01.07.1997

Spiel's noch einmal, Sam

Der Spanier muß ein echter Kerl gewesen sein, ein Macho von iberisch-temperamentvoller Manneskraft: Er konnte immer. Im Vergleich mit diesem Ex-Liebhaber seiner Ehefrau wollte der 28jährige Fotograf aus Deutschland "einfach nicht als Verlierer dastehen". Er war davon überzeugt, seiner Frau nun "eben auch immer" zeigen zu müssen, wie unerschöpflich Höhepunkte aus ihm jagen können. In dem vermeintlichen Lust-Duell Teutone gegen Torero wurde der Deutsche schließlich zum Mimen: Er täuschte seiner erotisch verwöhnten Gattin die stierstarken Orgasmen jetzt einfach vor.
Mit der Simulation des sexuellen Glücksgefühls ist er nicht allein: Fast jeder zweite deutsche Mann im sexuell aktiven Alter hat mindestens schon einmal einen Orgasmus vorgetäuscht.
Das Stöhn-Theater, so fand die Hamburger Psychologin Angelina Borgaes heraus, ist längst keine Domäne der Frauen mehr. Bei einer repräsentativen Umfrage, die Borgaes für ihre Dissertation "Vorgetäuschte Orgasmen von Männern" vornahm, gab jeder zweite zu, er habe schon einmal eine Ejakulation simuliert. Knapp fügte der Routinierteste hinzu: "Ich mache das seit 20 Jahren."
Das Gros der Täuscher zeigte sich "erleichtert, endlich darüber sprechen zu können". Borgaes fand heraus, daß es Männer gibt, "die ejakulieren, ohne ein Orgasmusgefühl zu haben; andere haben zwar ein Orgasmusgefühl, ejakulieren aber nicht".
Die Möchtegerne, so erfuhr die Forscherin, stellen sich mächtig unter Druck: Ein perfekter Orgasmus gehöre "zum Sex wie Tore zum Fußball", schrieb einer in den Fragebogen. Alles andere wird als Null-Runde gewertet, in der sich die erfolglosen Stürmer wie Versager fühlen.
Borgaes glaubt, eine "zwanghafte Fixierung auf den Orgasmus" in der deutschen Männerpsyche entdeckt zu haben: "Es ist Teil des männlichen Selbstbildes, der sexuellen Norm, unbedingt Orgasmen haben zu müssen."
Nicht selten sind die Ansprüche der Bettgenossinnen der Grund: Ein 35jähriger Masseur gab zu Protokoll, seine Freundin habe ihn nach einer jedenfalls für ihn orgasmusfreien Liebesnacht mit den Worten kleingemacht: "Ach nee, erst große Klappe, und dann nichts dahinter." Das zog sich der Masseur "nicht rein" - er nimmt "sie jetzt richtig, bis es ihr kommt", und tut dann so, "als ob es mir auch gekommen ist".
Ein saftiges Finale gilt in deutschen Betten noch immer als Beweis für Männlichkeit und Potenz, auch wenn Sexualwissenschaftler zwischen "emotionalem" und "physischem" Höhepunkt, der Ejakulation, penibel trennen. Selbst weniger orgasmusfixierte Frauen sind offenbar stark irritiert, wenn der Mann trotz deutlich spürbarer Erektion plötzlich nicht mehr will. "Frauen reagieren hier nach dem gleichen Prinzip wie Männer", sagt Borgaes: "Sie denken, ein Mann kann, will und kommt immer."
So ist das aber nicht. Oft dämpfen beruflicher Streß oder Müdigkeit die Gier, und der Horror vor nächtlichen Diskussionen um die Frage, warum das Hochgefühl ausgeblieben sei ("Begehrst du mich nicht mehr?" - "Hast du eine andere?" - "Willst du mich verlassen?") führt zu Pflichthandlungen.
"Während des Verkehrs", notierte ein 34jähriger Arzt, "merke ich manchmal, daß ich einfach zu müde bin, um noch kommen zu können." Der matte Mediziner möchte sich dann am liebsten "ohne Diskussionen auf die Seite rollen" und einschlafen. Deshalb verzieht er das Gesicht im geeigneten Moment wie in spastischen Zuckungen, röchelt heftig, spannt die Muskeln im membrum virile und atmet irgendwann mit einem langen Seufzer aus.
Hinter der männlichen Orgasmus-Simulation hat Borgaes auch "gravierende sexuelle Kommunikationsstörungen" entdeckt. Sie empfiehlt den Paaren, über die Sexualität zu sprechen und zu ergründen, welche sexuellen Erwartungen auf beiden Seiten im Spiel seien.
Ob das hilft, steht dahin. Denn gerade solche Bettgespräche wollen viele Vortäuscher ja vermeiden: "Frauen wollen ewig quatschen, wenn du als Mann nicht gekommen bist", schrieb einer der Befragten frustriert, "und dieses Beziehungsgelaber geht auf den Geist."
Kaveh Nassirin
Von Kaveh Nassirin

SPIEGEL SPECIAL 7/1997
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