01.08.1998

Nachtkekse

Hoch und braun wie Schokowaffeln ragen die beiden Fabriktürme aus den Hügeln Barsinghausens. Dunkelheit legt sich übers Land, in den Straßen kehrt Ruhe ein. Es riecht nach Keks.
Der Mond geht auf, die Arbeit beginnt. Im Werk 3, dem größten des hannoverschen Gebäckherstellers Bahlsen, glühen die Öfen rund um die Uhr. Hartkekse, Mürbekekse, Lebkuchen, Mischungen und Waffeln, alles, was Leckermäuler begehren, wird hier produziert - 45000 Tonnen Stoff jedes Jahr.
An den Stechuhren am Werksausgang stehen die letzten Spätschichtler Schlange, ihre Arbeit ist getan. Um 23 Uhr übernehmen die Nachteulen das Werk. Bis um 6 Uhr morgens geht ihre Schicht. Schuften, wenn andere schlafen - für die meisten von ihnen ist das Alltag. Sie arbeiten immer nur nachts.
Damit die Regale der Händler stets gut gefüllt sind und die teuren Maschinen niemals stillstehen, rückt auch Rolf Koch, 48, jede Nacht ein. "Ich mache das seit 18 Jahren", sagt er. Der Mann mit dem Schnauzer hat einen anstrengenden Job; er arbeitet im Produktionsdienst, wartet und reinigt die Öfen, entsorgt den Keksmüll, der sich im Laufe der Schicht ansammelt.
Während Koch für die Naschkatzen der Nation malocht, schlummern zu Hause Frau und fünf Kinder. Beginnt deren Tag, geht Papa ins Bett. Koch findet das gut. Bis ein Uhr schläft er, abgeschirmt im oberen Stockwerk seines Hauses. Die Kinder müssen unten spielen, ihr Lärm, sagt Koch, habe ihn nie gestört.
Leben verkehrt. Wenn die innere Uhr zum Feierabend läutet, erwacht drumherum das Leben. Im Winter, wenn es früh dunkelt, erlebt der Bahlsen-Arbeiter über Monate kaum Tageslicht, im Sommer verschläft er die hellsten Stunden. Und an den lauen Abenden, wenn die Nachbarn den Grill aufstellen und die Bierchen zischen, packt Koch seine Stullenpakete und fährt ins Werk. Freundschaften? "Nee, da hat sich in den Jahren nicht viel entwickeln können. Dazu war nie Zeit."
Die Kinder finden Papas Nachtarbeit cool, denn er hat nachmittags Zeit für sie. Nur die Gattin murrt. "Sie hat die Schnauze voll, nachts immer allein zu sein." Aber jetzt, nach so vielen Jahren umstellen? Koch schüttelt den Kopf: "Das schaffe ich nicht mehr."
Der Körper hat sich daran gewöhnt, und die Familie braucht das Geld, von den 3200 Mark brutto, Nachtzuschläge inklusive, ist keine Mark zuviel.
Heute nacht sind sechs der 20 Backanlagen in Betrieb, 80 Männer und Frauen wurden eingeteilt. In der Teigmischerei ächzen die Rührtrommeln. Glänzende Butterberge lagern in Wannen, Sirupkanister stehen vor den stampfenden Maschinen bereit. Tonnen von Mehl, Zucker, Fett werden zu einer weißlichen Masse vermanscht, die in zähen Brocken nach unten in die Bäckerei plumpst. Warmer, süßer Duft hängt in der Luft. Hier entsteht der Veteran des Hartgebäcks, der Leibniz-Keks.
Flachgewalzt und ausgestanzt wird das rohe Backwerk durch 68 Meter lange Öfen geschleust. 4,6 Minuten braucht jeder Keks für die heiße Tour; 1180 Kilo backt ein Ofen jede Stunde.
Am Ende der Backstraße kontrolliert ein Arbeiter die Farbe der Kekse und mißt sorgfältig mit der Schieblehre nach: 64 Millimeter lang, 51,5 Millimeter breit, 5,1 Millimeter dick. Dann zuckeln die fertigen Teile in 16er-Reihen durch die Halle zur Packerei.
