01.08.1996

DAS GROSSE BUNTE Durcheinander

Der Hamburger Modemacher Wolfgang Joop outete sich in einem SPIEGEL-Gespräch: Mal habe er Männer, mal Frauen geliebt - und das sei "eine emotionale Potenz, auf die ich stolz bin".
Bisexuelle hat es immer gegeben. Neu ist, daß sich viele von ihnen, wie Joop, zu ihrer Neigung öffentlich bekennen; daß Bisexuelle eigene Zeitschriften, wie das Hamburger Bijou, herausgeben; daß sie, wie zuletzt Pfingsten in Berlin, auf Kongressen und Symposien um gesellschaftliche Anerkennung kämpfen.
"Eine neue Generation", notierte die New York Times, "ist im Begriff, der Bisexualität einen Platz im Spektrum zu beschaffen" - einen Freiraum zwischen den bislang strikt getrennten Welten der Hetero- und Homosexuellen, wo sich jene tummeln, die sich zwischen den tradierten Rollen nicht entscheiden können oder wollen.
Viele davon sind, mit den Worten von Wolfgang Joop, "Menschen, die man gar nicht fragt, ob sie schwul oder lesbisch, hetero oder bi sind: Ihre Identität, ihre ganze Art ist fließend."
"Fluidity" heißt ein Schlagwort, das in amerikanischen Hochschulen die Runde macht: Fließende Übergänge, so die ungefähre Bedeutung, sind im modernen Sexleben angesagt.
"Die Grenzen sind durchlässiger geworden", beobachtet auch der deutsche Sozialwissenschaftler Volkmar Sigusch. "Vor allem jüngere Frauen wollen heute immer weniger mit der von Anfang an männlichen Einteilung in entweder heterosexuell oder homosexuell zu tun haben." Der Wissenschaftler hält es für "nicht übertrieben", von einer "neosexuellen Revolution" zu sprechen.
Da bekennen sich Fetischisten und SM-Anhänger selbstbewußt zu ihrem Anderssein, und da beginnen auch die Transsexuellen, sich zu organisieren (siehe Seite 90): "Sie lassen sich nicht mehr als Freaks und Studienobjekte abstempeln. Sie wehren sich dagegen, in Prostitution und Showgeschäft abgeschoben zu werden", beobachtete der Filmemacher Rosa von Praunheim, "immer mehr Transsexuelle werden Rechtsanwälte, Ärzte, Schriftsteller und fordern Selbstbestimmung."
Vor allem aber das Coming-out von Bisexuellen wie Wolfgang Joop läßt Fragen aktuell erscheinen, die Wissenschaftler seit Jahrhunderten schon umtreiben. Sind Bisexuelle, neben den Hetero- und Homosexuellen, ein Menschenschlag mit ganz eigenständigem Geschlechtscharakter? Oder ist der Mensch von Natur aus fähig, Männer wie Frauen zu lieben, und lediglich durch kulturelle Zwänge gehindert, sein Doppelwesen auszuleben?
"Bisexualität existiert", schreiben jetzt zwei deutsche Autoren in einem gemeinsam verfaßten Buch, das dafür plädiert, das "grundlegende Anliegen der Bi-Bewegung" ernst zu nehmen*: Für die Ärztin Almut König und den Kölner Sozialwissenschaftler Francis Hüsers ist Bisex "eine positiv zu bewertende Form menschlicher Sexualität", die durchaus zum Wesenskern eines Menschen, zu seiner "Identität" und "Persönlichkeit" gehören könne.
Nur gesellschaftlicher Druck, glauben die Autoren, hindere viele Zivilisationsmenschen an der Entfaltung ihrer sexuellen Doppelnatur. Zweiflern empfehlen die beiden Bi-Protagonisten eine Zeitreise in frühere Menschheitsepochen, in denen die Sitten lockerer waren.
Damals, in vorchristlichen Zeiten, vergriffen sich selbst Götter an appetitlichen Jünglingen, während sie obendrein der Vielweiberei frönten. Im klassischen Griechenland galt die Knabenliebe als sublimste Form der Erotik. Im Rom der Kaiserzeit trafen sich die Herren der High-Society gern mit Sklaven und käuflichen Knaben zu schwulen Orgien - nichts Ehrenrühriges für Römer von Rang, sofern sie beim Sex, wie es sich ziemte, stets den aktiven Part übernahmen.
