01.06.1998

Nomaden im Versuchslabor

Julia Baumgart, 36, ist freie Journalistin in Hamburg.
Umdrehen nützt nichts: Auch auf der Rückseite von Matthias Greillers Visitenkarte findet sich weder eine Adresse noch eine Telefonnummer. Auf der Karte steht nur der Name, in eleganten blauen Buchstaben auf weißem Karton. Den Rest kritzelt der 28jährige Student bei Bedarf von Hand dazu, denn er wohnt nie lange an einem Ort.
Achtmal schon ist Matthias in den vergangenen drei Jahren umgezogen. Das hat mit seinem Fach zu tun, der internationalen Betriebwirtschaft, und mit der Uni, für die er sich entschieden hat: Greiller studiert an der Europäischen Wirtschaftshochschule, die vor 25 Jahren als "Ecole des Affaires de Paris" (EAP) von der dortigen Industrie- und Handelskammer gegründet wurde.
Für die EAPler sind Studienjahre Wanderjahre, ihr Campus ist mittlerweile über den Kontinent verteilt: Oxford-Madrid-Paris oder Paris-Oxford-Berlin heißt wahlweise die Route der dreijährigen Europa-Tournee. Hinzu kommen drei Praktika während des Studienjahres von jeweils einem Vierteljahr Dauer, häufig nicht am Studienort.
"Umziehen wird da zur Routine", sagt Greiller. Schon wieder hat er den Möbelwagen bestellt. Nach sieben Monaten in der Berliner EAP-Niederlassung, einem fein renovierten früheren Klinikaltbau gleich neben dem Charlottenburger Schloßpark, zieht der angehende Europa-Fachmann weiter nach Zürich, zum Praktikum bei einer Unternehmensberatung. "Basislager" ist das Elternhaus in München.
Dem Aufstieg zu den Gipfeln der europäischen Wirtschaft steht nach dem Praktikum nichts mehr im Weg: Den gutdotierten ersten Arbeitsvertrag hat der Student schon jetzt in der Tasche, ein Vierteljahr vor seinem Abschluß. "Ein gutes Gefühl", sagt er.
EAP-Betriebswirte sind begehrt. Denn sie sprechen mindestens drei Sprachen fließend, haben reichlich Auslandserfahrung, sind theoretisch fit, praktisch erprobt und verfügen vor allem über das, was auf dem Wunschzettel der Wirtschaftsbosse heute ganz oben steht: Sozialkompetenz.
Der abstrakte Begriff füllt sich für EAPler schnell mit Leben, durch die ständigen Umzüge wie durch die intensive Gruppenarbeit im Studium. Der Birkenstock-Fan muß mit dem Schlipsträger zusammenarbeiten, der Fahrradfreak mit dem Cabriofahrer. So trainieren sie, in wechselnden Zusammenhängen mit verschiedenen Menschen klarzukommen. "Man lernt die Freuden und Leiden eines Teams kennen", sagt Greiller, "und redet nicht nur davon."
Auch der Nationen-Cocktail, der in einem Jahrgang zusammengemixt wird, fördert Lernprozesse. Anfangs war die EAP Franzosen vorbehalten, doch heute stammen die 200 Studenten eines Jahrganges aus bis zu 20 verschiedenen Ländern Europas, und knapp ein Drittel kommt aus Deutschland. Ein gemeinsames Projekt wandelt sich in dieser Runde schnell zum interkulturellen Versuchslabor.
"Da macht dann", erzählt Max Kerssenbrock, 26, "der Deutsche sofort einen genauen Plan, was wann erledigt werden muß, und der Franzose stellt erst mal in aller Ruhe Croissants und Kaffee auf den Tisch." Reibereien, sagt Kerssenbrock, blieben dabei nicht aus, doch dies halte die Hochschule lebendig. Die strikt internationale Ausrichtung des Studiums ist für Jürgen Weitkamp, 57, Rektor der Berliner EAP-Niederlassung, der entscheidende Pluspunkt der Ausbildung, denn: "Die Betriebswirtschaft haben wir ja auch nicht neu erfunden."
