01.02.1995

DIE MAUS DANKT

Einen neuen Duden will sich Hermann Benjes, 57, erst dann wieder kaufen, "wenn die Benjeshecke drinsteht". Daß das Wort eines Tages dudenreif ist, scheint nicht ausgeschlossen. Denn was der gelernte Gärtner vor 15 Jahren gemeinsam mit seinem Bruder ausgeheckt hat, ist zum erfolgreichsten Flurbelebungskonzept der Naturschutzgeschichte avanciert.
Gut ein Jahrzehnt lang hat der Öko-Autodidakt aus dem hessischen Bickenbach beharrlich für ein Modell geworben, nach dem Naturschützer bislang rund tausend Kilometer Feldhecken gepflanzt haben - grüne Überlebensräume für bedrohte Tier- und Pflanzenarten.
Wie Benjes gründlich leergeräumte Feld- und Wiesenränder wieder in Biotope verwandelt, ist verblüffend einfach: Gestrüpp und Baumschnitt, den die Straßenmeisterei gewöhnlich in den Shredder packt, schichtet der Heckengärtner zu einem lockeren Wall auf, und schon "sitzen die Vögel drin und scheißen sich die schönste Hecke zusammen" - mit dem Vogelkot gelangen Pflanzensamen ins Erdreich.
Ein paar Setzlinge im dürren Geäst unterstützen den Wuchs. Wenn Dorngrasmücke und Braunkehlchen kräftig den Schwanz heben, erobern Pfaffenhütchen, Brombeere und Berberitze die Hecke schon im ersten Jahr wie von selbst. Millionen Insekten - und in deren Folge wiederum Vögel und anderes Kleingetier - finden dann ihr Dorado in den Wildkräutern der Heckensaumzone.
Ein Kinderreim, den hessische Schüler dem Umweltpionier widmeten, bringt den Nutzen für die heimische Fauna auf den Punkt: "Danke für die Benjeshecke, sagen Igel, Maus und Schnecke."
Der Öko-Praktiker ist stolz darauf, daß begeisterte Vorschulknirpse, die nach seinem Konzept arbeiten, dutzendweise Umweltpreise einheimsen - eine Genugtuung für Benjes, der in den achtziger Jahren noch Werbeflächen auf Plastiktüten verkaufen mußte, um seine Familie durchzubringen.
Mittlerweile häufen sich Einladungen zu Vortragsabenden und Diskussionen derart, daß Benjes das Reisen in Sachen Naturschutz nur noch im Hauptberuf bewältigen kann. In mehr als 750 Vorträgen hat er sein Publikum, mit gut gewürzter Rhetorik und "Himmel-und-Hölle-Bildern" in ausgefeilter Doppelbildprojektion, weichgeklopft. Auf der Leinwand erscheint dann die ausgeplünderte Agrarsteppe, Feldwege wie mit dem Lineal gezogen, Horizontlinien ohne Baum und Strauch, so weit das Auge reicht. Wer nicht "komplett betongeschädigt" sei, meint Benjes, müsse angesichts der fatalen Folgen von Flurbereinigung und exzessiver Nutzung des Ackerbodens verzweifeln - oder selber tätig werden.
Die Schocktherapie zeigt Wirkung. Wenn Lokalzeitungen den Besuch von "Deutschlands berühmtestem Öko-Gärtner" ankündigen, füllen sich die Turnhallen und Bürgersäle mit Menschen, die es satt haben, immer nur Hausmüll zu trennen, und die nun selber für sichtbare Erfolge sorgen wollen.
Die Benjes-Idee hat das Gesicht der deutschen Landschaft verändert. Schulklassen, Bürgerinitiativen und Vereine haben Benjeshecken angelegt. Sogar ein Rotary-Club reiht sich in die aktive Heckengemeinde ein.
Den Rekord hält ein Pastor in Mecklenburg mit zehn laufenden Kilometern. Die am weitesten entfernte Benjeshecke wird aus Neuseeland gemeldet.
"Wer einmal erkannt hat, wieviel Tatkraft noch brachliegt", beschreibt Benjes die Quelle seines Engagements, "der kann einfach nicht den Mut verlieren."
Als Benjes vor gut zehn Jahren für sein Modell zu werben begann, kam es vor, daß ihm aufgebrachte Bauern Prügel androhten. Auch heute noch "bricht nicht gerade Harmonie aus", wenn Benjes kommt. Allmählich allerdings verbreitet sich die Einsicht, daß die grünen Wälle keine "Landfresser" sind, sondern dem Boden natürlichen Schutz vor Erosion und Austrocknung bieten - was sich für Landwirte in barer Münze auszahlen kann.
Derzeit entdecken auch Agrarämter die Feldhecke wieder, die sie einst gnadenlos bekämpft haben. Daß die Benjeshecke zum Spartarif zu haben ist, verschafft ihr einen deutlichen Vorsprung gegenüber der "Behördenhecke", die ohne teuren Maschendraht nicht gedeiht.
"Ich brauche heute nicht mehr mit der Faust auf den Tisch zu schlagen", sagt Benjes, "es reicht die flache Hand."
Im Herbst 1994 ereilte ihn eine Einladung der Flurbereinigungsbehörde im schwäbischen Trochtelfingen. Stolz präsentierte ihm dort der Amtsleiter sein bestes Stück: eine nagelneue Benjeshecke.
Beate Lakotta
BUCH-TIP SPIEGEL special empfiehlt zum Thema Naturschutz: Die Vernetzung von Lebensräumen mit Feldhecken von Hermann Benjes. Natur & Umwelt Verlagsgesellschaft, Bonn; 180 Seiten; 28,20 Mark.
Von Beate Lakotta

SPIEGEL SPECIAL 2/1995
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