Kapitel dauerte eine halbe Stunde. Immer öfter verkniff ich mir ein Kichern. Wenn der Muminvater wieder mal nicht seine Memoiren über seine traurige Kindheit zu Papier brachte. Oder wenn die stets entspannte Muminmutter sich zu einem Nickerchen zurückzog von der quirligen Kinderschar. Hannah aber fieberte zunehmend mit den kleinen Trollen mit. Würden die eklig-madenhaften Hatifnatten den auf einen glitschigen Pfahl geflüchteten Hemul am Ende unter sich ersticken? Ach, das arme Snorkfräulein, nun sind die Stirnfransen, ihr ganzer weibliche Stolz, versengt. Als das Ungeheuer dann auftauchte, die böse, kalte Morra mit der klirrenden Stimme, da klammerte sich meine Neunjährige an mich. Die Morra, die die finnische Mumin-Erfinderin Tove Jansson als zähnefletschendes Getüm mit tellergroßen Augen gezeichnet hat, schien geradwegs aus dem Buch die Leiter zu Hannahs Hochbett erklimmen zu wollen. Wir spürten, wie sie unter uns hockte, lauerte und dabei eisige Atemstöße zu uns hochschickte. "Schnell, Mami. Lies schneller!" rief Hannah. Es sollte bitte wieder Ruhe einkehren in unser grünes Mumintal. Diese behaglich-gelassene Muminruhe. Öde? Von wegen! "Das Beste an den Mumins ist", sagte Hannah am Schluss, "dass die jeden zu sich einladen. Dass da immer mehr sind." Mehr Vifslas, Mys und Filifjonken zwischen Mücken, Seetang und Birken. ANNETTE BRUHNS
Tove Jansson: "Eine drollige Gesellschaft".
Aus dem Schwedischen von Birgitta Kicherer.
Arena Verlag, Würzburg; 200 Seiten; 12,95 Euro

WORTGEWALT GEGEN MUSKELN Nennt mich nicht Ismael
Wer versucht, einem Jungen zwischen 8 und 14 in die Seele zu gucken, landet dort zwischen Verzagtheit und Großkotzerei oft in einer Wortbrache. "Wie geht's in der Schule?" "Gut." "Wie kommst du mit den Lehrern klar?" "Gut." "Und mit den Mitschülern?" "Gut." Da ist Ismael anders. Ismael, der nicht zum "Bürgermeister von Versagerhausen" gewählt werden will, kann gar nicht wortreich genug über seine qualvollen Selbstzweifel sprechen, was der Geschichte "Nennt mich nicht Ismael" des australischen Autors Michael Gerard Bauer ein ungewöhnliches Kinderbuch-Thema gibt - und eine ebenso kraftvolle wie urkomische und einfühlsame Tonart.
Ismael Leseur hasst seinen Namen, er leidet, sagt er, am Ismael-Leseur-Syndrom. Bauer bringt das so selbstironisch rüber, dass sich bei Leo, 8, Anteilnahme und Lachsalven wundersam die Waage halten. Ismaels Leiden macht ihn anfällig für alle Arten von Gemeinheiten. Das nutzen weniger sensible Naturen seiner Altersklasse weidlich aus. Vulgo: Ismael wird gemobbt. Bis James Scobie kommt. Der hätte weitaus mehr Gründe, an sich zu zweifeln, aber James verfügt über eine Waffe, die den stärksten Fiesling bezwingt: die Sprache. James emphatisiert das geschwächte Schul-Rugby-Team zum Sieg, James lässt sich von arroganten Lehrern nicht einschüchtern, gründet einen Debattierclub und gibt nicht eher Ruhe, bis Ismael sein Freund ist.
Bauers Buch macht Ängstlichen und Außenseitern Mut, indem es Witz und Wortgewalt gegen Dumpfsinn und Muskelspiel auftrumpfen lässt. Selten ist die tröstliche Weisheit von dem, der zuletzt lacht, so spannend, anrührend und auch für erwachsene Leser mitreißend bewiesen worden. BETTINA MUSALL
Michael Gerard Bauer: "Nennt mich nicht Ismael!" Aus dem Englischen von Ute Mihr. Hanser Verlag, München; 304 Seiten; 12,90 Euro

