01.06.1995

Digitale Droge

Von Albrecht Bangert
Für brutale Themen setzt er eiserne Schrift ein, so hart zu lesen wie der Inhalt. Es folgen Seiten, sanft wie lyrische Rockballaden, gefolgt von Graffiti, Punk und Collagen aus Symbolen und Realitätsfetzen, die wirken, als wären sie der surrealen Welt eines Max Ernst entsprungen. Nach sechs Ausgaben mußte das Heft eingestellt werden. Doch was am kalifornischen Kiosk nicht lief, feiert im nachhinein Triumphe: die gestrandete Surfer- und Musik-Zeitschrift Beach Culture hat ihrem Art Director David Carson, 39, bislang mehr als 150 Auszeichnungen für die Gestaltung eingebracht, darunter so begehrte wie "Cover of the Year" und "Best Overall Design". Der emotionsgeladene Mix aus Surf, Musik und neuer Grafik wurde postum zum Kultblatt. Wäre Carsons Studio im Surferparadies Del Mar einige Meilen nördlich von San Diego nicht schon vollgestopft mit Musikkassetten, Artwork und Computern, so könnte er seine Wände mit Auszeichnungen pflastern. Doch Carson ist zu bescheiden und gleichzeitig zu fanatisch in seine Arbeit vertieft, als daß er sich den Blick auf die Gegenwart und das Wesentliche schon jetzt durch eine eigene Hall of Fame verbaute.
Sein Grafik-Design kennt weder Vorbilder noch Kompromisse. Sein Gestaltungsdrang lebt von ständig sich selbst provozierender Herausforderung, von rücksichtsloser Selbsterfahrung und künstlerischer Auseinandersetzung mit den eigenen Themen. Er vereint lyrische und erzählerische Elemente zu einer aggressiv kalkulierten Mixtur von Text und Bild - die MTV-Generation sei optisch viel belastbarer, als Art Directoren und Zeitschriftenmacher glauben wollten, sagt Carson.
Er verlangt seinem jungen Publikum Opfer ab. In Schwerstarbeit müssen Schriftbilder mit Bildfragmenten kombiniert werden, ehe eine Interpretation des Zusammenhangs möglich ist. Seine inzwischen im Rock'n'Roll-Magazin Ray Gun auf die Spitze getriebene grafische Erzählkunst und ihr Erfolg bei der Fan-Gemeinde (Durchschnittsalter: 22 Jahre) hat die Fachwelt aufgerüttelt. Innerhalb kürzester Zeit stieg die Auflage des Westcoast-Kultblattes durch Carsons Schock-Optik von 30000 auf 140000 Exemplare monatlich.
Weil Carson alle grafischen Benimmregeln bricht und als Art Director schon so ziemlich alle Todsünden begangen hat, verkörpert Ray Gun im Mittelmaßland Amerika ein seltenes Erlebnis: die ungeschönte Konsequenz der Grenzenlosigkeit. "Mein Stil hat auch eine menschliche Seite", beschwichtigt der Künstler, "denn er fordert Interaktion. Man braucht Zeit, die Dinge, die Botschaft zu entziffern. Ich hasse die Raster der US-Magazine, die alles verschlingen und letztlich nur Bequemlichkeit verkörpern."
Wie ein Talkmaster experimentiert Carson Monat für Monat mit seiner Grafik-Droge vor den Augen der Leser. "Das unterscheidet mich von Studenten, die auch extreme Versuche machen, aber nach der Benotung ihre Entwürfe wieder brav in der Schublade verschwinden lassen. Ich arbeite auch nicht wie die Grafik-Avantgardisten von Emigre, die ihre experimentelle Grafik für die 7000 Profi-Abonnenten ihrer Typo-Zeitschrift machen. Ich liebe echtes Publikum."
Diese Radikalität des Neuen, die fanatische Suche nach Kommunikationsformen erinnert an die Sternstunden der zwanziger Jahre, als die sowjetischen Propagandisten, der Dichter Wladimir Majakowski und der Grafiker Alexander Rodtschenko, Text-Bild-Collagen schufen und mit treffsicher gestalteten agitatorischen Plakaten aus ihrer "Reklamefabrik" Furore machten.
Mit einer ähnlichen Allianz aus Kunst und Provokation profilierten sich Futuristen und Dadaisten. Neville Brody, die graue Eminenz des Londoner Grafik-Punks der achtziger Jahre, respektiert seinen amerikanischen Kollegen gerade wegen dessen kraftvollen Umgangs mit kommunikativen und stilistischen Elementen: "Er ist der Zeitgenössische auf der Liste der Großen. Er hat das Zeitschriften-Design an seine Ausdrucksgrenzen geführt."
Bei Carsons radikalem Bemühen um Layout-Dominanz bleiben Autoren und Fotografen oft auf der Strecke. Mal kopiert er Texte so übereinander, daß sich Sinn und Inhalt nur erahnen lassen. Mal beschneidet er die kopfüber gesetzte Schrift mitten im Wort oder druckt Artikel ähnlichen Inhalts parallel zueinander, so daß niemand recht unterscheiden kann, was wozu gehört.
