01.01.1996

DAS ARSENAL VON A - Z

Zusammengestellt von Carsten Holm unter Mitarbeit von Peter Adam, Ulrich Jaeger, Sebastian Knauer, Siegfried Kogelfranz und Rainer Paul. Initiale von Gunnar Matysiak.
ABHÖREN
Der Verfassungsschutz, der Militärische Abschirmdienst und das Zollkriminalamt dürfen Telefone abhören und Faxe lesen, wenn die G-10-Kommission des Bundestages oder eines Landesparlaments zugestimmt hat. Bundesweit werden, je nach Lage, 50 bis 150 Telefone gleichzeitig von den Verfassungsschützern abgehört.
Sie schalten sich über Schnittstellen bei der Telekom ein, die wiederum Standleitungen zum Geheimdienst legt. Dort werden die Gespräche mit einer Geschwindigkeit von 2,4 bis 4 Zentimetern pro Sekunde auf Tonbandkassetten aufgenommen und ausgewertet. Wer abgehört wird, merkt davon nichts; es knackt nicht in der Leitung.
In den Landesämtern für Verfassungsschutz können bis zu hundert Gespräche gleichzeitig aufgezeichnet werden, in einem hochgeheimen Raum im sechsten Stockwerk des Kölner Bundesamtes sogar mehr als 200.
In den siebziger Jahren erfuhren die Lauscher etwa, daß die RAF im Besitz von 15 Kilogramm Sprengstoff war. Sie hörten mit, daß "das Zeug endlich mal eingesetzt werden" müsse. Inzwischen gilt der Lauschangriff auf das Telefon als "verbrauchtes" Mittel, weil Verdächtige damit rechnen, abgehört zu werden, und sicherheitsrelevante Details auslassen oder codieren.
Für die Polizei ist die rechtliche Hürde für das Abhören von Telefonen erheblich niedriger. Nach Paragraph 100 a der Strafprozeßordnung genügt eine richterliche Genehmigung. Bundesweit hörten Polizeibehörden allein 1994 3730 Telefone ab. Inzwischen können auch etwa 85 Prozent der digital übertragenen Mobilfunkgespräche belauscht werden. Völlig unkontrollierbar ist die Abhörpraxis ausländischer Geheimdienste in Deutschland.
ABSCHALTEN
Agenten und V-Leute werden von den Geheimdiensten "abgeschaltet", wenn sie nicht mehr als Zuträger zu gebrauchen sind. Der deutsche Verfassungsschutz zeigt sich in der Regel fürsorglich: Er zahlt ausscheidenden Spitzeln eine Abfindung, obwohl kein Rechtsanspruch besteht. Ein 45jähriger Bremer etwa, der für 1000 Mark monatlich jahrelang Insiderwissen der DKP preisgegeben hatte, erhielt nach der Wende in der DDR und dem Kollaps der DKP vom Verfassungsschutz eine Abfindung in Höhe von 24000 Mark; das entsprach dem Doppelten seiner Jahresbezüge. Die Gegenleistung des V-Mannes: Verschwiegenheit.
Als Hansjoachim Tiedge, Chef der Spionageabwehr im Bundesamt für Verfassungsschutz, sich 1985 nach Ost-Berlin absetzte, mußte unter anderem der Doppelagent Joachim Moitzheim abgeschaltet werden - vom Verfassungsschutz wie von der Stasi; Moitzheim war DDR-Agent und vom Verfassungsschutz "umgedreht" worden. Er erhielt fortan monatlich 2000 Mark vom Kölner Bundesamt und 1000 Mark von der Ost-Berliner Hauptverwaltung Aufklärung (HVA).
ABSCHÖPFEN
Wer als V-Mann oder Überläufer in die Fänge eines Geheimdienstes gerät, wird "abgeschöpft" - er soll sein gesamtes geheimes Wissen preisgeben. Geheimdienstler schöpfen Informanten gelegentlich aber auch ohne deren Wissen ab. So kommt es beispielsweise vor, daß ein Geschäftsmann nicht ahnt, daß sein Gesprächspartner im Nebenberuf V-Mann eines Geheimdienstes ist. Frühere DDR-Bürger wie der PDS-Politiker Gregor Gysi und der brandenburgische SPD-Regierungschef Manfred Stolpe behaupten beharrlich, sie hätten nicht gewußt, daß sie von der Stasi abgeschöpft wurden - obwohl der Geheimdienst sie als Inoffizielle Mitarbeiter geführt hat.
ANWERBEN
Der deutsche Verfassungsschutz gibt sich in Stellenanzeigen gelegentlich als Meinungsforschungsinstitut aus, um neue V-Leute anzuwerben. Die ahnungslosen Bewerber werden zunächst, für rund 200 Mark monatlich, zu Preisvergleichen in Kaufhäuser und Tankstellen geschickt. Damit soll ihre Zuverlässigkeit geprüft werden.
Häufig sprechen die Werber Personen an, die in Ermittlungsverfahren als Beschuldigte oder als Zeugen aufgetreten sind. Auch Rechts- oder Linksextremisten, denen Strafverfolgung droht, macht der Verfassungsschutz gelegentlich das Angebot zur Mitarbeit. Als Gegenleistung wird Vorzugsbehandlung durch die Justiz in Aussicht gestellt.
"Sanften Druck", so ein Geheimdienstler, wenden die Werber gelegentlich bei Ausländern an, die in der Bundesrepublik leben und sich um eine Arbeitserlaubnis oder um Verlängerung ihrer Aufenthaltserlaubnis bemühen. Auf diesem Weg wurden zum Beispiel türkische V-Männer für die Ausspähung der (inzwischen verbotenen) kurdischen Arbeiterpartei PKK gewonnen.
Die russischen Geheimdienste versuchen neuerdings, als Aussiedler getarnte Agenten nach Deutschland einzuschleusen.
Der kasachische Sicherheitsdienst KNB bemüht sich zur Zeit, Agenten unter deutschstämmigen Aussiedlern zu gewinnen. Umworben werden in Kasachstan auch deutsche Touristen, Geschäftsreisende und Diplomaten.
AUSWERTUNG
Die Abteilung Auswertung ist - neben der Beschaffung - eine der beiden wichtigsten Säulen in der Arbeit deutscher Geheimdienste. Sie sammelt, prüft und bewertet alle Informationen, die "offen" (etwa durch Flugblatt-Lektüre) oder "auf geheimem Meldeweg" beschafft werden (etwa V-Mann-Berichte und Observationsprotokolle). Die Auswertung zeichnet Lagebilder und unterrichtet andere Behörden, zum Beispiel die Polizei, über ihre Analysen.
BESCHAFFUNG
Die Abteilung Beschaffung, in allen deutschen Nachrichtendiensten von der Abteilung Auswertung gesteuert, wirbt Vertrauensleute an und führt sie, nimmt Observationen vor und gibt die gewonnenen Informationen per "Quellenmeldung" an die Auswertung weiter. Die Mitarbeiter der Beschaffung sind grundsätzlich "legendiert" - sie arbeiten als Werber von V-Leuten oder als V-Mann-Führer stets unter Tarnnamen.
COUNTERMEN
Countermen, kurz CM, werden enttarnte gegnerische Agenten genannt, die "umgedreht" wurden und nun als Doppelagenten arbeiten. Sie liefern weiter Informationen an ihre Zentrale - aber nur Nachrichten, die von der Spionageabwehr kontrolliert werden. Mit der Hilfe von Countermen versucht die Spionageabwehr, die Arbeitsweise gegnerischer Geheimdienste auszuforschen. Der Lohn für den Doppelagenten: doppeltes Gehalt und, wenn alles gutgeht, Straffreiheit.
Schwierig ist es für die Spionageabwehr herauszufinden, ob ihr Counterman sich auch dem gegnerischen Geheimdienst offenbart hat und von dort ebenso mit "Spielmaterial" versorgt wird.
DECKNAME
Geheimdienstler in aller Welt haben eine Leidenschaft für Decknamen. Der BND bemühte bei der Suche nach Tarnbezeichnungen für europäische Partnerdienste die Flora, für außereuropäische die Fauna: Der britische Auslandsdienst hieß "Aster", der türkische "Hanf", der Geheimdienst des afrikanischen Staates Gambia "Gepard".
Die Geheimdienstler bedenken auch sich selbst mit Decknamen. Jener "Richard Paul" etwa, der Anfang vorigen Jahres im Zimmer 206 des Kreiswehrersatzamtes in Frankfurt (Oder) einen Rechtsradikalen als V-Mann anwerben wollte und seinen Dienstausweis vorlegte, trat unter Legende auf - wie alle Außendienstler der Geheimen. Rechtsextreme Blätter veröffentlichen nach gescheiterten Werbeversuchen gern Listen mit Decknamen.
DESINFORMATION
Desinformation (die Erfindung und Lancierung falscher Informationen) ließ die Stasi durch ihre HVA-Abteilung X inszenieren - um West-Politiker zu diffamieren. So fälschte sie 1980 ein CSU-Positionspapier mit dem Titel "Rückbesinnung auf Kreuth". Darin wurde die Auflösung der Fraktionsgemeinschaft mit der CDU empfohlen. 1988 versuchte die Stasi, die Kieler CDU zu destabilisieren: In der Abteilung X wurde ein angeblicher Brief des ehemaligen Kieler Ministerpräsidenten Uwe Barschel an den damaligen CDU-Landesvorsitzenden Gerhard Stoltenberg produziert und an West-Journalisten lanciert. Die Stasi wollte den Eindruck erwecken, Stoltenberg habe von den Machenschaften Barschels gegen den SPD-Spitzenkandidaten Björn Engholm gewußt.
Manchmal soll Desinformation auch Überläufer schützen. Als der Stasi-Offizier Werner Stiller 1979 in den Westen flüchtete, streute der BND die Nachricht, Stiller sei durch eine Gesichts- und eine Stimmbänder-Operation unkenntlich gemacht worden - kein Wort war wahr.
