01.05.1996

GROSSES GELDVIEL GLÜCK, WENIG SKRUPEL

Jürgen Schneider kennt jeder. Der baute Edel-Immobilien und Luftschlösser und jonglierte mit Milliarden. Als er sich nach Miami absetzte, hinterließ er Milliardenschulden. Nun wartet er im Gefängnis von Frankfurt-Preungesheim auf seinen Prozeß.
Aber wer kennt Heinz G. Baus? Oder Adolf Merckle?
Baus ist ein freundlicher, unscheinbarer älterer Herr, der zum gestreiften Hemd gern bunte Schlipse trägt. Immerhin leistet er sich einen etwas teureren Lebensstil, mit Villa am Thuner See und Landhaus an der Georgian Bay im Südosten von Kanada. Seine Motorjacht ankert in La Napoule bei Cannes.
Merckle hält nichts von solchem Luxus. Er reist nicht, wie Baus, im eigenen Learjet oder im Hubschrauber, er fährt Bus oder Bahn, zweite Klasse, versteht sich. Die, sagt er, sei genauso schnell wie die erste.
Die zwei Unscheinbaren - und mit ihnen viele andere - haben Schneider einiges voraus: echte Milliarden. Sie haben tatsächlich geschafft, was der Immobilienhai angestrebt, aber nie erreicht hat.
Vielleicht hatten die beiden mehr Glück, bestimmt solider gewirtschaftet. Was aber haben alle gemeinsam? Wie wird jemand Milliardär - und wie bleibt er es?
Die einfachste Lösung, meint das amerikanische Wirtschaftsmagazin Forbes, sei es, in die richtige Familie hineingeboren zu werden. Das hat bei Flick und Finck zwar funktioniert, aber schon bei den Quandts (BMW, Altana) oder den Werhahns (Banken, Mühlen, Baustoffe) verteilt sich das Milliardenerbe über verschiedene Familienstämme und Generationen. Für den einzelnen Erben ist da keine Milliarde mehr zu holen.
"Der Pfennig ist die Seele der Milliarde", sagte Grete Schickedanz, die 1994 verstorbene Besitzerin des Versandhauses Quelle. Doch vom Sparen ist noch keiner reich geworden, auch wenn viele Reiche sparsam, ja sogar geizig sind.
Und was ist mit Arbeit? Von "Hektik und Maloche" hält Baus nicht viel. "Mit Arbeit", sagt er, "kann man doch kein Geld verdienen." Wichtig seien "klare Gedanken und Kreativität". Die Idee, das gesamte Angebot für Heimwerker in Selbstbedienung anzubieten, kam Baus in den USA. Wieder zu Hause in Mannheim, wandelte er das leerstehende Haus, in dem die väterliche Schreinerei Holz lagerte, in den ersten Do-it-yourself-Markt um und nannte ihn "Bauhaus".
Heute, 36 Jahre später, besitzt der gelernte Glaser Deutschlands drittgrößte Heimwerkerkette und, da Geld Geld gebiert, noch einiges dazu, Firmenbeteiligungen und stattliche Immobilien in Europa, Kanada und den USA.
Merckle fand seine Geschäftsidee ebenfalls in den USA: Er produziert bekannte Arzneimittel, deren Patente abgelaufen sind, und verkauft sie zu Niedrigpreisen. Seine Firma Ratiopharm setzt inzwischen 700 Millionen Mark im Jahr um, dazu kommen Milliardenumsätze seiner Pharma-Großhandelsfirmen und zahlreiche Firmenbeteiligungen.
Baus und Merckle meiden die Öffentlichkeit - und auch das ist typisch für Deutschlands Milliardäre. Jahrelang gab es von Otto Beisheim, dem Gründer des Handelskonzerns Metro, kein Bild, die Gebrüder Albrecht (Aldi) sind für niemanden zu sprechen. Deutschlands neue Superreiche umgibt kein Glitzer, eher ein Hauch von Provinz.
