01.02.1995

DRITTER WELTKRIEG GEGEN DIE NATUR

Kaum ein Mensch kann Erfolge und Mißerfolge der Umweltbewegung in Deutschland besser bilanzieren als Hubert Weinzierl. Wohl niemand hat in vergleichbar hohen Ehrenämtern so lange und so beharrlich für den Schutz der Umwelt gekämpft wie der Land- und Forstwirt aus dem niederbayerischen Wiesenfelden, der seit einem Dutzend Jahren den über 200000 Mitgliedern des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) vorsteht.
Weinzierl ist ein Naturschützer der allerersten Stunde. Vor einem Vierteljahrhundert rückte er zunächst an die Spitze des bayerischen Naturschutz-Bundes. Tausende von Reden hat er seither gehalten und Hunderte von Aufsätzen geschrieben. Hat die Mühe gelohnt?
Einerseits, sinniert Weinzierl, seien in den 59 Jahren seit seiner Geburt "mehr Tier- und Pflanzenarten ausgestorben als im Verlauf ihrer ganzen Evolution", und der Naturschutz habe diesen Ausrottungsprozeß kaum gebremst. Der Mensch habe zugleich in dieser kurzen Zeitspanne mehr Natur verbraucht "als in der gesamten Siedlungsgeschichte" der Erde.
Andererseits aber, fügt Weinzierl hinzu, seien an "ungeheuer vielen Stellen des Landes von Tausenden und Abertausenden umweltbewußter Menschen kleine Erfolge" erzielt worden: "Dort ein renaturierter Bach, woanders eine Hecke oder eine gerettete Dorflinde."
Manch einen erinnert Weinzierl, wenn er so redet, an jenen gottgefälligen Menschen, der sich noch im Angesicht der Apokalypse daranmacht, ein Apfelbäumchen zu pflanzen. "Man mag sich gar nicht vorstellen, wie es um den Umwelt- und Naturschutz in Bayern und Deutschland stünde, wenn Hubert Weinzierl ein Mensch wäre, dessen Herz hart würde angesichts immer neuer, schlimmer Enttäuschungen," schrieb die Süddeutsche Zeitung einmal voller Bewunderung für den Nimmermüden.
Wenn die Gefahr wächst, wächst das Rettende auch: Diese zuversichtlich stimmende Erfahrung haben Weinzierl und seine Mitstreiter verstärkt von 1970 an gesammelt - jenem Jahr, das als Ursprung der deutschen Umweltbewegung gilt.
Am 7. November 1969 war das Wort "Umweltschutz" erfunden worden - im FDP-geführten Innenministerium der neuen sozialliberalen Regierung, wie der Berliner Umweltrechtler Hans-Peter Vierhaus in seiner soeben erschienenen Dissertation darlegt.
Zum ersten Bonner Beauftragten für den Naturschutz ernennt Bundeskanzler Willy Brandt den Zoologie-Professor Bernhard Grzimek. Im Herbst 1970 legt die Bundesregierung ein "Sofortprogramm Umweltschutz" vor. Zur gleichen Zeit befördert der TV-Journalist Horst Stern mit seiner Sendung "Sterns Stunde" ökologisches Denken in Millionen von Wohnzimmern. Der Freistaat Bayern richtet 1970 als erstes Bundesland ein Umweltministerium ein.
Zu jener Zeit, inspiriert durch die Studentenrevolte von 1968, formieren sich die ersten Bürgerinitiativen, zum Beispiel gegen Bauspekulation wie im Frankfurter Westend, gegen Fluglärm und Atomkraftwerkspläne. Die Öko-Szene betreten Streiter wie Josef ("Jo") Leinen und Joseph ("Joschka") Fischer, die Jahre später Umweltminister in Saarbrücken und Wiesbaden werden.
Aktivbürger wie sie gründen 1972 den Bundesverband Bürgerinitiativen Umweltschutz (BBU). Im selben Jahr werden die geistigen Grundlagen der Ökologiebewegung gelegt: In Deutschland kommt unter dem Titel "Die Grenzen des Wachstums" das Standardwerk der Umweltschützer auf den Markt, der "Bericht des Club of Rome zur Lage der Menschheit" - ein Buch, das Geschichte macht.