ENTFÜHRUNG
Entführungen zählen nicht nur in Diktaturen zum Repertoire der Geheimdienste. Nachdem der israelische Geheimdienst 1960 den Wohnort Adolf Eichmanns in Argentinien ermittelt hatte, entführte ein Mossad-Kommando den NS-Verbrecher nach Israel, wo er eineinhalb Jahre später zum Tode verurteilt wurde.
Mossad-Agenten entführten 1986 auch den in England untergetauchten israelischen Atomtechniker Mordechai Vanunu in sein Heimatland. Vanunu hatte der Londoner Sunday Times brisante Informationen über das offiziell beharrlich geleugnete israelische Atomwaffenpotential und das Nuklearforschungszentrum von Dimona zukommen lassen.
Fünf Tage vor Erscheinen des Zeitungsberichts wurde Vanunu von einer Mossad-Agentin nach Rom gelockt. Er stieg am römischen Flughafen Leonardo da Vinci in ein Auto, das er für ein Taxi hielt. Darin saßen Mossad-Agenten, die ihn in ein Appartement brachten. Zwei Männer gaben Vanunu eine Betäubungsspritze, ehe sie ihn mit einem Lastwagen in die Hafenstadt La Spezia und per Schiff nach Israel brachten. Dort verurteilte ihn, 1988, ein Gericht zu 18 Jahren Einzelhaft.
ERPRESSUNG
Ehebruch, Schulden und ungewöhnliche sexuelle Neigungen sind häufig Ansatzpunkte für Erpressungsmanöver, mit denen Geheimdienste Informanten zu gewinnen versuchen. Berüchtigt waren bis Ende der achtziger Jahre die Valuta-Hotels in den Ostblockstaaten. Prostituierte, die im Sold der Geheimdienste standen, lockten Kaufleute, Politiker und Journalisten aus dem Westen aufs Zimmer, wo sie, wie etwa im Ost-Berliner Luxushotel Metropol, beim Liebesspiel belauscht und gefilmt wurden.
FALSCHGELD
Gefälschte Geldscheine werden in Krieg und Frieden von Geheimdiensten in Umlauf gebracht, um Währungen zu destabilisieren. Die größte Falschgeldaktion der Geschichte war 1943/44 das "Unternehmen Bernhard", benannt nach dem SS-Sturmbannführer Bernhard Krüger. Fotografen, Retuscheure, Chemiker und Typographen, die aus verschiedenen Konzentrationslagern zusammengezogen worden waren, produzierten auf Befehl des Reichssicherheitshauptamtes britische Banknoten im Nennwert von fast 100 Millionen Pfund Sterling.
Monatelang mußten Gruppen von Häftlingen die Falsifikate zerknittern oder mit Nadeln durchstechen, damit sie echt wirkten - weil Engländer oft Bargeld, durch eine Sicherheitsnadel zusammengehalten, in der Hosentasche trugen. Pakete mit 6000 bis 10000 Scheinen wurden an deutsche Botschaften in Spanien, Portugal, Argentinien, in der Schweiz und der Türkei verschickt.
Vor allem Agenten wie Hitlers Meisterspion Cicero und die Befreier Mussolinis am Gran Sasso d''Italia wurden mit Falschgeld entlohnt. 1959 bargen Taucher 55000 jener Noten in Tausenderbündeln aus dem 120 Meter tiefen Toplitzsee in der Steiermark, wo sie vor Kriegsende versenkt worden waren.
Lange Zeit jagte Interpol zwei deutsche Spezialisten, die bis 1989 in einer Spezialdruckerei des Stasi-eigenen "Operativ-Technischen Sektors" in der Ost-Berliner Roedernstraße als Paß- und Dienstsiegelfälscher gewirkt haben sollen. Die Spur der Ex-Agenten führte vor einiger Zeit zu einer streng bewachten Druckerei am Teheraner Flughafen. Der iranische Geheimdienst läßt dort nach Berichten, die dem US-Kongreß vorliegen, falsche 100-Dollar-Noten in höchster Qualität herstellen.
Dazu werden Maschinen aus amerikanischer Fertigung benutzt, die noch während des Schah-Regimes geliefert worden waren. Angeblich bringt die Iran Air die Blüten-Pakete regelmäßig nach Damaskus. Via Beirut gelangt die Fälschung, von Kriminalisten ehrfurchtsvoll "Superdollar" genannt, auch nach Deutschland. Nur ein winziges Detail unterscheidet die falsche von der echten Note: Auf der Rückseite, im Sockel einer Laterne, haben die Fälscher einen kleinen Strich zuviel gezogen.
FORSCHUNG
Forschung nennen Verfassungsschützer das Ausspähen einer Person, die sie als V-Mann gewinnen wollen. Dabei versuchen die Geheimdienstler, sich ein Bild von den Lebensumständen der "Zielperson" zu machen. Ist die "Forschung" abgeschlossen, beginnt die "Anbahnung" - ein zunächst umfänglicher Gesprächskontakt mit dem Ziel der Anwerbung wird aufgebaut.
FUNKANLAGEN
DDR-Agenten vergruben Funkanlagen in deutschen Wäldern, um sich notfalls auch ohne Telefon mit ihren Auftraggebern in Ost-Berlin verständigen zu können. Mitte der achtziger Jahre entdeckten Bauarbeiter in einem Wald bei München eine Gasflasche, in der ein Ost-Spion eine komplette Anlage mit einem Netzteil, einem Spannungswandler für Autobatterien und einem Sendegerät nebst Codierteil und Antennen versteckt hatte. DDR-Agenten war es in der Regel zu gefährlich, Funkanlagen in ihren Wohnungen aufzubewahren. Offen ist, wie viele derartige Geräte noch im Westen Deutschlands versteckt sind.
FUNKAUFKLÄRUNG
Funkaufklärung wird von allen Geheimdiensten praktiziert. Besonders bizarre Methoden haben Experten der US-Mammutbehörde National Security Agency (NSA) ausgetüftelt.
Den Tauben, die in den achtziger Jahren regelmäßig das sowjetische Botschaftsgebäude an der 16. Straße in Washington anflogen, implantierten die NSA-Techniker Mikrofone und Verstärker; die Antennen wurden kunstvoll im Gefieder versteckt.
Was Diplomaten beim Spaziergang durch den Garten der chinesischen Botschaft an der Connecticut Avenue erörterten, übertrug ein Gebilde aus Fiberglas, das nahe einer Parkbank lag und einem herabgefallenen Zweig glich. Darin hatten NSA-Techniker einen Sender mit Antenne versteckt. Amerikanische Agenten zeichneten die trickreich erlauschten Gespräche mit Tonbandgeräten auf, die in einem als Einkaufszentrum getarnten Gebäudekomplex einer Washingtoner Vorstadt stehen.
Die NSA, 1952 gegründet und dem US-Verteidigungsministerium unterstellt, soll Funksprüche, Telefonate und Faxe aufzeichnen, die von feindlichen, neutralen und selbst von befreundeten Staaten ausgehen. Der Behörde steht das National Reconnaissance Office (NRO) zur Seite, das über den Einsatz der Spionagesatelliten wacht.
Abgehört wurden Bürgerrechtler und Vietnamkriegsgegner, Drogenbosse, Manager von Industriekonzernen, mit ihren Mätressen turtelnde Politiker wie Panamas Diktator Manuel Antonio Noriega, befreundete Nachrichtendienste sowie Botschaften. Weltweit stehen 250000 Frauen und Männer im Dienst der NSA; das NRO beschäftigt weitere 3000 Mitarbeiter. Mitunter stoßen aber auch die hochgerüsteten Lauscher an die Grenzen ihrer Möglichkeiten. Als das US-Militär 1993 den somalischen Kriegsfürsten Mohammed Farah Aidid jagte, blieb die Elektronik nutzlos. Aidid und seine Helfer waren nicht zu orten, weil sie weitgehend auf den Einsatz von Funkgeräten verzichteten. Und wenn sie dennoch eingesetzt wurden, war ihre Leistung so weit gedrosselt, daß die Lauscher am Himmel die Funksprüche nicht empfangen konnten.
GERUCHSKATASTER
Wohl ohne Beispiel in der Welt der Geheimdienste sind die Geruchskataster der Ost-Berliner Stasi: In Duftdepots wurde der Körpergeruch von Oppositionellen und Kriminellen gespeichert, um den Einsatz von Spürhunden zu optimieren.
Wende-Vorkämpferinnen wie die Ost-Berliner Schwestern Susanne und Marianne Boeden mußten sich nach einer Festnahme in Berlin minutenlang einen Stoffstreifen zwischen ihre nackten Schenkel klemmen. Die Duftproben wurden in luftdicht verschlossenen und sorgsam beschrifteten Gläsern aufbewahrt. Stasi-Spürhunde waren darauf gedrillt, Staatsfeinde nach Schnuppern an den deponierten Stofffetzen aufzustöbern.
Der Ost-Berliner Geheimdienst machte sich den Umstand zunutze, daß jeder Mensch, dem Fingerabdruck gleich, ein einzigartiges Geruchsprofil hat. Die Tücher für die Geruchsproben, hieß es in einer vertraulichen Ausbildungsanleitung, sollten Verdächtigen für "circa zehn Minuten" beispielsweise "seitlich in den Hosenbund" gesteckt werden.
GIFTANSCHLAG
Die lautlose Form des Tötens bevorzugen Geheimdienste, wenn Attentate mit Schußwaffen oder Bomben zu riskant sind und die Killer gefährden würden. Der spektakulärste Giftanschlag gelang dem bulgarischen Geheimdienst 1978 in London.
Ein Agent rempelte damals den Exil-Bulgaren Georgij Markow an, der für den bulgarischen Dienst der BBC sowie für das in München stationierte Radio Free Europe arbeitete. Er schoß Markow mit einem präparierten Regenschirm eine vergiftete Kugel ins Bein; sie wirkte tödlich. Ein in Paris lebender Kollege, der auf dieselbe Weise ermordet werden sollte, überlebte das Attentat.
