01.11.1996

Länger lernt sich's leichter

Aufs Käsebrötchen quetscht der Blondschopf Ketchup, aufs Salamibrötchen einen fetten Kringel Senf - dann patscht er beide Hälften zusammen und beißt mit Schwung hinein. Rot-gelbe Soße tropft, er schleckt sie ab und schmatzt zufrieden. Mittagessen in der Ganztagsschule. Hähnchen mit Reis hat die Schulküche des Hamburger Jenisch-Gymnasiums heute im Angebot, außerdem brutzeln Bratwürste auf dem Herd, belegte Brötchen und Frikadellen liegen für den mittäglichen Ansturm bereit. Vor der Essenausgabe drängeln sich die Kids; im Nu sind die langen Tische besetzt. Lautes Gewimmel im Dunst von Bratfett. "Schmeckt das Essen?" ruft eine Stimme quer durch den Raum. "Nee", brummt jemand aus der hinteren Ecke zurück. Aus den Aschenbechern auf den Tischen quellen Papier, Dosen, Kippen. Das Mobiliar der Schulkantine hat bessere Tage gesehen - Generationen mampfender Schüler hinterlassen Spuren.
Die Jenisch-Schule ist das älteste und schönste Ganztagsgymnasium der Hansestadt. Vor knapp 40 Jahren von Eltern gegründet, gedieh in der privaten Lehranstalt neben dem Klein-Flottbeker Poloplatz ein Schulidyll, das unter Verfechtern der Ganztagsidee als vorbildlich gilt: Schule als Lebensraum.
Von 9 bis 16 Uhr dauert der normale Tag der Jenisch-Schüler, freitags haben sie um 14.15 Uhr Schluß. Das bedeutet sieben Stunden Unterricht am Tag. Vormittags wird gekeult, nachmittags widmen sich die Schüler Erbaulichem: Theater, Goldschmieden, Computer, Werken, Graffiti, Fotografieren oder Squash. Mittags gibt es warmes Essen in der Schulkantine, die größeren Schüler dürfen auch die Mensa des benachbarten Botanischen Instituts nutzen. Schule total, doch ohne Schrecken. "Daran gewöhnt man sich ganz schnell", sagt Leonhard aus der 10b verschmitzt.
Wenn Leonhard um kurz nach 16 Uhr nach Hause kommt, knallt er seine Schultasche in die Ecke und hat für den Rest des Tages frei. Hausaufgaben? Kennt er nicht. Seine Freunde von den Halbtagsschulen brüten oft noch bis in den Abend über Differentialgleichungen.
Leonhards Klassenzimmer grenzt direkt an den weitläufigen, lauschig bewachsenen Park, in dem sich in den Pausen die Horden tummeln. Ein winziger Raum mit abgeschabten gelben Wänden beherbergt die 10b, sie ist eine der kleinsten Klassen der Schule: 13 Schüler lernen hier.
Zur Zeit schreiben sie jede Woche eine Klausur: Deutsch, Englisch, Mathe, Französisch - das schlaucht. Leistungsdruck empfinden sie dennoch nicht. "Wenn man was nicht verstanden hat, kommen die Lehrer zu einem hin und kümmern sich", sagt Niko. Zur Not wird in der Förderstunde zwischen 16 und 17 Uhr unter vier Augen so lange gebimst, bis der Stoff sitzt - Zeit genug dafür ist immer.
In Nikos früherer Schule war das anders. An "tierisch viel Streß" erinnert er sich, "und die Lehrer hatten keine Zeit, auf einen einzugehen". Mittags, wenn er nach Hause kam, fing die Quälerei mit den Hausaufgaben an. In der Ganztagsschule werden sie während des Unterrichts erledigt. "Es ist doch besser, wenn man mit den Lehrern zusammen lernt", findet Niko.
Bevor Susanne vor drei Jahren in die Jenisch-Schule kam, hatte sie irgendwann einfach aufgehört, für die Schule zu arbeiten. "Ich war stinkend faul", sagt sie. Jeden Tag gab es deswegen Stunk.
Sie blieb sitzen, die Eltern steckten das störrische Kind in die Ganztagsschule im fernen Hamburg. Eine Stunde ist die 15jährige jeden Morgen und jeden Nachmittag mit Bus und Bahn unterwegs. Das sei in Ordnung, meint sie heute, die Alten hätten recht gehabt. Die 495 Mark Schulgeld im Monat waren gut angelegt. "Hier ging alles auf einmal von ganz allein, es machte einfach Spaß."
Die meisten Fächer werden in Doppelstunden gegeben, da bleibt zum Üben genug Zeit. Schüler und Lehrer stellen sich besser aufeinander ein. "Das Lernen fällt leichter", finden Christian und Dominik aus der 9.