Schon ein Jahr später bestätigen sich die Warnungen des Autors Dennis Meadows. Als die erdölexportierenden Länder die Preise anheben, gerät die Wirtschaft der westlichen Welt ins Taumeln. Während der Ölkrise erschließt sich jedermann: Meadows hat recht mit seiner Warnung, daß die Rohstoffschätze des Planeten begrenzt sind.
Im gleichen Jahr wie der Bericht des Club of Rome wird in Deutschland, in vier Millionen Exemplaren, ein "Ökologisches Manifest" gegen den "Fortschritt weg von der Natur" verbreitet. Herausgeber ist eine "Gruppe Ökologie", zu der sich der Naturschutzpionier Weinzierl, der Journalist Stern und der Zoologe Grzimek sowie der Verhaltensforscher Konrad Lorenz und der atomkritische Futurologe Robert Jungk ("Heller als tausend Sonnen") zusammengeschlossen haben.
Diese Männer, die Gründerväter der deutschen Umweltbewegung, suchen nach einer geeigneten Strategie gegen die Naturzerstörung. Die traditionellen Organisationen, in denen konservative Jäger, Reiter und Angler den Ton angeben, scheiden aus: Sie waren damals für eine atomkritische und konsequent ökologische Politik nicht zu haben.
Nach monatelangen Diskussionen laden die Mitglieder der Gruppe Ökologie zur Gründung eines Verbandes ein. Am 20. Juli 1975 wird in Marktheidenfeld der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland ins Leben gerufen. Im BUND-Vorsitz tritt Mitgründer Weinzierl 1983 die Nachfolge des Arztes und Atomgegners Bodo Manstein, des CDU-Politikers Herbert Gruhl und des Naturwissenschaftlers Gerhard Thielcke an.
Auftrieb erhält die Umweltbewegung in der zweiten Hälfte der siebziger Jahre durch die Furcht vor Dioxin-Katastrophen wie im italienischen Seveso (1976) und in den Hamburger Boehringer-Werken (1979) - und vor allem durch die Angst vor der Atomkraft.
Mit Blockaden protestieren Zehntausende gegen geplante Atomanlagen im badischen Wyhl (1975) und im holsteinischen Brokdorf (1976), im nordrhein-westfälischen Kalkar (1977) und im niedersächsischen Gorleben (1979) - Motto: "Lieber aktiv als radioaktiv."
Einzelkämpfer wie der christdemokratische BUND-Mitbegründer und Buchautor Gruhl ("Ein Planet wird geplündert") und der SPD-Politiker Erhard Eppler, dazu eine wachsende Zahl von Vertretern grüner Parteien tragen den Öko-Protest in die Parlamente.
Hat der Widerstand gelohnt? 1979 erklärt der niedersächsische Ministerpräsident Ernst Albrecht (CDU) unter dem Eindruck der Gorleben-Proteste, seine Regierung werde keine Wiederaufarbeitungsanlage (WAA) bauen, "solange es nicht gelungen ist, breite Schichten der Bevölkerung von der Notwendigkeit und sicherheitstechnischen Vertretbarkeit der Anlage zu überzeugen".
Wenige Jahre später ist der Bau einer WAA auch im bayerischen Wackersdorf nicht mehr durchzusetzen - der Bürgerprotest gegen den "WAAhnsinn" hatte obsiegt.
Den Verzicht auf Wackersdorf nennt Weinzierl heute einen der "großen Erfolge" der Ökologiebewegung. Die Abkehr von den WAA-Plänen sei Ausdruck einer epochalen "Denkwende" bei den Politikern.
Was sonst gibt es nach einem Vierteljahrhundert Umweltbewegung zu feiern? Einige der Gründerväter können nicht mehr befragt werden; sie sind verstorben wie der Zukunftsforscher Jungk oder der Ex-Christdemokrat Gruhl.
Gruhl hat, in Buchform, eine Art Testament hinterlassen, die düstere Bilanz eines in Ehren gescheiterten Mannes. Die Union hatte ihren bedeutendsten Öko-Vorstreiter in den siebziger Jahren kaltgestellt; im Bundestag durfte der unbequeme Mahner am Ende nur noch zu nächtlicher Stunde reden, vor leeren Bänken.
