01.07.1995

UMSCHALTEN!

DAS ATOMZEITALTER
Die globalen Klimaveränderungen, die als Folge der Freisetzung sogenannter Treibhausgase in die Erdatmosphäre zu erwarten sind, gelten als der bedrohlichste Umweltschaden, den die Industriegesellschaft anrichtet. Angesichts dieser Bedrohung hatte der Deutsche Bundestag in den beiden letztvergangenen Wahlperioden eine Enquete-Kommission "Schutz der Erdatmosphäre" eingerichtet.
Diese Kommission folgerte aus einer Bestandsaufnahme der wissenschaftlichen Erkenntnisse über die erwartbaren klimatischen Veränderungen, sie könnten "zu großen gesellschaftspolitischen Spannungen bis zu Kriegen um knapper werdende Süßwasserressourcen sowie um landwirtschaftlich nutzbare Flächen führen", zudem infolge Anhebung des Meeresspiegels zur "Überflutung küstennaher Tiefebenen".
An diesem "Treibhauseffekt" sind in erster Linie Gase beteiligt, die bei der Verbrennung der fossilen Energieträger - Kohle, Erdöl, Erdgas - entstehen. Dabei handelt es sich überwiegend um Kohlendioxid (CO2).
Seit der Weltklimakonferenz 1988 in Toronto entwarfen internationale und nationale Fachgremien Strategien zur Eindämmung der Klimakatastrophe durch Reduktionen der Emissionen von CO2 und anderen Treibhausgasen. Die UN-Konferenz für Umwelt und Entwicklung verabschiedete 1992 in Rio de Janeiro eine "Klimarahmenkonvention", setzte aber - wie auch die diesjährige Berliner Nachfolgekonferenz - keine quantitativen CO2-Reduktionsziele.
Die Enquete-Kommission "Schutz der Erdatmosphäre" erklärte im Schlußbericht 1994, die energiebedingten CO2-Emissionen müßten bis 2050 mindestens halbiert werden. Da sich die Weltbevölkerung bis dahin etwa verdoppeln wird, müßten also die Pro-Kopf-Emissionen um drei Viertel gesenkt werden. Demgegenüber prognostizierte die Internationale Energieagentur 1993 in einem "Weltenergieausblick", bei Fortsetzung des herrschenden Trends werde der Energieverbrauch und CO2-Ausstoß im Jahr 2010 in den westlichen Industrieländern um etwa 30 Prozent und weltweit um etwa 50 Prozent über dem von 1990 liegen.
Die Industrieländer, die knapp ein Viertel der Weltbevölkerung beherbergen, verursachen derzeit fast drei Viertel des weltweiten Energieverbrauchs und CO2-Ausstoßes. Entgegen einer weit - und fleißig - verbreiteten Meinung ist also nicht etwa das Bevölkerungswachstum in den Entwicklungsländern die wesentliche Ursache der drohenden Klimakatastrophe, sondern der enorme Energieverbrauch in den Industrieländern. Pro Kopf ist er im Durchschnitt fast zehnmal höher als in den Entwicklungsländern, bis zu hundertmal höher als in den ärmsten südlichen Ländern.
Solche Zahlen belegen, wie unsinnig die Vorstellung war, die energieintensive Wirtschaftsweise der Industrieländer könnte Vorbild für die Entwicklung der Dritten Welt sein. Es wäre schon eine Katastrophe, wenn der Standard der Motorisierung in Deutschland sich weltweit durchsetzen würde. Das neue Leitbild des "sustainable development" als einer im globalen Maßstab zukunftsfähigen, ökologisch stabilen Entwicklung weist darauf hin, daß auch die Industriegesellschaft sich "entwickeln" muß.
Als mittelfristige Zielsetzung empfahl die deutsche Enquete-Kommission, CO2-Emissionen im alten Bundesgebiet bis zum Jahr 2005 um 30 Prozent gegenüber 1987 zu reduzieren. Auf dieser Grundlage beschloß die Bundesregierung am 7. November 1990 das Ziel, die CO2-Emissionen bis 2005 im alten Bundesgebiet um 25 Prozent und in den neuen Bundesländern um einen "deutlich höheren" Prozentsatz zu reduzieren.
