18.11.2008

Jedes Kind ein Künstler?

Ob Oper, Konzert, Theater, Malerei oder Tanz: Staatliche Kulturinstitutionen und kommerzielle Veranstalter buhlen um die jüngsten Kulturbürger. Viele Projekte verlocken zum Selbermachen. Auch die Schulen wollen mithalten.
Die neunjährige Sophie und ihr Bruder Philipp, 11, kennen sich aus auf dem Kindertag der Bayerischen Staatsoper. Sie stürmen beim Kennenlerngespräch im Capriccio-Saal in die vorderste Reihe, rufen die Organisatorin: "Heike, kannst du mal kommen?" und sitzen bei der Bühnenshow direkt hinter dem Dirigenten. Gespielt wird "Faust reloaded", ein kindgerechter Mix aus Musical, Oper und Rap-Event, Busoni, Goethe und Gounod.
Sophie saß mit sechs Jahren zum ersten Mal vor einer Bühne, Philipp mit acht. Mozarts Oper "Die Entführung aus dem Serail" ist das Lieblingsstück der beiden, "Hänsel und Gretel", den "Freischütz" und "Die Zauberflöte" haben sie gesehen. "Die Musik von Mozart ist toll", schwärmt Sophie.
Das Fundament ist gelegt. Unwahrscheinlich, dass die Münchner Geschwister später nichts mehr mit Oper, Theater oder Konzert zu tun haben wollen. Sophie und Philipp sind 2 von 600 Kindern zwischen sieben und zwölf Jahren, die an diesem Vormittag durch den klassizistischen Opern-Prachtbau am Max-Joseph-Platz wuseln. Kleine Kulturfreaks, wohin man schaut: Leopold, 9, möchte sich künftig verstärkt Richard Wagner zuwenden, Nachwuchspianist Julien, 9, mag Debussy und Bach am liebsten, und Lena, 8, kennt ihren Goethe: "Mephisto ist der Teufel. Der ist böse. Der will Fausts Seele!"
Deutschland ist reich an Kulturinstitutionen - und reich an Kulturberufen. Theaterpädagoge beispielsweise. Eine Hundertschaft von ihnen ist an den Stadt- und Staatstheatern zwischen Flensburg und Passau beschäftigt. Sie organisieren Kinder-Konzerte, Kinder-Einführungen, Kinder-Tanzprojekte und bisweilen Sleep-over-Nächte in den Kulissen. Aber auch jenseits der staatlichen Kulturinstitutionen kümmert sich ein Heer gut und teuer ausgebildeter Theater-, Tanz-, Konzert- und Museumspädagogen darum, Kinder und Jugendliche für Prokofjew, Picasso & Co. zu erwärmen.
Nie zuvor konnten Kunst und Kultur derart breite Schichten der Gesellschaft erreichen. Nie zuvor war es angesichts dieses überbordenden Angebots einfacher, seinem Sprössling Malerei, Musik und Theater nahezubringen.
Grund dafür ist ein Bewusstseinswandel: "Wir schauen heute anders auf die Kindheit", sagt Gabi dan Droste, Leiterin des Projekts "Theater von Anfang an!" im Berliner Kinder- und Jugendtheaterzentrum. "Wir betrachten Kinder nicht mehr als unvollständig, sondern als vollwertige, kompetente, aktive und neugierige Menschen." Außerdem komme das Bedürfnis vieler Eltern hinzu, ihren Kindern mehr Zeit widmen zu wollen. Und die derzeitige Bildungsdiskussion befördert den Wunsch, Kindern altersspezifische Angebote für ihre Entwicklung und ästhetische Bildung zu machen.
Eine der ersten Institutionen, die Theater für Kinder anbot, war die Kölner Oper: 1996 stellte sie ein Zelt ins obere Foyer, räumte rote Holzbänkchen für die Zuschauer hinein und taufte das Ganze "Kinderoper". Das Projekt läuft bis heute. Auf dem Spielplan stehen Stücke von Ernst Toch, Richard Wagner oder Maurice Ravel; die Sänger sind Profis. Treibende Kraft neben dem Regisseur Christian Schuller ist Moderatorin und Schriftstellerin Elke Heidenreich. "Die Kinderoper ist nicht klein", sagt Heidenreich. "Sie ist nur im Sujet, in der Geschichte, die erzählt wird, dem Niveau der kindlichen Erfahrungswelt angepasst. Künstlerisch gibt es keine Abstriche oder Kompromisse. Alles könnte so auch im großen Haus laufen."
