18.11.2008

„Wir erobern die Welt zusammen“

Das finnische Bildungswunder beginnt in Klasse eins. Schon die Grundschule stellt die Weichen besser als in Deutschland. Ein Geheimnis ist die Lehrerausbildung.
Sieht so wirklich eine Reformschule aus? Ein Modell für halb Europa, das in allen Leistungsvergleichen Spitzenwerte bekommt, zu dem die Nachbarn neidisch und voller Hochachtung über die Grenze schauen?
Dunkle Wolken hängen über dem tristen Flachbau, der sich zwischen bunte, typisch nordische Einzelhäuser schmiegt. Ein feiner Dauerregen schluckt alle Farben. Die Schüler drängen sich unter kleinen Vordächern, die Stimmung ist grau wie das Wetter.
Heidi Kohi, 35, ist das glatte Gegenteil. Ihre langen Haare leuchten blond und wippen im Takt ihrer Schritte, wenn sie gutgelaunt zum Lehrerzimmer eilt. Es ist noch früh am Morgen, aber ihre Energie weckt auf und steckt die Kinder an.
Kohi ist Klassen- und Englischlehrerin an der Yhtenäiskoulu, einer Schule in Helsinki. Sie liegt nahe der Ausfallstraße zum Flughafen kurz vor der Stadtgrenze. 400 Schüler von Klasse eins bis zwölf, fast ausnahmslos aus dem Viertel, lernen hier unabhängig von Leistung, Begabung oder sozialer Herkunft, eine echte Stadtteilschule. "Das ist unser oberster Grundsatz", sagt Heidi Kohi, "alle bleiben zusammen, der Unterricht ist offen für jeden."
Die Schüler stürmen auf die Lehrerin zu, lachen, nehmen sie in den Arm. Die Kleinen aus der Elementarstufe ebenso wie die aus der Oberstufe. Es sind nicht ihre Schüler, aber das macht nichts. "Wir kennen eigentlich jeden Schüler", sagt Kohi, "das macht es leichter, sie zu verstehen." Und schafft Gemeinschaftsgefühl.
Es ist das Klima, das Besuchern als Erstes auffällt, wenn sie das Pisa-Wunderland zu ergründen suchen, ob in Helsinki oder im finnischen Irgendwo. Das partnerschaftliche Verhältnis zwischen Schülern und Lehrern etwa, die ungezwungene Atmosphäre im Unterricht, aber auch die Verantwortung der Kinder und Jugendlichen ihrer Lehranstalt gegenüber.
Finnische Schulen sind ungewöhnlich ordentlich und intakt. Keine Graffiti an den Wänden, keine Aufkleber, wenig Kritzeleien auf den Pulten. Spiegel und Klos in den Waschräumen sind heil. Fragen nach dem Warum stoßen auf Unverständnis. "Wir müssen uns hier doch wohl fühlen", sagt Lauri, 17.
In finnischen Schulen spiele "der Wohlfühlfaktor eine große Rolle", sagt Rainer Domisch von der obersten Schulbehörde. Obwohl fast überall nur halbtags unterrichtet wird, gehört ein kostenloses warmes Mittagessen dazu, auch eine Krankenschwester für die Gesundheitsfürsorge und sogenannte Schulhelfer oder Kuratoren, die sich um private oder soziale Probleme der Schüler kümmern. Wie selbstverständlich gehen Schüler im Lehrerzimmer ein und aus. Sie entscheiden selbt, ob sie die Pausen auf dem Schulhof verbringen oder nicht. Pennäler und Pädagogen duzen sich. "Wir stärken die Kinder in ihrer Persönlichkeit", sagt Kohi, "wir verstehen und akzeptieren ihre Unterschiede." Aber sie machen keine. Ist das schon das eigentliche Geheimnis des finnischen Erfolgs, der Wohlfühlfaktor durch mehr Geld und ein bisschen mehr Anerkennung?
Anders als in deutschen Grundschulen, wo zumeist schon Zehnjährige nach Bildungslaufbahnen sortiert werden und Spätentwickler oder Kinder aus sozial schwachen Familien kaum noch Chancen haben, geben die Finnen ihrem Nachwuchs unabhängig vom Geldbeutel und Bildungsniveau der Eltern eine faire Chance. "Es ist wichtig, dass wir die Gemeinschaftsschule haben und allen überall die gleiche Ausgangslage bieten", sagt Heidi Kohi.