Diesen Beschluß hat die Bundesregierung zuletzt am 29. September 1994 bekräftigt, dabei aber das Ziel in eine 25- bis 30prozentige Reduktion für ganz Deutschland abgewandelt. Diese unscheinbare Abwandlung ermöglicht es, nun als Erfolg zu verkünden, der deutsche CO2-Ausstoß sei von 1987 bis 1993 bereits um 15 Prozent zurückgegangen. Das liegt freilich vor allem am Zusammenbruch der Industrieproduktion in den neuen Ländern, deren CO2-Ausstoß um fast die Hälfte sank. Dagegen stieg er im alten Bundesgebiet leicht an.
Zeigt also die Praxis, daß die von der "Klima"-Enquete-Kommission gesteckten Ziele pures Wunschdenken sind? Oder mangelt es an der Durchsetzung geeigneter Rahmenbedingungen?
Die Empfehlungen der Enquete-Kommission von 1990 beruhten auf einem umfangreichen Studienprogramm. Dessen Ergebnisse repräsentieren den aktuellen Stand der Erkenntnis über die energiewirtschaftlichen Möglichkeiten zur Reduktion der CO2-Emissionen. Trotz unterschiedlicher Auffassung zur Nutzung der Kernenergie herrschte Einigkeit darüber, daß auf absehbare Zeit - für mindestens noch zwei Jahrzehnte - das wirtschaftliche Potential zur Senkung der CO2-Emissionen hauptsächlich in Maßnahmen zur Senkung des Energieverbrauchs besteht und nicht so sehr in der Bereitstellung neuer Energiequellen.
Der CO2-Ausstoß läßt sich nur reduzieren durch Verminderung des Verbrauchs fossiler Energieträger und - begrenzt - durch Substitution von Kohle oder Öl durch Erdgas: Je Energieeinheit entsteht bei der Verbrennung von Braunkohle etwa 100 Prozent, von Steinkohle 70 Prozent und von Erdöl 40 Prozent mehr CO2 als bei der Verbrennung von Erdgas.
Fossile Energieträger decken in Deutschland wie auch weltweit nahezu 90 Prozent des Energieverbrauchs. Daher ist die Verminderung des generellen Energieverbrauchs praktisch gleichbedeutend mit der Verminderung des Einsatzes an fossilen Energieträgern und folglich des CO2-Ausstoßes. Sie geht zudem einher mit einer generellen Entlastung der Umwelt, denn die Luftschadstoffe, die Menschen, Tiere und Pflanzen, Böden und Gewässer vergiften, entstehen ganz überwiegend bei der Verbrennung fossiler Energieträger.
Außer durch Verminderung des Energieverbrauchs läßt sich der Verbrauch an fossilen Energieträgern nur reduzieren durch Einsatz von Atomenergie oder erneuerbarer ("regenerativer") Energie.
Atomenergie dient ausschließlich, erneuerbare Energie derzeit noch ganz überwiegend zur Erzeugung von Strom. Weltweit deckt Strom 13 Prozent des "Endenergiebedarfs", das heißt des Energiebedarfs aller (gewerblichen, öffentlichen und privaten) Endverbraucher. An der weltweiten Stromerzeugung hat Atomenergie 17 Prozent, erneuerbare Energie, hauptsächlich als Wasserkraft, 20 Prozent Anteil.
Der Anteil des Atomstroms an der Deckung des weltweiten Endenergiebedarfs beträgt also 17 Prozent von 13 Prozent gleich 2,2 Prozent. Das Resultat vier Jahrzehnte langer Anstrengungen zum Ausbau der Atomenergie liefert einen recht bescheidenen Beitrag zur Verminderung der CO2-Emissionen.
Eine publizistische Offensive der Atomgemeinde suggeriert zwar eine weltweite Renaissance der Atomenergie; aber trotz aller Propaganda für mehr atomaren Klimaschutz verzeichnet die Atomstatistik - außer in Japan und Korea - keinerlei neue Aufträge zum Bau von Atomkraftwerken, seit im Jahr 1988 die Weltklimakonferenz in Toronto die Nachricht von der drohenden Klimakatastrophe verbreitet hat.
Hohe Kosten der Atomkraftwerke und Überkapazitäten an Kraftwerken führten dazu, daß in den westlichen Industriestaaten mit Ausnahme Frankreichs und Japans schon seit Mitte der siebziger Jahre nur noch sehr vereinzelt der Bau neuer Atomkraftwerke begonnen wurde. Seit der Reaktorkatastrophe im amerikanischen Harrisburg (1979) und vor allem seit der schrecklichen Demonstration der atomaren Gefahren in Tschernobyl (1986) erscheint zudem der Bau neuer Atomkraftwerke zumindest in den meisten Industriestaaten als nicht mehr durchsetzbar.