Die CIA wiederum plante, den kubanischen Diktator Fidel Castro mit vergiftetem Essen zu töten. Die DDR-Staatssicherheit ersann eine "Operation Skorpion", um den früheren DDR-Bürger Wolfgang Welsch umbringen zu lassen. Welsch zählte in Westdeutschland zu den erfolgreichsten Fluchthelfern; er schleuste für jeweils gut 20000 West-Mark Ärzte via Budapest und Bukarest in die Bundesrepublik.
Die Stasi spielte 1979 einen Agenten an Welsch heran. Der "Informelle Mitarbeiter mit Feindberührung" schlug einen gemeinsamen Israel-Urlaub mit der Familie Welsch vor. An einem dieser Ferientage bereitete er ihnen in seinem Wohnmobil Buletten zu. Unter das Hackfleisch hatte der Agent Thalliumsulfat gemischt, das als Schädlingsbekämpfungsmittel benutzt wird und weder auffällig schmeckt noch riecht.
Eine Dosis von 11 Milligramm pro Kilogramm Körpergewicht kann Menschen töten, Welsch nahm vermutlich 14 bis 19 Milligramm pro Kilo auf. Wie durch ein Wunder überlebte die Familie den Giftanschlag. Der Agent verschwand in die DDR, siedelte aber nach der Wende in den Westen über. Das Berliner Landgericht verurteilte ihn 1994 wegen dreifachen versuchten Mordes zu sechseinhalb Jahren Haft.
G-10-KOMMISSION
Wollen deutsche Verfassungsschützer Telefone abhören oder Briefe und Faxe mitlesen, müssen sie vorher einen Antrag bei einer G-10-Kommission des Bundes oder der Länder stellen. Die mit Parlamentariern besetzte Kommission entscheidet über eine Beschränkung des im Artikel 10 des Grundgesetzes garantierten Brief-, Post- und Fernmeldegeheimnisses. Die Erlaubnis zum Lauschangriff wird für drei Monate ausgesprochen und gegebenenfalls um weitere drei Monate verlängert.
G-OPERATION
Mit G-Operationen (Gegenoperationen) versuchen Geheimdienste, gegnerische Agenten anzuwerben. Enttarnte Spione werden gewöhnlich massiv unter Druck gesetzt, um sie zur Mitarbeit zu zwingen. Sie können zwischen einem Strafverfahren mit einer mehrjährigen Freiheitsstrafe und der Arbeit als Doppelagent wählen.
Wie G-Operationen geführt werden, lernen deutsche Verfassungsschützer aus streng geheimem Unterrichtsmaterial wie dem "Handbuch der G-Operationen". Die Technik der Gegenspionage zählt zu den schwierigsten im Handwerk der Geheimen: Einerseits müssen die Doppelagenten mit echten Geheiminformationen wie beispielsweise Klarnamen und Telefonnummern von Verfassungsschützern bedient werden, um bei ihren ursprünglichen Auftraggebern glaubwürdig zu bleiben. Andererseits muß der Verfassungsschutz Menge und Qualität des Materials möglichst gering halten.
Als ein "umgedrehter" DDR-Spion in den achtziger Jahren das komplette Telefonverzeichnis des Kölner Bundesamtes verlangte, bekam er nur einen Teil der Namen. Die westdeutsche Spionageabwehr erhielt im Gegenzug wichtige Informationen über die typische Arbeitsweise von DDR-Agenten. Ende der siebziger Jahre betreuten Kölner Gegenspionage-Experten bis zu hundert G-Operationen gleichzeitig.
HERANSPIELEN
V-Leute oder Undercover-Agenten der Nachrichtendienste werden mit allerlei Tricks an Personen oder Gruppen "herangespielt", die sie ausforschen sollen. Besonders einfallsreich zeigt sich der Verfassungsschutz, wenn es gilt, in die linksextreme Szene einzudringen.
In den achtziger Jahren merkten die Geheimdienstler, daß RAF-Terroristen aus Angst vor Entdeckung keine konspirativen Wohnungen mehr anmieteten, sondern in Universitätsstädten nach Übernachtungsmöglichkeiten suchten. Daraufhin hängten die Verfassungsschützer, etwa an der Heidelberger Uni, am Schwarzen Brett Zettel aus: "Zimmer kurzfristig, tageweise und auch für länger zu vermieten."
Erfuhr der Dienst, daß Mitglieder der "Revolutionären Zellen" (RZ) Fahrten bei Mitfahrzentralen buchten, boten seine Spitzel "Mitfahrgelegenheiten" an - in der Hoffnung, daß sich zwischen dem Spitzel-Fahrer und seinen Gästen eine Beziehung entwickele. Auf der Nordseeinsel Föhr freundete sich ein RZ-Pärchen beim Zelturlaub arglos mit einem Verfassungsschützer-Paar an. Die Beamten hatten durch abgehörte Telefonate erfahren, wohin die Feierabend-Terroristen verreisen wollten.
HIT-TEAMS
Killer-Kommandos, die für Mordanschläge in fremde Staaten einreisen und nach der Tat sofort in ihr Herkunftsland zurückkehren, heißen im Geheimdienst-Jargon Hit-Teams. Deren Arbeitsweise konnten die deutschen Ermittlungsbehörden nach dem Mord an vier iranischen Oppositionellen 1992 im Berliner Lokal "Mykonos" nachzeichnen. In der Bundesrepublik wohnende Mitarbeiter des iranischen Geheimdienstes hatten nach Erkenntnissen der Behörden die Lebensgewohnheiten der im deutschen Exil lebenden Oppositionellen ausgespäht. Dann wurde das Hit-Team angefordert, das seinen Auftrag prompt erledigte.
HIT-WORDS
Routinemäßig überwacht der BND - wie die meisten anderen Geheimdienste, die auf Auslandsaufklärung spezialisiert sind - den internationalen Fernmeldeverkehr.
Mit Hilfe von 50 BND-Abhörstationen werden Gespräche über Satelliten, Richtfunk oder Kurzwelle automatisch registriert, ohne daß ein konkreter Tatverdacht vorliegen muß. Computer filtern mit sogenannten Wortbanken, in denen bestimmte Suchbegriffe ("Hit-Words") gespeichert sind, aus der Informationsflut verdächtige Gespräche heraus und nehmen sie auf.
Gleichzeitig versucht der BND, die Telefonnummern verdächtiger Gesprächsteilnehmer zu ermitteln, um sie in seine Datenbanken einzugeben. Wenn das gelingt, können auch alle künftigen Telefonate aufgenommen werden, die diese Teilnehmer führen.
Nach Ansicht von Experten ist der BND mittlerweile in der Lage, die Stimmprofile bestimmter Personen zu identifizieren, so daß deren Gespräche auch aufgezeichnet werden können, wenn sie von einem fremden Apparat aus telefonieren. Überwacht werden, mit Hit-Words, auch internationale Datennetze wie das Internet.
Die elektronische Schleppnetzfahndung, mit der fast alle Gespräche zwischen dem Ausland und der Bundesrepublik überwacht werden, ist politisch und juristisch heftig umstritten. Im Juli 1995 erklärte das Bundesverfassungsgericht bestimmte Passagen des Verbrechensbekämpfungsgesetzes, mit denen die Befugnisse des BND stark ausgeweitet worden waren, für verfassungswidrig. Der BND darf künftig personenbezogene Abhör-Daten über Bundesbürger nur dann an deutsche Ermittlungsbehörden weiterreichen, wenn ein konkreter Verdacht auf eine Straftat vorliegt.
KOMPROMAT
Kompromate sind Angriffspunkte, mit denen Geheimdienstler jemanden zur Mitarbeit erpressen können - beispielsweise Alkoholismus, Schulden oder andere Formen abweichenden Verhaltens. In den achtziger Jahren erfuhr der Verfassungsschutz, daß die Frau des DDR-Botschafters in Norwegen eine lesbische Beziehung unterhielt. Der Versuch, den Botschafter mit diesem Wissen unter Druck zu setzen und anzuwerben, scheiterte. Der Doppelagent Klaus Kuron, im Bundesamt für Verfassungsschutz zuständig für Spionageabwehr, verriet der Stasi den Werbeversuch - der Botschafter wurde aus Oslo abberufen.
KONSPIRATIVE WOHNUNG
Eine Konspirative Wohnung (Insider-Kürzel: KW) mieten Geheimdienstler unter Tarnnamen an, um V-Leute oder Agenten heimlich zu treffen. Gelegentlich werden auch Verdächtige aus einer KW heraus mit 800-Millimeter-Teleobjektiven oder Videokameras observiert.
Hat der Verfassungsschutz jemanden im Visier, der dem terroristischen Umfeld zugerechnet wird, benutzen die Agenten gern Wohnungen von Polizistenwitwen, die dem Verfassungsschutz als besonders verschwiegen und zuverlässig gelten. Die Observanten selber arbeiten unter Legende; sie geben sich beispielsweise als Drogenfahnder aus.
Agenten von BND und Verfassungsschutz treffen V-Leute auch in der Anonymität großer Hotels, zum Beispiel im Sheraton am Rhein-Main-Flughafen in Frankfurt. Die DDR-Staatssicherheit unterhielt bis zur Wende mehrere tausend KW - von Villen bis zu Gartenlauben.
KRYPTOLOGIE
Robert Murphy war ein Mann der Etikette. Wann immer der US-Sonderbotschafter im Zweiten Weltkrieg Geheimbotschaften aus Europa in die Heimat schickte, zeichnete er die Dokumente mit dem Zusatz "From Murphy". Deutschen Kryptologen, den Experten der Geheimdienste für Ver- und Entschlüsselung von Nachrichten, fiel es leicht, mit der gleichförmigen Buchstabenfolge "From Murphy" den diplomatischen Code der USA zu brechen.
Glück und Genialität verhalfen den Briten mitten im Krieg zum Erfolg. Die Spezialisten von Bletchley Park bei London knackten den Code der als "einbruchsicher" geltenden Codemaschine "Enigma" und ermöglichten den Alliierten auf diese Weise, der deutschen Flotte entscheidende Verluste beizubringen.