In der Antike, schreibt der Berliner Sexualforscher Erwin Haeberle, "war die Geschlechtszugehörigkeit der jeweils Geliebten und Liebenden kein Betrachtungsgegenstand, bei dem man sich lange aufhielt": Der "mutwillige Eros" trieb seine Opfer nach Lust und Laune zu Paaren - was dabei zustande kam, wurde als Ergebnis höherer Gewalt akzeptiert.
Im "Symposion" (Gastmahl), einem philosophischen Dialog, hatte Griechenlands Meisterdenker Platon (427 bis 347 vor Christus) den Ursprung des großen sexuellen Durcheinanders aufzudecken versucht. In grauer Vorzeit, heißt es dort, bestand die Menschenrasse aus zylindrischen Wesen mit jeweils vier Armen und Beinen, zwei Geschlechtsteilen und einem Januskopf.
Die Mehrheit dieser sonderbaren Urmenschen war von mannweiblicher Gestalt, die übrigen wandelten als Doppelweiber oder Doppelmänner durchs Leben. Doch die, laut Platon, allzu vollkommen anmutenden Zylindermenschen erregten den Neid der Götter. Sie teilten die urigen Gestalten in je zwei Hälften. Seither sind die Sterblichen ruhelos auf der Suche nach ihrem abgespaltenen Zwilling und der verlorenen, ursprünglichen Ganzheit.
Platons Erzählung rechtfertigt nicht nur die weibliche und männliche Homosexualität, sie raunt auch von einer androgynen, mannweiblichen Uranlage des Menschen. Hermaphroditen, Zwitter mit Körpermerkmalen beider Geschlechter, geistern auch sonst durch die Mythen und Religionen der Frühzeit und wurden - wie etwa die bärtige Ischtar in Babylon oder der germanische Tuisto - als Gottheiten verehrt.
Mit androgynen Phantasiespielen, die losen Sitten Vorschub leisten, war es erst mal für lange Zeit vorbei, als das Abendland unter die Fuchtel der christlichen Moral geriet. Das Volk Israel mit seinem eifernden Gott Jahwe hatte neue Maßstäbe gesetzt.
Drittes Buch Mose, Kapitel 20. Vers 13: "Wenn jemand bei einem Manne liegt wie bei einer Frau, so haben sie getan, was ein Greuel ist, und sollen beide des Todes sterben; Blutschuld lastet auf ihnen."
Den Tugendwächtern im christlichen Mittelalter fehlten für derlei Ausschweifungen die Worte. Was immer außerhalb der Ehe die Fleischeslust stillte, wurde pauschal als "Unzucht" aufs Sündenkonto der Täter verbucht.
Weniger fromm ging die Wissenschaft im 19. Jahrhundert damit um. Sie sah in den Sexsündern eine Gruppe pathologischer Spezialfälle, deren abnormes Verhalten unter einem unwiderstehlichen Triebzwang zustande kommt.
Als erster hatte der deutsche Rechtsassessor Karl Heinrich Ulrichs den Versuch unternommen, die Sexualabweichler zu sortieren.
Der hochgebildete Jurist, selber homophil, publizierte 1864 eine Broschüre mit dem Titel "Inclusa", Untertitel: "Nachweis, daß einer Klasse von männlich gebauten Individuen Geschlechtsliebe zu Männern geschlechtlich angeboren ist." Solchen Männern, die er "Urninge" taufte (nach Uranos, dem Vater der Aphrodite), wohnt laut Ulrichs eine weibliche Seele inne - den "Urninginnen", frauenliebenden Frauen, umgekehrt eine männliche. Beide Mischformen ordnete der Rechtsgelehrte zwischen den in sich stimmigen, heterosexuellen Geschlechtern ein.
Bald aber sah sich Ulrichs gezwungen, sein Vierer-Schema zu erweitern. Am Ende war er bei mehr als einem Dutzend verschiedener Geschlechtstypen angelangt: Es galt, wie sich zeigte, Urninge mit männlicher Seele ("Mannlinge"), zu beiden Geschlechtern neigende Individuen ("Uranodioninge") oder auch echte Zwitter darin unterzubringen - eine Sisyphusarbeit, die mehr Verwirrung als Ordnung schuf.
