01.07.1997

Das Ende der Zärtlichkeit

Die Akazien werfen schon lange Schatten, die dürren Gräser und Dornenbüsche zittern im Abendwind. Alle Rinder sind jetzt in den Kral getrieben, und die Spannung im Dorf nähert sich ihrem Höhepunkt: Die Beschneidungszeremonie kann endlich beginnen.
Der Ritus markiert im Leben der Samburu, eines Stammes von Hirtennomaden in der kargen Trockensavanne im Norden Kenias, eine kritische Schwelle - wer versagt, wird niemals ein Mann.
Der Gesang der Initianden bricht ab. Die Knaben spüren, daß die alten Männer nicht an sie glauben, daß selbst ihre Väter ihnen nicht zutrauen, die schmerzhafte Operation durchzustehen, ohne mit der Wimper zu zucken, wie es die Sitte verlangt. Wer nur den Hauch einer Regung zeigt, entehrt seine Familie und ist auf immer als Feigling stigmatisiert.
Drohend schließt sich der Kreis um die schweigende Schar. Es gibt kein Entrinnen. Fünf lange Minuten währt die Tortur. Doch keiner der Knaben wankt. Dann ist es vollbracht, der erste Schritt auf dem weiten Weg zur Männlichkeit getan. Sie gehören jetzt zu den "Moran", den jungen Kriegern, und dürfen ihr Haar mit rotem Ocker färben.
Die nächsten zwölf Jahre müssen sie als Gruppe außerhalb des Dorfes im Busch zubringen, wo weitere harte Prüfungen zu bestehen sind, um sie zu furchtlosen Kriegern zu formen - stets bereit, Leib und Leben im Dienst der Gemeinschaft zu opfern.
Es ist jedoch allein die Entscheidung der alten Männer, wann ein Moran ein ganzer Mann ist. Erst wenn er in ihren Augen genügend Respekt ("Nkanjit") vor der bestehenden Ordnung besitzt, darf er sein langes Haar scheren und in die Dorfgemeinschaft zurückkehren, um eine Familie zu gründen.
Die Männlichkeitsvorstellungen und Initiationsriten der Samburu erscheinen auf den ersten Blick fremd und exotisch. Doch eine kulturübergreifende Studie des amerikanischen Ethnologen David Gilmore zeigt, daß solche Ideen und Praktiken bei vielen Völkern die Regel sind, getreu dem eisernen Grundsatz: Männer werden nicht geboren, sie werden gemacht*.
Gilmore, Professor an der State University of New York und Spezialist auf dem Feld der Geschlechterrollen in verschiedenen Gesellschaften, hat in seiner bekanntesten Arbeit die Männlichkeitsideale von Kulturen aus allen Teilen der Welt verglichen. Sein Ergebnis: Die Vorstellungen von "wahrer" Männlichkeit und der angemessenen Form ihrer Inszenierung ähneln einander verblüffend.
Das Panorama umfaßt den Machismo-Streß der als zivilisiert geltenden Südeuropäer ebenso wie die blutigen Mannbarkeitsriten der Pueblo-Indianer Neumexikos; es beschreibt die Peitschen-Rituale, bei denen die Knaben der Amhara, eines Stammes von Ackerbauern in Äthiopien, ihren Körper zerfleischen lassen müssen, um Männlichkeit unter Beweis zu stellen, und den "Pwara"-Kult, der die Heranwachsenden auf Truk, einem Atoll in der Südsee, zu waghalsigen Mutproben und endlosem Kräftemessen zwingt.
Überall gilt Männlichkeit als eine Eigenschaft, die sich nicht mit der geschlechtlichen Reife von selbst einstellt, sondern errungen werden muß - in harten Prüfungen und zumeist unter Qualen. Und stets kann es schiefgehen; denn weder durch den Penis noch durch besondere Hormone oder Gene wird der Mann zum Mann, sondern die Kultur allein führt die Regie im Drama der Männlichkeit; die Natur liefert lediglich die Requisiten.
Diese These vertrat vehement die amerikanische Ethnologin Margaret Mead. Schon 1949 behauptete sie in ihrer aufsehenerregenden Studie über "Mann und Weib" in sieben Südsee-Gesellschaften, Geschlechterrollen seien durch kulturelle Prägung beliebig zu gestalten.