Seit die US-Mathematiker Ronald Rivest und Leonard Adleman gemeinsam mit ihrem israelischen Kollegen Adi Schamir 1978 das nach den Initialen ihrer Familiennamen benannte RSA-Verfahren entwickelten, ist die Arbeit der Codebrecher noch schwieriger geworden. Mit dem RSA-Verfahren und ähnlich verzwickten Verschlüsselungsmethoden arbeiten heute Weltkonzerne wie Daimler-Benz sowie Banken und Militärs.
Das RSA-Verfahren gilt zwar nicht als die schnellste, wohl aber als sicherste aller derzeit verwendeten Kodiermethoden. Es nutzt einen öffentlichen und einen geheimen Schlüssel: Mit dem öffentlich ausliegenden Schlüssel kann jeder eine Nachricht an den Empfänger übermitteln, aber nur wer über den zweiten Schlüssel verfügt, kann die Nachricht auch lesen.
Die Schlüssel sind Teil eines mathematischen Problems, für das die Zahlenwissenschaft trotz jahrhundertelanger Forschung nur sehr zeitraubende Lösungen kennt: Wie läßt sich eine sehr große Zahl in zwei Faktoren zerlegen, die selber nicht weiter geteilt werden können ("Primfaktoren")?
Das Verfahren ist ein Alptraum für Codebrecher. Zwar ist der RSA-Code theoretisch zu knacken, praktisch aber reicht die Rechenkraft aller Computer der Welt nicht aus, einen richtig gewählten Schlüssel zu rekonstruieren.
Die amerikanische National Security Agency und andere westliche Geheimdienste sind daher bestrebt, den Gebrauch solcher Super-Codes einzuschränken. Es müsse verhindert werden, daß international operierende Verbrecherorganisationen ihren Datenaustausch gegen Lauschangriffe sichern.
KUNDSCHAFTER
Im Sprachgebrauch der Nachrichtendienste sind Kundschafter Mitarbeiter eines Unternehmens, die zur Spionage angeworben und verpflichtet worden sind. Auch Agenten werden als Kundschafter bezeichnet. Die DDR nannte ihre Spione "Kundschafter des Friedens".
KURIER
Kuriere überbringen einem Agenten Nachrichten, Aufträge, Geld oder transportieren "Verratsmaterial" vom Agenten in die Zentrale. Einem Kurier des BND, einem Rentner aus Oberbayern, verdankt wahrscheinlich die frühere DDR-Bürgerin Uschi Mischnowski ihr Leben. Die Freundin des gerade zum BND übergelaufenen Stasi-Agentenführers Werner Stiller wartete im Januar 1979 in Warschau auf den Kurier, der ihr
zwei von BND-Experten gefälschte Pässe bringen sollte, versteckt in seinen Winterstiefeln. Nach erfolgreicher Übergabe gelang Uschi Mischnowski die Ausreise in die Bundesrepublik, kurz bevor die Stasi ihr auf die Spur kam. In der DDR hätte ihr wegen ihrer Mithilfe am größten Verratsfall in der Geschichte der Staatssicherheit die Todesstrafe gedroht.
LEGENDE
Geheimdienstler, die ihren Auftrag, ihren Arbeitgeber und ihren tatsächlichen Namen tarnen müssen, arbeiten unter Legende. Sie erhalten beispielsweise Tarnausweise mit sogenannten Arbeitsnamen, die teilweise von den Geheimdiensten hergestellt werden.
Grundsätzlich versorgen BND und Verfassungsschutz sämtliche Beschaffer mit solchen Ausweisen sowie mit zivilen Autokennzeichen, damit sie keiner Behörde zugeordnet werden können.
Mitunter wählen Geheimdienstler originelle Legenden, um sich das Vertrauen eines Auszuspähenden zu erschleichen. Als eine Wiesbadenerin, die der Verfassungsschutz dem Unterstützerkreis der RAF zurechnete, Anfang der achtziger Jahre in einer Alternativ-Zeitung Klavierunterricht anbot, klingelte ein Mann des Verfassungsschutzes inkognito an ihrer Tür. Der Geheimdienstler brachte es bis zum Vortrag einfacher Mozart-Kompositionen. 1984 tauchte die Pianistin trotz ständiger Observation in den Untergrund ab, 1993 wurde sie in Bad Kleinen als mutmaßliche RAF-Terroristin festgenommen. Ihr Name machte wochenlang Schlagzeilen: Birgit Hogefeld.
LOHN
Entlohnt werden Agenten oder V-Leute, die einem Nachrichtendienst zuarbeiten, nach der Bedeutung ihrer Informationen und gelegentlich auch nach dem Grad ihrer Gefährdung. Der bestbezahlte "Kundschafter des Friedens", der für die DDR im Westen spionierte, war ein Mitarbeiter des Computerunternehmens Texas Instruments. Er informierte die Stasi über Entwicklung und Produktion integrierter Schaltkreise und erhielt insgesamt 1,1 Millionen Mark.
Zwischen 300 und 1500 Mark monatlich bekommen Spitzel des Verfassungsschutzes, die links- oder rechtsextreme Parteien oder Gruppen ausspähen. Wer zum Top-Informanten aufsteigt, aus Führungszirkeln berichtet oder beispielsweise vor geplanten Anschlägen warnt, kann jährlich bis zu 100000 Mark bekommen. Die Einkünfte aus der V-Mann-Arbeit müssen nicht versteuert werden. "Roberto" und "Rafa", zwei V-Leute des Bundesnachrichtendienstes in Madrid, erhielten ein festes Monatssalär von je 5000 Mark einschließlich Spesen; sie flogen im Rahmen der Anfang vorigen Jahres aufgedeckten Plutonium-Affäre auf.
Um die Interessen der Bundesrepublik zu sichern, zeigt sich der BND mitunter nicht nur gegenüber den Zuträgern, sondern auch gegenüber deren Angehörigen großzügig. So entsprach der Dienst schon mal der Bitte eines einflußreichen V-Mannes um einen Zuschuß von 2000 Mark für die Frühjahrskollektion seiner Gattin.
Auch die devisenarme DDR war gegenüber Spionen nicht kleinlich. Klaus Kuron, der Spionageabwehrexperte im Bundesamt für Verfassungsschutz, spionierte acht Jahre für die Stasi und kassierte insgesamt 730000 West-Mark, bis er 1990 verhaftet wurde.
Als der Stasi-Offizier Werner Stiller 1979 zum Bundesnachrichtendienst überlief, wurde er mit einer Million Mark "Begrüßungsgeld" empfangen.
LÜGENDETEKTOR
Die CIA setzt Lügendetektoren ein, um Verräter aufzuspüren. Die Geräte sollen Veränderungen der Atemfrequenz, des Blutdrucks, der Herzströme und der Hautfeuchtigkeit erfassen. Das Verfahren ist nicht immer erfolgreich: Der 1994 enttarnte CIA-Abteilungsleiter und KGB-Meisterspion Aldrich Ames hatte Jahre zuvor gleich zwei Tests überstanden. So konnte er große Teile des CIA-Spionagenetzes in Rußland und Osteuropa verraten. Regelmäßig schult die CIA ihre eigenen Agenten in der Kunst, einen Lügendetektor zu überlisten.
MAULWURF
Maulwürfe sind Spione, die ein Geheimdienst in einem gegnerischen Nachrichtendienst plaziert hat. Die bedeutendsten Maulwürfe der vergangenen beiden Jahrzehnte waren der CIA-Bedienstete Aldrich Ames, der rund zehn Jahre lang für das KGB spionierte, und der deutsche Verfassungsschützer Klaus Kuron, der acht Jahre lang die DDR-Staatssicherheit bediente.
MIKRATKAMERAS
Bis Anfang der neunziger Jahre benutzten Agenten aus Ost und West sogenannte Mikratkameras zur Dokumentenfotografie. Mit den drei Zentimeter breiten und zwei Zentimeter hohen Miniaturgeräten wurden Negative im Mikroformat belichtet. Ein Ringfilm mit dem Durchmesser eines Zehnpfennigstückes bot Platz für 15 Negative, die jeweils für die Erfassung einer DIN-A-4-Seite reichten. Verwendet wurden
6-DIN-Filme mit extrem hohem Auflösungsvermögen.
Viele Geheimdienste lehnen, so ein Insider, den Einsatz von Mikratkameras "aus Sicherheitsgründen" ab und schaffen für ihre Agenten handelsübliche Fotoapparate an. Wer nämlich mit einer Spezialkamera erwischt wird, liefert den Ermittlern ein Beweismittel, während ein handelsüblicher Apparat ein weit schwächeres Spionage-Indiz darstellt.
MORD
Morde in staatlichem Auftrag an politisch mißliebigen Personen oder Terroristen gehören zum Repertoire vieler Geheimdienste. Jüngstes Beispiel: Der Mordanschlag auf den Chef der radikalen palästinensischen Untergrundorganisation Islamischer Dschihad (Heiliger Krieg): Fathi Schakaki wurde, im vorigen Oktober, vermutlich von einem Mossad-Agenten vor einem Hotel auf der Mittelmeerinsel Malta erschossen.
Mossad-Agenten liquidierten auch Attentäter der palästinensischen Terrorbewegung Schwarzer September, die 1972 während der Olympischen Sommerspiele in München das Olympische Dorf überfallen und dort zwei Israelis getötet hatten.
Eine "Lizenz zum Töten" haben auch ausgewählte Mitarbeiter des britischen Geheimdienstes MI6, der CIA und des iranischen Geheimdienstes. Teheraner Agenten wird unter anderem eine Verwicklung in den Mord an Schapur Bachtiar, dem letzten Premierminister des Schah von Persien, 1991 in einem Pariser Vorort zur Last gelegt. Der iranische Geheimdienst soll außerdem den Mordanschlag auf iranische Oppositionelle 1992 in der Berliner Gaststätte "Mykonos" gesteuert haben.