Wie anders ist das in Amerika. Noch immer lebt der Mythos vom Tellerwäscher, und wer es tatsächlich zum Millionär, ja zum Milliardär gebracht hat, wird ein Idol. Die Amerikaner lieben den Erfolg. Wer reich ist, hat Erfolg. Und er zeigt es auch.
Die Reichen in Deutschland verstecken sich - zumindest aber ihr Geld. Die einen haben Angst vor Verbrechern oder Sozialneid, die anderen vor den Sozis, alle aber vor dem deutschen Fiskus. Beisheim hat den Sitz seiner Metro-Gruppe sicherheitshalber in die Schweiz verlagert. Er selbst besitzt einen Schweizer Paß.
Sind die Deutschen also ein Volk von Neidhammeln, das den Reichen ihre Millionen und Milliarden nicht gönnt? Oder ist ein solch gewaltiger Besitz unmoralisch, gerade in Zeiten steigender Arbeitslosigkeit und Armut?
Die Schere zwischen Arm und Reich klafft jedenfalls immer weiter auseinander. Mehr als vier Millionen Bundesbürger leben von den Zahlungen der Arbeitslosenkasse, über zwei Millionen von der Sozialhilfe. Und die Realeinkommen sinken.
Gleichzeitig gibt es immer mehr Superreiche. Die letzte Erhebung des Statistischen Bundesamtes nennt 18101 Bundesbürger, die nach Abzug von Werbungs- und Betriebsausgaben jährlich mehr als eine Million Mark zu versteuern haben.
Noch eindrucksvoller ist die Zahl der vielfachen Vermögensmillionäre. Das Magazin Forbes (Motto: "Werde reich und genieße es") führte 1992 rund 400 Bundesbürger auf, die mehr als 200 Millionen Mark besitzen. Fast hundert Deutsche, so schätzte Forbes, haben sogar eine Milliarde Mark oder mehr.
Doch viele Vermögen lassen sich nur unzureichend, manche überhaupt nicht schätzen. Der Wert von Aktienpaketen kann aus den aktuellen Börsenkursen errechnet werden, wie aber bestimmt sich der Wert eines nicht börsennotierten Unternehmens? Wer weiß, welche Schulden einem Vermögen gegenüberstehen? Und was sagt ein Platz in der Milliardärsliste aus, wenn er von einem ganzen Familienclan belegt wird?
Einen allzu hohen Anspruch sollte an die Listen, wie sie in den USA von den Magazinen Forbes und Fortune seit langem gepflegt werden, niemand anlegen. Sie leben von ihrem Unterhaltungswert.
Nur Unternehmer haben beim großen Spiel mit neun Nullen eine Chance. Kein Manager, kein Tennisprofi und auch kein Popstar kann eine solche Summe verdienen. Ob und in welchen Bereichen Unternehmer Milliarden machen, hat deshalb auch eine volkswirtschaftliche Bedeutung.
Die beste Gelegenheit, ein Riesenvermögen zu schaffen, boten die Gründerjahre und die Zeiten des Wiederaufbaus nach den beiden Weltkriegen.
Die Familien Thyssen, Krupp oder Haniel zehren noch heute von den Leistungen ihrer Vorfahren im Kaiserreich. Die Dynastien der Quandt, Flick und Stinnes gediehen vor allem in der Weimarer Republik und im Dritten Reich.
Dann kam die Stunde Null und mit ihr die Stunde der Pack-an-Typen. Max Grundig baute die ersten Rundfunk-Empfänger zusammen, Gustav Schickedanz gründete den Quelle-Versand, Axel Springer legte den Grundstein seines Presse-Imperiums. Männer wie sie verkörperten das deutsche Wirtschaftswunder.
Wer nach 1945 anfing und den Riecher für die richtigen Märkte hatte, konnte schnell reich werden. Alles lag darnieder, alles wurde gebraucht. Die Märkte waren noch nicht aufgeteilt.
