18.11.2008

„VOR MISSBRAUCH SCHÜTZEN“

Der Schweizer Kinderpsychologe Allan Guggenbühl über Aufklärungsunterricht und Prüderie
SPIEGEL: Herr Guggenbühl, wie sinnvoll ist es, dass schon Grundschulkinder Aufklärungsunterricht haben?
Guggenbühl: Es gibt Themen, die sich schwer pädagogisch abhandeln lassen, eines davon ist die Sexualität. Natürlich, biologische Fakten oder die Aufklärung über Aids soll und kann man gut vermitteln. Doch Sexualität hat vor allem mit Emotionen und Phantasien zu tun, hier stößt die Schule an ihre Grenzen. Dazu kommt, dass es kaum ein Thema gibt, bei dem mehr gelogen wird. Die Erwachsenen tun so, als gäbe es keine Probleme. Diesen Betrug merken die Kinder.
SPIEGEL: Ist die Schule also gar nicht der richtige Ort für Aufklärung?
Guggenbühl: Die Schule kann Anstöße und Zusatzinformationen geben. Das Thema kann zum beispielsweise durch literarische Texte indirekt behandelt werden. Doch die Schule müsste auch Räume eröffnen, in denen Kinder untereinander über Sexualität sprechen können, ohne dass Lehrer präsent sind. Wenn das Thema Sexualität formalisiert und im Rahmen einer Lektion präsentiert wird, dann geht die anarchische Qualität verloren, die für Kinder meist im Vordergrund steht.
SPIEGEL: Oft wehren sich Eltern gegen Sexualaufklärung in der Schule, weil sie befürchten, ihr Kind könnte erst dadurch auf "schlimme" Gedanken kommen.
Guggenbühl: Das große Problem ist heute, dass die Eltern ihre Kinder nicht in Ruhe lassen und sich in ihre Intimsphäre einmischen. Dadurch, dass es viel weniger Kinder als früher gibt, haben sie eine viel größere Bedeutung bekommen. Sie werden zu einem Symbol für die eigene Entwicklung, die eigene Zukunft.
SPIEGEL: Sind denn schon Kleinkinder sexuelle Wesen?
Guggenbühl: Kinder haben schon mit fünf, sechs Jahren sexuelle Phantasien. In der Pubertät werden sie stärker.
SPIEGEL: Kinder sind heute durch Medien mehr denn je pornografischen Inhalten ausgesetzt. Was für eine Wirkung hat das auf sie?
Guggenbühl: In meinen Gruppentherapien stelle ich immer wieder fest, dass Kinder von expliziten pornografischen Szenen reden. Sie wissen, was Gang Bang, was Fellatio ist, sie haben diese Bilder im Kopf und verbinden diese Praktiken mit Sexualität an sich. Die Pornografisierung der Sexualität ist aber auch ein Schutzmechanismus, um die persönliche Betroffenheit zu verschleiern, um sich vor der Wirkung solcher Bilder zu schützen. Die Kinder malen sich solche Szenen aus, aber tatsächlich besteht eine große Diskrepanz zwischen ihrer medialen Erfahrung und ihrer Realität. Wenn sie später verliebt sind, halten sie trotzdem erst mal nur Händchen und bekommen rote Ohren.
SPIEGEL: Viele Eltern und Lehrer beklagen sich über die sexualisierte Sprache, schon von Grundschülern. Sie beschimpfen ihre Umwelt mit "Schlampe", "Fotze" und "Wichser". Wie sollten Erwachsene darauf reagieren?
Guggenbühl: Sie sollen ruhig entsetzt reagieren, so merken die Kinder, dass man diese Wörter nicht sagt. Natürlich setzen sie sie trotzdem ein, sie spüren, dass sie die Erwachsenen damit provozieren können.
SPIEGEL: Es geht vor allem um den Spaß am Tabubruch?
Guggenbühl: Es ist für Kinder schwieriger geworden, Erwachsene zu schocken. Früher genügte es, sich die Haare wachsen zu lassen, heute sind die Erwachsenen meist so tolerant, da braucht es stärkere Mittel. Die Pornografie hat die Rolle übernommen, zu schockieren, obwohl die Kinder ein ambivalentes Verhältnis zu ihr haben. So paradox es klingt: Sie benutzen diese Schimpfwörter auch, um die Sexualität von sich fernzuhalten. Indem sie sie karikieren, müssen sie sich nicht auf sie einlassen und können dennoch so tun, als wüssten sie bestens Bescheid
SPIEGEL: Im Gegenzug zu der Überflutung mit Pornobildern scheint in Deutschland eine neue Prüderie zu entstehen. Vergangenes Jahr wurde eine bis dato erfolgreiche Aufklärungsbroschüre aus dem Verkehr gezogen, weil der Verdacht aufkam, sie könne Pädophile ansprechen.
Guggenbühl: Sexualität kann man nie restlos kontrollieren und zivilisieren, sie bleibt unberechenbar. Prüderie ist ein Versuch, sie durch extreme Maßnahmen zu disziplinieren. Der Sexualität soll dass Dämonische ausgetrieben werden. Solche Maßnahmen haben sich allerdings bisher immer als gigantische Fehlschläge erwiesen.
SPIEGEL: Als Grund dafür, die Kinder vor der Sexualität fernzuhalten, wird ja oft die Angst vor Pädophilen genannt, die sich durch zu viel Offenheit aufgefordert fühlen könnten, sich an Kindern zu vergehen.
Guggenbühl: Man muss Kindern beibringen, sich vor eigenen abartigen Phantasien und Missbrauch durch Fremdpersonen zu schützen. Sie müssen lernen, sich abzugrenzen, und natürlich muss man ihnen sagen, dass es Dinge gibt, die nicht normal sind.
SPIEGEL: Sie plädieren für mehr Gelassenheit?
Guggenbühl: Ich plädiere dafür, dass man Kindern mehr vertraut und ihre Erfahrungen unterstützt, ohne didaktische, oft auch unehrliche Interventionen. Zweitens, dass den Kindern differenzierte Bilder der Sexualität geboten werden, Literatur, Filme zum Beispiel, über die sie sich an das Thema herantasten können. Drittens, dass Eltern eine gelassene Haltung gegenüber der Pornografie entwickeln und das den Kindern kundtun. Pornografie gehört zum Menschen, muss jedoch nicht ausgelebt werden. INTERVIEW: JENNY HOCH
Von Jenny Hoch

SPIEGEL SPECIAL 7/2008
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