01.08.1997

Blutspur aus dem Ghetto

Die Nachricht im Internet klingt wie ein Polizeireport, doch sie steht in den aus Kalifornien kommenden Hip Hop Daily News:
"Der Rapper Seagram Miller aus Oakland starb im Kugelhagel in den frühen Morgenstunden. Er befand sich in einem feindlichen Stadtviertel, als er niedergeschossen wurde. Seagrams Partner, Gangsta P, wurde bei dem Feuerüberfall lebensgefährlich verletzt."
Der Tod des Rap-Musikers Seagram, der in seiner Clique als OG (Original Gangster) respektiert wurde, ist kein Einzelfall. Immer häufiger entlädt sich in der Rap-Szene der Bay Area Gewalt:
* DJ Cee aus San Francisco starb durch einen Pistolenschuß.
* Young Lay überlebte zwar einen Brandanschlag auf sein Haus, seine 17jährige Freundin kam jedoch um.
* Rappin'4Tay wurde wegen Verstoßes gegen Bewährungsauflagen in Haft genommen.
* Pooh-Man muß für drei Jahre ins Zuchthaus von San Quentin.
Kennern der Szene bestätigt diese Entwicklung ein Rapper-Motto: "Du kannst zwar einen Rapper aus dem Ghetto holen, aber du kannst nicht das Ghetto aus dem Rapper holen."
Ausgerechnet im Sonnenland Kalifornien blüht jene Form der Hip-Hop-Jugendkultur (siehe Kasten), die sich Gangsta Rap nennt: Eine rebellische Musik verherrlicht die Gesetzlosigkeit; sie besingt Bandenchefs, Bankräuber und Drogenbarone. Und ihre Interpreten stammeln oder schreien die schlimmsten Worte der Gossensprache: "Nigger, Motherfucker - Nigger, Motherfucker!"
Gangsta-Rapper brechen die Tabus der Gesellschaft. Sie greifen die weiße Obrigkeit an und zerstören gleichzeitig die Wertvorstellungen ihrer eigenen schwarzen Gemeinschaft. Ihr radikaler Chic verhöhnt bürgerliches Verhalten und verleiht den Verdammten eine magische Erhabenheit: Der Mann ohne Gesetz wird heroisiert. Die Barden dieser Subkultur haben sich klangvolle Namen zugelegt. Sie wollen nicht nur als Maulhelden mitmischen; Gangsta-Rapper müssen "real" sein - nicht "fake".
Deshalb gehört die Verbindung zur kriminellen Szene zum Ehrenkodex: Dr. Dre hat wegen Körperverletzung eingesessen; Coolio kam wegen Raubüberfall in den Jugendknast; Snoop Doggy Dogg war wegen Mordes angeklagt, mußte aber freigesprochen werden - Rap-Stars tragen ihre Vorstrafen wie Auszeichnungen. Fast jeder zweite schwarze kalifornische Jugendliche sitzt im Gefängnis oder ist nur auf Bewährung frei. Weil die wenigsten aus intakten Familien kommen, suchen die Kids Geborgenheit in Gangs. Deren Zahl wurde Ende der achtziger Jahre allein im Gebiet von Los Angeles auf 1000 mit insgesamt 150000 Mitgliedern geschätzt.
Gangs bestimmen das Leben in Gebieten, die von den Behörden als "No go areas" abgeschrieben worden sind. Bandenbosse kontrollieren den Drogenhandel in bestimmten Gebieten. Wer dort nichts zu suchen hat, riskiert sein Leben.
Banden wie die "Crips" und die "Bloods" aus Los Angeles liefern sich blutige Dauerfehden (siehe auch Seite 48). 1992 registrierte die Staatsanwaltschaft von L. A. 800 Todesfälle im Zusammenhang mit Bandenkriegen. Rapper Ice Cube lobte in einem Hit den Tag, an dem niemand starb, den er kannte:
Nobody I know got killed today,
in South Central L. A.,
it was a good day.