Danach, so schien es, war kaum noch Raum für Unternehmensgründer. Doch das Monopoly ging weiter, nur unauffälliger.
Die Stimmung hatte sich gewandelt. Der Wiederaufbau war vorbei, die Bewunderung für seine Macher schwand. Nun, in den sechziger und siebziger Jahren, wurde plötzlich über eine gerechtere Verteilung des Produktivvermögens debattiert.
In dieser Zeit begann der Aufstieg von Erivan Haub (Tengelmann), Otto Beisheim und Reinhard Mohn (Bertelsmann). Auch Theo und Karl Albrecht (Aldi), Werner Otto (Otto-Versand) und Reinhold Würth, der Schraubenverkäufer aus Künzelsau, schufen die Voraussetzungen für ihre heutigen Milliarden.
Es ist kein Zufall, daß die meisten von ihnen als Großhändler reüssierten. In der Industrie bestimmten schon die finanzstarken Konzerne; neue Produkte auf den Markt zu bringen erforderte immenses Kapital.
Im Handel dagegen herrschte noch immer die Tante-Emma-Struktur der Vorkriegszeit. Da lagen gewaltige Produktivitätsreserven - für den, der zugriff.
Erivan Haub, heute mit schätzungsweise gut acht Milliarden Mark Vermögen der wohl reichste Deutsche, war so einer. Sein Onkel hatte die Tengelmann-Gruppe gegründet und schon zu einer ansehnlichen Größe gebracht. Neffe Erivan puschte den Umsatz von 1,2 Milliarden Mark auf heute rund 50 Milliarden.
Ist deshalb die Leistung von Otto Beisheim höher zu bewerten, der tatsächlich bei Null begann und dessen krakenhafte Metro-Gruppe nun den deutschen Handel beherrscht? Und was ist mit den Aldi-Brüdern, deren Billigläden unzähligen Tante Emmas den Garaus machen?
Selbst heute scheint die Billig-Masche noch nicht ausgereizt. Anton Schlecker übertrug sie auf die Drogerie-Märkte, Dieter Schwarz kopierte die Albrechts sogar auf deren ureigenstem Feld.
Der gelernte Fleisch- und Fruchthändler startete erst 1973. Mittlerweile macht er mit seinen Billigläden (Handelshof, Kaufland, Lidl, Aktuell) 14 Milliarden Umsatz, in den neuen Bundesländern ist er schon größer als Aldi. Auch in einem anderen Punkt hat er seine Vorbilder übertroffen: Er preßt seine Lieferanten noch mehr aus.
Der Strukturwandel, den Beisheim und die Albrechts, Haub und Schwarz vorantrieben und der sie zu Milliardären machte, hat viele Existenzen vernichtet. Aber er hat die deutsche Volkswirtschaft auch produktiver gemacht: Kaum irgendwo sonst auf der Welt ist der Konkurrenzkampf, trotz der enormen Konzentration, so hart wie im deutschen Handel.
Die Rezepte der deutschen Handels-Milliardäre sind inzwischen ein Exportschlager. Aldi und Schwarz' Lidl-Läden breiten sich längst auch in europäischen Nachbarländern aus - zum Schrecken der einheimischen Mitbewerber.
Weit weniger erfolgreich sind die deutschen Unternehmensgründer dagegen im Produktionsbereich. Als im amerikanischen Silicon Valley Gründungsfieber herrschte und in kleinen Garagen Firmen entstanden, die heute Milliardenumsätze machen, als Steven Jobs mit seinem Partner Stephen Wozniak Apple und Bill Gates Microsoft gründete - da tat sich in Deutschland so gut wie nichts.
Insofern ist der Milliardär Gates ein Symbol: für amerikanische Innovationsfreude und deutsches Unvermögen.
Gates verkörpert das Ideal des dynamischen Unternehmers, das der Nationalökonom Joseph Schumpeter zu Beginn des Jahrhunderts entwarf. Der österreichische Gelehrte sah den Unternehmer vor allem als Verbreiter neuer Techniken. Seine Leistung bestand darin, nützliche Erfindungen aufzuspüren und auf den Markt zu bringen.