Auch die Stasi ließ morden. So schwärmten Agenten nach Westdeutschland aus, um Fluchthelfer zu liquidieren. Der ehemalige DDR-Häftling Michael Gartenschläger zum Beispiel, der vom Westen aus Selbstschußanlagen an der innerdeutschen Grenze demontierte, lief 1976 in die Falle eines Stasi-Mordkommandos.
NADIS
Das "Nachrichtendienstliche Informationssystem" (Nadis) wird vom Bundesamt für Verfassungsschutz und den Verfassungsschutzbehörden der Länder betrieben. Nadis ist im wesentlichen ein Aktenverweissystem: Auf den Bildschirmen der streng geheimen Nadis-Computer erscheinen Hinweise auf alle Akten, die über Verdächtige angelegt worden sind. Wer zum Beispiel in einem sensiblen Bereich von Industrieunternehmen oder Behörden arbeitet und eine Sicherheitsüberprüfung bestehen muß, wird über Nadis "abgefragt".
Noch in den achtziger Jahren waren mehr als 16 000 Westdeutsche ohne ihr Wissen in der Nadis-Spezialdatei "P 2" gespeichert. Diese sogenannte Merkmalsdatei sollte Besonderheiten von verdächtigen Bundesbürgern festhalten. Verschlüsselt wurden Merkmale gespeichert: H 10 stand für "gepflegt", H 11 für "ungepflegt"; H 35 "erzählt Witze", H 40 "starker Esser, nascht". Modische Kleidung wurde mit dem Kürzel H 12 registriert, bisexuelle Neigung mit H 72.
NAHBEOBACHTER
Für die Enttarnung von mutmaßlichen Agenten setzt die Spionageabwehr des Verfassungsschutzes unter anderem Nahbeobachter ein. So bezeichnet der Geheimdienst V-Leute, die häufigen Kontakt mit einem Verdächtigen haben: Arbeitskollegen, Vereinskameraden oder Nachbarn. Zuvor versuchen die Werber, sich von der Verschwiegenheit des V-Manns zu überzeugen. Am Arbeitsplatz von Spionen oder Terroristen werden gelegentlich auch Nahbeobachter eingesetzt, die, etwa in einem Großraumbüro oder einer Produktionshalle, lediglich Sichtkontakt zum Verdächtigen haben.
ND-MITTEL
Bei der Beobachtung von mutmaßlichen Spionen oder extremistischen Parteien darf der Verfassungsschutz nachrichtendienstliche Mittel (Expertenkürzel: ND-Mittel) einsetzen. Dazu gehören V-Leute, Observation mit geheimen Foto- und Videoaufnahmen sowie die Überwachung des Post- und Fernmeldeverkehrs.
OBSERVATION
Observationstrupps des Verfassungsschutzes nehmen mutmaßliche ausländische Agenten oder politische Extremisten ins Visier. Sie sind mit schnellen Autos, versteckten Funkgeräten sowie Foto- und Videokameras ausgerüstet. Weil sich Angehörige der linksextremen Autonomen in Großstädten oft mit Fahrrädern fortbewegen, stehen für die Trupps vielerorts auch Zweiräder bereit.
Die Geheimdienstler versuchen, ein möglichst lückenloses Bewegungsprofil der sogenannten Zielperson aufzuzeichnen. Observiert werden gelegentlich auch künftige V-Leute und spionageverdächtige Botschaftsangehörige.
Die zumeist zehnköpfigen Spähtrupps verteilen sich bei motorisierten Einsätzen auf sechs bis sieben Autos und werden von einem Truppführer (Dienstgrad: Amtsinspektor) geleitet. Er entscheidet, ob eine Observation abgebrochen wird, wenn der "Fuchs" (Verfassungsschutz-Jargon) seine Verfolger entdeckt hat.
Zur Observation von Wohnhäusern setzen Verfassungsschützer unbemannte, hochtechnisierte Fahrzeuge mit versteckter Videokamera ein. Die Kameras werden ferngesteuert oder durch Bewegungsmelder eingeschaltet, sobald Bewohner das Haus betreten oder verlassen.
Techniker des Kölner Bundesamtes für Verfassungsschutz haben das Objektiv einer Kamera schon mal in das Auge eines Plüschtieres eingebaut, das auf der Hutablage eines Observationsfahrzeuges plaziert wurde.
Einer der größten Observationserfolge gelang dem Verfassungsschutz bei der Beobachtung der RAF-Terroristen Christian Klar und Adelheid Schulz. Als die beiden Anfang der achtziger Jahre per Intercity von Hamburg nach Frankfurt reisten, saßen Fahnder im Speisewagen am Nebentisch und fotografierten sie mit versteckten Mini-Kameras; anschließend allerdings verloren die Geheimdienstler die Spur des Duos.
Observanten der Spionageabwehr sind gelegentlich an einer Handgelenk- oder Unterarmtasche zu erkennen, in der ihr Funkgerät steckt. Den Funk verfolgen sie über ein knopfgroßes Hörgerät.
OPPORTUNITÄT
Während Staatsanwaltschaft und Polizei dem Legalitätsprinzip unterworfen sind und ihnen bekannte Straftaten verfolgen müssen, können die Geheimdienste die Kenntnis von Gesetzesverstößen für sich behalten. Gemäß dem gesetzlich verankerten Opportunitätsprinzip kann die Spionageabwehr des Verfassungsschutzes gegnerischen Agenten ein Angebot auf Straffreiheit machen, um sie anzuwerben oder zum Auspacken zu bewegen.
PEILSENDER
Bei mobilen Observationen setzt der Verfassungsschutz Peilsender ein, die zumeist unter den Fahrzeugen mutmaßlicher Agenten oder Extremisten befestigt werden. Auf diese Weise kann die Fährte der Verdächtigen aufgenommen werden, wenn sie zum Beispiel im Berufsverkehr verlorengegangen ist. Moderne Peilsender, die über Satellit empfangen werden, können den Verfolgern allerdings auch Probleme bereiten: Fährt ein Auto mit einem solchen Apparat in eine Tiefgarage, kann es meist nicht mehr geortet werden.
PENETRIEREN
Das Eindringen von V-Leuten oder Undercover-Agenten in die extremistische Szene wird Penetrieren genannt. Gelegentlich wird mit vereinten Kräften penetriert: In den sechziger Jahren übte das Berliner Landesamt für Verfassungsschutz über so viele V-Leute im NPD-Landesvorstand Einfluß aus, daß der Landesverband per ordentlichem Beschluß aufgelöst werden konnte.
PERSPEKTIVAGENT
Osteuropäische Geheimdienste versuchen noch immer, sogenannte Perspektivagenten in die Bundesrepublik einzuschleusen. Diese Spione werden beispielsweise als Aussiedler oder als Geschäftsleute in Joint-venture-Firmen getarnt. Perspektivagenten arbeiten mitunter mehrere Jahre lang unauffällig im normalen Erwerbsleben, ohne zu spionieren, und streben eine berufliche Karriere an. Erst wenn sie Kontakt zu Rüstungs- oder High-Tech-Betrieben gefunden haben, beliefern sie ihren Auftraggeber mit Informationen.
PKK
Die Parlamentarische Kontrollkommission (PKK) des Bundestages soll die Arbeit der deutschen Geheimdienste - des BND, des Verfassungsschutzes und des Militärischen Abschirmdienstes (MAD) - überprüfen. Dem neunköpfigen Gremium gehört in dieser Legislaturperiode mit Manfred Such erstmals ein Abgeordneter der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen an. Die Bundesregierung soll die PKK laut Gesetz "umfassend über die allgemeine Tätigkeit" der Nachrichtendienste und über "die Vorgänge von besonderer Bedeutung" unterrichten.
PSYCHO-TRICKS
Einer Vielzahl von Psycho-Tricks bediente sich die DDR-Staatssicherheit im Umgang mit ihren Mitarbeitern. Als eine Deutsche, die Sekretärin im Brüsseler Nato-Hauptquartier und zugleich DDR-Agentin war, von Reuegefühlen übermannt wurde und ihren östlichen Auftraggebern ankündigte, ihre Sünden einem Priester zu beichten, wußte die Stasi Rat: In Kopenhagen fand sich eine Kirche, in der die Landesverräterin nach einem Gespräch mit einem dänischen Geheimdienstgeneral die Beichte ablegte. Danach war sie erleichtert und bereit weiterzuspionieren. Was sie nicht wußte: Der "Geheimdienstgeneral" und der "Priester" waren Stasi-Leute. Die Posse aus den sechziger Jahren wurde bei einem Stasi-Prozeß publik.
RESIDENTUR
Als Residenturen bezeichnen die deutschen Nachrichtendienste Stützpunkte ausländischer Geheimdienste in der Bundesrepublik. Der BND wiederum unterhält Residenturen im Ausland. Sogenannte legale Residenturen sind Botschaften und Konsulate. Dort ansässigen Agenten gewähren die deutschen Ermittlungsbehörden in der Regel strafrechtlichen Schutz auf der Grundlage des Völkerrechts. Schlimmstenfalls droht die Ausweisung.
Illegale Residenturen sind Agenten-Stützpunkte in ausländischen Tarnfirmen; ihre Mitarbeiter können wegen Spionage verfolgt werden. BND und Verfassungsschutz versuchen, ausländische Agenten aus Staaten, die nicht westlichen Bündnissen angehören, als V-Leute anzuwerben. Dazu setzen die Geheimdienstler die Agenten auch mit Ergebnissen aus Observationen unter Druck, etwa mit Beweisen für deren Agententätigkeit oder kompromittierenden Details aus dem Sexualleben.
Nach Erkenntnissen des Verfassungsschutzes unterhält beispielsweise die Russische Föderation in ihrer Bonner Botschaft sowie in deren Berliner Außenstelle Legalresidenturen, in denen etliche als Diplomaten getarnte Mitarbeiter für den russischen Auslandsnachrichtendienst SWR und den Militärgeheimdienst GRU arbeiten. Der Verfassungsschutz überwacht deren Kontakte mit deutschen Gesprächspartnern, die er vor Anwerbungsversuchen warnt.
