01.02.1995

TIER OHNE WAFFE

Tante Charlottes Geburtstagsgeschenk "hat mein Leben wohl am nachhaltigsten geprägt", sagt Petra Deimer. "Delphine - Wunderkinder des Meeres" lautete der Titel des Buches, das die damals 14jährige so faszinierte, daß sie ihren Berufswunsch wechselte: Nicht mehr Taucherin wollte sie nun werden, sondern Meeresbiologin.
Zwar taucht die 46jährige bisweilen im Urlaub vor den Azoren "hautnah mit den Pottwalen", und auch zur Meeresbiologin hat Petra Deimer es gebracht. Aber sie hat diesen Beruf "eigentlich nie recht ausgeübt".
Statt dessen stieg sie "ziemlich kreuz und quer" ein, mal in die Ökobewegung, mal in den Naturschutz, dann in den Journalismus und die Schriftstellerei. Nahtlos, so scheint es, bilden Hobby, Freizeit, Erlebtes und Erlerntes im Leben der Diplombiologin aus Hamburg-Blankenese eine Einheit.
1972 reiste sie zu einer Walfangstation auf Madeira, um für ihre Diplomarbeit Beckenknochen der Pottwale zu sammeln. Stationschef Eleuterio Reis war nur unter einer Bedingung zur Mithilfe bereit: Die angehende Diplom-Biologin mußte am Walfang teilnehmen.
Petra Deimer erlebte ein "brutales Kesseltreiben auf Tiere ohne Wehr und Waffen, deren Fleisch für die menschliche Ernährung nicht zu gebrauchen ist". Sie wurden "mit der Lanze abgestochen, als sei das Meer ein Schlachthof". Ein "Sturm von Emotionen" brach in Petra Deimer los, den sie ihren "Lebtag wohl nicht mehr vergessen" kann.
Nüchtern, aber engagiert schrieb sie sich das Wal-Schlachtfest "von der Seele", in einem Katalogtext für die Moby-Dick-Ausstellung des Museums in Schleswig. Der Abstecher in die Schriftstellerei kam zum richtigen Zeitpunkt.
Die begonnene Doktorarbeit über "Die Embryonalentwicklung der Nase beim Pottwal" warf Petra Deimer leichtherzig über Bord. Das Projekt, sagt sie heute, sei "schier endlos und eigentlich auch ziemlich albern" gewesen.
Viel reizvoller erschien ihr das Angebot, bei Sielmanns Tierwelt Journalismus zu lernen, erst als Volontärin, dann als Redakteurin mit eigener Naturschutz-Kolumne, in der sie sich Elefanten und Papageien und "eben auch immer wieder meinen Lieblingstieren", den Walen, Delphinen und Robben, widmet.
Auf Anraten ihres Chefredakteurs, des Herausgebers und zweier Uni-Professoren gründete sie 1977 die Gesellschaft zum Schutz der Meeressäugetiere (GSM). Der Verein hat weltweite Bedeutung erlangt.
Die Bundesrepublik war zu jener Zeit einer der wichtigsten Importeure von Walprodukten. "Das wollte ich bremsen und startete eine Unterschriftenaktion." Zehntausende von Sympathisanten unterzeichneten den Aufruf zum Schutz der Wale.
Petra Deimer trug die Unterschriften-Liste - ein Fernsehteam war dabei - zum damaligen Bonner Landwirtschaftsminister Josef Ertl, der "mich kleine Aktivistin wohlwollend empfing und total überraschte": Er wollte sich nicht nur für ein nationales, sondern gleich für ein weltweites Handelsverbot für Walprodukte einsetzen.
So formulierte die "Mutter der Wale", wie Freunde aus der Öko-Bewegung sie voller Anerkennung titulieren, in Ertls Auftrag den offiziellen Antrag der Bundesregierung für ein Handelsverbot mit Walprodukten.
Er wurde 1981 auf der Konferenz zum Washingtoner Artenschutzübereinkommen im indischen Neu-Delhi angenommen.
Seither ist der Handel mit Produkten von Pott-, Finn- und Seiwalen untersagt. "Es war mein größter Wurf", bewertet Petra Deimer den Coup, der ihr überdies das Ehrenamt einer offiziellen Sachverständigen der Bundesregierung in Sachen Wal- und Naturschutz eingebracht hat.
Viel Sorgfalt verwandte Petra Deimer darauf, bei den Walfängern, die von dem internationalen Handelsstopp mit Walprodukten existentiell betroffen waren, Verständnis für das Verbot zu wecken. Sie fuhr nach Madeira und setzte sich mit Eleuterio Reis und seinen Walfängern zusammen.
Die Überzeugungsarbeit gelang leichter als gedacht. Reis bekannte, auch er liebe die Wale und sehe nicht gern zu, wie sie getötet werden.
Die Läuterung des Wal-Schlächters Reis erleichterte ein Scheck über 200000 Mark, den Petra Deimer vom Internationalen Tierschutz-Fonds nach Madeira mitgebracht hatte. Mit dem Geld wurde ein Museum gebaut, Reis fungierte als dessen Direktor.
Seine Fanggesellen stellen heute kleineren Meerestieren nach und fahren seit 1987 Patrouille vor einer nahe Madeira gelegenen Insel, auf der die extrem bedrohten Mönchsrobben (weltweiter Bestand: etwa 500 Tiere) heimisch sind: "Sie schieben Wache wie Wildhüter, um Touristen, Fischer, Politiker und Fotografen von den seltenen Tieren fernzuhalten."
"Ich mag auch Menschen", fügt sie rasch hinzu, "aber nicht alle."
Rainer Paul
BUCH-TIP SPIEGEL special empfiehlt: Das Buch der Wale von Petra Deimer. Heyne Verlag, München; 284 Seiten; 16,80 Mark.
Von Rainer Paul