Der Schumpeter-Unternehmer ist der Motor der Wirtschaft - doch in Deutschland ist diese Spezies fast ausgestorben. Ökonomen klagen über eine Unternehmer-Lücke.
Mag sein, daß amerikanische Universitätsabgänger vor allem eine andere Mentalität haben und deshalb eher den Schritt in die Selbständigkeit wagen als ihre deutschen Altersgenossen, die gewöhnlich eine feste Anstellung mit Pensionsberechtigung anstreben. Doch auch objektive Schwierigkeiten erschweren den Deutschen die Selbständigkeit.
Venture-Capital-Fonds, die sich an aufstrebenden jungen Firmen beteiligen, sind in Deutschland nahezu unbekannt. Wer keine Sicherheiten vorweist, und welcher Jungunternehmer kann das schon, hat hierzulande kaum eine Chance, genügend Kapital aufzutreiben.
Die Generation der Turnschuh-Unternehmer, die den Vorsprung der US-Wirtschaft in der Computerindustrie begründete, konnte sich deshalb in Deutschland nie richtig entfalten.
Nur einer, der Software-Spezialist Dietmar Hopp, 55, schaffte den Sprung in die internationale Spitzenklasse. Ob Exxon oder IBM, Daimler-Benz oder die Deutsche Bank - fast alle Großunternehmen der westlichen Welt benutzen inzwischen die Software der von Hopp geführten Firma SAP. Anfang diesen Jahres wurde das Unternehmen aus Walldorf bei Heidelberg mit etwa 11,6 Milliarden Mark bewertet.
Als Hopp zusammen mit vier Kollegen vor 24 Jahren in Mannheim die Firma "Systeme, Anwendungen, Produkte in der Datenverarbeitung" ins Handelsregister eintragen ließ, ahnte keiner der Gründer, daß er es jemals so schnell zum Milliardär bringen würde. Immerhin glaubten sie fest an einen neuen Trend in der Software-Entwicklung.
Bei zunehmender Verbreitung der elektronischen Datenverarbeitung, so ihr Kalkül, würde es betriebswirtschaftlich immer weniger Sinn machen, die Computer mit maßgeschneiderter Software zu programmieren. Ihr Ziel war es daher, Standardprogramme zu entwickeln, die auf verschiedenen Großrechnern laufen können.
Zunächst hatten viele Kunden Bedenken, Software von der Stange zu kaufen. Erst 1981, als SAP die zweite Generation ihres Software-Pakets auslieferte, bekam die Erfolgsstory jene Konturen, die sonst nur amerikanische Garagenfirmen auszeichnen.
Der endgültige Durchbruch kam 1993, nachdem SAP sein Programm R/3 vorgestellt hatte. Es wurde gleich im ersten Jahr 1600mal verkauft. Seitdem gilt SAP als weltweit größter Anbieter von industrieller Standard-Software. Sogar in Japan konnte SAP Fuß fassen, dort wird R/3 in einer Version mit Kanji-Schrift angeboten.
In einer ganz anderen Branche baute Otto Happel einen Milliardenkonzern auf. Der Bochumer Unternehmer formte die von den Eltern übernommene Gesellschaft für Entstaubungs-Anlagen (GEA) binnen weniger Jahre zu einem der profitabelsten Unternehmen des deutschen Maschinen- und Anlagenbaus.
Schritt für Schritt erweiterte der promovierte Ingenieur, der bereits mit 26 Jahren den Chefsessel der einstigen Luftkühlerfabrik übernahm, die Produktpalette der GEA. Inzwischen ist aus dem einstigen Komponentenhersteller ein Komplettanbieter von Energie-, Umwelt- und Prozeßtechnik geworden.