Nach einer Odyssee durch diverse grüne Splitterparteien präsentierte Gruhl kurz vor seinem Tod 1992 ein letztes Buch, eine apokalyptisch anmutende Schrift mit dem Titel "Himmelfahrt ins Nichts". Gruhls Diagnose: "Der Patient stirbt, deshalb braucht man auch keine Therapie mehr."
Horst Stern, der andere frühe Mahner, hat sich, nach jahrzehntelanger Aufklärungsarbeit als Blatt- und Filmemacher, nach Irland zurückgezogen, auch er in tiefer Resignation: "Es war dieser Gesellschaft niemals wirklich ernst mit dem Naturschutz. Man trug ihn nie im Herzen, immer nur auf den Lippen."
Zu einem gleichfalls negativen, aber differenzierteren Urteil als der Journalist Stern kommt der Politiker Eppler. Der ökologische Vordenker der Sozialdemokratie erinnert sich, er habe, als die Umweltdebatte begann, zwei Hoffnungen gehegt: Erstens, daß es Menschen wie ihm binnen zweier Jahrzehnte gelingen möge, das Bewußtsein einer Bevölkerungsmehrheit zu verändern - dieser Wunsch habe sich erfüllt. Zweitens, daß sich eines Tages Politiker finden, die sich diesen Wandel zunutze machen "und mit dem neuen Bewußtsein eine neue, mehrheitsfähige Politik beginnen" - diese Hoffnung habe getrogen.
Waren die Siebziger die Jahre des ökologischen Aufbruchs, so werden die zweite Hälfte der achtziger wie auch die erste Hälfte der neunziger Jahre wohl als Ära der versäumten Gelegenheiten in die Umweltgeschichte eingehen.
Die achtziger Jahre beginnen mit einem Schock. Die Entdeckung des Waldsterbens alarmiert die Öffentlichkeit: Saurer Regen, vor allem aus Kohlekraftwerken, schädigt die Wälder des Kontinents.
Nach spektakulären Protestaktionen etwa von Greenpeace Deutschland (gegründet 1980) und der Greenpeace-Absplitterung Robin Wood (gegründet 1982) werden westdeutsche Kohlekraftwerke schließlich mit Milliarden-Aufwand entschwefelt und für alle Neuwagen Katalysatoren vorgeschrieben - zweifellos enorme Erfolge der Umweltbewegung. Doch das Erreichte genügt nicht, den Wald-Niedergang zu stoppen.
Mehr und mehr zeigt sich, daß neben den Schwefeldioxid-Schwaden aus den Schornsteinen auch die Stickoxide aus den Auspufftöpfen der Autos das Waldsterben mitverursachen. Die positive Wirkung der Katalysatoren wird durch die anhaltende Zunahme des Kraftverkehrs zunichte gemacht. Resultat: Der Stickoxid-Ausstoß steigt weiter an, der Wald siecht weiter dahin.
In der ersten Hälfte der achtziger Jahre schließen sich zunehmend Frauen der Umweltbewegung an. Dieselben Gifte, die den Wald sterben lassen, so zeigt sich, führen offenbar bei Kindern zu Atemwegserkrankungen. "Wenn der Wald stirbt, stirbt der Mensch" - diese Einsicht treibt Abertausende in die Öko-Verbände. Die BUND-Mitgliederzahl verdoppelt sich zwischen 1983 und 1989 von 80000 auf 160000.
Drei Ereignisse Mitte der achtziger Jahre demonstrieren das globale Ausmaß der ökologischen Bedrohung - und tragen ebenfalls zur Stärkung der Umweltbewegung bei.
1985 entdecken Wissenschaftler das antarktische Ozonloch, hervorgerufen durch FCKW-Emissionen. Im Jahr darauf veröffentlicht die Deutsche Physikalische Gesellschaft ihre "Warnung vor einer drohenden Klimakatastrophe" durch Kohlendioxid. Und im April 1986 erschüttert die Nuklear-Katastrophe von Tschernobyl die Welt.
Seit dem Dreierschlag ist nahezu ein Dezennium vergangen - in mancherlei Hinsicht zehn verschenkte Jahre.
Zwar ist einer Mehrheit der Bevölkerung klargeworden: Die Nutzung der fossilen wie auch der nuklearen Energieträger birgt ungeheure Risiken. Doch die Politik hat aus dieser Einsicht kaum Schlußfolgerungen gezogen. Eine drastische Wende hin zur besseren Energienutzung und hin zu erneuerbaren Energien ist ausgeblieben.
