01.02.1996

NACHTSONNE ÜBER L. A.

Was hat dieser Mann nicht alles gesehen im Leben. Den ganzen Horror der Welt, jede Form des Verbrechens, jede mögliche Grausamkeit. Er hat sterbende Kinder in seinen Armen gehalten und toten Männern die Augen geschlossen und verletzten Kameraden die Därme wieder in die Bauchhöhle gedrückt. Er hat eine Pumpgun an seiner Schläfe gespürt und in das Mündungsfeuer eines Maschinengewehrs geschaut und ist dabei gewesen, als ein paar seiner Kollegen starben. Seit dieser Zeit kann ihn nichts mehr erschüttern, der Horror hat sein Leben geformt.
Larry Clark, 54, glaubt nicht mehr an das Gute. Die Welt ist eine Hölle und "Mensch" nur ein anderes Wort für "Monster", und keine Kraft der Welt wäre stark genug, das zu ändern. Niemand würde das Böse aufhalten können. Nicht die Armee, nicht die Regierung, schon gar nicht die Polizei. "Das einzige, was du tun kannst", sagt Larry, "ist, rauszugehen und ein paar Arschlöchern in den Hintern zu treten."
Und genau das würde er jetzt auch tun. Er würde sich diesen Abschaum schnappen, der seine Stadt in einen Dschungel verwandelt hat. All diese schwachsinnigen Mörder und skrupellosen Dealer und schießwütigen Gangbanger, für die ein Menschenleben weniger zählt als die Pennys in einer Parkuhr. Er würde ein paar dieser Ratten aus ihren Löchern jagen, und wenn es das letzte ist, was er tut.
Denn der Krieg ist verloren, sowieso, in den Ghettos der Schwarzen herrscht die blanke Gewalt, bei den Mexikanern und den Asiaten ist es kaum besser, und deshalb geht es nicht mehr darum, hier für Frieden zu sorgen. Es geht nicht mehr um "Beschützen und Dienen", wie es auf jedem Polizeiauto in Los Angeles steht. Es geht um draufschlagen, einschüchtern, angst machen - und hoffen, daß die Plage nicht auch noch die gesunden Viertel der Weißen hier infiziert. So jedenfalls sieht es Larry. So hat es auch der frühere Polizeichef Daryl Gates immer gesehen.
Er war es, der schließlich aus der Polizei von Los Angeles die brutalste und berüchtigtste Truppe der Vereinigten Staaten geformt hat. Der scharf gemachte Hunde in den Krieg der Ghettos schickte und die Operation "Hammer" erfand, bei der ungefähr tausend Polizisten einen ganzen Bezirk umstellten und dafür sorgten, daß keine Kaffeetasse mehr im Geschirrschrank blieb. "Proaktiv" nannte er diese Taktik, aufräumen, bevor was passiert, und dazu paßte auch das Zusammenschlagen von Rodney King 1991, das die Polizei von Los Angeles weltweit in die Schlagzeilen brachte. Und dazu paßt auch die Hubschrauberstaffel.
Die hat sein Vorgänger 1974 etabliert, um zu jedem beliebigen Zeitpunkt an jeder beliebigen Stelle der Stadt sein zu können. Seitdem sind die Helikopter ein Sinnbild der Staatsmacht und die Quintessenz des ganzen Departments. Denn die Polizei hier ist schnell, omnipräsent und entrückt von den wirklichen Nöten der Menschen. Eine mobile Frontlinie und eine Art menschliches Raketensystem, das man jederzeit abfeuern kann und das dann in den Zentren der Gewalt detoniert. Die Polizei von Los Angeles arbeitet nicht in der Gesellschaft. Sondern wacht über sie. Und am weitesten darüber wacht die Hubschrauberstaffel. Sie ist die Elite des ganzen Ladens.
Zumindest halten sich die Piloten hier in der Kommandozentrale dafür. Sie sind von dieser coolen, wortkargen Sorte, die paßgenau dem Klischee solcher Leute entspricht: lauter Top-Gun-Typen, die wenig reden, niemals Angst zeigen und sich immer für die Krönung der menschlichen Rasse halten.