Da ist sie wieder, die Debatte über die bessere Schulorganisation - Einheitsschule oder gegliedertes Schulwesen -, die in Deutschland ganze Eltern- und Politikergenerationen in die Schützengräben getrieben hat. Die strenge deutsche Sortierung nach Sonderschule, Hauptschule, Realschule und Gymnasium ist international inzwischen so unüblich, dass ein Vergleich mit anderen Nationen kaum noch möglich ist. In Sonntagsreden beschwören deutsche Politiker zwar das "Humankapital Bildung" als Standortvorteil. Aber kaum ein westliches Industrieland sortiert so streng und bringt so wenige junge Menschen zur Hochschulreife wie die deutsche Schule (35 Prozent). In Finnland sind es 76 Prozent.
"Eine frühe Auswahl der Kinder kann man durch nichts rechtfertigen", sagt Erziehungsberater Domisch, 63. Der baden-württembergische Gymnasiallehrer kam 1979 nach Helsinki, im Zentralamt für Unterrichtswesen ist er seit 1994 für Schulentwicklung und Deutschlehrpläne verantwortlich. Zugleich ist er als Weltreisender zur Erklärung des finnischen Bildungswunders unterwegs. "Wenn schon Grundschullehrer ihre Schüler als Menschen sehen müssen, die mit zehn Jahren aufgeteilt werden, bleibt eine Menge an Wertschätzung für jeden Einzelnen auf der Strecke", ist Domischs Maxime.
"Wir erobern die Welt zusammen", nennt das Nipa Nieminen, 54, der seit 25 Jahren unterrichtet. Der Pädagoge, mit Pferdeschwanz und gestutztem Vollbart, steht in Turnschuhen und grünem Fußball-Sweatshirt vor der Klasse und wirkt wie ein spätes Relikt der 68er. Früher war er mit Rock-Bands unterwegs, danach Tierdompteur im Zoo. Bis er sich, "sehr intuitiv", der Pädagogik zuwandte. "Ich könnte ins Parlament gehen, um die Welt zu verbessern", sagt Nieminen, "aber ich kann in der Schule mehr verändern." Und weiter: "Ich glaube nicht an Lehre, ich bin mehr ein Verkäufer, ich verkaufe den Kindern den Zugang zu Themen und Ideen."
Der Erfolg in der Grundschule hängt entscheidend ab von der Qualität der Lehrer, ihrer Reformfreudigkeit und Begeisterungsfähigkeit, bestätigt eine McKinsey-Studie in 24 Ländern. Finnische Lehrer sorgen für eine "ganz andere Unterrichtsatmosphäre, der Rest kommt von allein", sagt die Abiturientin Leontine Jenner, 17, die vor fünf Jahren mit ihren Eltern aus Köln nach Helsinki zog. Deutsche Lehrer kommen in die Klassen, geben Unterricht und gehen wieder, sagt sie: "Hier ist die persönliche Beziehung ganz anders". Sie ist "total froh über die Entscheidung, hier zu sein".
Man muss nur Matti Meri, 65, sehen und erleben, wenn man den Unterschied der Systeme verstehen will. Meri ist Professor für Pädagogik und so etwas wie der Vater der finnischen Schule und Lehrerausbildung. Seine Augen blitzen hinter einer kleinen runden Hornbrille, um den Mund spielt ein verschmitztes Lächeln, wenn er geduldig das Geheimnis der finnischen Schule erklärt und dabei viel über Lehrer spricht. "Bildung ist unsere gemeinsame Sache", sagt er dann, "deshalb ist es wichtig, dass das Bildungsklima positiv ist."
Anders als in Deutschland ist auch für Grundschullehrer ein Universitätsstudium Pflicht. Das Hauptfach Erziehungswissenschaften muss fünf Jahre, bis zum Magisterabschluss, belegt werden. "Man lernt, wie man unterrichtet, nicht was", sagt Meri. "Schließlich unterrichten wir nicht Deutsch oder Englisch, wir unterrichten Schüler."
