01.01.1996

Die Welt der SpionageDer Geist aus der Flasche

Die cleveren Bastler vom "Technischen Dienst" der Central Intelligence Agency (CIA) hatten explosive Pläne. Fidel Castro sollte seine Leidenschaft zum Verhängnis werden.
Die Zigarren des kubanischen Führers wollte die CIA mit LSD anreichern, seinen Taucheranzug mit einer tödlichen Substanz imprägnieren, außerdem eine exotische Muschel mit einem Sprengsatz versehen - Castro würde sich wundern.
Obendrein hielten die Tüftler, sicher ist sicher, einen Spezial-Kugelschreiber bereit, mit dessen nadelfeiner Spitze dem Opfer unbemerkt ein absolut tödliches Gift injiziert werden sollte. Leider versagte AM/LASH, der CIA-Mann in Havanna.
Wie es überhaupt so weit kommen konnte? Wer die CIA verstehen will, muß ihre Geschichte kennen.
Im Frühlicht des Kalten Krieges, am 26. Juli 1947, unterzeichnet US-Präsident Harry Truman das Gesetz zur Nationalen Sicherheit. Es schafft die Institutionen, mit denen sich die US-Regierung panzert, um der kommunistischen Bedrohung entgegenzutreten. Das Gesetz ist die Gründungsakte der CIA und des Nationalen Sicherheitsrates (NSR), der den Präsidenten in außenpolitischen Fragen berät.
Vorrangige Aufgabe der Agency soll die Koordination der miteinander rivalisierenden US-Nachrichtendienste sein. Zudem kann die CIA auf Anordnung des NSR fallweise auch "andere Funktionen und Pflichten" erfüllen. Künftige US-Regierungen werden diese elastische Formulierung als Blanko-Vollmacht deuten: Die CIA darf tun, was der NSR für richtig hält. Damit ist der Geist aus der Flasche.
Die CIA wird zur unsichtbaren Hand der Außenpolitik, zum Instrument für die heimliche Einmischung in die inneren Angelegenheiten souveräner Staaten - eine zynische Variation auf die Truman-Doktrin, wonach die USA "den freien Völkern bei der freien Entscheidung über ihr Schicksal behilflich sein" sollten.
Aus den Sonderaufgaben der CIA entwickelt sich ihr Hauptgeschäft: "verdeckte Aktionen". Alle Griffe sind erlaubt, von Propaganda über Sabotage bis hin zur unerklärten Kriegsführung. Nur darf niemand erfahren, wer dahinter steckt.
Die Aktionen müssen laut NSR-Direktive vom Juni 1948 "derart geplant und durchgeführt werden", daß die US-Regierung "jede Beteiligung überzeugend leugnen kann". Dies Prinzip des "glaubhaften Dementis" ist das Kainsmal verdeckter Operationen.
Zunächst bemüht sich die CIA, Europa vor dem Kommunismus zu retten. Westlich des Eisernen Vorhangs werden Zeitungen infiltriert und Politiker bestochen. Ein warmer Geldregen läßt antikommunistische Parteien und Organisationen erblühen.
Westdeutschland ist die Operationsbasis für die Aktionen in Osteuropa. Die CIA unterstützt Widerstandsbewegungen in der Ukraine, in Litauen, Polen und Albanien. Alle Unternehmungen scheitern. CIA-Chef Allan Dulles zeigt sich dennoch zufrieden: "Zumindest erwerben wir auf diese Weise die Erfahrungen, die wir für den nächsten Krieg brauchen."
Der läßt nicht lange auf sich warten; denn die Regierung Eisenhower will die rote Flut nicht nur eindämmen, sondern zurückdrängen. Weil bei einer offenen Konfrontation mit den Sowjets der atomare Schlagabtausch droht, wird der Krieg im dunkeln geführt. An die Stelle der Marines tritt die CIA.
Modellcharakter für den neuen heimlichen Interventionismus hat eine verdeckte Operation der CIA in Guatemala. Dort entsteht 1953 Handlungsbedarf, weil sich die Regierung Arbenz mit einer Landreform am Eigentum der United Fruit Company vergreift.
Die United States treten United Fruit zur Seite. Außenminister John Foster Dulles ist Aktionär der Company und war schon einmal deren Anwalt. Er hatte 1936 das Unternehmen so gut beraten, daß es zum mächtigsten Großgrundbesitzer Guatemalas avancierte; sein kleiner Bruder Allen hatte es sogar bis zum Präsidenten der Firma gebracht. Die Herren wissen also, wie man mit einer Bananenrepublik umgeht, und nehmen die Krawatten ab. Die CIA legt los.
