01.05.1996

SCHMUTZIGES GELDDIE GIER FRISST DAS GEHIRN

Vor dem Spielcasino fielen drei Räuber über Peter Hürlimann her, verprügelten ihn und griffen sich seinen Aktenkoffer. Darin waren mehr als anderthalb Millionen Dollar.
Zum Glück war es nicht Hürlimanns Geld, das ihm nebst Koffer abhanden gekommen war. Mit den anderthalb Millionen wollte Hürlimann eigentlich Zinsen bezahlen: pro Monat fünf Prozent für alle Anleger, die in seinen Roulette-Fonds investiert hatten.
So jedenfalls erzählte Hürlimann seinen Geldgebern die Geschichte von den drei Räubern. Das kleine Malheur habe er nicht der Polizei schildern können, weil sonst seine "bahnbrechende Erkenntnis" am Roulette-Tisch publik geworden wäre.
Wie viele Millionen Mark der Filou einkassiert hat, ist unbekannt. Bevor er verschwand, schickte Peter Hürlimann seinen Investoren noch ein paar tröstende Worte aus London: "... müssen wir annehmen, was das Leben uns bringt. Wut, Aufregung und negative Gefühle bringen Ihnen jedoch gar nichts." Sein Rat: "Es gibt Leute, die schreiben den Verlust ab und vergessen es."
Da hat er recht. Jedes Jahr bleibt einigen hunderttausend Deutschen nichts übrig, als eine gründlich mißratene Investition möglichst schnell zu vergessen.
Aus der versprochenen Rendite - zwischen 12 und 1200 Prozent - wird nichts, der Einsatz ist perdu. Bestenfalls bleibt noch ein bißchen übrig von dem Geld, das auf Jojoba-Plantagen in Mexiko oder in Autowaschanlagen in Nevada versickert ist, das in kanadischen Pfennig-Aktien angelegt oder auf eine obskure Bank in Nassau/Bahamas überwiesen wurde.
Nach einer Schätzung des Bundeskriminalamts entschwinden auf diese Weise den Bundesbürgern Jahr für Jahr etwa 40 Milliarden Mark; das entspricht dem Wert von 90000 Eigenheimen.
Die Sucht nach Hochprozentigem hört nie auf, immer wieder fließt frisches Geld in den "grauen Kapitalmarkt". So heißt jener Bereich der Geldanlage, den die Banken nur am Rande bedienen. Er übt eine magische Anziehungskraft auf alle aus, die ihr Geld ganz schnell verdoppeln und verdreifachen wollen, denen Bundesschatzbriefe, Investmentfonds oder börsennotierte Aktien zu wenig abwerfen.
"Die Anleger", erklärt ein Verkäufer, "wollen raus aus ihrer Raiffeisenspießerhaltung und mal so ein bißchen mit ihrem ganz kleinen Geld bei den Großen mitschnuppern." Um diese Kunden kümmern sich Tausende von Finanzvermittlern - am Telefon, in Briefen oder Zeitungsanzeigen. Sie alle wissen, wie versessen die Kundschaft auf ein paar Prozentchen mehr ist, und dazu entfalten viele eine erstaunliche Kreativität.
Zu den Einfallsreichsten in dieser Branche gehört Jörg Tweesmann aus Detmold. In der Südsee, gut 2000 Kilometer östlich von Papua-Neuguinea, bereitete er ein Wertpapier mit zweistelliger Verzinsung vor. Auf der kleinen Inselrepublik Nauru (9500 Einwohner) gründete Tweesmann schnell die European Overseas Bank, besorgte sich einige Referenzen von nauruischen Würdenträgern, und fertig waren die Formalitäten für eine 150 Millionen Mark schwere Staatsanleihe der Republik Nauru.
Gut ein Jahr später bestätigte das nauruische Finanzministerium der Deutschen Bundesbank per Fax, daß die Tweesmann-Bank "einen guten Ruf und hohes Ansehen genießt". Der Verkauf der Staatsanleihe in Deutschland konnte beginnen.