Für den Klimaschutz spielt die Atomenergie in Zukunft wohl nur noch publizistisch eine erhebliche Rolle.
Wasserkraft hat weltweit an der Stromerzeugung einen etwas höheren Anteil als Atomenergie. Insgesamt ist aber die Bedeutung auch der regenerativen Energie noch recht bescheiden. Längerfristig können und müssen zunehmend regenerative Energietechnologien anstelle fossiler Energieträger eingesetzt werden.
Ein durchgreifender Einsatz regenerativer Technologien anstelle fossiler Energieträger setzt aber voraus, daß die Energiesparpotentiale weitgehend ausgeschöpft werden. Es wäre zwar technisch möglich, aber sinnlos, weil enorm aufwendig, Häuser solar zu beheizen, die nicht unter weitgehender Ausschöpfung technischer Energiesparpotentiale gestaltet sind. Dringend ist derzeit die Intensivierung der Entwicklung regenerativer Technologien sowie die Unterstützung der Markteinführung solcher regenerativer Technologien, die - wie die Windkraft - schon marktnahe sind.
Die Nutzung regenerativer Energie erhöht den CO2-Gehalt der Atmosphäre nicht. Sie ist aber auch nicht in jedem Fall besonders umweltfreundlich. Die Reduzierung des Energieverbrauchs, das "Energiesparen", ist nicht nur die mittelfristig bedeutendste "Energiequelle", sie ist auch die umweltverträglichste. Ihr wirtschaftlich erschließbares Potential ist für die Industriestaaten zudem recht gut erforscht durch zahlreiche Untersuchungen für einzelne Sektoren des Energieverbrauchs und deren Bündelung zu Energieszenarien, die mögliche Entwicklungen des zukünftigen Energieverbrauchs beschreiben.
So wurden im Rahmen der umfangreichen Studienprogramme der "Klima"-Enquete-Kommission Szenarien entwickelt: Sie zeigen Wege auf, die zu CO2-Reduktionen um 30 Prozent bis zum Jahr 2005 für die alten Bundesländer sowie um 50 Prozent bis zum Jahr 2020 für ganz Deutschland führen. Solche Szenarien sind außerordentlich komplex. Wir wollen aber einige der bedeutendsten Möglichkeiten zur durchgreifenden Senkung des Energieverbrauchs und CO2-Ausstoßes in Deutschland skizzieren.
Daß die Höhe des Energieverbrauchs kein verläßlicher Indikator für Wohlstand ist, zeigt sich schon daran, daß der Pro-Kopf-Energieverbrauch in der DDR vor der Wende um rund 30 Prozent über dem der Bundesrepublik lag. Seitdem ist er in den neuen Bundesländern drastisch gesunken, überwiegend als Folge der dramatisch gesunkenen Industrieproduktion. In Zukunft ist ein nachhaltig niedrigerer Energieverbrauch als Folge des mit Modernisierung einhergehenden Aufbaus energieeffizienterer Strukturen zu erwarten.
Ein für die Energie- und CO2-Einsparung besonders bedeutender Sektor ist die Stromerzeugung. Derzeit dienen 35 Prozent der in Deutschland eingesetzten, der Natur entnommenen "Primärenergie" zur Stromerzeugung. Wegen der hohen Verluste bei der Umwandlung von Brennstoffenergie in Strom deckt aber Strom nur 17 Prozent des Bedarfs an "Endenergie", sprich des Energiebedarfs der Endverbraucher. Bei denen kommt derzeit durchschnittlich nur ein Drittel der eingesetzten Primärenergie als elektrische Energie an.
An den deutschen CO2-Emissionen hat die Stromerzeugung mit knapp 40 Prozent einen noch höheren Anteil als am Primärenergieeinsatz, obwohl ein Drittel des Stroms aus Atomenergie und regenerativ (hauptsächlich aus Wasserkraft) erzeugt wird. Dafür werden aber die übrigen zwei Drittel überwiegend aus Braun- und Steinkohle, also aus den besonders CO2-intensiven Brennstoffen erzeugt.
Effizientere Umwandlungstechnologien ermöglichen in Zukunft drastische Einsparungen an Primärenergie und CO2-Ausstoß beim Ersatz der bestehenden Kraftwerke. Die von jetzt an gebauten Kraftwerke benötigen erheblich weniger Brennstoffenergie zur Stromerzeugung. Gegenüber dem Durchschnitt des derzeitigen deutschen Kraftwerksbestandes verbrauchen neue Kohlekraftwerke ein Fünftel, neue Gaskraftwerke ein Drittel weniger. Zudem kann der Anteil der Heizkraftwerke, die Strom gekoppelt mit Fernwärme oder industrieller Prozeßwärme erzeugen, um ein Mehrfaches erhöht werden. Im Verhältnis zur üblicherweise getrennten Erzeugung von Wärme und Strom benötigt diese "Kraft-Wärme-Kopplung" in der Regel ein Viertel bis ein Drittel weniger Brennstoff.