Die Bundesregierung, immerhin, hat 1990 beschlossen, die Emission von Kohlendioxid bis zum Jahre 2005 um ein Viertel zu vermindern. Doch seit der Vereinigung mit den schmutzigen neuen Ländern ist klar, daß dieses Ziel auch nicht annähernd erreicht wird. Während sich etliche Großstädte energisch darangemacht haben, die im Juni 1992 in Rio de Janeiro vereinbarte Kohlendioxid-Verringerung zu verwirklichen, wachsen mit dem Herannahen der Berliner Rio-Folgekonferenz die Zweifel an der Ernsthaftigkeit der Bonner Bemühungen.
Die Gesamtbilanz nach einem Vierteljahrhundert deutscher Ökologiepolitik ist nach Ansicht unabhängiger Experten deutlich negativ - trotz mancher Einzelerfolge, von der Spartaste an vielen WC-Spülkästen über die Verbesserung der Rheinwasserqualität bis hin zur Ausweisung neuer Naturschutzgebiete.
Eine konzeptionslose und inkonsequente Politik mußte sich die Bundesregierung selbst von ihrem Sachverständigenrat für Umweltfragen bescheinigen lassen. Als die Öko-Weisen vergangenes Jahr erstmals seit 1987 wieder ein Gutachten vorlegten, warfen sie der Bundesregierung vor, Umweltprobleme auf künftige Generationen zu verschieben, was die Lösung nur verteuere - etwa in der Landwirtschaft.
Obwohl die Zahl der Verbraucher wächst, die sich in Food Coops und Bioläden mit umweltfreundlich erzeugter Nahrung versorgen, wirtschaften die allermeisten Agrarbetriebe noch immer auf Kosten der Natur. Zwar sind die landschaftszerstörenden Flurbereinigungen und Bachbegradigungen weitgehend gestoppt; mancherorts werden nun sogar gezielt Hecken angepflanzt und begradigte Bäche "entgradigt". Doch der Pestizideinsatz und die Jaucheströme aus der Landwirtschaft bedrohen nahezu unvermindert das Grund- und damit das Trinkwasser.
Die belasteten Flüsse spülen Schadstoffe in Nord- und Ostsee. Die Ammoniak-Emissionen vor allem aus der Massentierhaltung beschleunigen europaweit das Siechtum der Wälder und wirken an der Klimaveränderung mit.
So bleibt unendlich viel zu tun. Umweltbedingte Erkrankungen wie bestimmte Allergien, vor allem bei Kindern, nehmen zu. Ein sicheres Endlager für Nuklearabfälle ist noch nicht in Sicht. Auch die Abfallflut ist bislang kaum gebremst worden, wenngleich sich Ansätze zur Umkehr vielerorts abzeichnen.
Schier erdrückend sind die Probleme im Weltmaßstab. Wenn es eine "ökologisch realistische Tagesschau" gäbe, schreibt der TV-Journalist Franz Alt, müßte der Sprecher Abend für Abend sagen: "Auch heute starben 100 bis 200 Tier- und Pflanzenarten aus, verschwanden 55000 Hektar Tropenwald, dehnten sich die Wüsten um 20000 Hektar aus, bliesen wir weltweit 100 Millionen Tonnen Treibhausgase in die Luft." Drastisch, aber treffend beschreibt Alt die mörderischen Folgen der globalen Umweltzerstörung: "Wir führen einen Dritten Weltkrieg gegen die Natur. Er wird mehr Todesopfer fordern als der Erste und der Zweite zusammen."
Die Nationen des Westens, darunter die Deutschen, sind an der Plünderung des Planeten weit überproportional beteiligt - an der Verfeuerung der Rohstoffvorräte, der Zerstörung der Ozonschicht, der Aufheizung der Atmosphäre, der Abholzung der Regenwälder.
Damit die Menschheit überleben kann, muß nach Berechnungen von Professor Hans-Peter Dürr, Leiter des Münchner Max-Planck-Instituts für Physik, jeder der bald sechs Milliarden Weltbürger mit einem Energie-Etat von 1,5 Kilowattstunden pro Stunde auskommen - die Deutschen verbrauchen das Vierfache. Würde die Lebensweise der Deutschen weltweit nachgeahmt, so Dürr sarkastisch, "müßten wir uns noch vier weitere Erden borgen".