Wurden anfangs die betroffenen Autoren noch zornig und sogar tätlich, rufen sie heute beleidigt an, wenn er ihren Text nicht durch ein ungewöhnliches "treatment" aufgewertet hat: "Was hat Dir an meinem Text nicht gefallen?"
Carson hat sich mit Ray Gun eine Position geschaffen, von der manch ein Art Director träumt. Niemand darf ihm hineinregieren, niemand bekommt seine Arbeit zu Gesicht, ehe sie nicht gedruckt ist - noch nicht einmal der Verleger. So kommt es vor, daß sogar Titelseiten willkürlich kopfüber erscheinen, wie unlängst das Porträt eines Sängers der Radau-Band Dinosaur jr. - subtil visualisierte Rache des Art Directors für ein arrogantes und rotziges Interview.
Dank seines Layouts hält Ray Gun unbestritten den künstlerisch ersten Rang unter Kaliforniens New-Wave- und Techno-Blättern, vor der pseudospirituellen Cyberpunk-Zeitschrift Mondo 2000 und dem digital-euphorischen Zeitgeistblatt Wired.
Doch weil Carson als Grafiker auf dem Egotrip ist, wurde er auch zur Zielscheibe erbitterter Kritik. Ihm wurde vorgehalten, die amerikanische Jugend zum Analphabetentum zu verführen, und der in New York ansässige Grafik-Papst Massimo Vignelli beschimpfte den Ketzer als einen "Master of non-communication". Der Kolumnist Phil Patton verglich Carsons Arbeitsweise mit der eines Heimwerkers, der alle Kabel gleichzeitig an einen TV-Schirm anschließen will.
Auch Zeitschriftenprofis äußern sich eher skeptisch über das Treiben des erfolgreichen Newcomers. Roger Black etwa, der für Esquire und Rolling Stone arbeitet, sähe die Zeitschriftenwelt lieber "textstark" - als letzte Bastion gegen den Einfluß von MTV. Wenn Carsons Stil weiterhin so oft kopiert werde, sei zu befürchten, daß "Davids Zeug von 1994 schon 1995 alt aussehen könnte".
Richard Wilde, Chef des Werbegrafikdepartments der School of Visual Arts in New York, hält dagegen: "Carson hat eine neue visuelle Sprache entdeckt. Obwohl es einige Leute stört, wie er vorgeht, gibt es genügend andere, die sich nach dieser neuen Grafiksprache sehnen."
Auch das britische Design-Magazin Blueprint wertet das Carson-Phänomen als Generationskonflikt. Das Blatt führt außerdem wirtschaftliche Ängste als Grund für die Mißgunst des Establishments gegenüber der Radikalen-Fraktion an: "Carsons Arbeitsweise verkörpert alle Todsünden in den Augen der alten Garde und gleichzeitig alles, was junge Designer anmacht."
Der Münchner Anthropologe Julius Lengert sieht im Wirken des eigenwilligen Computer-Virtuosen gar "Parallelen zu Romantik und Manierismus". Lengert vergleicht das Lebensgefühl der Digital-Freaks mit dem Zeitgeist des 19. Jahrhunderts: Wie der deutsche Dichter Joseph von Eichendorff seien die Egomanen vor dem Computer auf dem "geheimnisvollen Weg nach innen".
Hysterische Leserbriefe als Reaktion auf die "bible of music + style", wie sich Ray Gun im Untertitel nennt, unterstreichen den esoterischen Unterton des neuen Genres. "Ray Gun just hit me", "I have just experienced my very first dose", "Thanks to Ray Gun, it gives a reason for living" oder "Yyyeeesss!!! I love that magazine".
Solche Publikumsbindung ist ein Zeitgeistphänomen, das auch den Werbestrategen der Madison Avenue nicht entgangen ist. Um die Generation X für die Warenwelt zu gewinnen, möchten sie von dem Direktkontakt des kalifornischen Ex-Surfers und Jugend-Idols profitieren. Seit der ersten Nummer von Ray Gun - der Name ist eine Referenz an David Bowies Song "Moonage Daydream" (... put your ray gun to my head ...) - reißen sich die Werbeagenturen um Carson. Nach Aufträgen für Nike, Pepsi, Sony, Levi's, Sega und die Citibank dreht er zur Zeit typografisch aggressive Werbespots, selbst für konservative Kunden wie die Nations Bank und Chevrolet.
Statt sich wehrlos kopieren zu lassen, engagiert sich Carson lieber selbst, wo er die Chance sieht, seine Grafik weiterzuentwickeln. Nichts sei für ihn "unerträglicher, als nach Jahren nur mit dem Stil von Beach Culture und Ray Gun identifiziert zu werden".
Sein erster Ausbruchversuch, ein Anti-Ray-Gun-Projekt, ist bereits angedacht: Carson entwickelt eine gigantische Bildsprache für die New Yorker Subway - streng klassisch in Schwarz und Weiß.
Von Albrecht Bangert

SPIEGEL SPECIAL 6/1995
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