01.01.1998

PolitikReligion im Angriff

Hans Hielscher, 61, ist Redakteur und Afrika-Experte des SPIEGEL.
In der flirrenden Luft über der Savanne erscheint die Moschee von Touba wie eine Fata Morgana. Minarette und eine goldene Kuppel sind plötzlich am Horizont aufgetaucht - erster Ausdruck von Kultur und menschlicher Schaffenskraft nach monotoner Fahrt durch eine unbewohnte Trockenebene.
120 Kilometer östlich der Hauptstadt Dakar haben sich senegalesische Muslime ihr Mekka errichtet: Touba ist Pilgerort und Handelsplatz der Bruderschaft der Muriden, die Glauben und Profitstreben miteinander verbindet: "Arbeite, als ob du niemals sterben müßtest", ermahnt der Bund seine Mitglieder, "und bete, als ob du morgen sterben müßtest."
Diesem Ethos folgen Erdnußbauern und Mechaniker im Senegal, aber auch Brüder, die ausgewandert sind und in New York Taxis fahren oder in Rom Sonnenbrillen verhökern. Und weil alle Muriden einen Teil ihres Einkommens an ihre Zentrale in Touba überweisen, hat die Bruderschaft beträchtliches Kapital akkumuliert: Der islamische Orden hat Senegals Handelskammer übernommen und beherrscht ganze Sektoren der Wirtschaft wie das Transportwesen und den Import von Elektronik.
Die Muriden - fast zwei Millionen unter den acht Millionen Senegalesen, die zu 90 Prozent Muslime sind - gehören überwiegend zum Stamm der Wolof. Ihr "großer Marabout" in Touba und viele kleinere Marabouts verkünden die Botschaft des Koran - und betätigen sich gleichzeitig als Weise, Heiler und Wahrsager nach afrikanischer Tradition. Deshalb leben bei den Muriden die Geister und Tänze der Wolof weiter.
Die Verwurzelung der Muriden in der Kultur der Region ist typisch für den Islam in Afrika, wo es viele ähnliche Bruderschaften gibt. Insgesamt leben heute in Afrika rund 250 Millionen Muslime, 250 Millionen Christen und 100 Millionen Anhänger von Naturreligionen, wobei der Islam die alleinige Spitzenstellung anstrebt: Die Zahl der westafrikanischen Muslime nahm innerhalb einer Dekade um die Hälfte zu.
Die Schwarzen haben der Religion des Propheten ein "afrikanisches Kleid" verpaßt, schreibt der Autor Amadu Hampate Ba aus Mali. Das war möglich, weil südlich der Sahara vor allem Händler den Koran verbreiteten. Afrikas Norden wurde dagegen von islamischen Heerscharen mit dem Schwert bekehrt und dabei arabisiert.
Wo sich Kulturen mischen, ist Toleranz gefragt; und ethnische Zugehörigkeit bedeutet den Afrikanern mehr als das religiöse Bekenntnis. So ließen sich Senegals Muslime nach der Unabhängigkeit 1960 zwei Jahrzehnte vom Katholiken Leopold Senghor regieren; nun finden sie nichts dabei, daß dessen Nachfolger, der Muslim Abdou Diouf, eine christliche Frau hat. Die mehrheitlich christlichen Kameruner wählten den Muslim Ahmadou Ahidjo zu ihrem ersten Präsidenten.
Bei den Mossi in Burkina Faso und bei den Yoruba in Nigeria gehen Teile von Großfamilien sonntags in die Kirche, während andere freitags die Moschee aufsuchen. Christen finanzieren ihren muslimischen Vettern die Pilgerfahrt nach Mekka; zu Weihnachten bringen ihnen die Muslime Geschenke. Von Gambia am Atlantik bis nach Tansania am Indischen Ozean haben afrikanische Staaten die Feste der Christen und Muslime gleichberechtigt zu gesetzlichen Feiertagen erhoben.
Der kenianische Politologe Ali Mazrui erklärt "Afrikas Ökumene" mit der "Fähigkeit der traditionellen afrikanischen Religionen, alternative religiöse Kulturen hinzunehmen und sich mit ihnen zu arrangieren". Die ethnische Vielfalt förderte die friedliche Koexistenz - zuerst das Nebeneinander der Stammesreligionen, dann das Leben mit den Eindringlingen von außen, dem Islam und dem Christentum.
Der Islam verbreitete sich früher in Afrika. Er schuf Strukturen, auf die sich die europäischen Kolonialmächte im vergangenen Jahrhundert gern stützten. Aus der Muslim-Bevölkerung rekrutierten die Kolonisatoren in Deutsch-Ostafrika ihre Soldaten (Askari), Unterbeamten (Akida) und Schreiber (Karani). Die Briten kontrollierten den Norden ihrer Kolonie Nigeria mittels "indirekter Herrschaft": Der Machtapparat der Emire wurde nicht angetastet, wenn die islamischen Würdenträger kooperationsbereit waren.
Als Gegenleistung untersagten die Engländer christliche Missionstätigkeit in Nigerias Emiraten. Folge bis heute: Nordnigeria hat sich zwar seine afrikanisch-islamische Identität erhalten, ist aber im Bildungswesen hoffnungslos hinter dem - einst animistischen, christlichen - Süden des Landes zurückgeblieben.