"Es gilt, die Rettung der Umwelt zum zentralen Organisationsprinzip unserer Zivilisation zu machen", hat US-Vizepräsident Al Gore erkannt. Der Kampf um die Umwelt müßte an vielen Fronten geführt werden - intensiver denn je. Wo aber sollen Öko-Politiker ansetzen, wenn sie sich nicht verzetteln wollen?
Der SPD-Denker Eppler antwortet mit einem Ratschlag seines einstigen politischen Mentors Gustav Heinemann: Der habe 1969 bei seinem Antritt als Bundespräsident den sozialliberalen Reformpolitikern geraten, nach jenem "kleinen, aber strategisch entscheidenden Schritt zu suchen, der die vielen anderen kleinen Schritte nach sich zieht". Den strategisch entscheidenden Schritt heute sieht Eppler in einer schrittweisen Verteuerung von Mineral- und Heizöl mit Hilfe von Ökosteuern: "Ich plädiere dafür, daß sich die Politik auf dieses eine Thema konzentriert."
Eine Energieverteuerung, so hoffen Eppler und die Mehrheit aller Umweltpolitiker und -wissenschaftler, werde einen Dominoeffekt auslösen: "Sie würde einwirken auf das Transportwesen, den Wettbewerb zwischen Schiene und Straße, die Investitionsentscheidungen der Unternehmen, deren Produktpalette und Produktionsschwerpunkte sie verändert."
Mehr noch: Wenn die Energiesteuer durch geringere Lohnnebenkosten kompensiert werde, könne sie "sogar helfen, die Arbeitslosigkeit zu vermindern". Eppler: "Selbst die Landwirtschaft wird davon berührt - extrem energieaufwendige Anbaumethoden werden unrentabel. Und im Wohnungsbau würden Energiesparhäuser zu einer guten Geldanlage."
Der Wuppertaler Umweltforscher Professor Ernst Ulrich von Weizsäcker bringt das Rezept auf die Formel: "Macht Kilowattstunden arbeitslos, nicht Menschen." Eine tiefgreifende ökologische Erneuerung könne "zum Motor eines neuen Wirtschaftsaufschwungs" werden.
Gemeinsam mit Politikern wie Monika Griefahn (SPD), Lutz Wicke (CDU) und Joschka Fischer (Grüne), mit Journalisten wie Alt und Umweltschützern wie Weinzierl plädiert Weizsäcker in einem Aufruf zur bevorstehenden Rio-Nachfolgekonferenz für die Verabschiedung eines "Globalen Ökologischen Marshallplans zum Schutz der Erdatmosphäre". Kern des Konzepts: eine "ökologische Steuerreform" mit Anreizen für effizientes Energiesparen, die entschiedene Förderung von Energien aus Sonne, Wind, Wasser und Biomasse und eine zweckgebundene Abgabe zur Finanzierung in- und ausländischer Klimaschutzprogramme.
Auch der Physiker Dürr will das Konzept "Negawatt statt Megawatt" mit Hilfe von Öko-Steuern durchsetzen. "Die Wirtschaft hat die Naturtresore des Planeten ausgeräumt wie eine Bande von Bankräubern", sagt er. "Die Nutzung der Natur war bisher unentgeltlich. Ihre Aufwendungen mißt die Wirtschaft im Moment nur daran, was ein Schweißgerät kostet, um einen Naturtresor nach dem anderen aufzuschweißen und auszurauben." Nach der Einführung von Öko-Steuern aber würden die Verursacher erstmals für die Nutzung der Naturtresor-Inhalte zur Kasse gebeten werden.
Die Forderung nach einem "Umsteuern durch Öko-Steuern" findet sich mittlerweile nicht nur in den Programmen von Sozialdemokraten und Grünen. Sie wird neuerdings auch in Unions- und Wirtschaftskreisen diskutiert. Der Bonner Umwelt-Sachverständigenrat plädiert dafür, den Mineralöl-Steuersatz bis zum Jahr 2005 auf 4,60 Mark und damit den Benzinpreis auf etwa fünf Mark anzuheben.