EINSTIEGSDROGE EMMA Jim Knopf
Es ist ein Klassiker, an dem der Vater im Kinderbuchladen nicht vorbeigehen konnte. Schon beim ersten Blick auf den Buchrücken rauschten die Bilder aus der frühen Kindheit durch den Kopf: Die knuffige Lokomotive, die Tunnel, gefährliche See- und Luftfahrten in ferne Länder, Piraten, Riesen (wenn auch nur Scheinriesen), Kampf gegen Drachen.
Alles drin, dachte sich Papa, was in der Welt eines abenteuerlustigen Vierjährigen auch heute noch mächtig Eindruck machen müsste. Selbst wenn die Loks in dem Buch von Michael Ende aus den frühen sechziger Jahren noch mit Dampf fahren, die Schiffe altmodische Segel haben und die Bilder in Papas Kopf zugebenermaßen vor allem Erinnerungen an die "Augsburger Puppenkiste" waren, die vor Jahrzehnten mit Plastikfolie und Pappe wilde Meere und Unterwasserlandschaften auf die Fernsehschirme gezaubert hatte.
Als Einstiegsdroge für Timm diente ein Bilderbuch mit Jim und Lukas. Eine schlichte, aber hübsch gezeichnete Story, in der die beiden mit der Lokomotive Emma kreuz und quer über die Mini-Insel Lummerland rauschen. Danach fiel der Wechsel auf das Original mit seinen oft wuselig-wirren, schwarzweißen Tusche-Illustrationen ganz leicht. Timm fieberte mit dem pfiffigen Jim, der sich mit seinem bärenstarken Ziehvater Lukas, dem Lokomotivführer, zwei dicke Bände lang auf die Suche seiner Herkunft und seiner Identität macht. Jeden Abend ein Kapitel, das reichte für 57 spannende Vorlese-Sessions. Mindestens. Timm besteht inzwischen auf einem zweiten Durchgang. MATTHIAS BARTSCH
Michael Ende: "Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer". Thienemann Verlag, Stuttgart; 256 Seiten; 14,90 Euro

SCHICKSAL IM HOSENBEIN Hey, Wanze
Wanze Muldoon hat den falschen Vornamen, denn er ist keine Wanze, sondern ein Käfer. Und den falschen Beruf, zumindest tut er so. Muldoon ist einer dieser coolen Privatdetektive vom Typ Dick Tracy: Er nennt sich "Schnüffler" und hält nicht gerade große Stücke auf sich, die meiste Zeit hängt er auf seinem Stammplatz in der Dixie-Bar herum. Trotzdem rettet er am Ende die Welt oder zumindest den Garten.
Paul Shiptons Insektenkrimi spielt zwischen Rasen, Komposthaufen und Blumenbeet. Lustlos nimmt Wanze einen eher langweiligen Fall an: Drei Ohrenkneifer vermissen ihren Bruder Eddie. Wanze hört sich um und stellt fest: Seltsames geschieht im Garten - und irgendwem passt es gar nicht, dass der Privatdetektiv überall herumschnüffelt. Wanze bekommt "einen übergezogen" und findet sich auf seinem Panzer dümpelnd im Goldfischteich wieder. Nur mit Mühe entgeht er dem geschuppten Monster.
Langsam kommt er hinter eine grandiose Verschwörung: Ein grimmiger Ameisengeneral will die alte Königin wegputschen und gemeinsam mit abtrünnigen Wespen die Herrschaft über den Garten an sich reißen. Im Bündnis mit einer vorlauten Grashüpfer-Reporterin, einer zuckersüchtigen Fliege und einer Ameise, die von einem Leben als Individuum träumt, gelingt es Wanze, die Machtergreifung zu vereiteln.
Kein Kind versteht die vielen Anspielungen an das Genre. Aber das ist nicht wichtig, die Gartenwelt schildert Shipton liebevoll und lehrreich. So lernen Kinder am Schicksal von Wanzes etwas nervigem Freund Billy, dass sich Raupen verpuppen und in Schmetterlinge verwandeln. Außerdem ist die Story spannend, eine Wohltat für Vorleser. Der Höhepunkt: Wanze lockt die fette Spinne, die Geißel des Gartens, in das Hosenbein des Menschen, wo sie das wohlverdiente Schicksal ereilt.
JAN PUHL
Paul Shipton: "Die Wanze". Aus dem Englischen von Andreas Steinhöfel. Fischer Verlag, Frankfurt am Main; 192 Seiten; 7,95 Euro