Auch an den Schulen wächst das Kulturangebot.
Erst in diesem Sommer hat die Dortmunder Kinderoper ihre Pforten geöffnet - anders als in Köln in einem eigens errichteten Gebäude. "Der Weg zu Oper und Theater", sagt Intendantin Christine Mielitz, "führt über das Erleben. Kein späterer Vermittlungsversuch kann das ersetzen."
Doch auch abseits der subventionierten Institutionen der Hochkultur hat man den Nachwuchs als Zielgruppe entdeckt: Eine stetig wachsende Zahl von kommerziellen Veranstaltern reist mit kindgerechten Projekten über Land - die "Kinderoper Piccolino Wien" etwa, die "Kleine Oper Bad Homburg" oder die "Junge Kammeroper Köln".
Das "Junge Musiktheater Hamburg" ist so erfolgreich, dass es sich innerhalb von sechs Jahren zu einer Institution mit 120 Sitzplätzen in einem Loft emporspielte. Formate wie "OperaBreve" (Oper in kurz), "Electr'Opera" und "Opern für Kinder" richten sich ausdrücklich an Besucher, die noch nie mit E-Musik in Berührung gekommen sind - keine Aufführung dauert länger als 60 bis 90 Minuten.
So wird Verdis "La Traviata" im coolen Opernloft zu "Lost Violet" - die Heldin ist keine Kurtisane mehr mit Kamelie am bebenden Dekolleté, sondern eine gestylte "Pussy Deluxe": Regisseurin Alexandra Will kombiniert das Original mit elektronischer Musik und verlegt das Stück ins heutige Hamburg. Klar, dass Violet nicht an Schwindsucht, sondern an Alkohol und Partydrogen zugrunde geht.
Besucht werden Vorstellungen vornehmlich von Kindern aus bildungsbürgerlich geprägten Elternhäusern. Für die anderen gibt es nur einen Ort, an dem die lieben Kleinen mit Malerei oder Musik in Berührung kommen: die Schule.
Auch dort wachsen die Angebote ins Unüberschaubare, von herkömmlichen Arbeitsgemeinschaften bis zu ambitionierten Großprojekten, die in monatelanger Probenarbeit auf die Beine gestellt und anschließend in der Aula oder der Stadthalle präsentiert werden. Konzept der Pädagogen: Die Kinder sollen selbst dichten, malen, komponieren, basteln. Musik- und Kunstlehrer erklären zumeist weder den Aufbau des "Tristan"-Akkords noch den eines Bildes von Jackson Pollock. Der eigene Zugang soll bei den Schülern die oft durch Fernsehen und Computerspiele verschüttete Kreativität wecken.
Doch leider kollidieren die Ansprüche in der Praxis schnell mit dem durchschnittsdeutschen Alltag: "In den Schulen fristen die musischen Fächer mehr oder weniger ein geduldetes Dasein als Alibi für eine humanistische Bildung", urteilt Klaus Zehelein, Präsident der Bayerischen Theaterakademie. Die Vorgaben der Kultusministerien hindern die Pädagogen formal zwar nicht daran, eine komplette Unterrichtsreihe über mehrere Wochen einem frei gewählten Kunstprojekt zu widmen. Aber in der Realität lassen die engen Vorgaben dafür dann doch nur wenig Raum. Es ist absurd: Kaum ein Kulturpolitiker, der nicht erklärt, dass Kunst- und Kulturvermittlung Sache der Schulen sei. Und kaum ein Lehrer, der nicht darüber klagt, dass angesichts vollgestopfter Lehrpläne genau dafür keine Zeit bleibt.
Projekte, die sich die Vermittlung von Kunst und Kultur auf ihre Fahnen geschrieben haben, sind an vielen Schulen ein nachmittägliches Zusatzangebot, das sich an eine Generation von Kindern richtet, die ohnehin über 40- bis 50-Stunden-Wochen voller Vokabeltests, Mathearbeiten und Deutschdiktate klagt.
