01.06.1995

Mein liebstes Stück

Gerhard Schröder, Ministerpräsident: Dieser Tisch ist groß und schön. Er ist nicht nur zum Brüten über Akten gedacht: Er lädt zum Gespräch ein. Seine Form steht dafür, daß die besten Ideen im Team entstehen.
Dieter Rams, Designer: Die Arbeitsleuchte, die Jean-Louis Domecq 1951 gestaltete, begleitet mich seit mehr als zehn Jahren. Sie ist ingeniös konstruiert, beweglich, gut zu handhaben, ohne funktionale Schwäche. Besonders wichtig ist für mich aber ihre Langlebigkeit. Ich vermute, daß ihre Lebensdauer praktisch unbegrenzt ist - und auch ihr Design ist langlebig, zeitlos-unmodisch.
Sabine Christiansen, Fernseh-Moderatorin: Zeitungsausschnitte - eine Leidenschaft. Themen, Stichworte, Hintergründe. Mein Papierschneider ist immer dabei. Sein Design: schlicht und schön. Aber das Wichtigste: Er schneidet und schneidet und schneidet ...
Peter Schmidt, Designer: Fernab von meiner Arbeit sind meine liebsten Stücke meine Fußballschuhe, denn jeden Sonntag schöpfe ich Kraft, wenn ich mit meinen Mitarbeitern Fußball spiele wie in der Bundesliga.
Ulrich Wickert, Fernseh-Moderator: Der Füllhalter schreibt schöner als der Kugelschreiber, beständiger als der Bleistift, und der Gedanke wird langsamer zur Schrift - denn die Tinte muß trocknen.
Henri Nannen, Kunstsammler: Zu den Dingen, deren Design mich beeindruckt hat, gehört vor allem das Sitzmöbel von Bertoia. Man sitzt darauf gut zu Hause und in der Kunsthalle in Emden, und so ist es nicht nur ein "schöner Schein", sondern ein herzlich geliebtes Möbel.
Maria Jepsen, Bischöfin: Meine kleine Wanduhr hat kein Pendel, keine Schläge, kein Ticken. Diese Uhr vermittelt die Zeit anders, freundlicher, beruhigend geradezu. Aus dem schwarzen Stein tauchen die farbigen Stundenfelder auf. Keine Zahl hetzt mich. Die Farben lassen mich die Fülle des Lebens ahnen.
Alexander Neumeister, Designer: Der japanische Teepinsel ist für mich das Symbol von Perfektion, Schönheit, Einfachheit - der Beweis, daß es zeitlose Gegenstände gibt.
Günther Nenning, Publizist: Design ist nicht wahre Kunst, Design ist nicht wahrer Kitsch. Design ist die lügenhafte Mitte zwischen Kunst und Kitsch. Man muß Design auf die Spitze treiben. Mein liebstes Stück ist eine elektrische Madonna aus Plastik mit bunt designten Lämpchen rundherum. In die Plastiklade kommen Zettelchen mit Wünschen; berechtigte Wünsche erfüllt die Madonna. So wird Desein zu Dasein.
Hilmar Hoffmann, Kulturmanager: In meinem Haus in Sichtnähe des Goetheturms nisten Myriaden von Tauben - schöne Exemplare aus anorganischer Materie. Seit ich Bücher zur Kulturgeschichte der Brieftaube geschrieben habe, mußten Freunde nicht länger nachdenken, was sie mir zum Geburtstag schenken könnten: Tauben aus Terrakotta, Glas, Holz und Porzellan nisten in den Regalen zwischen Büchern.
Anne Bennent, Schauspielerin: Ein Koffer hat Geheimnisse, kann für mich Tisch, Stuhl, Schrank sein ... schön ... Als Kind habe ich oft in einem Koffer geschlafen.
Volker Albus, Designer: Mein liebstes Stück AUTOBAHN: die letzten Kilometer vor der Ankunft; KUCHEN: das erste von der frischen Torte (mit Schoko!); ROMAN: die Passagen, wo man alles andere vergißt; MÖBEL: mein Arbeitstisch.
Peter Gauweiler, CSU-PolitikerDen Löwen hat mir Franz Josef Strauß geschenkt, als er mich in die Bayerische Staatsregierung berufen hatte.
Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, Justizministerin: Die schwarze Tischlampe steht auf einem kegelförmigen Fuß, auf dessen Spitze ein weit ausholender Leuchtarm sitzt. Eine strenge, klare Linie paart sich mit sanften Schwüngen. Das Praktische: Die Lampe ist beliebig verstellbar und nicht starr in ihrer Konstruktion.
Philip Rosenthal, Fabrikant: Der Stuhl von Verner Panton ist aus drei Gründen mein liebstes Stück: Er ist bequem zum Sitzen und Lehnen. Er ist praktisch, weil man die Stühle raumsparend stapeln kann. Und er ist in der Form so schön, daß er eine Skulptur sein könnte.
Hans Höger, Geschäftsführer des Rates für Formgebung: Mein schönstes Stück ist ein elektrisches Schreibgerät, die Praxis 48, die Ettore Sottsass Anfang der sechziger Jahre für Olivetti entwickelt hat. Abgesehen vom technologischen Stand der Zeit, ist alles an dieser Schreibmaschine selbst heute noch besser konzipiert und überzeugender gelöst als bei den meisten vergleichbaren Produkten.

SPIEGEL SPECIAL 6/1995
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


  • Video aus Brasilien: Taucher treffen auf große Anakonda
  • SUV: Wie schädlich sind SUV?
  • Greta Thunberg trifft Barack Obama: "Fist Bumping" mit dem Ex-Präsidenten
  • Polizei erwischt Raser: Ein Wheelie zum Dienstbeginn