LÄRMENDES PAPA-BUCH Das magnetische Autorennen
Wenn Eltern sich darüber austauschen, was sie ihren Kinder vorlesen, wird ja gern geflunkert. Die Lektüre soll pädagogisch wertvoll sein, Sprachgefühl und Wortschatz voranbringen. Ich will ehrlich sein: Das Buch, das mein Sohn Jakob, knapp vier Jahre alt, am liebsten mit mir liest, ist seit über einem Jahr dasselbe.
Es heißt "Das magnetische Autorennen" und ist ein Spielbuch mit Rennfahrermagneten. 17 Tiere rasen darin um die Wette, 17 Magneten werden per Hand durch einen Berg- und-Tal-Parcours bugsiert. Es gibt einen Elefanten auf dem Einrad, einen Igel im Abschleppwagen und ein Huhn im Düsenfahrzeug. Wer als Erster durchs Ziel geht, bekommt einen kleinen Magnet-Pokal.
Die Sätze sind eher knapp gehalten: "Alle geben Gas, guck mal, wie sie rasen." Oder: "Die Mechaniker habe alle Hände voll zu tun, die Rennfahrer machen eine kleine Pause." Der Text spielt aber ohnehin keine Rolle. Das Buch ist nämlich nach Jakobs Definition ein "Papa-Buch". Das heißt, dass es im Unterschied zum Mama-Buch keine durchgängige Geschichte hat, der man still zuhören müsste. Ein Papa-Buch zeichnet sich durch zahlreiche Bild-Details aus, die jedes Mal wieder neu entdeckt und gemeinsam erörtert werden.
Dazu gehört etwa die Frage, welches Motorengeräusch das Rennauto der Eulen verursacht oder ob das Krokodil oder der Löwe auf der Zuschauertribüne mehr Lärm machen. Die entsprechende Lautmalerei gemeinsam zu erzeugen ist ebenfalls charakteristisch für ein Papa-Buch.
Wir haben den Wettkampf schon zigmal durchgespielt, er lässt unendliche Variationen zu. Das Prinzip des Papa-Buches hat inzwischen auch meine Tochter Elisabeth, eineinhalb, durchschaut: Sie unterlegt neuerdings die Lektüre ihrer Bauernhof- und Eisenbahn-Klappbücher mit den passenden Geräuschen.
JAN FRIEDMANN
Ant Parker: "Das magnetische Autorennen". Aus dem Englischen von Barbara Gelberg. Verlag Beltz, Weinheim; 10 Seiten; 14,90 Euro

DIE PFÜTZENMACHER Tatu und Patu
Wenn das Universalgenie Leonardo da Vinci nebenbei auch Kinderbücher gezeichnet hätte, wäre vielleicht so etwas dabei herausgekommen: "Komische Maschinen" ist phantasievoll, erfindungsreich, verrückt. Immer wieder zieht einer von uns dieses Buch aus dem Regal, und jedes Mal entdecken meine Tochter Elsa, 4, oder ihr Bruder Marius, 6, neue, witzige Details - Schrauben, Hebel, Alltagsgegenstände, mit denen die beiden Helden Tatu und Patu herumwerkeln, um sich das Leben zu erleichtern.
Es gibt den "Guten-Morgen-Automaten", in dem Tatu und Patu geweckt, gewaschen, gefüttert und angekleidet werden. Es gibt den "Ekelessen-Entferner", den sich die kreativen Knaben beim Pizzaessen vors Gesicht schnallen, damit Oliven, Anchovis oder Paprikastreifen auf dem Weg in den Mund beseitigt werden.
Unser Lieblingsgerät funktioniert so: Regenwasser sammelt sich in einem umgedrehten Schirm, von dort fließt das Wasser in eine rosa Babybadewanne, wobei es ein kleines Mühlrad aus Holzbrettchen antreibt. Das Mühlrad bewegt einen flachen Bohrkopf, der eine Kuhle in den Boden fräst. In die Kuhle läuft das Wasser aus der Babybadewanne.

Fertig ist die Pfütze.
Eine Pfütze, das ist Wasser in seiner schönsten Form. Finden jedenfalls Elsa und Marius - und würden selbst gern eine "Pfützenmachmaschine" bauen. Die beiden Maschinisten Tatu und Patu sind in eine ganze Menge verrückte Geschichten verstrickt, in bisher sechs Büchern spielen sie die Hauptrolle, ausgedacht und gezeichnet von den Finnen Aino Havukainen und Sami Toivonen.
Es gibt nur ein Problem: "Oudot kojeet", wie der Band über die komischen Maschinen im finnischen Original heißt, ist zwar schon auf Japanisch, Ungarisch und Schwedisch erschienen. Nach Albanien, Dänemark, Frankreich und Litauen wurden bereits die Rechte verkauft. Aber die deutschen Verlage machen um Tatu und Patu bisher einen Bogen. DIETMAR PIEPER
Aino Havukainen, Sami Toivonen: "Tatun ja Patun oudot kojeet". Otava, Helsinki; 30 Seiten; 19,20 Euro. Bislang nicht auf Deutsch erhältlich

SPIEGEL SPECIAL 7/2008
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