Wer EAPler werden will, muß ein wirtschaftswissenschaftliches Vordiplom mitbringen und darf nicht älter als 26 sein. Aber das sind nur die Grundvoraussetzungen. "Wir wollen Leute mit Persönlichkeit", sagt Weitkamp. Im zweitägigen Aufnahmetest gehe es deshalb kaum um Sachwissen, um so mehr aber um Engagement. Schlechte Karten hat, wer nur mit Aktien das große Geld machen will, gute hingegen, wer beim Bürgermeister eine Halfpipe für die Dorfjugend erstritten oder Hilfstransporte nach Rußland mitorganisiert hat.
Die Auserwählten werden dann erst mal zur Kasse gebeten. Denn die Top-Ausbildung hat ihren Preis: 30000 Francs im Jahr, umgerechnet rund 9000 Mark. Für Bafög-Berechtigte übernimmt zwar der deutsche Staat die Studiengebühren im Ausland, und ein Teil der Summe läßt sich in den Praktika verdienen. Doch die Mehrheit der EAPler wird von den Eltern finanziert.
Die Gebühren decken die Kosten der Ausbildung bei weitem nicht. Allein der Berliner Jahresetat beträgt 2,7 Millionen Mark, er wird je zur Hälfte übernommen von der Industrie- und Handelskammer Paris und vom Berliner Senat, der die EAP 1988 als wissenschaftliche Hochschule anerkannt hat.
Seitdem erwerben die Absolventen mit dem Abschluß einer französischen Grande Ecole auch das deutsche Kaufmannsdiplom. Kein Wunder, daß bis zu zwei Drittel der Studenten schon vor dem Abschluß den ersten, meist überdurchschnittlich bezahlten Arbeitsvertrag unterschreiben.
In Deutschland kommen vier Bewerber auf einen EAP-Studienplatz. Viele der Anwärter sind enttäuscht von den staatlichen Unis. "Ich bin aus Frust abgewandert", sagt auch Matthias Greiller. Er hatte genug von Übungen mit 500 Leuten, Theorielastigkeit und unsinnigen Prüfungsverfahren.
"An der Uni gab es eine Klausur am Ende des Semesters", erinnert sich Michael Marx, 26, "da hat man dann gepowert. Was man sonst gemacht hat, war egal." Ein EAPler muß immer powern: Klausuren, Gruppenarbeiten, Referate zählen von Anfang an für den Abschluß.
Die Anforderungen sind hier höher, die Ferien kürzer, aber die Studenten zufriedener. Martina Seebauer, 24, bis zum Vordiplom an der Münchner Uni, beneidet die Ex-Kommilitonen nicht um ihre größere Freiheit: "Da ist man völlig auf sich allein gestellt, hier sind wir eine Gemeinschaft." Schließlich zieht die Gruppe drei Jahre gemeinsam durch Europa, jeder kennt jeden. Das gilt auch fürs Lehrpersonal: In Berlin etwa unterrichten 17 Professoren und Dozenten 130 Hochschüler, jeder Student hat einen persönlichen Tutor.
Wer es einmal in den exquisiten Kreis geschafft hat, für den fühlt sich die EAP verantwortlich - auch nach dem Studium. Eine Ehemaligen-Organisation kümmert sich um die Absolventen, vor allem um deren berufliches Fortkommen.
Von Berlin aus zum Beispiel betreut Volker Ollesch, 40, die derzeit 500 ehemaligen EAPler in Deutschland. Keine leichte Aufgabe, denn 40 Prozent seiner Schützlinge wechseln innerhalb eines Jahres ihre Adresse, der Verteiler von gestern ist morgen veraltet. "Ein Flohzirkus", stöhnt Ollesch - einem echten EAPler vergeht die Lust am Umziehen offenbar nie.
Von Julia Baumgart

SPIEGEL SPECIAL 6/1998
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