Spannungen zwischen Nigerias Norden und Süden und Verteilungskämpfe um Erdölerlöse führten von 1967 bis 1970 zum Bürgerkrieg. Die von Nordnigerianern beherrschte Bundesarmee verhinderte durch einen militärischen Sieg, daß sich Südostnigeria unter dem Namen Biafra als eigener Staat etablierte. Doch niemand versuchte, die geschlagenen Biafraner zum Islam zu bekehren. Der Konflikt, der damals die Welt mit Bildern von verhungernden "Biafra-Babys" erschütterte, war kein Religionskrieg.
Als Waffe gegen den Westen nutzte der 1969 in Libyen an die Macht gekommene Oberst Muammar el-Gaddafi den Islam. "Bruder Muammar" wollte die Schwarzafrikaner mit Solidaritätsaufrufen und Petrodollars für Allah gewinnen. Der gerissene Tyrann des Staates Zentralafrika trickste ihn freilich aus: Der selbsternannte "Kaiser" Bokassa trat zum Islam über, kassierte von Libyen 15 Millionen Dollar Wirtschaftshilfe - und wurde wieder Katholik. "Es ist schwierig, einem Affen die Reinheit des Islam nahezubringen", schimpfte der düpierte Gaddafi.
Afrikas Nöte - Zusammenbruch der Wirtschaft, Staatszerfall, Bürgerkriege - lösten in den achtziger Jahren einen bis dahin nicht gekannten Kulturkampf aus: Zum einen reisten christliche Fundamentalisten im emphatischen Billy-Graham-Stil zur "gewaltigsten Seelenernte" (so der Prediger Reinhard Bonnke) über den Kontinent. In ihren Bekehrungsfeldzügen verunglimpften die modernen Missionare den Koran als "Fälschung"; muslimische Gebiete wollten sie "Satans Kontrolle" entreißen. Zum anderen starteten der Iran des Ajatollah Chomeini und Eiferer aus der arabischen Welt eine Bewegung "Islam für Afrika - Afrika dem Islam".
Auf einer Konferenz im nigerianischen Abuja 1989 erarbeiteten Muslime Strategien zur Verbreitung ihres Glaubens in Afrika: Die arabische Sprache sei überall zu fördern; Bestrebungen etlicher Staaten, die Scharia einzuführen, müßten unterstützt werden; muslimische Glaubensbrüder sollten in Schlüsselstellungen in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft geschleust werden; möglichst viele Staaten müßten zum Eintritt in die "Islamische Konferenzorganisation" bewegt werden.
Dieser Zusammenschluß von damals 45 Staaten mit mehrheitlich muslimischer Bevölkerung lockte afrikanische Staaten mit zinslosen Entwicklungskrediten. Prompt traten bettelarme Länder wie Uganda und Benin der Organisation bei - obwohl die Muslime bei ihnen in der Minderheit sind.
Christliche Würdenträger warnten die Politiker vor dem Ausverkauf und dem Islam, der sich in Afrika zunehmend als Religion im Angriff präsentierte.
"Ich hoffe, daß alle Christen übertreten", eiferte der nigerianische Scheich Abubakar Mahmoud Gumi, Träger des König-Feisal-Preises für vorbildliche Dienste am Islam; im Radio wurden die Brandreden des fundamentalistischen Predigers nach ganz Westafrika übertragen. Gumi-Gefolgsleute forderten 1991 auf Demonstrationen den Tod für Salman Rushdie und den nigerianischen Literatur-Nobelpreisträger Wole Soyinka, der zur Solidarität mit seinem Kollegen aufgerufen hatte.
Solche Manifestationen zeigen den Einfluß des Iran, der zum Beispiel an Ostafrikas Muslime das in Kisuaheli gedruckte Monatsmagazin Sauti ya Umma verschickt. Die radikale Botschaft der Teheraner Mullahs - "Der Islam ist die Lösung" - findet zunehmend Anhänger in Afrika: Von ihren eigenen Politikern sind die Menschen tief enttäuscht.
So konnten Scheichs vom Schlage Gumis in den vergangenen Jahren in Nordnigeria Revolten gegen die staatlichen Behörden anzetteln; das Militär griff ein, mehrere tausend Menschen kamen ums Leben.
Ein Ende der unruhigen Zeiten ist nicht abzusehen, denn ausländische Mächte wollen weiter mitmischen: Beim Freitagsgebet in Teheran am 11. Juli 1997 verkündete Irans damaliger Präsident Rafsandschani, daß sein Land die Missionstätigkeit in Afrika zur "Top-Priorität" erhoben habe.
Teherans engster Verbündeter auf dem Schwarzen Kontinent ist das Regime im Sudan. Dessen Einheitspartei "Nationale Islamische Front" hat die Scharia eingeführt und betreibt den Export der islamischen Revolution: In acht Lagern im Sudan werden fundamentalistische Gruppen aus zehn afrikanischen Ländern militärisch ausgebildet.
Gegen die Opposition im eigenen Land - christlich-animistische Befreiungsbewegungen im Südsudan - führen die Machthaber in der Hauptstadt Khartum schon einen offenen Religionskrieg: Flüchtlinge finden in Lagern der Regierung für ihre Kinder nur eine Art von Bildungsstätte: Koran-Schulen. Und wer sich nicht bekehren läßt, bekommt auch nichts zu essen.
Von Hans Hielscher

SPIEGEL SPECIAL 1/1998
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


  • Doku zu cholesterinreicher Ernährung: Fett for Fun
  • Freizeitpark im Schwarzwald: Karussell ähnelt Hakenkreuzen
  • "Uber Boat": In Cambridge kommt der Kahn per App
  • Archäologie: Jahrtausendealtes Wandrelief in Peru entdeckt