Vier Frauen stapeln die anrückenden Kekse in die Verpackungsschächte. Ihre Hände bewegen sich im Takt der Anlage, sie arbeiten konzentriert und schnell. Für Schwätzchen ist kaum Zeit, das Stampfen, Zischen, Rasseln der Maschine verschluckt die Worte.
Marita Wehmeier meldet sich zur Pause. Acht Minuten pro Stunde stehen ihr zu, die Anlagenführerin winkt eine Springerin heran, die den Platz übernimmt. Wehmeier, 44, arbeitet seit vier Jahren die Nächte durch, es macht ihr nichts aus. "Wenn ich morgens nach Hause komme, lege ich mich ins Bett und bin gleich weg", sagt sie. "Mit dem Schlafen habe ich noch nie Probleme gehabt."
Ihre beiden Kinder sind groß, sie führen ihr eigenes Leben. Der Mann arbeitet in wechselnden Schichten bei der Bahn. Wenn er Spätschicht hat, kommt er kurz bevor sie geht. An Frühschichttagen verbringen sie wenigstens die Nachmittagsstunden zusammen. Hat auch er Nachtdienst, gehen sie morgens gemeinsam zu Bett.
Marita Wehmeiers Leben findet in der zweiten Tageshälfte statt. Haushalt, Einkäufe, Besuche bei Freundinnen werden nachmittags erledigt. Wenn sie zum Abendessen oder auf ein Fest eingeladen ist, muß sie um 22 Uhr schon wieder gehen. Kino und Theater sind passe.
Sie nimmt das in Kauf: "Ich arbeite gerne nachts. Die Atmosphäre ist angenehmer, es ist ruhiger, weniger Anlagen laufen, und es sind weniger Leute da."
Die Nacht, so scheint es, gleicht die Gemüter aus, schluckt Nervosität und Hektik. Das Abteilungsleiterbüro ist verwaist, die Telefone schweigen, Computer und Drucker sind ausgestellt. Wo sich tagsüber die Kollegen mit ihren Fragen, Wünschen, Problemen knubbeln, nervt nachts keine Seele. Andreas Funke, diensthabender Betriebsingenieur, genießt die stillen Stunden. "Ich habe endlich mal Zeit, Dinge abzuarbeiten, die liegengeblieben sind."
Die Kantine ist nachts geschlossen. Im tristen Aufenthaltsraum bummeln die Arbeiter und Arbeiterinnen ihre Pausen ab. Grelles Neonlicht färbt die müden Gesichter grau. Die Fenster sind schwarz. Der Getränkeautomat brummt leise, auf einer Anrichte warten in Reih und Glied neun Kaffeemaschinen, ihre Kannen sind frisch gefüllt.
Eine Gruppe Frauen sitzt vor bunten Brotdosen und unterhält sich gedämpft. "Moin", ein junger Mann sucht sich den hintersten Tisch und versenkt sich, Brötchen kauend, in sein Buch.
Zwei Arbeiterinnen träumen in ihre Kaffeebecher. "Wenn die Tagschicht besser bezahlt würde, würde ich nicht nachts arbeiten", sagt die eine.
Knapp 2500 Mark beträgt der monatliche Bruttolohn einer Packerin, mit den Nachtzuschlägen sind es immerhin 3200 Mark. "Die Wochenenden sind schlimm", sagt die andere. "Nachts wache ich auf und kann nicht mehr einschlafen. Dann bügle ich halt und erledige, was sonst noch im Haushalt zu tun ist."
Die Nachtschichten sind freiwillig und begehrt. Noch nie hatte die Geschäftsleitung Probleme, die Jobs zu besetzen. Für viele sind die Nachtzuschläge die einzige Möglichkeit, den mageren Verdienst aufzustocken. Etliche jüngere Frauen arbeiten nachts, weil sie tagsüber kleine Kinder zu versorgen haben.
Wenn die Packerin Sigrid Kreth früh von der Arbeit kommt, schläft ihr Kind noch. Sie legt sich für ein paar Stunden hin, die Oma macht das Kleine fertig, eine Freundin bringt es in den Kindergarten.