Warum aber wird dann Knaben weltweit immer wieder dasselbe Grundmuster von Selbstdisziplin und Härte vermittelt? Weil Männlichkeit, vermutet Gilmore, zwar eine "kulturelle Konstruktion" sei, aber eine unverzichtbare. Männlichkeit müsse eingebleut und zur zweiten Natur werden, um den Fortbestand der Kultur in einer feindseligen Welt und bei knappen Ressourcen zu sichern. Echte Männer, die allzeit bereit sind, sich für die Gemeinschaft opfern und "Blut, Schweiß und ihren Samen hinzugeben", brauche jedes Land.
Für seine Kollegin Ann Stoler von der Universität Michigan ist das reine Propaganda. Gilmore verkläre das Männlichkeitssyndrom, anstatt die tieferen Zusammenhänge aufzuklären. Das männliche Leitbild diene nicht der Gemeinschaft, sondern bewirke in Wahrheit einen "systematischen Mißbrauch" ihrer Mitglieder.
Die verborgenen Gründe und Abgründe der Männlichkeit sollen nun durch Analyse ihrer Extremformen erhellt werden. Kenner wie die amerikanischen Ethnologen Gilbert Herdt und Fitz Poole haben gezeigt: Nirgendwo sind die Mannbarkeitskulte so komplex und grausam wie bei den Papuas auf Neuguinea. Und nirgendwo wird so deutlich, wer die Opfer und wer die Nutznießer "wahrer" Männlichkeit sind.
Furchtlos und gefürchtet sind die Krieger der Bimin-Kuskusmin, doch Fürchterliches mußten sie erleiden, bis sie wurden, was sie sind. Mit neun Jahren werden die Knaben der zärtlichen Obhut ihrer Mütter entrissen und in die erbarmungslose Welt der alten Männer gestoßen.
Das "Waldhütten"-Ritual bildet die erste Initiationsstufe eines 10- bis 15jährigen Zyklus. Drei Wochen lang werden die Jungen gedemütigt, bedroht und brutal mißhandelt. Jeder Tag bringt neue Schrecken und läßt die Novizen alle Gefühle zwischen panischer Todesangst und dumpfer Resignation durchleben.
Manch einer begeht Selbstmord oder flieht in den Wahn. Wer durchkommt, der hat sich verändert: Auf den Trümmern seines alten Ego ist eine neue männliche Identität aufgebaut worden. Ihr Fundament ist die Wut.
Denn das war die Lektion des Ritus: Der Initiand muß lernen, seine Wut zu beherrschen, sich nicht gegen Peiniger aufzubäumen, sondern sich ihnen ganz zu unterwerfen und zu warten, bis er ein Opfer findet, bei dem auch er zuschlagen darf.
Das Trauma der "rituellen Gewalt", resümiert Poole, werde "in die Aggressivität des Kriegers oder Ehemanns umgesetzt".
Immer ist der Männlichkeitskult gegen die Frauen gerichtet. Allen Initiationen liegt die Abwertung des Weiblichen zugrunde, von dessen "unreinen" Einflüssen die Jungen gesäubert werden müssen. Die Verdrängung der Frau gipfelt in ritueller Homosexualität, die bis zum Eintreffen der Missionare in Neuguinea weit verbreitet war.
Herdt hat sie bei den Sambia noch angetroffen und ihren geheimen Sinn entziffert: Die "Flötenzeremonie" soll die Knaben über die Schwelle der Mannbarkeit führen. Die Novizen werden gezwungen, den Penis der Männer zu "essen", um statt der Muttermilch "die Milch der Männer" zu trinken. Männer, das ist der Kern der Botschaft, sind omnipotent, sie brauchen keine Frauen, sie erschaffen sich selbst.
Der Mechanismus der Männlichkeit dient also nicht der ganzen Gemeinschaft, sondern sichert die bestehende Ordnung: die Herrschaft der Männer über die Frauen ebenso wie die Macht der Patriarchen über die jungen Männer.
Bei den Papuas und anderswo.
Von Stefan Storz

SPIEGEL SPECIAL 7/1997
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