Die meisten haben trainierte Oberarme und einen drahtigen Kurzhaarschnitt und bewegen sich mit dieser langsamen, federnden Lässigkeit durch den Raum, die Menschen eigen ist, die stolz sind auf ihren Körper. Ein paar lungern auch auf den ausrangierten First-class-Flugzeugsitzen herum und schauen auf den Fernseher in der Ecke. Dort verlieren die San Francisco 49ers gerade gegen eine Truppe aus Cleveland, und das ist eine mittlere Sensation, aber trotzdem mag sich niemand dafür begeistern. Auch Larry nicht.
Larry hockt auf dem zweiten Sessel von links und kaut auf ein paar trockenen Keksen herum, die ihm seine Lockenwickler-Vorstadt-Ehefrau jeden Tag in den Brotbeutel steckt. Er trägt einen glattgebügelten Overall und blankpolierte Stiefel aus Leder und hat das Kinn nach vorn geschoben, damit kein Krümel seine Kleidung versaut.
Larry sieht anders aus als die meisten hier. Ist älter und seriöser, mit sauberem Scheitel und grauem Schnauzer und hat hängende, zusammengekniffene Lippen wie ein zölibatärer Priester. Auffällig an ihm ist nur diese protzige Gliederkette am Handgelenk. Sie stammt von der Steuereinheit eines Hubschraubers und zeugt davon, daß er schon mal abgestürzt ist mit seiner Maschine. Tough-luck-chain heißt das Ding bei den Piloten. Larry hat sich sein Exemplar in Vietnam verdient, vor 27 Jahren.
Da war er gerade vier Tage im Land und mußte ein paar Jungs hinter die Frontlinie bringen und flog direkt in das Mündungsfeuer eines Maschinengewehrs. Die Kugeln erwischten die Rotoraufhängung, und der Hubschrauber fiel wie ein Felsklotz vom Himmel, und beim Aufprall zerfetzte es dann die ganze Besatzung. Larry war der einzige, der überlebte, mit einem Stück vom Rotorblatt im rechten Knie. Sechs Wochen später flog er den nächsten Einsatz.
Seitdem hat er ungefähr 20000 Stunden im Helikopter verbracht. Keiner in der ganzen Truppe ist so erfahren wie er. Keiner kennt sich über den Straßen von Los Angeles besser aus. Keiner hat ein besseres Gespür für die Gefahr. Und keiner weiß soviel über die Gewohnheiten der Verbrecher.
"Es ist immer das gleiche", brummt er, "sobald es dunkel wird, kriechen sie aus den Löchern. Besonders schlimm ist es am Wochenende. Oder wenn es Geld gegeben hat von der Wohlfahrt. Und bei Vollmond drehen sowieso alle durch."
Heute ist Vollmond. Es ist Wochenende. Vor zwei Tagen hat es Geld gegeben. Und die Sonne steht tief über dem Horizont und taucht die Spiegelfassaden der Hochhäuser in glutrote Farbe. In einer Stunde wird es dunkel sein. Wann, wenn nicht heute, explodiert die Gewalt? Und wo, wenn nicht hier? "O ja", sagt Larry, "wir werden viel Spaß haben heute."
Er streicht seine Kekstüte glatt, faltet die Packung zusammen, Falz auf Falz, und dann greift er sich ein orthopädisches Keilkissen und schlendert hinaus zum Hangar, wo alle Maschinen der "Air Support Division" aufgereiht stehen.
Die meisten stammen noch aus der Frühzeit der Truppe. Es sind kleine, lahme Maschinen, die "Jet Ranger" heißen, ziemlich wendig sind, ziemlich ruppig reagieren und vom Piloten alles verlangen. Ein paar "Astars" sind auch noch darunter. Die sind moderner, schweben komfortabler und reagieren gelassener auf Turbulenzen. 675 PS, 165 Meilen Höchstgeschwindigkeit, trotzdem mag Larry den Jet Ranger lieber.
"Well, let's get them", sagt er und schnallt sich auf seinen Sitz. Neben ihm klettert Sergeant Ken Kessner ins Cockpit. Ken ist jünger als Larry, aber er hat es weiter gebracht, ein smarter Karrierist, der im Rekordtempo durch jede Eliteeinheit der Polizei gerauscht ist und irgendwann Captain sein wird, da sind sich alle Kollegen sicher.
Bei diesem Flug hat er den Job eines "Observer" inne. Er muß den riesigen Scheinwerfer unter dem Cockpit lenken, die Infrarotkamera überwachen, den Funk abhören und Larry dorthin dirigieren, wo das Verbrechen passiert. Dazu hat er eine Straßenkarte auf seinen Knien und ein Fernglas mit Stabilisator neben dem Sitz.