Besonders dreist gingen 1994 Agenten des russischen Fernmeldeaufklärungsdienstes "Fapsi" vor, die in der Berliner Außenstelle der russischen Botschaft residierten: Sie versuchten, hochentwickelte Kommunikationstechnik von deutschen High-Tech-Unternehmen zu kaufen. Sogar Generaldirektor Alexander Starowoitow machte sich von der Residentur aus auf den Weg nach Süddeutschland, um Spionagetechnik zu erwerben.
Auch die polnischen und bulgarischen Geheimdienste unterhalten Residenturen in ihren Botschaften sowie in diversen Konsulaten. Mitarbeiter der iranischen Botschaft in Bonn werben, wie Recherchen des Verfassungsschutzes ergaben, Exil-Iraner für ihre Dienste an.
ROMEO
Margret H., Sekretärin im Bundespräsidialamt, war 32 Jahre alt und unverheiratet, als ein gutaussehender Mann sie an einer Telefonzelle ansprach. Sie ließ sich von ihm einladen und verliebte sich in ihn. Franz Becker, wie sich der 27jährige nannte, gab sich als Lehramtsstudent aus, war in Wahrheit aber als KGB-Führungsoffizier auf die Sekretärin angesetzt worden.
Die "Romeo-Methode", das Heranspielen attraktiver Männer an Frauen, die zur Spionage erpreßt oder überzeugt werden sollen, gehört zum klassischen Geheimdienst-Repertoire. Margret H. ließ der Kreml-Führung in 14 Jahren rund 1800 Schriftstücke zukommen, unter anderem über die Nato-Nachrüstung. 1985 wurde sie enttarnt und zwei Jahre später zu acht Jahren Haft verurteilt. Im Keller ihrer Wohnung fanden Beamte des Bundeskriminalamtes ein Beweisstück: einen Kleiderbügel mit einem Hohlraum für Negative und Zahlencodes. Vier Jahre und vier Monate nach ihrer Verhaftung wurde Margret H. 1989 vom Bundespräsidenten begnadigt.
Die DDR-Staatssicherheit und andere östliche Dienste setzten auch freigelassene weibliche Strafgefangene, sogenannte Julias, auf West-Kaufleute an und filmten sie in Valuta-Hotels mit versteckten Kameras beim Liebesspiel.
Solche Amouren sind für Geheimnisträger stets heikel: In Großbritannien stürzte 1963 Kriegsminister John Profumo, weil er gemeinsam mit dem sowjetischen Militärattache Jewgenij Iwanow zum Kundenstamm des Callgirls Christine Keeler gehörte.
SCHLÄFER
Agenten im Feindesland, die eine legale bürgerliche Existenz aufbauen und erst nach Jahren spionieren, werden als Schläfer bezeichnet. Im Unterschied zu Perspektivagenten erwarten ihre Nachrichtendienste von ihnen keine berufliche Karriere.
SCHÜTTELTRICK
Agenten, die einem Observationstrupp entkommen wollen, müssen sogenannte Schütteltricks lernen. Bewährt ist die Methode, als letzter Passagier ein öffentliches Verkehrsmittel wie Bus, S- oder U-Bahn kurz vor der Abfahrt zu besteigen oder sich in einem Kaufhaus mit vielen Ausgängen als letzter in den Fahrstuhl zu drängeln. Wer wissen will, ob er beschattet wird, sollte auf einer Autobahn das Tempo auf 60 Stundenkilometer begrenzen. Wer nicht überholt, kann ein Observant sein. DDR-Agenten lernten Schütteltricks auf der Spionageschule im brandenburgischen Belzig.
Oft arbeiten Observationstrupps so professionell, daß sie nicht bemerkt werden. Ein BND-Abteilungsleiter etwa ahnte nicht, daß er wegen Spionageverdachts monatelang von Verfassungsschützern observiert wurde. Die Vermutung erhärtete sich jedoch nicht; die Geheimdienstler fanden lediglich heraus, daß ihr Kollege Stammgast eines Münchner Luxusbordells war.
SICHERHEITSPRÜFUNG
Wer bei Behörden oder in der Industrie Zugang zu geheimen Unterlagen hat, wird vom Verfassungsschutz einer Sicherheitsprüfung unterzogen. Er muß dem Geheimdienst Referenzpersonen nennen, entweder zwei (Stufe "geheim") oder drei ("streng geheim"), die über ihn Auskunft geben. Mehr als 600000 Frauen und Männer sind nach Sicherheitsüberprüfungen in den Verfassungsschutzdateien gespeichert; jährlich erfolgen 100000 bis 200000 neue Prüfungen.
Überprüft wird die Telefonistin eines Polizeipräsidiums ebenso wie der Pressereferent eines Ministeriums. Datenschützer haben wiederholt den Umfang der Sicherheitsüberprüfungen und den Inhalt der gespeicherten Daten kritisiert. So wurden im Laufe der Jahre 270 Arbeiter durchleuchtet, die im baden-württembergischen Innenministerium Handwerkerarbeiten erledigen sollten.
Die Sammelwut der Geheimdienstler kennt kaum Grenzen. Notiert und gespeichert wurde bei Sicherheitsüberprüfungen unter anderem, daß Prüflinge am Arbeitsplatz über Gallenbeschwerden klagten, "verwaltungsintern als Alkoholiker" galten, "lockere Zweierbeziehungen" pflegten oder "in betrunkenem Zustand Frauen an der Hotelbar" belästigten.
Auch das Privatleben von Verfassungsschützern wird ausgespäht. Die Agenten wollen von Nachbarn beispielsweise wissen, ob die Frau des Mannes, der "im Innenministerium" arbeitet, Pelze trägt. Hat sich ein Geheimer überschuldet, wird ihm aus einer geheimen Kasse geholfen, um gegnerischen Diensten keine Erpressungsmöglichkeit zu bieten.
SPIELMATERIAL
Spielmaterial, das gegnerische Nachrichtendienste täuschen soll, wird stets benutzt, wenn fremde Agenten enttarnt und zur Mitarbeit überredet werden. Das Material besteht zu einem großen Teil aus echten Geheiminformationen und Dokumenten, die der angeworbene Doppelagent dem fremden Dienst überläßt.
Das Bundesamt für Verfassungsschutz überließ dem Doppelagenten Joachim Moitzheim, einem "umgedrehten" DDR-Agenten, bis in die achtziger Jahre hochkarätiges Material für seine Auftraggeber in Ost-Berlin. Moitzheim durfte über einen Helfer das Verfassungsschutz-System Nadis nach den Daten von 338 Personen abfragen. Ein Verfassungsschützer übergab ihm die Personalien von 1450 Mitarbeitern des Bundesgrenzschutzes, des Kernforschungszentrums Jülich und von Rüstungsbetrieben, die einer Sicherheitsüberprüfung unterzogen worden waren.
Der Verfassungsschutz erhoffte sich durch den Doppelagenten tiefe Einblicke in die Arbeitsweise der Stasi. Pech für die Verfassungsschützer: Sie wußten nicht, daß Moitzheim sich der Stasi offenbart hatte und abermals "umgedreht" worden war. Die massenhaften Verstöße gegen den Datenschutz wurden später von der Parlamentarischen Kontrollkommission des Bundestages gerügt.
SPIONAGESATELLIT
Seit 1960 überwachen Spionagesatelliten in Kriegs- und Friedenszeiten fremde Staaten aus dem All. Das erste bekanntgewordene militärische Aufklärungsfoto eines Satelliten stammt vom 18. August 1960, als aus dem US-amerikanischen Satelliten Discoverer 14 ein militärisches Flugfeld im nordöstlichen Sibirien fotografiert wurde.
Die neue Technik war noch unvollkommen: Nur Gegenstände mit einer Mindestgröße von etwa 13 Metern konnten identifiziert werden. Heute bilden Satelliten wie der amerikanische Landsat, der französische Spot oder der europäische ERS sogar 30 Zentimeter kleine Gegenstände klar erkennbar ab.
Den Geheimdiensten ermöglichen die Spione aus dem All, die mit ihren Radaraugen Wolkendecken durchdringen können, unter anderem die Identifizierung von Atom- oder Giftgasfabriken. Auf Satellitenfotos fanden Militärs auch Hinweise auf den Waffenschmuggel im Balkankrieg, Truppenaufmärsche im Irak, bevorstehende Atomtests in der chinesischen Wüste bei Lop Nor und auf Greueltaten der Serben nahe Srebrenica.
Ein Foto zeigte rund 600 Menschen auf einem Feld nahe der von den Serben eroberten Moslem-Enklave. Wenige Tage später waren die Personen verschwunden. Erkennbar war aus dem All, daß in der Nähe umfangreiche Erdarbeiten stattgefunden hatten - allem Anschein nach für ein Massengrab, in dem die Menschen möglicherweise verschwunden waren.
Jetzt wollen auch die Deutschen am Himmel wachsam sein. Ein deutsch-französischer Vielzwecksatellit, dessen Bau Forschungsminister Jürgen Rüttgers forciert, soll die Abhängigkeit des Bundesnachrichtendienstes von US-Aufklärungsmaterial mindern.
Seit US-Präsident Bill Clinton 1994 erstmals Satellitenfotos für kommerzielle Zwecke freigab und Aufnahmen mit der einst streng geheimen russischen Weltallkamera KFA-1000 vermarktet werden, ist das Monopol der Militärs gebrochen. Satellitenfotos helfen heute Mobilfunkkonzernen bei der Suche nach Trassen für ihre Funknetze, identifizieren Umweltsünder auf den Weltmeeren und sind ein Beweismittel für Fahnder, die dem Subventionsschwindel mit angeblich stillgelegten landwirtschaftlichen Flächen in der Europäischen Union nachspüren. Die Berliner "Ingenieurgesellschaft für Fernerkundung, Photogrammetrie, Kartographie und Vermessung" bietet Satellitenbilder deutscher Großstädte auch für den privaten Bedarf an.