Im August 1953 läuft die Operation "Success" an. In Oberst Castillo Armas findet sich ein verläßlicher Handlanger. Er wird in Florida auf seine Rolle als Freiheitskämpfer vorbereitet. Die CIA stellt drei Millionen Dollar für die Gründung einer Befreiungsarmee zur Verfügung - genug, um rund 300 Söldner anzuwerben.
Am 18. Juni 1954 verkündet der CIA-Sender "Stimme der Befreiung" die Invasion und überzieht das Land mit einem Trommelfeuer von Desinformation. Verlassen vom eigenen Militär, gibt Präsident Arbenz nach kaum einer Woche auf. Das neue Regime macht die Landreform rückgängig; die Operation Success hat sich ihren Namen verdient. In Guatemala aber herrscht fortan kein Friede: Todesschwadronen terrorisieren bis heute das Land.
Trunken vom Erfolg der Aktion glaubt die US-Regierung, ein Allheilmittel zu besitzen, mit dem ein kommunistisch infiziertes Land schnell kuriert werden könne. Allein vom Anfang der fünfziger Jahre bis Mitte der Siebziger steuert die CIA rund 900 größere und mehrere tausend kleinere verdeckte Operationen.
Sie stürzt 1953 im Iran die Regierung Mossadegh, die die Ölindustrie verstaatlicht hatte, und inthronisiert wieder das Schah-Regime. 1958 unterstützt die CIA putschende Obristen der indonesischen Armee, um Präsident Sukarno zu entmachten, den Washington für undemokratisch und prokommunistisch hält. Doch Sukarno schlägt die Rebellion nieder, schaltet alle innenpolitischen Gegner aus und herrscht noch autoritärer als zuvor.
Nachdem die CIA 1961 mit dem Versuch einer Invasion in der kubanischen Schweinebucht baden gegangen ist, lassen die Gebrüder Kennedy die Organisation tief in die Trickkiste greifen. Experten für tiefenpsychologische Kriegsführung regen an, Castro bei einer geplanten Auslandsreise ein starkes Enthaarungsmittel in seine Schuhe zu streuen, so daß er erst seinen Bart und dann seine Macht verlöre. Doch Castro sagt den Trip ab.
Schließlich kommt dem Chef der Abteilung für verdeckte Operationen, Richard Bissell, die Idee, die Angelegenheit von echten Profis erledigen zu lassen. Die Jungs von der Mafia sind auf Castro nicht gut zu sprechen, seit der ihre Spielsäle in Havanna geschlossen hat. Es soll aber keine billige Al-Capone-Nummer mit Ballermann abgezogen, sondern dezent mit Giftkapseln gearbeitet werden, auf daß Castro das Essen im Halse steckenbleibe.
Doch seine vom KGB geschulte Leibwache läßt nichts anbrennen. Der Mafioso gibt der CIA die tödlichen Pillen und den Vorschuß von 10000 Dollar zurück. Gaunerehre.
Insgesamt werden mindestens acht Anschläge auf Castro geplant. Andere Politiker haben weniger Glück. So erwischt es den kongolesischen Ex-Präsidenten Patrice Lumumba, den südvietnamesischen Machthaber Ngo Dinh Diem und den dominikanischen Diktator Rafael Trujillo.
Stets hat die CIA ihre Finger im Spiel, wenngleich andere letzte Hand anlegen. Über die korrekte Durchführung der Mordaktionen wacht lange Zeit ein interner CIA-Ausschuß, das sogenannte Komitee zur Veränderung des Gesundheitszustands.
Das Kuba-Desaster beschleunigt die Abkehr der Kennedy-Administration von großangelegten paramilitärischen Geheimdienst-Operationen. CIA-Chef Dulles nimmt 1961 seinen Hut, und ein neues Kapitel amerikanischer Interventionspolitik beginnt: Aufstandsbekämpfung. Der Strategiewechsel soll Moskau daran hindern, die zahlreichen sozialen Konflikte in der Dritten Welt zur Machterweiterung zu nutzen.
Das Einsatzprofil der CIA wird geändert. Priorität hat nicht mehr der Sturz mißliebiger, sondern der Schutz befreundeter Regime. Die Agency assistiert beim Aufbau so leistungsfähiger Geheimdienste wie der chilenischen Dina oder des iranischen Savak, und sie schult die Palastwachen vieler Potentaten.
