01.08.1996

LA VIE EN rose

Lange bevor das Wort "Coming-out" gebräuchlich wurde, widersetzten sie sich den Normen der heterosexuell geprägten Gesellschaft: prominente Frauen, die prominente Frauen liebten. Viele "brachen immer wieder aus der Zweisamkeit aus", wie die Journalistin Ines Rieder, Autorin einer einschlägigen Monographie, schreibt*. Auch sonst kopierten einige die Gewohnheiten der Heteros - bis hin zum Kinder- und Ehewunsch.
Erika Mann & Therese Giehse
Sie liebten sich, und gemeinsam nahmen sie, in ihrem Münchner Kabarett "Pfeffermühle", Anfang 1933 die Nationalsozialisten aufs Korn: die Literaten-Tochter Erika Mann (1905 - 1969) und ihre Schauspieler-Kollegin Therese Giehse (1898 - 1975). Jahrelang führte das Paar eine Beziehung, um deren Beständigkeit sie Erika Manns homosexueller Bruder Klaus beneidete.
Gemeinsam flohen die beiden Frauen 1933 vor den Nazis ins Schweizer Exil, wo sie ihr Kabarett fortführten. Zweimal ging Erika Mann eine Zweckehe ein: 1926 heiratete sie den homosexuellen Schauspieler Gustaf Gründgens, von dem sie 1929 geschieden wurde. 1935 ließ sie sich, inzwischen staatenlos, mit dem gleichfalls homosexuellen englischen Schauspieler Wystan Auden trauen, um einen britischen Paß zu erhalten.
Marlene Dietrich & Edith Piaf
Marlene Dietrich (1901 - 1992) hatte vielfältige Erfahrungen mit Frauen hinter sich, als sie 1947 in New York die Chansonette Edith Piaf (1915 - 1963) kennenlernte.
Greta Garbo war ebenso Objekt der Begierde Marlene Dietrichs gewesen wie die Garbo-Freundin Mercedes de Acosta - aber die kleine, stets schwarzgekleidete Pariser Sängerin übte auf sie offenbar eine besonders starke Anziehungskraft aus.
Marlene Dietrich brachte der Freundin spiritistische Ideen nahe und lernte von ihr, ein Publikum mit sparsamen Gesten zu verzaubern. Die Freundschaft hielt, als die Liebe schon erloschen war. Marlene Dietrich organisierte sogar die Hochzeitsparty, als die Piaf in New York heiratete. Eines der erfolgreichsten Chansons im Repertoire der Dietrich war ein Piaf-Lied, "La vie en rose".
Greta Garbo & Mercedes de Acosta
Als die Göttliche krank in Hollywood daniederlag, kam eine schöne, auffallend elegant gekleidete Frau zu Besuch und brachte Orangen- und Zitronensaft: Der Krankenbesuch der Dramatikerin Mercedes de Acosta (1893 - 1968) war für die Schauspielerin Greta Garbo (1905 - 1990) in den dreißiger Jahren der Beginn einer großen Liebe.
Später gab Mercedes Raffinesse preis: Mit luxuriöser Garderobe, verriet sie der Garbo, erschleiche sie sich die Aufmerksamkeit von Frauen und einen Weg in deren Herzen.
Greta Garbo unterhielt in der Nachkriegszeit auch Beziehungen zu anderen Frauen, traf aber immer wieder Mercedes de Acosta. 1960 brach die Garbo mit der Freundin, nachdem die in einer Autobiographie Intimes über die gemeinsame Liebe ausgeplaudert hatte.
Anna Freud & Dorothy Tiffany
Als die New Yorker Juwelenhändler-Tochter Dorothy Tiffany Burlingham 1925 ihren asthmakranken Sohn zu einer psychoanalytischen Behandlung nach Wien brachte, veränderte sich ihr Leben. Sie lernte Sigmund Freuds Tochter Anna (1895 - 1982) kennen, die sich als Kinderanalytikerin um den jungen Amerikaner kümmerte.
Zwischen den beiden Frauen entwickelte sich eine Liebesbeziehung. Einige Zeit allerdings lebten sie getrennt: Anna Freud emigrierte 1938 nach London, Dorothy wurde 1939 in den USA vom Kriegsausbruch überrascht.
Gemeinsam mit Dorothys Kindern lebte das Paar in England; 1979, während eines psychoanalytischen Symposiums, starb die Amerikanerin.
Simone de Beauvoir & Sylvie Le Bon
Die 18jährige Philosophiestudentin Sylvie Le Bon aus Rennes schrieb der prominenten Literatin und Sartre-Freundin Simone de Beauvoir (1908 - 1986) einen Liebesbrief nach Paris - und wurde erhört. Seit den sechziger Jahren war Sylvie Le Bon Geliebte und enge Freundin der Autorin, die sie 1980 sogar adoptierte.
Simone de Beauvoir hielt ihre intime Beziehung zu dem Philosophen Jean-Paul Sartre weiterhin aufrecht. Nach dem Tod der Freundin gab Sylvie Le Bon deren Briefe heraus.
Die Schriftstellerin hatte ihre lesbische Neigung schon mit ihrer Jugendfreundin Zaza entdeckt. Später ging sie eine Dreiecksbeziehung mit Sartre und Olga Kosakiewitch ein - eine Konstellation, die jedoch für sie auf Dauer kaum erträglich war.
Hella von Sinnen & Cornelia Scheel
Als die Ulknudel und die Tochter des Altbundespräsidenten vor dreieinhalb Jahren "mit Ringen und allem" Verlobung feierten, hat "die Familie vor Rührung geweint", wie sich Hella von Sinnen erinnert.
Doch der bedeutendere Schritt, Cornelia Scheel im Kölner Standesamt zu heiraten, blieb dem Fernsehstar verwehrt. Das 1993 in letzter Instanz vom Bundesverfassungsgericht bestätigte Hochzeitsverbot, grollte Hella von Sinnen, schade mehr der Institution Ehe als ihr selbst: "Wenn Homos und Lesben heiraten dürften, wäre die Ehe womöglich nicht mehr dieses Schnarch-mich-an-Programm, sondern bekäme eine frische Lackierung."
Die prominente Lesbe ficht weiterhin unverdrossen für ein "Menschenrecht auf Ehe" - ein bißchen kämpferisch und auch ein bißchen kokett.
Martina Navratilova & Danda Jaroljmek
Geouted wurde sie vor 15 Jahren: Tennisstar Martina Navratilova hatte einem US-Journalisten ihre Romanze mit der Schriftstellerin Rita Mae Brown anvertraut; prompt verriet der Reporter das Geheimnis.
Schlagzeilen machte die erfolgreiche Sportlerin 1994. Sie kündigte an, sie wolle sich einer Samenbank bedienen, ein Kind bekommen und es mit ihrer Lebensgefährtin Danda Jaroljmek erziehen. "Vererbt Navratilova ihr Lesben-Gen?" fragte die Bild-Zeitung - doch letztlich kam es nicht zur Schwangerschaft.
Zuvor hatte Martina Navratilova sieben Jahre lang mit ihrer Freundin Judy Nelson und deren beiden Söhnen zusammengelebt. Nach der Trennung klagte die Nelson auf eine Millionenabfindung.
* Ines Rieder: "Wer mit wem? - Hundert Jahre lesbische Liebe". Wiener Frauenverlag, Wien; 384 Seiten; 50 Mark.
Von Karin Möller

SPIEGEL SPECIAL 8/1996
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