In Zeitungsanzeigen offerierte Tweesmann die Anleihe mit 12,75 Prozent Zinsen und fand auf Anhieb viele, die sich über die mickrigen Zinsen bei ihrer Bank ärgerten. Ein Lübecker Ingenieur, der für 800000 Mark nauruische Papiere kaufte: "Bei der Deutschen Bank kann ich sehen, wie ich über den Tisch gezogen werde."
Bei der European Overseas Bank merkte er es später. Nun versucht er, wie viele andere Anleger, der Spur des Geldes zu folgen - von der Sparkasse Lemgo, wo Tweesmann für seine Bemühungen erst mal 200000 Mark abzwackte, bis zur European Overseas Bank auf Nauru. Leider hat die Bank inzwischen ihre Lizenz verloren.
Zwar verkaufen deutsche Kreditinstitute auch allerhand Exotisches wie Anleihen des Staates Venezuela oder der Banco do Brasil; aber so etwas wie nauruische Papiere gibt es nur auf dem grauen Kapitalmarkt.
Dort sind gebrauchte britische Lebensversicherungspolicen zu haben oder Anteile an einer texanischen Einkaufspassage, Beteiligungen an einer Farm in Paraguay oder an einer Feriensiedlung in Spanien. Auch Sozialwohnungen in Berlin oder Supermärkte in Magdeburg werden mit Geldern vom grauen Kapitalmarkt gebaut.
Selbst Fachleute können oft kaum erkennen, ob eine Anlage solide oder dubios ist. Viele Investitionen bringen eine hohe Rendite, beispielsweise die Steuersparmodelle in Ostdeutschland: Etwa 20 Prozent der Immobilienprojekte rechnen sich für den Anleger, sagen Experten wie Axel Prümm von dem Branchendienst kapitalmarkt intern. Bei den restlichen 80 Prozent der Investitionen merken die Kunden, wenn überhaupt, vielleicht erst nach fünf oder zehn Jahren, daß sie ihr Geld miserabel angelegt haben.
Zwischen seriös und kriminell erstreckt sich in dieser Branche eine breite Zone, deren Grenzen nicht auszumachen sind. In dem Gewerbe arbeiten ehrbare und nicht ganz so ehrbare Kaufleute. Experten des grauen Kapitalmarkts schätzen, daß 80 Prozent der Anbieter Dilettanten, Glücksritter oder einfach Strauchdiebe sind.
Daß außerhalb des Zugriffs von Banken, Versicherungen und Bausparkassen eine Menge Geld abzuschöpfen ist, merkte als erster Bernie Cornfeld. Mit seinen Investors Overseas Services (IOS) sammelte er in den sechziger Jahren acht Milliarden Mark ein - bis 1970 sein Investment-Imperium zusammenbrach.
Cornfeld mit seinen Sprüchen ("Wollen Sie wirklich reich werden?") hatte die Deutschen auf den Gedanken gebracht, daß es etwas Besseres geben müßte als Sparbücher mit 2,5 Prozent Zinsen oder die Pfandbriefe der Banken.
Plötzlich tat sich ein Finanzmarkt abseits der etablierten Institute auf. Für Großverdiener konzipierten kreative Experten Steuersparmodelle, an denen sie selbst am meisten verdienten. Beziehern von Durchschnittseinkommen wurden "penny stocks" verkauft; das sind meist dubiose kanadische Aktien zum Stückpreis von ein paar Mark, in der Branche "Seuchenpapiere" genannt.
Wie eine Epidemie breiteten sich die sogenannten Warentermingeschäfte aus. Die Deutschen spekulierten mit den künftigen Ernten von Kaffee oder Zucker, sie setzten auf einen Preisanstieg von Metallen oder Rohöl.
Warentermingeschäfte sind für Spekulanten deshalb so reizvoll, weil sie für die Waren, die sie zu einem späteren Termin übernehmen, nur eine kleine Anzahlung leisten müssen. Steigen nach wenigen Monaten durch knappes Angebot die Preise von Kaffee oder Kupfer, kann sich das eingesetzte Kapital verdoppeln oder verdreifachen.
