01.01.1998

SzeneAllah-mania

Von einem Zulauf wie auf die Moscheen und Gebetshäuser der islamischen Gemeinden in Deutschland kann der Papst nur träumen. Doch im Namen des Propheten führen Fundamentalisten einen erbitterten Kulturkampf um Kopftücher, Koranschulen und Schächtungen.
So weit haben es die Muslime in Deutschland schon gebracht: Die Sozialdemokraten zählen zu ihren Nachbarn, die CDU-Zentrale liegt gleich gegenüber, zum Abgeordnetenhaus sind es nur ein paar Meter, und auch das Kanzleramt ist fast zum Greifen nah - zumindest was die Adresse anbelangt, sind die Jünger des Propheten ein gewaltiges Stück Richtung Macht vorgerückt.
Der Stolz über den Sprung aus der Provinz an die Bonner Friedrich-Ebert-Allee spiegelt sich im Lächeln Hasan Özdogans. Der untersetzte Mann mit dem fein gestutzten Schnauzer ist der Vorsitzende des "Islamrats für die Bundesrepublik Deutschland" und Herr über die im vergangenen Frühjahr bezogene Zentrale der Muslim-Lobby am Rhein.
"Die Adresse ist symbolisch", erklärt der Chemiker, der vor über 25 Jahren aus der Türkei eingewandert ist, "wir wollen zeigen, daß wir da sind." Das ist, bei Allah, nicht zu übersehen.
Rund 2200 Gebetshäuser und Moscheen haben Deutschlands Muslime schon eröffnet - und das nicht nur in düsteren Hinterhöfen. Um das Stigma des Gastarbeiter-Islam abzuschütteln, suchen immer mehr Gemeinden nach repräsentativen Grundstücken.
Der Stolz der Bewegung steht in Mannheim: ein prächtiger Kuppelbau für mehr als 2500 Gläubige, mit Minarett und Gebetsraum, einem Bad für rituelle Waschungen, Veranstaltungssälen, Wohnungen und Geschäften inklusive.
Berlins Muslime wollen noch eins draufsetzen, im Wortsinne: Die Minarette ihrer am Flughafen Tempelhof geplanten Moschee sollen mit 43 Metern das schlanke Mannheimer Türmchen um 11 Meter überragen.
Während die christlichen Kirchen über Mitgliederschwund und mangelndes Engagement jammern, verzeichnet die vitalste der drei monotheistischen Weltreligionen in ihren Gotteshäusern einen Zulauf, von dem der Papst bloß träumen kann. Zum Neidwesen vieler Pfarrer und Priester füllen sich die Prachtbauten nicht nur zum Freitagsgebet. Auch an Nicht-Feiertagen drängeln sich die Gläubigen selbst in Behelfsmoscheen über Supermärkten oder in alten Lagerhallen.
Im heimlichen Einwanderungsland Deutschland gilt der Koran mehr als zweieinhalb Millionen Menschen aus rund 40 Nationen als Heilige Schrift. Zu Ehren Allahs verneigen sich Algerier wie Ägypter und Iraker, aber auch Indonesier und Pakistaner Richtung Mekka, manche fünfmal am Tag.
Das Glaubensbekenntnis "la ilaha illa allahu" ("Es gibt keinen Gott außer Gott") sprechen auch Bürgerkriegsflüchtlinge aus Bosnien wie aus Somalia. Und sogar 11000 deutsche Christen sind, ergriffen von den Verkündigungen Mohammeds, bereits zum Islam konvertiert; viele legen den Koran strenger aus als die rigorosen Saudis.
Die größte Gruppe in der vielfältig fraktionierten Gemeinschaft der Gläubigen stellen die gut zwei Millionen in der Bundesrepublik lebenden Türken. Sie bestimmen nicht allein durch die Größe ihrer Gemeinden das Bild des Islam; auch die Renaissance des Glaubens in ihrer Heimat - wo mit Necmettin Erbakan erstmals ein Islamist Ministerpräsident werden konnte - hat ihrem Selbstbewußtsein enormen Auftrieb gegeben.
So wie mit dem neu erwachten Stolz der Muslime die Minarette in die Höhe schießen, nimmt bei vielen Alteingesessenen die Unsicherheit gegenüber den Gläubigen aus dem Morgenland zu, verschärft sich der Streit um die Grenzen der Toleranz. Antwort erheischen vor allem zwei Kernfragen:
- Welche Zugeständnisse muß die deutsche Gesellschaft, in der die Religionsfreiheit zu den Grundrechten zählt, dem islamischen Glauben und dessen Werten einräumen?