Dennoch, der gescheiterte Forschungspionier hinterließ eine fortwirkende Erkenntnis: Im menschlichen Geschlechtsleben, soviel hatte er nachweisen können, geht es offenbar noch weit chaotischer zu als in Shakespeares turbulenten Liebesdramen.
Um die Jahrhundertwende begann der Berliner Mediziner Magnus Hirschfeld, das von Ulrichs entdeckte Forschungsfeld neu zu beackern. Er hütete sich allerdings vor einer allzu plastischen Typenlehre, wie sie Ulrichs mit seinen Urningen vorgelegt hatte. Statt dessen vermaß Hirschfeld auf einer zehnstufigen Skala - von "kalt", "kühl" und "warm" bis zu "heiß" und "wilde Gier" - die Triebstärke seiner Probanden. Auf einer zweiten Skala registrierte er die "Triebrichtung", den Sexualappetit auf das jeweils andere oder auch auf das eigene Geschlecht.
Das Ergebnis der umfangreichen Ermittlungen faßte der Sexualforscher Ludwig Frey ("Männer des Rätsels") so zusammen: "In dem weiten Bereich des Sexuallebens" herrsche "das Gesetz vom unvermerkten Übergang". Zwischen dem "vollen Mann" und dem "vollen Weib" einerseits und dem homosexuellen "vollen Urning" entfalte sich eine unendliche Fülle von Variationen. Frey: "Man kann sagen: Es gibt so viele Geschlechtsanlagen wie Individuen."
In Hirschfelds fließender Typologie tauchen Bisexuelle, "Seelenzwitter" genannt, irgendwo in der Mitte auf, als nicht sonderlich triebstarke Minderheit ohne deutliche Konturen. Auch Sigmund Freud, dem Vater der Psychoanalyse und Zeitgenossen Hirschfelds, gelang es nicht, den unsicheren Kantonisten ein schärferes Profil zu verschaffen.
Freud ging, wie einst Mythenerzähler Platon, von einer doppelgeschlechtlichen Urgestalt des Menschen aus - nur daß sich der Wiener Tiefenpsychologe dabei auf die Erkenntnisse der Embryologie berief: In den ersten zwei Entwicklungsmonaten sind die Genitalanlagen männlicher und weiblicher Embryos weitgehend ähnlich.
Auf dieses biologische Faktum stützte sich Freud bei seiner Annahme, daß der menschliche Sexualtrieb nicht von vornherein auf heterosexuelle Liebesobjekte fixiert sei. Zumindest in der frühen Kindheit, glaubte er, könne sich der Trieb frei flottierend auf alles und jeden richten, eine Ungebundenheit, die Freud mit dem Terminus "polymorph pervers" kennzeichnete.
Die sexualtheoretischen Arbeiten Freuds und Hirschfelds trugen viel dazu bei, festgefrorene Kategorien - "typisch Mann", "typisch Frau" - durcheinanderzubringen. In den zwanziger Jahren, den Roaring Twenties, probte in den Metropolen des Westens eine Bisex-Schickeria den Rollentausch.
"Ein bißchen bi schadet nie", hieß schon damals das Motto in schrägen Nachtlokalen, wo schwule Gigolos mit herrisch wirkenden Damen Tango tanzten und ondulierte Stutzer sich von Frauen im Smoking ihren Drink bezahlen ließen. Marlene Dietrich, im Hosenanzug und mit der Zigarette im Mundwinkel, wurde zwischen den beiden Weltkriegen zur Ikone einer Subkultur, in der Freuds Idee frei flottierender Neigungen einen unwiderstehlichen Charme entfaltete.
Filmstar Cary Grant und Eleanor Roosevelt, die Gattin des US-Präsidenten, Bildhauerin Käthe Kollwitz und Schriftstellerin Anais Nin - sie alle wurden, zum Teil postum, als bisexuell geoutet. Ein illustrer Kreis, zu dem auch der Dichter Thomas Mann gerechnet werden darf. Zeitlebens rang der Vater von sechs Kindern mit homoerotischen Versuchungen, ohne ihnen je zu erliegen.