SPIEGEL SPECIAL 2/1995
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


SPIEGEL SPECIAL 2/1995
Titelbild
Abo-Angebote

Sichern Sie sich weitere SPIEGEL-Titel im Abo zum Vorteilspreis!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Video 01:22

Protest gegen Bienensterben Imkerin macht sich selbst zum Bienenstock

  • Video "Politisches Statement: Riesen-Kunstwerk unter dem Eiffelturm" Video 02:15
    Politisches Statement: Riesen-Kunstwerk unter dem Eiffelturm
  • Video "Senioren auf Partnersuche: Ich bin nicht zu alt für Sex" Video 29:50
    Senioren auf Partnersuche: "Ich bin nicht zu alt für Sex"
  • Video "Hongkong zieht umstrittenes Gesetz zurück: Die Angst wechselt die Seiten" Video 01:23
    Hongkong zieht umstrittenes Gesetz zurück: "Die Angst wechselt die Seiten"
  • Video "Filmstarts: Ich tippe auf... Zombies!" Video 06:53
    Filmstarts: "Ich tippe auf... Zombies!"
  • Video "Abgang von Sara Sanders: Trumps Lautsprecher ist verstummt" Video 04:02
    Abgang von Sara Sanders: Trumps Lautsprecher ist verstummt
  • Video "Iran-USA: Ein Krieg, den eigentlich keiner will" Video 05:29
    Iran-USA: "Ein Krieg, den eigentlich keiner will"
  • Video "Innige Umarmung: Romanze unterm Meeresspiegel?" Video 00:43
    Innige Umarmung: Romanze unterm Meeresspiegel?
  • Video "Gut gegen Hitze: Abkühlung vom Hochhausdach" Video 01:08
    Gut gegen Hitze: Abkühlung vom Hochhausdach
  • Video "Horror-Ikone Kane Hodder: Der Mann hinter der Jason-Maske" Video 48:32
    Horror-Ikone Kane Hodder: Der Mann hinter der Jason-Maske
  • Video "US-Vorwürfe: Video soll iranischen Angriff auf Tanker beweisen" Video 00:59
    US-Vorwürfe: Video soll iranischen Angriff auf Tanker beweisen
  • Video "Unwetter in Zentralchina: 61 Tote nach Erdrutschen und Überschwemmungen" Video 00:35
    Unwetter in Zentralchina: 61 Tote nach Erdrutschen und Überschwemmungen
  • Video "Hybrid aus Fahrrad und Motorrad: Mit der Tretmühle auf die Autobahn" Video 01:07
    Hybrid aus Fahrrad und Motorrad: Mit der Tretmühle auf die Autobahn
  • Video "Besetzte Kreuzung in Berlin: Am liebsten 'ne Fahrradstraße" Video 03:26
    Besetzte Kreuzung in Berlin: "Am liebsten 'ne Fahrradstraße"
  • Video "Sensationsfund: Überreste von bislang unbekanntem Urvogel entdeckt" Video 01:32
    Sensationsfund: Überreste von bislang unbekanntem Urvogel entdeckt
  • Video "Mitten in den Sturm: Autofahrer filmen Gewitter-Superzelle" Video 00:55
    Mitten in den Sturm: Autofahrer filmen Gewitter-Superzelle
  • Video "Protest gegen Bienensterben: Imkerin macht sich selbst zum Bienenstock" Video 01:22
    Protest gegen Bienensterben: Imkerin macht sich selbst zum Bienenstock