Es gibt jedoch nur ganz wenige seriöse Broker, die in Deutschland die riskanten Geschäfte vermitteln. Die meisten saugen erst einmal hohe Provisionen ab - 40 Prozent sind keine Seltenheit - oder leiten das Geld der Anleger gleich auf ihre privaten Konten in Liechtenstein oder auf den Niederländischen Antillen.
Hunderte von Gesellschaften sind in dem überwiegend kriminellen Geschäft tätig. Der selbsternannte "Warenterminkönig" ist Heinz Hensley-Piroth, geborener Knöpfel; er hat 400 Millionen Mark eingesammelt. Im vergangenen Jahr wurde der Chef der Effekten- und Edelmetallberatungsgesellschaft (EFB) mit Sitz in Liechtenstein, Panama und auf den British Virgin Islands wieder einmal von der Justiz aus dem Verkehr gezogen, diesmal für achteinhalb Jahre.
Damara Bertges, derzeit in Basler U-Haft, kassierte mit ihrem European Kings Club in wenigen Jahren knapp zwei Milliarden Mark ein. Mit ihrer "nichtlinearen Dynamik" versprach sie Renditen von über 70 Prozent. Mehr als 90000 Deutsche, Österreicher und Schweizer glaubten den Humbug und zahlten Beträge von 1400 Mark an aufwärts ein.
Etwas schärfer ging der Hamburger Jürgen Harksen mit seinem Faktor 13 ran: Er versprach, das ihm anvertraute Geld auf das Dreizehnfache zu vermehren. Harksen gab sich nicht mit Kleinkram ab, wie die meisten in seiner Branche, sondern bat um sechs- bis achtstellige Beträge. Vorwiegend Hamburger Großverdiener drängten ihm ihre Millionen förmlich auf.
Bei Harksen und seinen Kunden zeigte sich die klassische Täter-Opfer-Beziehung in diesem Metier: Raffsucht trifft Habgier. Harksens Geldgeber waren keine unerfahrenen oder leichtfertigen Menschen, sondern ausgebuffte Kaufleute und Freiberufler, die normalerweise ziemlich gut rechnen können.
"Die Gier frißt das Hirn", lautet ein alter Spruch in der Steuersparbranche. Wenn nur der Fiskus ordentlich was drauflegt, prüft keiner mehr, ob die Investition wirtschaftlich sinnvoll ist.
Je höher die versprochene Verzinsung ist und je plausibler das Beteiligungsprojekt scheint, desto schneller sammeln die Anbieter Millionenbeträge ein. Ihre Opfer stammen aus nahezu allen Bevölkerungsgruppen; gut vertreten sind Mittelständler mit Geld, von dem das Finanzamt oder die Ehefrau nichts wissen darf.
Daß die vielen Ganoven in diesem Gewerbe weniger von der Leichtfertigkeit und der Unerfahrenheit als von der Habgier ihrer Kunden leben, weiß auch das Bundeskriminalamt: Viele Opfer seien "durch eine übermäßige Gewinnsucht gekennzeichnet, die sie alle Vorsichtsmaßnahmen vergessen läßt".
In seiner "Motivanalyse bei Opfern von Kapitalanlagebetrug" zitiert das BKA amerikanische Autoren: Die fanden "mit seltener Einmütigkeit" heraus, "daß zum vollkommenen Opfer ... ein Mann gehört, in dessen Seele diebische Gedanken schlummern".
Aus diesem Grund kam ein Betrüger, der für angebliche Festgeldanlagen bis zu 20 Prozent Zinsen versprochen hatte, vor dem Landgericht München I mit vier Jahren noch glimpflich davon.
Milderungsgrund für die Sechste Strafkammer: "Die Geldgier der Anleger."
Von Hermann Bott

SPIEGEL SPECIAL 5/1996
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