Doch auch Happel ist die Ausnahme. Die Strukturkrise hat vielen seiner Unternehmerkollegen im Maschinenbau zugesetzt; einige, wie die Eigentümer von Kugelfischer und Maho, mußten unter dem Druck der Banken aufgeben und verloren einen großen Teil ihres Vermögens.
Neues Geld wird in der postindustriellen Gesellschaft in ganz anderen Branchen geschaffen: mit Immobilien, an der Börse, in der Medienindustrie und natürlich im Dienstleistungsgewerbe.
Nirgendwo liegen Milliardenvermögen und Milliardenpleiten so dicht beieinander wie in der Immobilienbranche. Das zeigt nicht nur der Fall Schneider. Hoch gespielt und viel verloren haben die Berliner Grundstücksspekulanten Klaus Groenke und Axel Guttmann. 1991 landeten sie mit der Übernahme der einstigen DDR-Interhotel-Kette zum Preis von 2,6 Milliarden Mark einen spektakulären Coup.
Vier Jahre später mußten sie, bis auf einen kleinen Teil, den schönen Erwerb auf die Gläubigerbanken überschreiben. Der Traum vom Milliardengeschäft mit den Hotelgrundstücken war geplatzt - Groenke und Guttman drehen jetzt ein vergleichsweise kleines Rad.
Größere Schwankungen ihres Vermögens haben nur noch die Börsenzocker zu verkraften. In den achtziger Jahren machten in den USA Spekulanten wie Ivan Boesky, Michael Milken oder Carl Icahn Milliarden mit Unternehmenskäufen und -verkäufen. Heute rechnen sie allenfalls in Millionen.
Der neue Guru der Geldwelt (Stern) heißt George Soros. Seit er gegen das britische Pfund spekulierte und dabei über Nacht mehr als eine Milliarde Dollar verdiente, gilt der gebürtige Ungar, der 1947 nach England emigrierte, als der "Mann mit dem Midas-Touch" (Time): Wo er hingreift, verwandelt sich scheinbar alles in Gold. Aber auch Soros' Glanz verblaßt. Anfang dieses Jahres mußten seine Fonds empfindliche Einbußen hinnehmen.
Falls es in Deutschland Spekulanten ähnlichen Kalibers geben sollte, haben sie es bislang verstanden, unentdeckt zu bleiben. Übernahmeschlachten wie an der Wall Street waren an der Frankfurter Börse ohnehin nie üblich.
Fehlanzeige auch im Dienstleistungsbereich. Es gibt kein deutsches Unternehmen von Weltrang. Ob McDonald's oder American Express: Das Geschäft mit dem Service beherrschen die Amerikaner.
Etwas besser sieht es bei den Medien aus. Kaum eine Branche boomt so stark wie diese, keine andere bietet ehrgeizigen Unternehmern derzeit bessere Chancen.
Die Medien haben schon viele in diesem Land reich gemacht, einige auch zu Milliardären. Gleich nach dem Krieg starteten Axel Springer und Franz Burda, Gerd Bucerius und die Familie Mohn, die mit Bertelsmann den zweitgrößten Medienkonzern der Welt schuf.
Sie alle profitierten davon, daß nach 1945 die westdeutsche Presse- und Verlagslandschaft von Grund auf neu geordnet wurde. Wer damals von den Alliierten eine Lizenz bekam, war ein gemachter Mann.
Doch der Markt war schnell verteilt. Neueinsteiger hatten es fortan schwer. Und das Fernsehen war noch fest in öffentlich-rechtlicher Hand.
Schon damals erkannte Leo Kirch, der Sohn eines fränkischen Weinbauern, welche gigantischen Geschäfte sich in Zukunft mit Filmen und Fernsehsendern machen ließen. Er hortete Rechte an Spielfilmen, Serien und Shows und lebte damit, in Zeiten des öffentlich-rechtlichen Monopols, ganz komfortabel.