- Welches Mindestmaß an Anpassungsbereitschaft müssen strenggläubige Muslime ihrerseits mit Rücksicht auf die Grundregeln des Zusammenlebens in Deutschland aufbringen?
Die große Mehrheit der Muslime in Deutschland praktiziert ihre Frömmigkeit im stillen Gebet, weist allenfalls in der Kantine mal das Schweinekotelett zurück oder darbt gottgefällig im Fastenmonat Ramadan. Ungeachtet dessen stößt die unvertraute Kultur auf erhebliche Vorbehalte. Eine Begeisterung für Poesie und Philosophie des islamischen Orients, wie sie noch Goethe in seinen umfangreichen Prosa-Erläuterungen zu den Gedichten des "West-Östlichen Divan" zeigte, ist in weite Ferne gerückt, seit die Nachbarschaft von Okzident und Orient konkret wurde.
Fast die Hälfte der Deutschen sieht im Islam eine Bedrohung für die westliche Kultur. Gegen neue Moscheen stürzen sich konservative Kommunalpolitiker bisweilen in den Kampf, als müßten sie wie Karl Martell 732 bei Poitiers ein ganzes Araberheer aufhalten.
Dabei scheuen christliche Fundamentalisten nicht den Schulterschluß mit beinharten Atheisten: Die ziehen gegen die Gebetsaufrufe des Muezzin ebenso zu Felde wie gegen das Glockenläuten. Und etliche Bürger, die einfach ihre Ruhe oder halt nichts Fremdes in der Nachbarschaft haben möchten, ziehen mit.
"Wir wollen koa Moschee und koa Minarett ham", dröhnt es aus der CSU von Dingolfing, und in der Duisburger CDU ist für viele "das Faß voll", wenn der Muezzin über Lautsprecher in die Moschee ruft (siehe Seite 114).
"Das Urvertrauen zwischen Deutschen und Muslimen ist erschüttert", klagt Islamrat-Vorsitzender Özdogan, "wir werden diffamiert und ausgegrenzt." Der eifrige Öffentlichkeitsarbeiter registriert bereits "neue Mauern mitten in unserer Gesellschaft". Die Schuld sieht er ausschließlich bei den intoleranten Christenmenschen.
Das ist zwar ungerecht, doch daß immer mehr Deutsche das "Feindbild Islam" pflegen, beunruhigt sogar den bedächtigen Bundespräsidenten Roman Herzog. Besorgt über neuen Nährboden für Fremdenhaß, warnt das Staatsoberhaupt vor gefährlicher Pauschalisierung: "Die islamische Welt ist kein monolithischer Block und erst recht kein fundamentalististischer Block. In Wahrheit ist das, was wir landläufig als Fundamentalismus bezeichnen, nichts anderes als die politische Instrumentalisierung religiöser Gefühle."
Die bitteren Konsequenzen dieses Mißbrauchs in vielen Heimatländern des Islam lassen den Glauben so bedrohlich erscheinen - von der blutigen Revolution des Ajatollah Chomeini im Iran 1979 über Massaker an regimeergebenen Bürgern in Algerien oder Anschläge auf deutsche Touristen in Ägypten bis zu verbalen Attacken eines Erbakan gegen den verderbten Westen, mit denen der Islamistenführer in der Türkei die frustrierten Massen gewinnen will.
Liefert die islamische Welt somit nicht selbst fast täglich neue Belege für die düstere Vision vom "Kampf der Kulturen" des Harvard-Professors Samuel P. Huntington? Zumindest scheinen Ansätze einer muslimischen Parallelgesellschaft in der Bunderepublik bereits zu existieren.
Das jedenfalls legt eine Befragung von 1221 türkischen Jugendlichen für eine Studie des Bielefelder Sozialforscher Wilhelm Heitmeyer über den "verlockenden Fundamentalismus" nahe: Abgelehnt von der fremden deutschen Umgebung, wurzellos aber auch in der ähnlich fremden türkischen Gesellschaft, klammerten sich, so Heitmeyer, viele Jugendliche an die umma, die religiöse Gemeinschaft der Muslime, in der sie sich geborgen fühlten.
Die Schlußfolgerung der Bielefelder Forschergruppe kommt einer Rüge für halbherzige Ausländerpolitik gleich: "Je größer die Desintegration von türkischen Jugendlichen ist, desto eher glauben sie an eine Überlegenheit des Islam, akzeptieren religiös begründete Gewalt und suchen die Nähe zu entsprechenden Organisationen." Der Aussage "Wenn jemand gegen den Islam kämpft, muß man ihn töten", stimmten 23,2 Prozent zu.
