01.03.1997

FinaleWürstl im Flimmerhimmel

Raymond J. Gray ist von uns gegangen. Der schnauzbärtige Maler aus Manhattan, der Flohmärkte liebte und ein guter Tänzer war, starb, bevor die Öffentlichkeit sein Öuvre zu Gesicht bekam, in den Armen seines Freundes Herb. Doch Herb verewigte sein Andenken für die ganze Welt - in Wort und Bild im Internet.
Jenseitig lächelnd grüßt Gray nun an der Pforte des World Wide Cemetery (http://www.cemetery.org/) vom Bildschirm, gemeinsam mit Carmen, der "liebenden Hausfrau und Mutter", die ebenfalls im Netz die ewige Ruhe fand.
Immer öfter treibt es hinterbliebene PC-User zur elektronischen Trauerarbeit mit Scanner und Maus. Ein halbes Dutzend virtueller Friedhöfe im Internet beackern sie bereits. Gedachte man der lieben Verstorbenen einst in der bescheidenen Begrenztheit familiärer Überlieferung, so umfaßt die potentielle Trauergemeinde an den Multimedia-Gedenkstätten in den unendlichen Weiten des Netzes heute Millionen.
Stundenlang können Besucher aus aller Welt mit morbider Schaulust Cyber-Gräber öffnen, umfängliche Nachrufe in Reim und Prosa studieren, Toten-Videos und andere Grabbeigaben betrachten. Selbst Kondolenzlisten für Aids-Opfer und Vietnam-Veteranen liegen bereit.
Noch mehr unvergessene Gefährten tummeln sich im Vierbeiner-Himmel des Virtual Memorial Garden. "Wir werden Dich stets vermissen, hier ist eine Socke für Dein Maul", lautet Herrchens Nachruf auf Dan, einen Schwanzwedler mit treuem Blick.
Bekannteren Toten wie Jean-Paul Sartre oder Jim Morrison kann man auf dem Cemetiere Virtuel per Mausklick Blumen hinterlassen. Fragen rund um die Feuerbestattung ("Welche Größe haben die Asche-Bröckchen?", "Sieht man noch Knochen und Zähne?", "Darf ich Mutters Asche in ihren Lieblingssee streuen?") beantwortet kompetent die Internet Cremation Society.
Droht nun das Aus für Tannenbuketts und Grablichter? Das Trauerverhalten sei im Wandel begriffen, konstatieren die Todesforscher. Reiner Sörries, Direktor des Kasseler Museums für Sepulkralkultur, wertet die digitalisierte Erinnerung durchaus als "zukunftsträchtig", wenn es um die Frage geht, wie man sich "in Zeiten der Säkularisierung für die Ewigkeit präpariert".
Eigens zu diesem Zweck haben die Regensburger Multimedia-Künstler Peter Nowotny, 43, und Raoul Kaufer, 39, eine elektronische Gedenkstätte namens Memopolis für die Noch-Lebenden, gegründet. Die können sich nun - etwa mit eingescannten Haarlocken oder Urlaubsfotos - in der Geister-Kommune endlich eine bleibende Statt nach eigenem Geschmack einrichten und in der Gruft ihre Mitteilungen an die künftige Nachwelt deponieren.
Das "schwerelose Netz mit seinem an- und abschaltbaren Flimmerhimmel" sei ein idealer Ort, glaubt Friedhofswärter Nowotny, um in der "Erinnerungsgemeinschaft" das "Tabuthema Tod" zu bewältigen. Dafür hat der netzgestützte Sterbeverein seinen Untoten spezielle Diskussionsforen eingerichtet, etwa zum Thema "Bestattungswünsche".
"Die Asche", so ist dort im vorläufig letzten Willen von Sabine und Alex aus N. zu lesen, "stopft Ihr bitte in den Gelben Sack." Und Stephan aus R. verfügt für den Fall seines Ablebens "Freibier für alle und Würstl mit Senf".
Beate Lakotta
Virtual Memorial Garden http://catless.ncl.ac.uk/Obituary/memorial.html
Le Cimetiere Virtuel http://www.cyberia.fr/toussaint/
Internet Cremation Society http://www.cremation.org/
Memopolis http://memopolis.uni-regensburg.de
Von Beate Lakotta

SPIEGEL SPECIAL 3/1997
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