Wie weit die traditionelle Geschlechterordnung bereits aufgeweicht war, offenbarten in den vierziger Jahren Untersuchungen des amerikanischen Zoologen Alfred Kinsey. Der faktenversessene Empiriker hatte an die 18 000 Männer und Frauen nach ihrer sexuellen Orientierung befragt und war zu einem die Öffentlichkeit schockierenden Ergebnis gekommen: 37 Prozent der interviewten Männer und 13 Prozent der Frauen gaben an, sie hätten "zumindest einige physische homosexuelle Erlebnisse bis zum Orgasmus" gehabt.
Kinsey ordnete, wie seine Vorgänger, die sexuelle Orientierung seiner Probanden anhand einer Skala ein; daß sie sieben Stufen aufwies, war im Grunde ohne Bedeutung. Für Kinsey gab es eine so große Vielfalt ineinander verfließender, bisexueller Verhaltensmuster, daß letztlich eher die vermeintlich Normalen zusammen mit den rein Homosexuellen eine Gruppe bildeten, die fragwürdig wirkte. "Man darf die Welt nicht in Schafe und Böcke einteilen", resümierte Kinsey, sie stelle vielmehr "ein Kontinuum in allen ihren Aspekten" dar. Alle Formen des menschlichen Sexualverhaltens müßten deshalb als "natürlich" betrachtet werden.
Kinsey, schreibt Sexualforscher Haeberle, habe den Homosexuellen als abnorme Erscheinung endgültig abgeschafft. Doch der Bürgerschreck von einst, "dieser altmodisch gekleidete, zu statistischem Staub zerbröselte psychiatrische Golem", so Haeberle, kehrte in veränderter Gestalt zurück - "als zeitgemäßer, starker und gesunder Kämpfer für das Gute". Im Kampf um gesellschaftliche Anerkennung, der Ende der sechziger Jahre begann, pochten homosexuelle Männer und später auch engagierte Lesben auf ihre "schwule Identität".
Das diente dem Selbstbewußtsein der Streiter, die sich nun "gay" (fröhlich) nannten, betonte jedoch aufs neue den Abstand zur Welt der Normalos. Nicht wenige Schwule, deren Triebleben zwischen den Geschlechtern mäandrierte, landeten abermals in einer Zwangslage. Jetzt wurde ihnen strikt homosexuelles Verhalten abverlangt.
Diese Nötigung, glauben Beobachter, habe der aktuellen Bi-Bewegung mit auf die Sprünge geholfen. "Viele Homosexuelle, die im Freiheitskampf der Gays mitgemacht haben", berichtet der New Yorker Psychologe Wedin, "entdecken inzwischen, älter geworden, daß sie auch heterosexuelle Bedürfnisse haben."
Als vor gut zehn Jahren, zu Zeiten des Aidsschocks, bis dahin abseits lebende Bisexuelle bei den schwulen Bürgerrechtlern Anschluß suchten, stießen sie auf Ablehnung. "Was wollen die hier?" erkundigte sich unwirsch ein Gay-Aktivist aus San Francisco. Die Bi-People, meinte er, sollten sich gefälligst als Schwule zu erkennen geben: "Daß sie unter Druck stehen, hat schließlich mit ihrer Homosexualität zu tun, nicht mit ihrer Heterosexualität."
Auch die Lesben, durchweg kämpferische Feministinnen, sträubten sich gegen ein Bündnis mit den Bisexuellen. In den Bi-Frauen erblickten sie - politisch korrekt - Verräterinnen, gleichsam Doppelagentinnen im Krieg gegen das Patriarchat. Solche Abwehrreflexe sind selten geworden; Bi und Gay haben Frieden geschlossen.
Für den in Düsseldorf praktizierenden Sextherapeuten Rolf Gindorf besteht kein Zweifel, daß sich in Zukunft mehr Menschen zu einem bisexuellen Lebenswandel entschließen werden. Nachdem sich das menschliche Sexualverhalten schon jetzt weitgehend vom biologischen Reproduktionszwang abgekoppelt habe, werde eine neue Ära anbrechen: ein "großes buntes Durcheinander" gemischter Sexualbeziehungen.
* Francis Hüsers und Almut König: "Bisexualität". Verlag Trias-Thieme Hippokrates Enke, Stuttgart; 164 Seiten; 34 Mark.
Von Klaus Franke

SPIEGEL SPECIAL 8/1996
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