Ken ist heiß auf diesen Ritt. Das kann man sehen an der Art, wie er tausendmal seine Ausrüstung kontrolliert. Für Larry aber ist alles Routine geworden in den 22 Jahren, die er nun schon bei der Einheit ist.
Er startet die Maschine und schleicht mit ihr in ein Meter Höhe bis zum Ende des Landedecks. Dort dreht er sie in den Wind, drückt die Nase runter, gibt volle Kraft, und der Astar steigt wie ein Fahrstuhl hinauf in den Himmel. Unten sind
die gelben Auflieger einer Spedition zu sehen, danach kommt die achtspurige Stadtautobahn, dann die riesigen Strommasten, die zu einem Umspannwerk führen.
Larry kurvt nach Norden, wo sein Einsatzgebiet liegt. Er überquert das Stadion der Los Angeles Dodgers, und dann schaut er nach, ob Madonna durch ihren Garten hüpft, aber es ist niemand zu sehen. Alle Fensterläden geschlossen, selbst die Garage.
Dann wird die Gegend langsam schäbiger, was man an den Swimmingpools sieht, die nicht mehr colanimäßig geschwungen, sondern viereckig sind und dann immer seltener werden, und zum Schluß gibt es nur noch diese zweigeschossigen Sozialbauten, in denen die Schwarzen wohnen und die Gangs ihre Verstecke haben und in denen immer was los ist - nur nicht an diesem Abend.
Keine Schießerei, kein Mord, nicht mal ein kleiner Überfall. Nichts erinnert an den "Dschungel" und die "wilden Tiere", von denen Larry so gern spricht. Nichts ist zu spüren von der Brutalität dieser Stadt, in der es im letzten Jahr über 800 Morde gegeben hat. Und 1400 Vergewaltigungen und 29000 Einbrüche.
Es ist friedlich wie in einer oberbayerischen Kleinstadt. Ruhig pulst der Verkehr durch die Schlagadern des Molochs. Und schläfrig schaukelt Larry darüber.
Sein linker Arm liegt entspannt auf der Lehne, und den Hubschrauber lenkt er mit zwei Fingern der rechten Hand, und dabei erzählt er von Idaho und dem Paradies, das er sich dort geschaffen hat. Es ist eine Art Sommersitz mit 4000 Quadratmeter Grund und einem See vor der Haustür, in dem es die größten Forellen der Gegend gibt. Dort werde er wohnen nach seiner Pensionierung, und die Frau werde malen, und er werde Gemüse anbauen, und der ganze Schmutz werde weiter weg sein als der Bosnien-Krieg für die Amerikaner.
Er werde nicht mehr seine Beretta einstecken müssen, bevor er nach draußen geht. Er werde verdammt noch mal endlich Ruhe haben vor diesen Monstern, zu denen er hier auch noch nett sein muß, als wären sie vollwertige Mitglieder der Gesellschaft.
"Hitler wußte, wie man mit Abschaum umgeht", sagt er. "Ich meine, wenn man das Problem wirklich lösen will, kann man das nur mit SS-Methoden tun. Alle von uns wissen das. Aber keiner traut sich heute noch, so was zu sagen. Nicht nach Rodney King. Aber es ist die verdammte Wahrheit."
Das sagt er, und es ist ihm herzlich egal, daß er damit genau das Klischee erfüllt, das die Welt vom Los Angeles Police Department hat: daß es eine brutale, rassistische, unfähige Truppe ist. Daß sie zu einem Schwarzen gern "Nigger" sagen, daß sie noch lieber gar nichts sagen, sondern gleich zuschlagen, und daß es nicht einzelne schwarze Schafe sind, die so etwas tun, sondern der ganze beschissene Haufen. Vor allem die Zeitungen schreiben so.
Larry meint dazu: "Es interessiert mich einen verdammten Scheiß, wenn Journalisten so etwas schreiben. Die machen ihren Job. Ich mache meinen. Die wissen vielleicht, wie man O. J. Simpson buchstabiert. Aber ich weiß, was dort unten wirklich passiert."
Dort unten passiert überhaupt nichts. Eine Stunde lang schaukelt Larry tatenlos über den Straßen, bis endlich eine dürre Stimme aus dem Lautsprecher kommt. Sie gehört einer Undercover-Polizistin der Sitte, die gerade einen Liquor-Store observiert. "Two-eleven in progress, shot fire", keucht sie, "Sherman Avenue, Lankershim."