Erst das Privatfernsehen machte aus dem Filmlager eine Goldgrube. Kirch beteiligte sich am Fernsehsender Sat 1, der nun vorzugsweise Material seines Miteigentümers sendet. Weil ein Kanal allein aber die 15000 Kinostreifen und 55000 Sendestunden, die in Kirchs Keller lagern, gar nicht bewältigen kann, stieg Kirchs Sohn Thomas beim Spielfilm-Sender Pro 7 ein.
Die Kirch-Gruppe wird heute auf gut drei Milliarden Mark taxiert. Der stockkonservative Medienunternehmer besitzt über 40 Produktions- und Verwertungsgesellschaften, außerdem hält er 35 Prozent der Anteile am Axel-Springer-Verlag.
Kirch ist, obwohl in der glitzernden Medienwelt zu Hause, ein typischer deutscher Milliardär: scheu, fast schüchtern. Ganz anders als sein italienischer Kollege Silvio Berlusconi, mit dem ihn manches Geschäft verbindet, meidet er die Öffentlichkeit.
Wie alle Emporkömmlinge seines Kalibers hatte Kirch eine Idee - und wenig Skrupel, sie gegen Widerstände durchzusetzen. Kirch trickste und überlistete Konkurrenten, er gründete ein schwer durchschaubares Firmengeflecht und verstand es, nützliche Beziehungen zu Fernseh-Verantwortlichen zu pflegen.
Allzu viele Rücksichten darf wohl nicht nehmen, wer nach Milliarden strebt. Kirchs Intimfeind Rolf Deyhle, der sein Vermögen mit Immobilien und Filmen, Musicals und Kinos machte, stieg stets mit Hilfe kompetenter Kompagnons in neue, erfolgversprechende Geschäfte ein. Wenn er die Helfer nicht mehr brauchte, hebelte er sie aus.
Aber Deyhles Umgangsformen sind geradezu vornehm im Vergleich zu den ruppigen Methoden, mit denen Metro-Gründer Beisheim seine Milliarden machte. Beisheim hatte die Idee für seine Großhandelsbetriebe aus den USA importiert. Er bot einer per Ausweis legitimierten Kundschaft bis spät in den Abend preiswerte Artikel, wenn sie die Ware bar (cash) bezahlte und selber abholte (carry).
Beisheim scherte sich kaum um die Klagen der Einzelhändler, er umgehe das Ladenschlußgesetz und täusche die Verbraucher. Wettbewerbs- und Branchenregeln, Steuergesetze und Kartellbestimmungen waren für den Unternehmer Hindernisse, die es zu überwinden galt.
Ein Wettbewerber, der die Metro kopierte, soll Besuch von einem Schlägertrupp bekommen haben. Und ein Erpresser, der sich mit Metro-Geld nach Südamerika abgesetzt hatte, wurde im Firmenjet nach Deutschland zurückgebracht.
Auf den Türschildern von Beisheims Villen und Wohnungen im Tessin, in Florida, Paris, Mülheim, Bad Wiessee oder auf den Bahamas stand kaum je der richtige Name. Der Metro-Mann wollte für Richter, Behörden und aufgebrachte Lieferanten nicht erreichbar sein. Zustellungspflichtige Amtsschreiben wurden ihm manchmal monatelang nachgeschickt.
Inzwischen hat sich das geändert. Der Steuer-Schweizer aus Mülheim an der Ruhr, den früher kaum jemand zu Gesicht bekam, nahm zu seinem 70. Geburtstag von Bayerns Wirtschaftsminister Otto Wiesheu in der Münchner Residenz das Große Bundesverdienstkreuz entgegen, Otto Graf Lambsdorff würdigte ihn als "bahnbrechenden Unternehmer".
Eine Idee, viel Glück und wenig Skrupel - reicht das für die erste Milliarde? Hartnäckigkeit hält Rolf Deyhle für unerläßlich. Ein Unternehmer, meint er, müsse ein Dickbrettbohrer sein. Manchmal habe es Jahre gedauert, bis er seine Pläne in die Tat umsetzen konnte.