Eine "zunehmende Hinwendung" zum Islamismus registriert auch das Hamburger Orient-Institut in einer Studie für das Bundesinnenministerium. Unter dem Vorwand der Religionsausübung, so die Experten, mißbrauchten Fundamentalistengruppen naive Gläubige für ihre "antideutschen, antijüdischen, antidemokratischen, rassistischen, integrationsfeindlichen und islamistischen" Ziele.
Rein statistisch fallen die fundamentalistischen, überwiegend türkischen Organisationen zwar nicht ins Gewicht. Die vom Bundesamt für Verfassungsschutz als grundgesetzfeindlich eingestuften Muslimvereine zählen etwa 30000 Mitglieder; die stärkste Truppe ist, mit 26500 Organisierten, Milli Görüs (Nationale Weltsicht) unter Führung eines Erbakan-Neffen. Doch die Zahl der Sympatisanten, vor allem unter Jugendlichen, geht womöglich in die Hunderttausende.
Der Islamismus, fürchtet Verfassungsschutz-Präsident Peter Frisch, könnte sich "im kommenden Jahrhundert zur großen Gefahr entwickeln", denn der angestrebte Gottesstaat sei "unvereinbar mit Prinzipien der freiheitlich-demokratischen Grundordnung". Frisch: "Es zeigt sich immer wieder, daß Islamisten sich letzten Endes den Gesetzen nicht anpassen wollen."
Welch enormen sozialen Sprengstoff die Islamisten-Parole "Unser Grundgesetz ist der Koran" birgt, zeigt sich schon allein im (vermeintlichen) Kopftuch-Gebot. Sekretärinnen mit Kopftuch - das ist für manchen Chef unvorstellbar. Und Schülerinnen, die sich dem Hidschab, der züchtigen islamischen Kleidung, verpflichtet fühlen, lösen überall in Westeuropa hitzige Diskussionen aus (siehe Seite 125).
Müßte nicht das Kopftuch, dieses Symbol einer vermeintlich repressiven Religion, im Namen des Fortschritts verboten werden? Oder wäre es nicht gerade ein beispielhaftes Zeichen westlicher Toleranz, das Kopftuch zu erlauben? Wenn ja: Sollte diese Liberalität auch für den vollen Gesichtsschleier gelten - oder würde da nicht fast schon das Vermummungsverbot greifen?
Das Bundesverwaltungsgericht hat die Grenzen der Toleranz sehr weit gesteckt. Seit 1993 können muslimische Mädchen nicht zum Sportunterricht mit Jungen gezwungen werden. Aber dürfen muslimische Eltern daraus das recht herleiten, ihre Kinder zu zwingen, den Sexualkundeunterricht zu boykottieren? Zumindest Verwaltungsrichter in Berlin sahen im vergangenen Mai für eine Unterrichtsbefreiung gute Gründe.
Erst im September '97 zettelte Özdogans Islamrat einen weiteren Rechtsstreit an: Die Muslim-Vertretung will die Schächtung durchsetzten, das rituelle Ausbluten von Schlachtvieh. Daß der Schnitt durch die Kehle verboten ist, weil "Tierschützer stärker sind als Muslime", empört den Islam-Lobbyisten zutiefst. Aber ist er deshalb gleich Verfassungsfeind? Zwar trat Özdogan bereits früher als einer der Strategen von Milli Görüs, Allahs fünfter Kolonne, in Erscheinung, womit er manch einem fast schon als verbriefter Grundgesetzgegner gilt. Das empört den braven Gottes-Diener. Wenn er wirklich ein Verfassungsfeind wäre, beteuert der Muslim-Funktionär indes, hätte er wohl nicht die deutsche Staatsbürgerschaft angenommen. Seit er 1971 von Bursa nach Brühl gekommen sei, habe er nur "diesem Land gedient".
Natürlich fordert der Sprecher des Islamrates auch nicht die Ausrufung eines Gottesstaates zwischen Aachen und Zittau. Özdogans Ziele sind vergleichsweise bescheiden: Jeden Donnerstagabend im öffentlich-rechtlichen Fernsehen ein "Wort zum Freitag", sagt Allahs Propagandist am Rhein, würde ihm schon reichen. Fürs erste?
Von Dieter Bednarz

SPIEGEL SPECIAL 1/1998
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