01.03.1996

DIGITALE DORFBRUNNEN

Mit Tschernobyl fing alles an. Während die Bundesregierung die Auswirkungen der Reaktorkatastrophe in der Ukraine am 28. April 1986 noch herunterspielte, maßen deutsche Wissenschaftler bereits erhöhte radioaktive Strahlung. Über das "Geonet", das erste deutsche Computernetz, erreichten die Meßdaten zuerst Greenpeace und dann die Weltöffentlichkeit.
Das war die Stunde, in der die Idee eines alternativen "Bürgernetzes" geboren wurde. Ein überregionales Zwei-Wege-Medium sollte es sein, in das jeder jede Information hineinschreiben konnte und in dem alle alles lesen konnten. Jeder sollte gleichzeitig Macher und Konsument sein. Und das zum Preis einer Schülerzeitung.
Denn für Normalsterbliche waren Geonet oder Internet zu dieser Zeit unerreichbar und viel zu teuer. Nach Tschernobyl schrieben deshalb ein paar Programmierer des Chaos Computer Clubs ein Programm für das erste deutsche Bürgernetz und tauften es Zerberus, kurz Z-Netz.
Die digitale Version des griechischen Höllenhundes wacht seitdem über den Informationsfluß, und zwar so effektiv, daß sich die Mitteilungen selbst dann noch verteilen, wenn einzelne Mailboxen ausfallen. "Informationen verbreiten sich im Z-Netz wie auf den Boden gegossenes Wasser: Um Hindernisse fließen sie herum", erklärt Rena Tangens, eine der Betreiberinnen des Netzes.
Das Z-Netz funktioniert nach dem "Store & Forward"-Prinzip: Eingehende Nachrichten bleiben erst einmal im elektronischen Postamt, der Mailbox, liegen. Gebündelt werden sie dann zur Billigtarifzeit versendet.
Auf diese Weise bleiben die Kosten für den Datenverkehr relativ niedrig. Bis heute sind sie für alle, die ihr Postfach, ihren "Account", bei einer Mailbox haben, wesentlich geringer als bei allen Internet-Anbietern.
Gerade zehn Mark verlangen die meisten Mailbox-Betreuer im Monat vom Teilnehmer, weil sie selber unentgeltlich arbeiten. Auch die Telefonkosten bleiben für die Vernetzten gering. Denn Z-Netz-Nutzer arbeiten typischerweise offline. Ohne Telefonkosten zu produzieren, können die Netzbürger dann am eigenen Bildschirm Nachrichten lesen, Briefe beantworten und ihre Thesen formulieren, um dann irgendwann das Antwortpaket wieder in die virtuelle Welt einzuspeisen.
Dafür reichen auch der kleinste Rechner und das langsamste Modem. Das Z-Netz funktioniert auf deutsch und nicht auf computerisch, aber sein eigentlicher Reiz sind die Inhalte. Es bietet Neuigkeiten für Hacker, und das CL-Netz, das meist zusammen mit dem Z-Netz angeboten wird, enthält News für die alternative Szene - für Menschenrechtler, Umweltschützer oder Sympathisantinnen der Frauenbewegung.
Wer sich für einen politischen Gefangenen einsetzen will, lädt einfach den von Amnesty International eingespeisten Formbrief auf seinen PC, druckt, unterschreibt und verschickt ihn. Wer Greenpeace mal die Meinung zu der Schlappe im Pazifik sagen will, der klinkt sich in deren Nachrichtenforum ein.
"Wir haben ziemlich geschwitzt, um Informationen für den politisch interessierten Menschen optimal auszuwählen und appetitlich darzubieten", sagt Gabi Hooffacker, Mitgründerin der Computernetzwerk-Linksysteme (CL): "Wir sind keine Konkurrenz zu Compuserve oder T-Online. Wir bieten etwas anderes, einzigartiges."
Dabei tummeln sich nicht nur Archivare und Anarchos im Bürgernetz. Die meisten Bits rauschen beim Austausch von Alltagsgewäsch durch. Auf dem Brett "Freie Liebe" beispielsweise outet sich jemand als Zwilling, ein zweiter Zwilling gesellt sich dazu, und Volker, Sternzeichen Fisch, verlangt, daß endlich Schluß sein müsse mit dem esoterischen Exhibitionismus. "Es gibt ernstere Dinge", schreibt er, "Kastrationsängste und Potenzprobleme" zum Beispiel. "Jawoll. Setzen", antwortet es aus dem Liebesall.
Bürgernetze sind die Dorfbrunnen der Neuzeit - ein Ort, an dem sich Menschen aus aller Welt zum Klönen treffen, spontan, unkontrolliert und ohne finanzielles Interesse.
Das scheint manchem unheimlich zu sein. Das RTL-Nachtjournal beispielsweise blies im April vorigen Jahres zum Kampf gegen das Z-Netz. "Ambitionierte Pyromanen", behauptete RTL, "geben in der Bielefelder Computer-Mailbox Tips, wie man eine Giftgasbombe bastelt."
"Wir sehen in dieser Falschinformation einen bewußten Angriff auf unsere Projektarbeit im Bereich der Vernetzung von Einzelpersonen oder Gruppen", antworteten die Mailbox-Betreiber. Denn in ihrem Netz herrscht erklärtermaßen die "Netikette": keine Pornographie, keine Bombenbaukästen und schon gar nicht irgendwelche Nazi-Propaganda.
Nicht einmal die pubertären Freaks vom "Pyrotechnik"-Brett tauschen subversive Geheimnisse aus. Dort wird nur über Küchenexperimente diskutiert - etwa wie sich Johannisbeergelee zum Explodieren bringen läßt.
offline: Daten werden auf die eigene Festplatte geladen, danach wird die Telefonverbindung zum anderen Rechner gekappt. Z-Netz: Informationen zum Z-Netz liefert die Bielefelder FoeBuD e. V., Telefon: 0521-175254, E-mail: foebud@ bionic. zerberus.de
Von Annette Bruhns

SPIEGEL SPECIAL 3/1996
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