Damit meint sie, daß an dieser Kreuzung gerade ein Raub passiert und daß Schüsse gefallen sind, und deshalb beschleunigt Larry die Maschine auf 150 Meilen und knattert zum Ort des Geschehens. Er tut dies wortlos und unaufgeregt wie ein Baggerfahrer, aber über dem Tatort reißt er den Hubschrauber hoch, was ungefähr wie eine Vollbremsung wirkt, und dann läßt er die Maschine abkippen, so daß die Seitenfenster zum Boden zeigen und der Magen sich anfühlt, als würde er durch den Dickdarm gesaugt.
Unten blockieren acht Streifenwagen die Straße, vor Danny's Liquor Market stapeln sich die Gaffer, und daneben ist ein riesiger Wohnblock, der vollgehängt ist mit Schildern, auf denen Nachmieter gesucht werden für die Apartments. Pinewood Meadow heißt der Komplex, er gehört zum Barrio der Mexikaner.
In seinem Innenhof spielen ein paar Kinder Fußball auf Tore aus umgekippten Einkaufswagen, aber jetzt halten sie inne und starren hinauf zum Helikopter. Der schraubt sich gegen den Uhrzeigersinn um den Wohnblock, weil dann das linke Fenster nach unten zeigt und der Observer einen besseren Blick hat auf das Geschehen.
Ken leuchtet mit der "Nachtsonne" in jedes Gesicht, und die bläst den Passanten brutal das Augenlicht weg, und alle dort unten sehen aus wie Sträflinge in einem Lager.
"Okay", sagt die Undercover-Frau über Funk, "der Verdächtige trägt ein T-Shirt und Jeans und ist in den Wohnblock geflüchtet. Ein Zeuge hat ihn vor Apartment 212 gesehen. Es gibt keine Verletzten."
Das ist noch übertrieben. Es gibt nicht einmal einen anständigen Raubüberfall. Es ist vielmehr so, daß dieser Typ vom Bürgersteig auf ein Auto geballert hat, und das ist dann einfach weitergefahren. Keine Opfer, kein Auto, kein Nummernschild und eine lausige Täterbeschreibung, aber die Polizisten tun trotzdem so, als hätten sie gerade einen Drogenbaron in der Zange.
Vier Polizisten drücken sich mit gezogener Waffe an den Wänden entlang, ein halbes Dutzend geben Feuerschutz, und vor jedem Fenster ducken sich die Helden, um nicht von innen gesehen zu werden. Dabei stehen sowieso alle Bewohner draußen und schauen mit großen Augen auf das Spektakel.
Deshalb schaltet Ken den Lautsprecher an und sagt: "Gehen Sie bitte zurück in ihre Apartments, Sie behindern die Arbeit der Polizei." Aber die Menschen dort unten feixen nur und bewegen sich nicht von der Stelle. Vielleicht verstehen sie auch kein Englisch. "Affen", murmelt Ken, und damit meint er nicht die Kollegen, sondern die Mexikaner. "Affe" ist so eine Standardvokabel der Cops, weil unten der Dschungel ist und weil man nicht mehr "Nigger" sagen darf oder so was, das wäre rassistisch.
Ken ist kein Rassist. Auch Larry ist keiner. Es ist nur so, daß man als Polizist irgendwann die Beziehung zur Realität verliert. Besonders als Hubschrauberpolizist. Denn von oben betrachtet sind die Menschen nur kleine Mistkäfer, und die Welt ist ein Blade-Runner-Streifen, und jede Bewegung sieht aus wie in Zeitlupe, als könnten die Leute laufen soviel sie wollten, sie kämen doch nie ans Ziel.
Es ist das Gefühl, gleichzeitig abgehoben und mittendrin zu sein, als habe man einen grandiosen Durchblick und mit der Sache trotzdem nicht viel zu tun. Wahrscheinlich könnte man von hier oben sogar jemanden umlegen, ohne jemals ein Problem zu haben mit seinem Gewissen. Das ist das Teuflische an den Hubschraubern.
Beim Bodenpersonal ist es allerdings auch nicht viel besser. Da sitzen die sauberen Polizisten in ihren sauberen Raumstation-Polizeiwachen, fahren nach der Arbeit mit sauberen Toyotas in ihre sauberen Vorstädte, und am Wochenende machen sie dann ein blitzsauberes Barbecue.