Soviel in den letzten zehn Jahren in der Umweltpolitik auch versäumt worden ist - die Voraussetzungen für eine ökologische Wende bis zum Jahr 2005 sind im Jahre 1995 in mancherlei Hinsicht günstiger denn je. Der größte Aktivposten ist das ausgeprägte Umweltbewußtsein der Deutschen.
Ob beim Sortieren des Mülls oder bei der Einhaltung von Ozon-Tempolimits im Sommer 1994 - die Bereitschaft zum Mitmachen hat regelmäßig die Erwartungen der Politiker übertroffen.
In demselben Land, in dem Umweltschützer vor 25 Jahren als Spinner und Sektierer galten, sind die Grünen zur drittstärksten Partei aufgestiegen, genießt Greenpeace mehr Vertrauen als jede andere Institution, sind laut SPIEGEL-special-Umfrage 64 Prozent der Westdeutschen und 61 Prozent der Ostdeutschen trotz der Einheitslasten bereit, zugunsten des Umweltschutzes höhere Steuern zu zahlen.
Ausgedient hat das alte Politiker- und Gewerkschafter-Argument, Umweltschutz gefährde Arbeitsplätze. Daß das Gegenteil stimmt, ist Gemeingut: Hunderttausende verdanken ihren Arbeitsplatz dem Umweltschutz.
Die meisten Industrieunternehmen haben die rüde Blockadepolitik der frühen Jahre aufgegeben. Eine steigende Zahl von Top-Leuten aus der Wirtschaft engagiert sich für die Umwelt - nicht zuletzt aus wohlverstandenem Eigeninteresse.
Mitte der neunziger Jahre wissen nicht nur die Klügeren unter den Managern: Rückrufaktionen wegen giftbelasteter Produkte oder medienwirksame Umweltskandale wie der "gelbe Regen" beim Chemiekonzern Hoechst können die Marktchancen von Unternehmen ebenso ruinieren wie den Ruf ihrer Spitzenleute.
Umdenken dagegen zahlt sich mehr und mehr aus: Wer den Verpackungsaufwand reduziert, mindert nicht nur die Müllmenge, sondern auch den Rohstoffbedarf und steigert den Gewinn. Wer umweltgerechte Produkte auf den Markt bringt, verbessert über kurz oder lang die Ausfuhrchancen.
Die deutsche Umwelttechnik ist mittlerweile zum Exportschlager geworden. Die Bundesrepublik gilt, noch vor Japan, als Marktführer. Zu verdanken hat die deutsche Wirtschaft diesen Welterfolg - Ironie der Umweltgeschichte - ausgerechnet der einstmals von ihr verteufelten Öko-Bewegung.
Solche Entwicklungen werden, so kalkulieren Öko-Strategen, die Lernfähigkeit der Wirtschaft weiter erhöhen - was völlig neue Konstellationen ermögliche: "Eine Wirtschaft, die lernfähig wird, spaltet sich", glaubt der Münchner Soziologe Ulrich Beck - der progressive Teil der professionellen und technischen Intelligenz werde in die "Retter- und Helferrolle" schlüpfen.
An die Stelle der Konfrontation zwischen Verursacher-Industrien und Betroffenen-Gruppen könne dann Kooperation treten. Getragen würde eine Umweltbewegung neuen Stils eines Tages weniger von naturbewegten Lodenträgern als von "Technikern, Forschern, Medizinern, Richtern" - und das, meint Ulrich Beck, wäre auch sehr gut so.
Die Umweltbewegung, hofft Beck, werde nach einem Abschied von den alten Konfrontationsstrategien wieder neuen "Schwung gewinnen".
Auch der Öko-Publizist Alt glaubt, mehr und mehr Menschen würden erkennen, daß die Entscheidungen über die Lebensperspektiven der Menschheit "in den nächsten zehn Jahren" fallen müßten, möglichst vor der Jahrtausendwende.
Wenn nur jeder Fünfte seine "Angst produktiv macht für Rettungsarbeit", könne in Deutschland in der zweiten Hälfte der neunziger Jahre eine Umweltbewegung entstehen, "die stärker ist als die Friedensbewegung zu Beginn der achtziger Jahre" - und ebenso erfolgreich.
Von Jochen Bölsche

SPIEGEL SPECIAL 2/1995
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