STRAHLENKANONE
Millionen Reisende hat die Ost-Berliner Staatssicherheit von 1979 bis 1989 an den Grenzkontrollstellen der DDR heimlich mit radioaktiven Gammastrahlern überprüft. 17 Strahlenkanonen an den Grenzübergangsstellen in und um Berlin sowie an den Autobahnkontrollpunkten zwischen Ost- und Westdeutschland sollten DDR-Flüchtlinge aufspüren, die sich im Kofferraum von Autos oder zwischen der Ladung von Lastwagen versteckt hielten.
Strahlenquelle war radioaktives Caesium 137 aus der Sowjetunion. Die Gammastrahlen durchdrangen Kraftfahrzeuge wie Insassen und machten Menschen als dunkle Flecken auf einem Monitor sichtbar. Die Geräte wurden von der "Operativ-Technischen Sicherung" (OTS) der Stasi-Hauptabteilung VI entwickelt. Durchleuchtet wurden auch Kinder, Säuglinge und Schwangere.
Die Strahlenkanonen wurden auf den sogenannten Beschaubrükken der Kontrollstellen versteckt. Der erste Gammastrahler ging 1979 am Berliner US-Übergang "Checkpoint Charlie" in Betrieb. Am 9. November 1989 um 22 Uhr wurde die Cäsium-Quelle am Grenzübergang Marienborn zwischen Hannover und Berlin ausgeschaltet - als gerade die Mauer gefallen war.
TIPPER
Wer einen Geheimdienst auf eine Person hinweist, die als V-Mann gewonnen werden könnte, wird intern als Tipper bezeichnet. Solche Tips kommen gelegentlich von Staatsschutzbeamten der Polizei, die bei Vernehmungen von Angehörigen extremistischer Parteien Ansatzpunkte für den Verfassungsschutz erkennen, aber auch von V-Leuten oder Geheimdienstlern selbst.
Tipper, die bis Ende der achtziger Jahre für die Spionageabwehr des Verfassungsschutzes arbeiteten, beobachteten auf dem Flughafen Tegel, dem Fernbahnhof Zoo und dem Bahnhof Friedrichstraße in Berlin sowie auf westdeutschen Flughäfen verdächtige Reisende, die nach West-Berlin unterwegs waren und von dort aus in die DDR fahren wollten. Der Verfassungsschutz versuchte mit dieser Methode, Agenten zu entlarven und zur Kooperation zu bewegen.
Als verdächtig galten vor allem alleinreisende Männer im Alter von 25 bis 40 Jahren mit Handgepäck. "Die Glocken läuteten", so ein Geheimdienstler, wenn ein Reisender vom Flughafen Tegel mit der Buslinie 8 oder einer Taxe zum Kurt-Schumacher-Platz und von dort mit der U-Bahnlinie 6 zum Bahnhof Friedrichstraße fuhr - der klassische Reiseweg westdeutscher DDR-Agenten, die Meldung in Ost-Berlin machen wollten.
Mit geheimen Operationen unter Decknamen wie "Wacholder" und "Wirbelsturm" versuchte der Verfassungsschutz, solche Agenten zu identifizieren und zu enttarnen. Verdächtige Personen, die bei ihrer Ankunft in West-Berlin aufgefallen waren, wurden beim Rückflug von Observationstrupps erwartet und anschließend bis zur Wohnungstür beschattet.
TOTALFÄLSCHUNG
Geheimdienste statten ihre Agenten mit Ausweisen aus, deren Papier, Einband und Stempel gefälscht sind. Diese Methode gilt, anders als die Verwendung von gestohlenen oder veränderten Blankodokumenten, als sicher. Die sogenannten Totalfälschungen sind "voll gedeckt", wenn der Agent einen "echten" Doppelgänger hat. Die Doppelgänger wissen nicht, daß ihre persönlichen Daten von einem Geheimdienst mißbraucht werden.
Ein Risiko bleibt aber auch den Agenten: So wurde in den sechziger Jahren ein DDR-Spion festgenommen, weil er angeblich seinen Unterhaltsverpflichtungen nicht nachgekommen war. Tatsächlich hatte aber sein Doppelgänger, ein ansonsten unbescholtener Bundesbürger, seine Alimente nicht gezahlt. Die Stasi achtete darauf, daß der unfreiwillige Doppelgänger und ihr Agent einander ähnlich waren. "Hatte ein Stasi-Agent ein Mondgesicht, wurde im Westen ein ebensolches gesucht", sagt ein Fahnder. Immer noch ungeklärt ist der Fall eines DDR-Agenten, der in der Bundesrepublik mit einem totalgefälschten Personalausweis auf den Namen Heinz Günther S. untergetaucht war. Der Agent hatte seinen Ausweis (Augenfarbe: blaugrau, Größe 172 cm) in einem westdeutschen Sex-Kino verloren. Den Ermittlungsbehörden schien der Fall zu unbedeutend, um mit dem Lichtbild nach dem Spion zu fahnden.
TOTER BRIEFKASTEN
In toten Briefkästen deponieren Geheimdienste im Ausland Nachrichten und Aufträge für ihre Agenten. Spione hinterlassen darin Geheimdokumente für ihre Auftraggeber.
Als der Stasi-Agentenführer Werner Stiller zum Bundesnachrichtendienst wechseln wollte, lief der Kontakt über einen toten Briefkasten, den ein BND-Kurier in einem Ost-Berliner Park angelegt hatte. Unter einem Laubhaufen, der mit zwei Ziegelsteinen kenntlich gemacht war, lag ein präpariertes Stück Holz. Stiller fand darin die Grundausstattung für Überläufer: Geheimtinte, Briefe mit BND-Deckadressen in Westdeutschland und Codiertafeln für den Empfang von Funksprüchen.
Rollende tote Briefkästen wurden vom BND in Interzonenzügen zwischen Westdeutschland und der DDR angelegt. In Zugtoiletten versteckten Agenten geheime DDR-Dokumente, Kuriere bargen die Konterbande auf westdeutschen Bahnhöfen.
Über tote Briefkästen verständigte sich in den achtziger Jahren auch der amerikanische KGB-Spion John Walker in der Umgebung der US-Hauptstadt Washington mit seinen Agentenführern. Wenn Walker in Richtung Montgomery County aufs Land fuhr und an einem Strommast eine leere 7up-Limonadendose fand, wußte er, daß die Sowjets bereit waren, Geheimmaterial gegen Bargeld zu tauschen.
ÜBERLÄUFER
Überläufer sind Agenten eines Geheimdienstes, die ihren Staat verlassen und ihr Wissen einem gegnerischen Geheimdienst anbieten. Sie richten zumeist erheblichen Schaden an, weil sie in der Regel sämtliche Dienstgeheimnisse offenbaren. Hansjoachim Tiedge, der als Abteilungsleiter im Bundesamt für Verfassungsschutz 1985 zum Ministerium für Staatssicherheit (MfS) überlief, nannte in einem SPIEGEL-Interview den Grund für seine Aussagefreudigkeit:
"Ich habe dem MfS alles gesagt, was ich wußte. Früher hatte ich selbst Überläufer befragt und wußte, wie es denen geht, die auch nur die kleinste Kleinigkeit verschweigen oder verfälscht darstellen. Man glaubt ihnen gar nichts mehr."
Einer der ersten Überläufer nach der Wende in der DDR war, im Dezember 1989, ein Stasi-Hauptmann aus der Hauptabteilung III (Elektronische Aufklärung). Er brachte eine Computerdiskette aus Stasi-Beständen mit, auf der 2000 Abhörtexte mit BND-Bezug gespeichert waren. Die Diskette belegte, daß die Stasi die Klarnamen der meisten Mitarbeiter der Pullacher BND-Zentrale kannte.
UMDREHEN
Hat ein Geheimdienst einen Agenten enttarnt, der im Auftrag einer fremden Macht spioniert, wird versucht, ihn "umzudrehen" und als Mitarbeiter zu gewinnen. Fast immer werden vor dem ersten Werbungsversuch die Lebensgewohnheiten des Agenten überprüft, um ihn mit kompromittierenden Details erpressen zu können (siehe: "Kompromate").
UNDERCOVER-AGENT
Vom Verfassungsschutz wird ein Undercover-Agent (UCA) eingesetzt, wenn die Anwerbung von V-Leuten - etwa bei den zumeist strikt abgeschotteten linksextremistischen Gruppen - schwierig ist. Die Agenten verpflichten sich für drei Jahre und erhalten einen neuen Lebenslauf sowie neue Ausweispapiere, bevor sie zum Beispiel an die autonome Szene herangespielt werden.
Kandidaten werden gelegentlich an Universitäten geworben. Unter neuem Namen studieren sie bis zum Examen, engagieren sich in der Fachschaftsarbeit und suchen Kontakt zu extremistischen Gruppen. Nach dem Studium bemühen sie sich um Arbeit in alternativen Projekten oder linken Buchläden und suchen die Nähe zu militanten Gruppen.
Während des Studiums werden die Agenten mit rund 1500 Mark netto vom Verfassungsschutz gefördert. Zusätzlich schließt der Geheimdienst eine Lebensversicherung für sie ab.
VERBRANNT
Wer als Agent oder Agentenjäger enttarnt worden ist, gilt als "verbrannt". Der Verfassungsschutz versetzt Mitarbeiter, die bei Werbungsversuchen fotografiert worden sind, aus Sicherheitsgründen sofort in eine andere Abteilung. Hochkarätigen V-Leuten, die militante Gruppen ausspähen und dabei entlarvt werden, finanziert der Geheimdienst bisweilen sogar eine neue Existenz im Ausland.
VERSCHWINDENLASSEN
Geheimdienste und Militärs arbeiten in totalitären Staaten zusammen, um Regimegegner verschwinden zu lassen. Sie werden, wie in Marokko, in geheimen Wüstenlagern untergebracht und, wenn überhaupt, erst nach jahrelanger Isolation freigelassen. Allein die argentinischen Machthaber liquidierten während der Militärdiktatur, von 1976 bis 1983, zwischen 10000 und 30000 Menschen, die sie betäuben und von Flugzeugen ins Meer werfen ließen.