Spätestens um zwölf Uhr muß Kreth wieder hoch, den Sproß abholen, kochen, putzen, waschen. "Man hat mehr vom Tag", sagt die junge Frau tapfer und blinzelt aus geröteten Augen. "Man schläft allerdings auch weniger", fügt sie hinzu.
Birger Prabucka, 35, Ofenbäcker an der Waffelanlage, hat sich anders entschieden: "Kinder oder angenehmes Arbeiten, beides geht nicht." Wenn er von der Arbeit kommt, schläft er ungestört aus. Seine Freundin hat nachmittags Büroschluß, dann ist auch er wieder fit. 4500 Mark brutto bringt ihm der Job, ohne die Nachtzuschläge wäre es gut ein Tausender weniger. "Ich finde Nachtarbeit toll", sagt der Mann. "Am liebsten würde ich das bis zur Rente so machen."
Es ist heiß, Schweiß strömt ihm übers Gesicht, die Wangen sind rot. Prabucka kontrolliert die mächtigen Trommeln mit dem Wabenmuster, auf die aus einem Schlauch dünner Waffelteig tropft. Dann prüft er die Farbe des Backwerks und pflückt Waffelreste aus dem Ofen.
Weiter hinten knuspern die Röllchen. Auf zischenden, rasselnden Fertigungstrassen werden jede Nacht Tausende Stücke des zarten Gebäcks gebacken, gerollt, geschnitten, gefettet, getrocknet, in Schokolade getaucht. Acht Frauen sitzen auf Hockern neben dem Band, klauben mit flinken Fingern die richtige Anzahl zusammen und legen sie in die Packungen. In 16er Formation schleichen die Röllchen vorbei, 72 Reihen pro Minute. Es ist lange nach Mitternacht, die wenigen Gespräche sind verstummt. Mechanisch tun die Frauen ihr Werk.
Am Anfang jeder Woche, sagen viele, verkraftet der Körper die Nächte noch gut, ab Mittwochnacht aber läßt die Konzentration nach. "Man würde am liebsten die Augen zumachen", stöhnt eine Arbeiterin. Mit einem Becher Kaffee und ein paar Minuten an der frischen Luft vertreibt sie das Tief.
In den Hallen verlieren sich die Menschen. Nur ab und zu surren Gabelstapler durch die leeren Gänge. Überall stehen Kisten mit Keksbruch: tablettgroße Waffelbretter, Blätterteigbrezeln, meterlange Waffelröllchen, geknickt wie Strohhalme, mit und ohne Schokolade.
Rolf Koch zieht einen Wagen mit Brezelmüll zur Rampe. In der Blätterteigbäckerei wurde vor einer Stunde das Band abgestellt. Mit ein paar Kollegen hat er die Anlage gereinigt. Jetzt sammeln die Männer aus den Hallen den Müll zusammen, kratzen Maschinen frei, fegen Reste vom Boden.
Der verunreinigte Abfall wird gepreßt und auf der Müllkippe entsorgt, sauberer Bruch an die umliegenden Bauern als Tierfutter verkauft.
Koch öffnet die große Tür, kühle Nachtluft vermischt sich mit dem süßen Dunst. Schweigend kippen die Männer Kiste um Kiste in den Container. Sie arbeiten wie in Trance.
Draußen auf der Bank halten Nachtschichtler ein letztes Päuschen, rauchen, lachen leise. Erste Vögel zwitschern. "Moin, moin", die Vorboten der Frühschicht passieren das Werkstor.
Fern am Horizont schimmert das Türkis des Tages. In anderthalb Stunden ist es hell. Sigrid Kreth wird nach Hause fahren und den Frühstückstisch decken, Rolf Koch schnappt sich, wie jeden Morgen, den Hund und radelt drei Kilometer durch die Morgenluft. Dann ist Schlafenszeit.
Feierabend und erholsame Nacht.
Von Sabine Kartte

SPIEGEL SPECIAL 8/1998
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