Eine gewisse Energie gehört wohl auch dazu. Deyhle taucht gelegentlich schon morgens um vier in seinem Büro auf, manchmal bleibt er bis tief in die Nacht. Er trinkt keinen Alkohol und ernährt sich vorzugsweise von Gemüsesuppe.
Was treibt Menschen wie Deyhle und Kirch, Beisheim und Baus? Warum hören sie nicht auf und genießen ihre Milliarden? Die Wissenschaft hält verschiedene Antworten parat.
Nach Sigmund Freud ist der Umgang mit Geld vor allem durch die Art und Weise der Triebbewältigung in der Kindheit geprägt. Freuds These von der Analität des Geldes gründet darauf, daß Fäkalien die ersten selbständigen Produkte des Kindes seien - und seine ersten "Ersparnisse", wenn es sie möglichst lange zurückhält.
Je eher die Eltern das Kind zur Reinlichkeit erziehen, desto mehr wehre es sich dagegen. Die dadurch geförderte Sparsamkeit sei eine der wichtigsten Voraussetzungen für die Anhäufung von Reichtum.
Der amerikanische Soziologe Thorstein Veblen erklärt das Streben nach Reichtum hingegen vor allem mit dessen gesellschaftlicher Bedeutung. "In jeder Gesellschaft, die das Privateigentum kennt", schreibt Veblen, "muß der einzelne im Interesse seines inneren Friedens mindestens ebensoviel besitzen wie jene, mit denen er sich auf eine Stufe stellt; und es ist äußerst wohltuend, etwas mehr zu besitzen als die anderen."
Der Psychoanalytiker Otto Fenichel wiederum hält den Trieb, reich zu werden, für eine "Spezifikation des Willens zur Macht". Das ursprüngliche Triebziel seien nicht die Reichtümer, sondern der Wunsch, "Macht und Achtung anderer Menschen und seiner selbst zu genießen".
Daß solche Triebe die Wirtschaft vorantreiben, ist weitgehend akzeptiert. Ebenso unstrittig ist aber, daß die Ballung von Geld und Macht gefährlich werden kann.
Es waren schließlich Unternehmer wie der Pressezar Alfred Hugenberg, die mit ihrer wirtschaftlichen Macht den Niedergang der Weimarer Republik gefördert haben. Und es war Friedrich Flicks Generalbevollmächtigter Eberhard von Brauchitsch, der mit großzügigen Parteispenden die Bonner Landschaft pflegte.
In Italien hatte es Berlusconi dank seiner eigenen Medienmacht sogar zum Regierungschef gebracht. Von Leo Kirch ist ähnliches zwar nicht zu erwarten. Aber der Kohl-Spezi sorgte immerhin dafür, daß der Kanzler auf Sat 1 im Wahlkampf gebührend gehuldigt wurde.
Eine Debatte über die Macht der Reichen gibt es, außer in bezug auf die Medienbranche, dennoch nicht. Offenbar überwiegt gerade in wirtschaftlich schwierigen Zeiten die Einsicht, daß eine dynamische Wirtschaft auch dynamische Unternehmer braucht.
Viele deutsche Milliardäre spielen mit dem Gedanken, das Vermögen über den eigenen Tod hinaus zusammenzuhalten: Eine Stiftung soll das Lebenswerk auf Dauer bewahren.
Der kinderlose Beisheim, dessen Vermögen etwa sieben Milliarden Mark beträgt, hat sich für diesen Weg entschieden. Er will seinen Firmenbesitz in drei gemeinnützige Stiftungen einbringen. Auf die Frage, was seine Verwandten davon hielten, sagte Beisheim: "Die werden alle nicht in Armut sterben."
Auch Bertelsmann-Gründer Reinhard Mohn hat seine Geschäftsanteile schon lange einer Stiftung übertragen. "Gelder dieser Größenordnung", glaubt Mohns ältester Sohn Johannes, "kann man nicht als Privatvermögen ansehen."
Von Stephan Burgdorff

SPIEGEL SPECIAL 5/1996
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