Kaum ein Cop wohnt in Los Angeles. Kaum einer kennt noch wirkliche Menschen in seinem Distrikt. Die einzigen, die sie kennen, sind die Verbrecher, und die formen ihr Menschenbild, und das endet dann in Brutalität und einem beinharten Vorurteil.
Das Vorurteil ist, daß ein Ghettokid quasi von Natur aus ein gefährliches, drogenabhängiges, unbelehrbares Arschloch ist. Und die Brutalität beginnt, wenn sich das Arschloch auch mal als Mensch fühlen will und nicht nur als Bestätigung eines Vorurteils. Das schreiben mittlerweile auch die seriösen Zeitungen hier. Und ein Typ namens Twilight Bey hatte sogar Belege dafür.
Twilight lungerte am Tag davor in South Central herum, in der Nähe der 103. Straße, wo die Hauswände perforiert sind mit Einschußlöchern und jede Garage zugesprüht ist mit Graffiti und die meisten Autos am Straßenrand keine Reifen mehr haben.
"Heiliger Jesus", sagte er und lachte so ein breites, cooles, überhebliches Ghettolachen, "ob einzelne Polizisten mißhandeln? Die ganze verdammte Polizei ist eine Mißhandlung. Da kannst du jeden hier fragen, Mann, und du findest keinen, der dir was anderes sagt. Ich meine, die führen einen miesen, legalen Krieg gegen uns. Mit allen Mitteln."
Twilight ist eines dieser genetischen Arschlöcher, die Larry meint: ein Gangbanger, ein Drug-User, ein 25jähriger Schwarzer, den auch nichts mehr erschüttern kann in seinem Leben. Wie Larry hat er den ganzen Horror der Welt gesehen und jeden möglichen Mist gemacht, hat im Knast gesessen und auf Menschen geschossen, und er hat die Circle-City-Piru gegründet, die zu den Bloods gehören, und die wiederum sind eine der meistgefürchteten Gangs in der ganzen Stadt.
Irgendwann aber hatte Twilight genug von Drogen und Drive-bys und wurde ein selbständiger Unternehmer. Er wurde der beste und billigste Kakerlakenvertilger der Nachbarschaft und konnte sich vor Aufträgen kaum noch retten, und deshalb unterrichtet er jetzt seine Homeboys in dieser Kunst. Außerdem ist er sowas wie ein unbezahlter Streetworker in seinem Viertel.
Als solcher hat er Fotos gesammelt von den Einsätzen der Polizei: Sie zeigen verwüstete Wohnungen und zusammengeschlagene Kinder und verletzte Männer, denen die Polizeihunde ganze Fleischstücke von den Beinen gerissen haben. Manche dieser Aktionen hat er selbst miterlebt.
Einmal zum Beispiel hatte seine Mutter die Beamten wegen eines Einbruchs gerufen, und als sie nach zwei Stunden endlich kamen, schlugen sie erst mal die Frau zu Boden, traten der schwangeren Schwester in den Bauch, und dann verhafteten sie den Cousin, bloß weil er zufällig von der Arbeit nach Hause kam.
Twilight ist auch dabei gewesen, als die Cops einen guten Freund auf die Wache schleppten und ihn dann mitten im Gebiet der Frontstreet Crips wieder aussetzten, was im Prinzip eiskalter Mord ist, weil ein einzelner, unbewaffneter Blood dort keine 500 Meter weit kommt. Sein Freund überlebte ungefähr zehn Minuten.
Danach erschossen die Bloods ein paar von den Crips und die Crips ein paar von den Bloods, und die Polizei konnte wieder ein paar Mörder verhaften, und Twilight begriff, wie idiotisch der Gangkrieg war und wie genial ihn die Polizei für eigene Zwecke nutzte.
"So was ist nicht bloß das Resultat eines beschissenen Vorurteils", sagte Twilight, "so was ist eine politische Strategie. Ich meine, wir haben 20mal so viele Leute wie die. Wir sind besser bewaffnet. Wir sind im Straßenkrieg groß geworden. Wir sind die perfekt ausgebildete Stadtguerilla. Die Cops hätten zum Teufel keine Chance gegen uns, wenn wir uns nicht gegenseitig bekämpfen würden. Das ist die verdammte Wahrheit. Ich meine, die haben ein gottverdammtes Interesse daran, daß es keinen Frieden gibt in unseren Vierteln."