Doch trifft ein Projekt den Nerv der Schüler, wird die AG trotzdem besucht. Diese Erfahrung hat die Spandauer Musiklehrerin Christiane Palmer-Lindner gemacht. In ihrer Grundschule bekam sie zwei Unterrichtsstunden pro Woche für die Mitwirkung an einem Tanzprojekt eingeräumt, wollte darin Kindern aller Schichten und Kulturen den zeitgenössischen Tanz nahebringen. In der "TanzZeit" sollte jedes Kind nach eigenen Ideen und Fähigkeiten tanzen dürfen, mal ein Blatt im Wind spielen, ein leichtes Tuch sein, ein schwerer Stein oder eine Kirchenglocke, erklärt Palmer-Lindner, selbst Mutter von vier Kindern. Und weil das örtliche Kulturhaus mitspielt, können die Schüler ihre Choreografien regelmäßig einem echten Publikum präsentieren.
Im Hamburger Rotlichtbezirk St. Georg schrieben und inszenierten 75 Kinder der Heinrich-Wolgast-Schule das deutsch-türkische Theaterstück "Bir varmis, bir yokmus", auf Deutsch: "Es war einmal, es war keinmal". Etwa sechs Monate dauerte die Arbeit, bis zu den drei umjubelten Aufführungen in der Schulaula; die Schüler und Lehrer heimsten dafür einen Preis der Kulturstiftung der Länder ein.
Acht Wochen und 120 Unterrichtsstunden lang bastelten, reimten, rappten und komponierten insgesamt 65 Schüler im Deutsch-, Sach-, Kunst- und Musikunterricht einer Grundschule im rheinland-pfälzischen Vallendar ein auf Goethe fußendes Projekt. Eigene, vom Weimarer Großdichter inspirierte Werke präsentierten die jungen Kreativen in einer bunten Revue aus Songs, Gedichten, Sketchen, Raps und einer Ausstellung. Motto: Jedes Kind ein Künstler.
Da die selbstgemachte Kinderkunst bei Eltern gut ankommt, schwenken auch die Theater- und Konzertpädagogen um: Der Trend geht nun auch in der Hochkultur weg vom Theater für Kinder und hin zum Theater mit Kindern.
In den Museen übrigens war das Selbermachen von Anfang an der pädagogische Grundgedanke: Von Aachen bis Zwickau steht allerorten ein überwältigendes Kreativangebot für kleine Besucher parat, seien es Kinderkunstclubs, antike Schminkschulen ("Zu Gast bei Nofretete") oder "Kinder führen Kinder"-Führungen. In der Kunsthalle Emden gibt es eine Malschule für Kinder ab drei Jahren. Das Ziel von Gründerin Eske Nannen: "Phantasie, Kreativität und Vertrauen in die eigene schöpferische Kraft zu fördern - frei von Leistungsdruck und schulischen Strukturen."
Das neue Vermittlungskonzept hat viele Vorteile: ADHS-Kinder werden durchs Zeichnen ruhiger, Bewegungsfaule korrigieren im Kindertanz ihre Haltungsschäden, Schüchterne bekommen durch das Performen selbstgetexteter Songs wichtige Erfolgserlebnisse. Mit dem Vermitteln und Erklären abendländischer Kultur hat diese Kinderkunst allerdings nur wenig zu tun - auch wenn die Pädagogen natürlich hoffen, bleibendes Interesse zu wecken.
Ein Problem bleibt: "Kultur vermittelt sich nicht von selbst", sagt Isabel Pfeiffer-Poensgen, Generalsekretärin der Kulturstiftung der Länder. "Dafür sind die Formen und Zusammenhänge, die sich zum Teil in Jahrhunderten entwickelt haben, zu komplex." Wer also möchte, dass sein Kind die Proportionen eines Renaissance-Gemäldes begreift, kann ihm zwar einen Pinsel zum Selbermalen in die Hand drücken - aber er sollte ihm daneben auch etwas über den Goldenen Schnitt erzählen.
"Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit", wusste schon Karl Valentin. Für Zuschauer und Zu- hörer gilt das auch. Man sieht und hört nur, was man weiß. MARGOT WEBER

www.kinderzumolymp.de
Homepage der Jugendinitiative der Kulturstiftung der Länder.
www.museumspaedagogik.org
www.bv-kindermuseum.de
www.kinderinfo.de
Kinder- und Jugendmuseen deutschlandweit.
www.kinofenster.de
www.top-videonews.de
www.schau-hin.info
Informationen über ältere und aktuelle Kinderfilme und DVDs.
Von Margot Weber

SPIEGEL SPECIAL 7/2008
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