01.01.1996

Sonne für die Seele

Halter, 57, ist Medizin- und Geheimdienstexperte des SPIEGEL; er hat 1993 im Steidl-Verlag das Geheimdienst-Buch „Krieg der Gaukler“ veröffentlicht.
Schlapphut und Regenmantel, das reicht nicht. Der richtige Spion trägt dazu stets auch Sonnenbrille, sogar im dunklen Zimmer. Solange General Reinhard Gehlen dem "Führer" Adolf Hitler diente, durfte er das dekorative Accessoire nicht aufsetzen. Kaum aber war er Kundschafter der Amerikaner und des Kanzlers Adenauer geworden, tarnte er sich mit dunkler Brille und falschem Doktortitel.
Gehlen hatte Epigonen in Ost und West: den Klassenkämpfer Erich Mielke ebenso wie dessen Stasi-Vize Markus ("Mischa") Wolf, die bundesdeutschen Verfassungsschützer oder den MfSOffizier Alexander Schalck-Golodkowski, den Goldfinger der DDR.
Medizinische Gründe, eine Sonnenbrille zu tragen, sind äußerst selten: Man muß an Farbenblindheit leiden, an Linsentrübung oder Aids im Endstadium. Doch mancher Seele, vor allem der des Hypochonders und des Neurotikers, tut die Sonnenbrille gut. Sie suggeriert ein Leben im Freien und in Gefahr, mehr noch: das Überleben im glitzernden Eis, die Durchquerung schattenloser Wüsten, den Job des Jet-Piloten.
Dunkle Brillen sollen Macht signalisieren, indem das Gesicht anonymisiert wird, jede menschliche Regung verborgen bleibt. Wer eine dunkle Brille trägt, der will sich nicht in die Augen, den Spiegel der Seele, schauen lassen. Er will uns sagen: Ich behalte meine Geheimnisse für mich.
Alles Bluff. Denn in Wahrheit will sich der Geheimdienstler mit einer Sonnenbrille nicht tarnen, sondern kenntlich machen. Er will Aufmerksamkeit auf sich ziehen, gesehen werden statt sehen. Und warum? Aus Angabe. Warum denn sonst?
Von Hans Halter

SPIEGEL SPECIAL 1/1996
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