Deshalb inszenierte Twilight 1988 die ersten Gespräche zwischen den Bloods und den Crips. Aus ihnen resultierte ein Waffenstillstand, der so lange hielt, bis ein Blood aus einem vorbeifahrenden Auto erschossen wurde. Bei den Crips passierte das gleiche, und beide Male war es ein Chevrolet Caprice, wie ihn die Zivilstreifen immer benutzen, und beide Male waren es gezielte Schüsse, nicht diese wilde Ballerei wie bei den üblichen Drive-bys im Viertel.
"Was soll ich sagen", meint Twilight, "wir haben nicht kapiert, was das bedeutet."
Der nächste Waffenstillstand trat 1993 in Kraft. Auch danach gab es so eine Geschichte, aber die Häuptlinge konnten den Krieg verhindern, und so hält der Friede immer noch an.
Selbst Crack ist nicht mehr das ganz heiße Thema im Ghetto. Heute kaufen sich die Kids eher mit Alkohol oder Grass oder Chronich einen gründlichen Rausch. Chronich ist mit Opium oder Angel Dust getränktes Marihuana und macht auch ziemlich süchtig, aber der Verteilungskampf auf der Straße ist nicht mehr ganz so brutal.
Das alles zeigt sich in einer leicht rückläufigen Kriminalstatistik, und das alles ist Larry herzlich egal. "Crack oder Chronich, Waffenstillstand oder nicht, da unten wird sich nie etwas ändern", meint er und kurvt stoisch um diesen Apartmentblock.
Über ihm kreist noch die Maschine einer TV-Station. Die vier Polizisten haben sich mittlerweile zur Wohnung 212 vorgerobbt und knien mit gezogenen Waffen unter dem Fenster. Einer klopft mit der Pistole gegen die Tür. Dann stürmen sie das Apartment. Es ist absolut nichts darin, was man verhaften könnte. Das hat Larry nicht anders erwartet. Er dreht ab und verschwindet von dieser Szene. "Wenn der Verdächtige im Wohnblock gewesen wäre, hätten wir ihn gekriegt", sagt er.
Und dann erzählt er die Geschichte von dem Schwarzen aus Venice, den er durch die halbe Stadt gejagt hat bis runter zum Meer, aber dort war der Typ dann plötzlich verschwunden.
"Der ganze verdammte Strand war leer, und wir dachten schon, er hätte uns geleimt, aber einer von den Mülleimern leuchtete auf dem Infrarot-Monitor etwas heller. Ich meine, der hat sich in diesen verdammten Eimer gequetscht, und das hatte den Deckel erwärmt. Der dachte, er könnte sich vor uns verstecken. Aber wir erwischen sie alle."
Wenn es denn jemanden gibt, den man erwischen kann. Ist es Zufall, daß in dieser Nacht nichts mehr passiert? Und in den folgenden Nächten auch nicht?
Kann es sein, daß das brutale Image der Stadt auch das Produkt einer brutalen Propaganda ist? Und daß der Ruf nach immer mehr Polizisten, der am lautesten von den Polizisten selbst kommt, vor allem eines will: die Gefährlichkeit des eigenen Jobs untermalen?
"So ein Bullshit", sagt Larry. "Wir brauchen mehr Personal, weil wir mehr Vorschriften haben. Das ist es. Ich habe nichts dagegen, zu Arschlöchern freundlich zu sein. Wenn die Gesellschaft das will, gut, kein Problem, absolut nichts dagegen. Aber dann brauchen wir eben mehr Polizisten."
Danach wird Larry ziemlich einsilbig. Er knattert noch ein bißchen zwischen den Hochhäusern in Downtown herum, bis der Nebel sich von oben her über die Straßen legt. Da setzt er seinen Hubschrauber wieder zentimetergenau auf das Parkdeck, faltet seinen Overall ordentlich in den Spind und fährt die 40 Meilen zu seiner Frau, mit der er seit seinem 14. Geburtstag zusammen ist. Und am nächsten Morgen geht er mit ihr wie jeden Sonntag in den Gottesdienst, und der Prediger redet von der Macht des Satans, und Larry singt ein paar Hallelujas dazu.
Und zur gleichen Zeit tun jede Menge Schwarze in den Ghettos das gleiche. Beten zum gleichen Gott, singen die gleichen Lieder, glauben an die gleichen Zehn Gebote. Und an die gleiche Neun-Millimeter-Pistole.
Von Christoph Scheuring

SPIEGEL SPECIAL 2/1996
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