Regenten in aller Welt, vom marokkanischen König Hassan über Ägyptens Präsident Sadat bis hin zum philippinischen Diktator Marcos erhalten fortan solche Hilfen - nicht immer, so ist anzunehmen, zu ihrer vollen Zufriedenheit. Die bisher größte Mission dieser Art tritt die CIA Mitte der sechziger Jahre an.
US-Präsident Lyndon B. Johnson entsendet mehr als eine halbe Million GIs nach Südvietnam und fordert auch von der CIA einen Beitrag zum Sieg. Die Operation "Phoenix" soll das Netzwerk von kommunistischen Kadern und Sympathisanten in der Bevölkerung zerschlagen, um dem Vietcong die Basis zu entziehen. Im ganzen Land werden Verhörzentren eingerichtet. Die CIA berät und zahlt; die Dreckarbeit machen vietnamesische Hiwis. Sie durchkämmen die Dörfer, verhören und foltern. Die Hexenjagd kostet 20587 Menschen ihr Leben. Tausende werden nur getötet, um alte Rechnungen zu begleichen oder um vorgegebene Kill-Quoten zu erfüllen.
Ihre subversiven Fähigkeiten darf die CIA wieder unter Beweis stellen, als 1970 bei den Präsidentschaftswahlen in Chile ein Sieg des Sozialisten Salvador Allende droht. Sicherheitsberater Henry Kissinger schäumt: "Ich sehe nicht ein, warum wir herumstehen und zuschauen sollen, wenn ein Land aufgrund der Verantwortungslosigkeit seiner Bevölkerung kommunistisch wird."
Die Regierung Richard Nixons beschließt, Chile vor seiner Bevölkerung in Schutz zu nehmen. Nixon weist CIA-Chef Richard Helms persönlich an, kein Risiko zu scheuen und seine besten Leute einzusetzen, um Chile zu retten. Die chilenische Wirtschaft müsse ausbluten. Zehn Millionen Dollar stünden sofort zur Verfügung, bei Bedarf mehr. Binnen 48 Stunden habe der Operationsplan vorzuliegen. Der läuft auf zwei Schienen. "Track 1" setzt auf propagandistischen und politischen Druck, "Track 2" bereitet den Militärputsch vor. Der erste Weg, bei den Wahlen 1964 erfolgreich, erweist sich diesmal als Sackgasse.
Im Auftrag der CIA schreiben sich 23 Journalisten die Finger wund, um über die wahren Absichten Allendes aufzuklären, jeden Tag erscheint in Santiagos größter Tageszeitung El Mercurio ein warnender Leitartikel - vergebens. 250000 Dollar zur Bestechung chilenischer Parlamentarier versickern wirkungslos. Allende wird zum Präsidenten gewählt.
Wer nicht hören will, muß fühlen. Die USA sperren ihre Wirtschaftshilfe und verhindern internationale Kredite an Chile. Die CIA sucht angestrengt nach Putschisten für den Putsch.
Kissinger versichert in seinen Memoiren, daß er Track 2 im Herbst 1970 beendet habe. Thomas Karamessines, damals Chef der Abteilung für verdeckte Operationen, ist anderer Ansicht: "Ich bin sicher, daß 1973 unsere Saat aufging. Track 2 wurde niemals beendet."
Vom Amtsantritt Allendes bis zu seinem Sturz im September 1973 gibt die CIA acht Millionen Dollar für Chile aus. Sie hält Kontakt zu verschwörerischen Militärs, bis General Augusto Pinochet die Macht an sich reißt. Doch es bleibt wenig Zeit zur Freude.
Vietnam und Watergate diskreditieren die Regierung Nixon und werfen ihre Schatten auch auf die CIA. Kurz vor Weihnachten 1974 platzt die Bombe. Die New York Times enthüllt, daß die CIA mit der Operation "Chaos" seit 1967 gesetzwidrig im Inland Kriegsgegner bespitzelt und Dossiers über rund 10000 US-Bürger angelegt hat.
Drei Untersuchungsausschüsse knöpfen sich nun die CIA vor und fördern die Leichen in deren Keller zutage. Frank Church, Vorsitzender der Senatskommission, beschuldigt die CIA, außer Kontrolle geraten zu sein und wie ein "wildgewordener Elefant" gewütet zu haben.
Er irrt. Die Agency tat oft nur, was die Regierung von ihr erwartet hatte. Exakt nachweisen läßt sich das natürlich nicht: Bei heiklen Aktionen wie den Mordplänen führt die Aktenspur nie bis ins Weiße Haus, ein glaubhaftes Dementi bleibt so stets möglich.