Rap-Musiker haben schon als Kinder Schießereien erlebt; sie haben mit angesehen, wie Angehörige oder Nachbarn gestorben oder zu Wracks verkommen sind: Das billige Crack wurde zuerst in den Slums von Los Angeles gehandelt. Dort ist es normal, Drogen zu nehmen; für Ghetto-Kids gehört Koksen zur coolen Pose. Zusätzliche "rep" (Reputation) gewinnt, wer sich machohaft und gewalttätig aufführt. Genau dieses Verhalten verherrlichen die Gangsta-Rapper. Frauen kommen in ihren Texten fast nur als "hos" und "bitches" vor - Huren und Hündinnen, die nur flachgelegt werden wollen. Drogenhandel wird zynisch als Allerweltsgeschäft dargestellt: So raten die Niggaz With Attitude (NWA) aus Los Angeles in ihrem Erfolgstitel "Dopeman" zum cleveren Umgang mit der Handelsware:
To be a dopeman you must qualify,
don't get high of your own supply.
In einer anderen Aufnahme verkünden die NWA, daß man nichts ist, wenn man nicht im teuren BMW durchs Ghetto kurven kann:
Without a BMW
you're through.
"Viele dieser Leute würden lieber eine Rolex-Uhr besitzen als eine eigene Wohnung", schreibt Forbes über die schwarzen Ghetto-Bewohner. Das Wirtschaftsmagazin attestiert Amerikas Unternehmen eine "inner-city lust" - Gier auf den 325Milliarden-Dollar-Markt der schwarzen Bevölkerung, die besonders scharf auf Markenartikel sei.
Zu verdienen ist besonders bei Aufsteigern wie Ice Cube, der einmal O'Shea Jackson hieß. Nun nennt sich der Rap-Star prahlend einen "seven-figga-nigga" - als Platten-Millionär verfügt er über ein siebenstelliges Konto. Seinem Beispiel folgend, suchen unzählige Jugendliche aus den Slums Ruhm als Rapper.
Nicht selten wollen Kids mit begrenztem Talent wenigstens als Gewalttäter in die Schlagzeilen. "Von XY werden keine Platten gekauft", spottet der Filmemacher Spike Lee bitter, "weil der noch niemanden gekillt hat."
Dem Geschäft hilft es besonders, wenn sich Stars gegenseitig umbringen, wie im legendären Rapper-Krieg der amerikanischen Ostküste gegen die Westküste. Der ist so entstanden:
Ende der siebziger Jahre hatten Diskjockeys in der New Yorker Bronx einen Musikstil erfunden, den sie Rap oder Hip Hop nannten. Als Urväter der neuen Mode gelten Kool Herc, Grandmaster Flash und Afrika Bambataa. Aus bescheidenen Anfängen in einigen heruntergekommenen Diskos erblühten ein Kult und ein Millionengeschäft. Eifersüchtig wollten die New Yorker den Hip Hop als ihre Erfindung hüten. Rap von anderswo taten sie als schwache Nachahmung ab. Doch im Jahr 1988 schnellte plötzlich eine Platte von der Westküste an die Spitze der Hitparade: Direkt aus dem Compton-Ghetto in Los Angeles meldeten sich die Niggaz with Attitude.
Ihr Album "Straight Outta Compton" schilderte Bandenkriege in den von Crack verseuchten Slums von L. A. und heroisierte Zuhälter und Mörder. Der Gangsta Rap war geboren; seine Schöpfer kamen direkt aus dem Milieu. "Während die New Yorker eine Hip-Hop-Szene haben, haben wir eine Banden-Szene", prahlte Ice-T aus L. A., "während die New Yorker Rapper über Partys reden, überfallen wir Partys."
Der Osten schlug mit dem Titel "Fuck Compton" (von Tim Dog) zurück - und wurde erneut herausgefordert: "Hip Hop started in the West", rappte Ice Cube.
Tatsächlich verkaufte die kalifornische Produktionsfirma Death Row Records bald mehr Alben als die New Yorker Konkurrenz Bad Boy Entertainments. Rapper aus Ost und West beschimpften einander in Interviews.