Ganztagsschule sei kindgerechter, sagen ihre Verfechter, weil sie intensive pädagogische Betreuung ermögliche und die sozialen Kontakte zwischen Schülern und Lehrern vertiefe. Die Bildungsangebote seien vielfältiger, die Unterrichtsformen variabler.
Das Jenisch-Gymnasium bietet rund ein Drittel mehr Unterrichts- und Übungsstunden an als ein normales Halbtagsgymnasium. Die Klassen werden möglichst klein gehalten, damit den Lehrern mehr Zeit für die einzelnen Schüler bleibt. "Wir haben die Kinder länger als die Eltern. Wir sind nicht Stoffvermittler, sondern Pädagogen", erklärt Winfried Skoruppa, der Direktor.
Seine Gelassenheit ruht auf dem Privileg der Privaten - ungehemmt von Finanznot und Lehrermangel kann das Institut sein Konzept entfalten.
30 Lehrer unterrichten die 240 Schüler. In Schichten absolvieren sie die gleiche Stundenzahl wie die Kollegen an den Halbtagsschulen. Damit ist der Job aber noch nicht getan. "Wir sind für die Schüler ständig ansprechbar", sagt die Mathe-Lehrerin Johanna Bonk. "Viele rufen mich auch abends zu Hause an."
Die Nähe schafft Bindung - die Schüler, die den größten Teil ihrer Zeit in der Schule verbringen, kommen auch mit ihren privaten Schwierigkeiten zu den Lehrern. Für viele, so Bonk, sei die Schule eine Art Familienersatz. Der Anteil von Kindern Alleinerziehender ist überdurchschnittlich hoch. In ihrer Klasse, sagt Johanna Bonk, seien es mehr als 50 Prozent.
"Ganztagsschule ist ideal für Familien", bekräftigt Elisabeth Tomzik, Lehrerin für Englisch und Biologie und selbst Mutter einer Jenisch-Schülerin. Viele Kinder seien nachmittags mit sich und ihren Hausaufgaben allein. In der Jenisch-Schule werden sie bis zum Nachmittag sinnvoll betreut. So entfallen auch teure Nachhilfestunden.
Zudem ist das Thema Schularbeiten in vielen Familien Konfliktstoff, mancher Machtkampf zwischen Kindern und Eltern wird auf diesem Feld ausgefochten. In Susannes Familie hat sich seit dem Wechsel die Stimmung merklich entspannt.
Elisabeth Tomzik schätzt die von Eltern weitgehend unbeeinflußte Zusammenarbeit mit den Schülern: "Woher soll ich wissen, ob ein Kind, das mir von daheim seine Schularbeiten mitbringt, die auch allein gemacht hat?" Weil sie mit den Kindern gemeinsam übe, habe sie prompte und unverfälschte Rückmeldung über deren Lernfortschritt: "Lücken", so Tomzik, "kann ich an Ort und Stelle sehen und ausbügeln." Um 14.30 Uhr geht es, wie jeden Tag, in die letzte Runde. Im Bühnenraum warten acht Schüler auf den Theaterlehrer. Michael Steuer, Regisseur in Hamburg, unterrichtet sie zweimal die Woche.
Theater ist Wahlpflichtfach - es gibt, wie in Mathe und Deutsch, Noten. Steuer studiert Stücke ein, die zum großen Weihnachtsfest und zum Abschluß des Schuljahres vor großem Publikum aufgeführt werden. Stücke über Drogen und Kriminalität, oder lustige Boulevardstücke - die jungen Darsteller wählen den Stoff selbst aus.
Die Körpermaschine gehört zu den Aufwärmübungen. "Ihr sollt lernen, euch aufeinander zu beziehen, eure Phantasie anzuwenden und euren Körper wahrzunehmen", verkündet Steuer.
Die Akteure stehen auf der Bühne und giggeln. Wie baut man aus acht zappeligen Teenagerkörpern eine Maschine? "Los, habt keine Hemmungen! Ihr seid weder lächerlich, noch seid ihr doof. Marcel, fang an."
Marcel stellt sich in die Mitte, überlegt kurz, formt die rechte Hand zur Schaufel und schippt, mit langsamer Bewegung, imaginären Schamott. Conni, kichernd, fängt mit der Hand das Zeug auf und transportiert es weiter. Saskia plaziert sich mit flach gebeugten Rücken unter Connis Hand, sie will das Transportband sein. Einer nach dem anderen fügt sich in die Maschinerie. Marcels Brummen, das rhythmische Stampfen von Saskias Füßen sind für eine kurze Weile das einzige Geräusch.
Anderthalb Stunden lang arbeitet Steuer mit den Schülern. Der Ton ist locker, die Stimmung heiter, und als um Punkt 16 Uhr die Glocke schrillt, machen sich acht gutgelaunte Gymnasiasten auf den Weg nach Haus.
Von Sabine Kartte

SPIEGEL SPECIAL 11/1996
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