Der Kongreß macht dem 1974 ein Ende. Der Präsident wird verpflichtet, die parlamentarischen Ausschüsse über den Beginn und die Zielsetzung jeder verdeckten Operation zu informieren. In welchem Umfang und zu welchem Zeitpunkt dies zu geschehen habe, bleibt umstritten, doch das Grundprinzip ist klar: Niemand soll mehr sagen können, er habe von all dem nichts gewußt.
Doch Gesetze schützen nicht vor Gesetzesbrechern. Die kommen mit der Reagan-Administration ins Amt. Um den sowjetischen Dämon aus der Weltgeschichte zu exorzieren, scheint jedes Mittel recht. Eine Hauptrolle bei der Teufelsaustreibung ist der CIA zugedacht. William Casey, der erste CIA-Chef mit Kabinettsrang, garantiert Linientreue. Kollidiert eine CIA-Analyse mit dem neuen Credo, muß sie solange überarbeitet werden, bis sie paßt.
Kaum im Amt, plant die Regierung den Sturz der Sandinisten in Nicaragua. Die CIA rekrutiert und trainiert dafür die Contra-Truppe. Der Kongreß wird nicht informiert, sondern erfährt davon aus der Presse und protestiert. Casey aber hält Kurs und gibt Order, den unerklärten Krieg zu intensivieren.
CIA-Kommandos vernichten daraufhin den Großteil der nicaraguanischen Ölreserven und verminen Anfang 1984 Häfen an der Pazifikküste. Der Kongreß erfährt davon aus der Presse und protestiert. Casey entschuldigt sich und macht weiter.
Als die Gelder aufgebraucht sind, hält Casey befreundeten Regierungen und Privatleuten den Klingelbeutel hin. 42 Millionen Dollar kommen bei der Kollekte zusammen. Ein Meisterstück ist der heimliche Verkauf von Raketen an den Iran und die Umlenkung des Profits an die Contras, an Kongreß und Verfassung vorbei.
Im November 1986 fliegt die Sache auf, der Kongreß erfährt davon aus der Presse und protestiert. Sicherheitsberater John Poindexter nimmt die ganze Schuld auf sich; Casey stirbt zur rechten Zeit. Und Reagan war die Rolle des Unwissenden schon vor Überschreiten der Senilitätsgrenze auf den Leib geschrieben.
Der Kongreß ist über die CIA als williges Werkzeug präsidialer Potenzphantasien verdrossen - und nach dem Ende der Sowjetunion wächst sogar radikaler Zweifel an ihrer Daseinsberechtigung. Senator Patrick Moynihan fordert die Abschaffung der CIA: "Sie hat ihre Zeit überlebt. Sie ist ein Geschöpf des Kalten Krieges und damit heute überflüssig." Präsident Bill Clinton aber hält an dem Geheimdienst fest und erklärt die Wirtschaftsspionage zur neuen Aufgabe. Der Kalte Friede hat den Kalten Krieg abgelöst, die alten militärischen Zweckbündnisse zerbrechen und weichen wirtschaftlicher Konkurrenz. Nationale Sicherheit wird nicht nur in Washington zunehmend in ökonomischen Kategorien definiert.
Die Zeit scheint reif für die Allianz von CIA und Industrie: Die US-Wirtschaft verliert nach eigenen Angaben 100 Milliarden Dollar im Jahr durch Industriespionage. Verantwortlich sind zunehmend die sogenannten befreundeten Dienste; allen voran schnüffeln Franzosen und Japaner.
Doch Amerika schlägt neuerdings zurück: "No more Mr. Nice Guy!" tönt es aus der CIA-Zentrale in Langley. Als im Sommer 1995 ein Handelskrieg mit Japan droht, verrät die CIA den US-Unterhändlern vorab die Position der Gegenseite. Und zur Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit der amerikanischen Autoindustrie liefert die CIA, wie ein Beamter des Wirtschaftsministeriums zugab, hervorragende "Informationen über den Stand der japanischen Technologie".
Eine parteiübergreifende Reformkommission soll bis März ermitteln, wie es mit der CIA weitergeht.
Daß es weitergeht, ist sicher. Die US-Außenpolitik wird, der CIA sei Dank, nichts von ihrem hohen Unterhaltungswert verlieren.
* Indonesiens Staatschef 1956 bei einem USA-Besuch; mit US-Außenminister John Foster Dulles und Vizepräsident Richard Nixon. * Der chilenische Präsident beim Putsch am 10. September 1973 mit seinen Leibwächtern im Moneda-Palast in Santiago de Chile.
Von Stefan Storz

SPIEGEL SPECIAL 1/1996
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