Korvettenkapitän Adolfo Scilingo, einer der Täter, schilderte 1995 erstmals Einzelheiten: Jeden Mittwoch wurde in der ESMA, der als Folterzentrum des Geheimdienstes benutzten Mechanikerschule der Marine in Buenos Aires, ein Transport von Gefangenen zur angeblichen "Verlegung" zusammengestellt. Unter dem Vorwand, sie sollten geimpft werden, wurden die vorher teilweise schwer gefolterten Häftlinge narkotisiert und in ein Marineflugzeug gepfercht. An Bord wurde ihnen eine Injektion verabreicht - eine betäubende Dosis Penthotal. "Dann zogen wir ihnen die Kleider aus. Als wir weit genug über dem Atlantik waren, warfen wir sie einzeln durch die geöffnete Luke hinaus", berichtet der Offizier.
Zuweilen mußte wegen der wachsenden Zahl der Todgeweihten ein Samstagsflug eingeschoben werden. An das Schicksal dieser "desaparecidos" mahnen die "Mütter der Plaza de Mayo", die jeden Donnerstag mit weißen Kopftüchern demonstrieren, neuerdings vor der ESMA-Kaserne.
Das Verschwindenlassen praktizierten auch die chilenischen Putschisten um den 1973 an die Macht gekommenen General Augusto Pinochet sowie die Amerikaner in Vietnam. Vom riesigen Fleischwolf, durch den Stalins NKWD die zu Tode gequälten Körper angeblicher Konterrevolutionäre drehte, bis zur Verfütterung von Leichenteilen an Krokodile, etwa in Idi Amins Uganda, reicht der Horror der Austilgung Andersdenkender durch mörderische Machthaber und deren Schergen.
V-LEUTE
Das Kürzel V-Mann steht für Vertrauens- oder Verbindungsmann. V-Leute sind geheime Informanten der Geheimdienste oder der Polizei, die Interna aus politischen Parteien und Gruppierungen, aus Behörden, Unternehmen oder der kriminellen Szene liefern. Die DDR-Staatssicherheit bezeichnete ihre V-Leute als "Inoffizielle Mitarbeiter" (IM).
V-Leute, im Geheimdienstjargon "menschliche Quellen", unterschreiben eine sogenannte Verpflichtungserklärung und versprechen "Nachrichtenehrlichkeit". Die Zahl der V-Leute des Verfassungsschutzes wird von Insidern auf bundesweit mehr als 2000 geschätzt. Die Stasi hatte ein IM-Netz von 175000 Spitzeln geknüpft.
Vertrauensleute sind mitunter schwer zu führen. Klaus Steinmetz, der die mutmaßlichen RAF-Terroristen Wolfgang Grams und Birgit Hogefeld ausspähen sollte, entglitt zeitweise der Kontrolle seines V-Mann-Führers. Er verstand sich als "Mittler zwischen den Fronten" und entschied selbst, so ein Beamter, was er dem Verfassungsschutz mitteilte und was er für sich behielt.
WAFFENHANDEL
Geheimdienste helfen Regierungen immer wieder beim Waffenschmuggel im Staatsauftrag.
Vorbei am Gesetz und an den Kontrollgremien operierte der BND auch Mitte der achtziger Jahre. Unter dem Decknamen "Pamir" wickelte er eine Lieferung hochmoderner Lausch-Elektronik an die Volksrepublik China ab.
Die CIA ließ afghanischen Rebellen unter anderem "Stinger"-Boden-Luft-Raketen zukommen und unterstützte die Contras in Nicaragua mit Handfeuerwaffen und Granatwerfern. DDR-Devisenbeschaffer und Stasi-Oberst Alexander Schalck-Golodkowski lieferte über die "IMES Import-Export GmbH" Panzer in den Irak und Ersatzteile für sowjetische MiGs in den Iran.
WANZEN
Die flachen, nur 5 bis 15 Millimeter großen Mikrofone mit Sendern, mit denen Geheimdienstler "Zielpersonen" belauschen, übertragen Gespräche aus Wohnungen oder Hotelzimmern in erstklassiger Qualität bis zu einer Entfernung von 400 Metern auf Empfänger, die an Tonbandgeräte angeschlossen werden. Einige Modelle speisen sich aus winzigen Knopfzellen, andere werden hinter Steckdosen oder Telefone geklemmt, um deren Strom zu nutzen. Versteckt werden Wanzen auch in Tischbeinen, hinter Bildern oder im Gebälk. Geheimdiensttechniker modifizieren handelsübliche Geräte so, daß sie von Breitband-Detektoren nicht aufzuspüren sind.
Verfassungsschützer des Kölner Bundesamtes dürfen Links- und Rechtsextremisten sowie Spionageverdächtige mit Wanzen belauschen, wenn es "zur Abwehr einer gegenwärtigen gemeinen Gefahr oder einer gegenwärtigen Lebensgefahr für einzelne Personen unerläßlich ist" (Bundesverfassungsschutzgesetz). Dazu zählen beispielsweise Terrorismusdelikte, Hoch- und Landesverrat.
Die belauschten Personen müssen nach dem Ende der Operation darüber informiert werden; die Parlamentarische Kontrollkommission ist über jeden Einzelfall zu unterrichten.
In den Verfassungsschutzgesetzen von Bremen, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen, Schleswig-Holstein und dem Saarland sind den Landesämtern "Lauscheingriffsmaßnahmen" verboten; in diesen Ländern darf aber das Kölner Bundesamt Wanzen legen.
Schwierig ist für Geheimdienstler das Eindringen in Wohnungen, die "verwanzt" werden sollen. V-Leute besorgen gelegentlich einen Nachschlüssel oder "lassen ein Fenster offen" (ein Verfassungsschützer), notfalls wird eingebrochen. Wegen der geringen Gefahr der Enttarnung installieren die Techniker Wanzen am liebsten in angemieteten Hotelzimmern, in denen sich zum Beispiel V-Leute mit Verdächtigen treffen wollen
ZERSETZUNG
Mit der Methode der "operativen Zersetzung" versuchte die DDR-Staatssicherheit, Regimekritiker psychisch zu zerstören. Opfer des Psychoterrors waren neben anderen der Bürgerrechtler Wolfgang Templin, der Schriftsteller Jürgen Fuchs sowie das Dissidenten-Ehepaar Ulrike und Gerd Poppe.
Stasi-Mitarbeiter antworteten auf Verkaufsanzeigen, gaben sich als Templin aus und baten um Anlieferung oder Besuch. Bei Templin stauten sich die ungebetenen Kunden und Waren.
Die Staatsfeinde Poppe wollte die Stasi durch die Zerstörung ihrer Ehe erledigen. Eine Informelle Mitarbeiterin (IM) hatte von Eheproblemen der Poppes berichtet. Ein Stasi-Oberleutnant entwarf einen "Maßnahmeplan".
Punkt 1: Ulrike Poppe solle ein Fachschulstudium in Aussicht gestellt werden, um sie "in ihren vorhandenen Trennungsabsichten zu unterstützen". Parallel dazu müsse "gesichert werden, daß POPPE, Gerd seine arbeitsmäßigen und sozialen Probleme nicht verbessern kann".
Punkt 2: "Zur Verschärfung der Ehekrise und Unterstützung der Trennungsabsichten der POPPE, Ulrike wird die Kontaktperson Harald an die POPPE mit dem Ziel herangeschleust, zwischen beiden ein Intimverhältnis aufzubauen. Termin: Juli 1987."
Punkt 3: "POPPE, Gerd ist durch gezielte anonyme Informationen an seiner Arbeitsstelle zu diskriminieren."
ZUKLEBEN
Wer beim Verfassungsschutz im Verdacht steht, für eine fremde Macht zu spionieren oder einer militanten extremistischen Gruppierung anzugehören, kann "voll zugeklebt" werden. Darunter verstehen die Geheimen die gleichzeitige Anwendung mehrerer Überwachungstechniken: Kontrolle des Post- und Fernmeldeverkehrs sowie Observation rund um die Uhr - kein Schritt des Verdächtigen bleibt unbeobachtet. Geheimdienstler sprechen von einer "Glocke", die sie über einen Verdächtigen gelegt haben.
* Oben: im bayerischen Landesamt für Verfassungsschutz in München; unten: 1982 mit Katja Havemann bei der Beisetzung Robert Havemanns. * Oben: Aushang des Verfassungsschutzes in einem Szene-Cafe in Halle an der Saale; unten: 1986 in Jerusalem. * Oben: 1959 aus dem Toplitzsee bei Steyr (Österreich); unten: Zimmer 1417 im Warnemünder Hotel Neptun. * Kollegen-Präsent zum 60. Geburtstag von DDR-Spionagechef Markus Wolf 1983. * Gegen iranische Oppositionelle im Restaurant "Mykonos" 1992. * Im "Wendenschloß" zeichnete die Stasi ihren IM "Sekretär" aus; Manfred Stolpe bestreitet, für die Stasi gearbeitet zu haben. * Oben: 1976 an der DDR-Grenze bei Büchen; unten: in der Asservatenkammer des Bundeskriminalamtes in Meckenheim bei Bonn. * Adelheid Schulz, Willy Peter Stoll, Christian Klar 1978 vor einem Hubschrauberflug im Odenwald (Fahndungsfoto). * Auf dem Dach der Außenstelle der russischen Botschaft in Berlin. * Die Pfeile weisen auf umfangreiche Erdarbeiten nahe Srebenica. * Panzer für Israel 1991 im Hamburger Hafen.
Von Carsten Holm

SPIEGEL SPECIAL 1/1996
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


  • Weltrekord: 280 km/h auf einem Fahrrad
  • Superliga Argentinien: Wer beim Elfmeter lupft, sollte das Tor treffen
  • Sturmschäden in Deutschland: Amateurvideos zeigen Unwetter
  • Pilot kehrt nach Tschernobyl zurück: "Ich erkenne den Ort kaum wieder"