Nur die Besten dürfen das, deshalb werden die Lehramtskandidaten sorgfältig ausgewählt. "Es gibt in Finnland keine schwierigere Prüfung als diese", sagt Meri. Auf 800 Studienplätze in elf Universitäten kamen dieses Jahr 6500 Bewerber, in Helsinki konkurrierten 1300 Interessenten um 120 freie Plätze. Wer sich behaupten will, muss eine harte Auslese überstehen, bei der die Abiturnoten keinerlei Rolle spielen.
In Stufe eins müssen die Kandidaten fünf wissenschaftliche Beiträge analysieren und beurteilen. Danach wurden in Helsinki 1000 der 1300 Kandidaten von der Liste gestrichen. Bevor ein Schüler sitzenbleibt, so das Kalkül, bleiben die angehenden Lehrer sitzen. Die übriggebliebenen Bewerber müssen sich in Interviews und Gruppendiskussionen bewähren. Warum man Erziehungswissenschaften studieren wolle, wird gefragt, pädagogische Probleme werden zur Debatte gestellt. Kein Prüfer gibt sich mit einfachen Antworten ("Weil ich so gern mit Kindern arbeite") zufrieden. Angehende Lehrerstudenten müssen zuhören, auf Argumente eingehen, überzeugen und begeistern können.
Dafür ist der Unterricht später überraschend unspektakulär. Die Schüler sitzen in Reihen nebeneinander, arbeiten still in Büchern, der Lehrer steht vor der Klasse. In Deutschland ist das als Frontalunterricht verpönt, im Norden häufig Alltag. Gruppenarbeit und pädagogische Klimmzüge sind eher die Ausnahme. Lehrer müssen nicht Drachen bauen oder Schmetterlinge züchten, um Lerneifer wachzukitzeln. "Lehrerzentrierter Unterricht muss nicht schlecht sein", sagt Wolfgang Weber, Schulleiter an der Deutschen Schule in Helsinki, die nach finnischen Prinzipien arbeitet. Junge Finnen lesen viel, sind aber "eher wortkarg", so Weber, "deshalb ist die mündliche Beteiligung zurückhaltend".
In Klasse 3b ist Deutsch als Fremdsprache dran. Die Kinder stehen vor der Wand, singen ein deutsches Volkslied und artikulieren schüchtern, manchmal fast etwas linkisch, die Strophen mit den Händen in Gebärdensprache. "Sie sollen ihre Körper öffnen", um den Kopf frei zu kriegen, sagt Claudia Junge-Lehtovuori: "Damit haben finnische Kinder große Schwierigkeiten."
Die Lehrerin kommt aus Hamburg, und ihr Unterrichtsstil ist hier eine Ausnahme. Mit ihrem finnischen Mann lebt sie seit etlichen Jahren in Helsinki und kennt beide Systeme. Gut findet sie, dass die finnischen Kleinen nach flächendeckender Vorschule mit sieben Jahren erst relativ spät eingeschult werden: "Dann sind sie aber wirklich schulreif und voll auf Startstellung, dann sind sie hungrig auf Bildung".
Oder die pädagogischen Freiheiten. Es gibt sie hier eben nicht, die Überfrachtung mit Reformpädagogik und Methodik, mit Binnendifferenzierung oder projektorientiertem Unterricht. "Finnische Lehrer sind frei zu unterrichten, weil jede Schule ihren eigenen Lehrplan hat", sagt Professor Meri: "Sie sind also nicht nur Lehrer, sondern auch Planer."
Das Zauberwort heißt Vertrauen. Die Eltern vertrauen den Pädagogen, deren Arbeit höchstes Ansehen genießt - auch in der Verwaltung. Es gibt keine staatliche Schulaufsicht oder Schulinspektion. Leistungsbewertung des Unterrichts findet untereinander und mit unabhängigen Experten statt, die Ergebnisse bleiben unter Verschluss.
Um internationale Vergleiche wie Pisa oder Iglu, die in Deutschland für Schlagzeilen und immer neuen Klassenkampf sorgen, kümmert sich hier kaum einer. "Niemand hat bei uns von Pisa gewusst", sagt Professor Meri, "wir machen einfach, was wir können." MANFRED ERTEL
Von Manfred Ertel

SPIEGEL SPECIAL 7/2008
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