Dann wurde scharf geschossen. Am 30. November 1994 streckten zwei Angreifer den Westküsten-Star Tupac Shakur nieder, als er zu Aufnahmen in New York weilte. Shakur wurde verletzt und beraubt. Hinter dem Anschlag vermutete die Szene seinen Rivalen Notorious B.I.G., einen drei Zentner schweren Rapper von der Ostküste.
Shakur reagierte mit der schlimmsten Beleidigung. In einem auf B.I.G. gemünzten Song rappte er:
I fucked your wife,
you fat motherfucker.
Die Rache folgte im vergangenen September: Ein Attentäter feuerte in Las Vegas nach einem Mike-Tyson-Kampf auf Shakur. Der starb wenige Tage später, und die Szene brauchte nicht lange auf den Gegenschlag zu warten: Am 9. März trafen mehrere Kugeln Notorious B.I.G. in Los Angeles. Der New Yorker war zu einer Schallplatten-Preisverleihung in das feindliche Territorium gereist. Auch "Biggie" starb - und Alben der beiden toten Rivalen verkauften sich wie nie zuvor.
"Ein blutiges Muster entwickelt sich", schrieb Newsweek, "ein Rap-Star wird ermordet; seine Musik wird postum herausgebracht; Dutzende Millionen Dollar fließen in die Kassen der Produktionsfirmen." DeLores Tucker, Präsidentin des National Political Congress of Black Women, klagte an: "Die weißen Musikmanager, die den Gangsta Rap fördern, töten unsere Kinder."
"Gangsta Rap ist Straßen-Lyrik, die bestimmte soziale Zustände schildert", verteidigte sich Michael Fuchs von Time Warner. Sein Plattenkonzern war schon 1992 unter Druck geraten; angeführt vom damaligen Präsidenten Bush forderten Politiker und Kommentatoren ein Verbot eines Songs von Ice-T, "Cop Killer", dessen Refrain lautet:
Die, die, die, pig die
Fuck the Police.
"Stirb, stirb, stirb, Bulle, stirb / Scheiß auf die Polizei" - Aufruf zum Polizistenmord?
Ice-T erklärte, er habe seinen Titel als Reaktion auf den Fall Rodney King geschrieben: Der schwarze Autofahrer war auf einem kalifornischen Highway von einer Polizeistreife angehalten und grundlos zusammengeschlagen worden. Später sprach ein weißes Geschworenengericht die Beamten frei.
"Sie bringen uns um und kommen dafür nicht ins Gefängnis. Warum?" fragte Ice-T. In seinem Album rappte er: "Diese Scheiße dauert schon viel zu lange. Ich habe meine großkalibrige Kanone mit abgesägtem Lauf ... Lieber ihr als ich. Bullenkiller! Scheißt auf den Mist, den die Polizei baut."
Diesen Aufruf zur Selbstjustiz unterstützte ein Schwarzenführer, der die Rapper oft wegen ihrer Gossensprache und Gangsterverherrlichung kritisiert hatte: Louis Farrakhan. Demonstrativ ließ sich der Chef von Amerikas "Nation of Islam" mit Ice-T, Ice Cube und Sister Souljah fotografieren. Folge: Etliche Rap-Stars pilgerten im Oktober 1995 zu Farrakhans "Million Man March" nach Washington.
Jetzt profiliert sich die Nation of Islam als Friedenstifter im Rapper-Krieg. Farrakhans Einladung zu einem Rapper-Gipfel in Chicago folgten im Mai über hundert Musiker und Produzenten von der Ostküste und der Westküste. Sie beschlossen, zum Gedenken an Tupac Shakur und Notorious B.I.G. und um "das Blutvergießen zu beenden", ein gemeinsames Album zu produzieren. Es soll zum zweiten Jahrestag des Million Man March herauskommen.
"Wir haben erfahren, was für eine Wirkung das Rappen über den Tod erzeugt; jetzt werden wir anfangen, über das Leben zu rappen", erklärte Ice Cube. "So, wie wir den Gangsta Rap erfunden haben, werden wir nun etwas Neues herausbringen."
Von Hans Hielscher

SPIEGEL SPECIAL 8/1997
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