Bei der kontinuierlichen Erneuerung des Kraftwerksparks könnten die verfügbaren Verbesserungen der Effizienz kombiniert werden mit einem Rückzug aus der Kohleverstromung zugunsten von Erdgas und einem Ausbau der Kraft-Wärme-Kopplung von derzeit 10 auf 50 Prozent Anteil an der Stromerzeugung. Dann würde im Jahr 2020 zur Stromerzeugung etwa 40 Prozent weniger Primärenergie benötigt und - gleicher Atomstromanteil vorausgesetzt - 65 Prozent weniger CO2 emittiert als heute. Bei Fortfall des Atomstroms würde der CO2-Ausstoß "nur" auf knapp die Hälfte sinken, soweit nicht regenerativ erzeugter Strom den Atomstrom ersetzt.
Die Realisierung dieses Szenarios der Stromerzeugung wäre technisch unproblematisch und nicht nur ökologisch wünschbar, sondern auch gesamtwirtschaftlich kostengünstig. Aber sowohl ein Rückzug aus der Kohleverstromung als auch ein durchgreifender Ausbau der Kraft-Wärme-Kopplung müßte gegen mächtige Interessen durchgesetzt werden.
Die Braunkohleverstromung im Rheinland wird mit der im Februar erteilten Genehmigung für den Tagebau Garzweiler II für Jahrzehnte festgeschrieben. In den neuen Bundesländern bemüht sich der östliche Ableger der großen westdeutschen Stromversorger im Verein mit Landesregierungen, den Bau kommunaler Heizkraftwerke zugunsten des Strombezugs aus Braunkohle-Großkraftwerken zu unterbinden.
Die Stromerzeugung aus Heizkraftwerken, die in der Regel von Stadtwerken und der örtlichen Industrie betrieben werden, schmälert den Absatz der jeweils vorgelagerten Stromversorger, ihr Bau trifft daher seit jeher auf deren Widerstand.
Nicht zuletzt deswegen nutzen Kommunen die Kraft-Wärme-Kopplung in ganz unterschiedlichem Maß. So wird der Raum-Wärmebedarf in Flensburg nahezu vollständig, in Lübeck nahezu überhaupt nicht, in den alten Bundesländern insgesamt zu 8 Prozent, im benachbarten Dänemark zu fast 50 Prozent durch Fernwärme gedeckt.
Solche Vergleiche lassen vermuten, was detaillierte Untersuchungen belegen: Die gekoppelte Erzeugung von Strom und Wärme könnte in Deutschland um ein Mehrfaches gesteigert werden, würde der Staat, wie in Dänemark, dafür klare Signale setzen.
Energetisch ist es unsinnig, Strom unter hohen Verlusten aus Wärme zu erzeugen, um ihn in Wärme zu verwandeln. Doch fast 40 Prozent des erzeugten Stroms dienen nicht stromspezifischen Zwecken - Beleuchtung, Elektromotoren, Elektronik -, sondern zur Erzeugung von Wärme.
Eine dem Klimaschutz verpflichtete Politik könnte dies abstellen und einen allmählichen Rückgang des Wärmestroms bewirken. Sie würde damit auch dazu beitragen, den Energieeinsatz für die Stromerzeugung zu vermindern.
Zu den 35 Prozent des derzeitigen Primärenergieverbrauchs, die der Stromerzeugung dienen, gehört die Atomenergie und nahezu die gesamte regenerative Erzeugung. Weitere 11 Prozent gehen in Raffinerien verloren oder wandern als Rohstoff in die Chemieindustrie. Die restlichen 54 Prozent gelangen als Brenn- und Treibstoffe zu den gewerblichen, öffentlichen und privaten Endverbrauchern, wo ihre Verbrennung 55 Prozent des deutschen CO2-Ausstoßes hervorruft.
Die Möglichkeiten zur Einsparung von Primärenergie bei der Stromerzeugung liegen im Bereich der Energiewirtschaft, die die Endverbraucher mit Endenergieträgern beliefert. Die Potentiale zur Verminderung dieses Endenergieverbrauchs, zu dem auch der Stromverbrauch zählt, liegen dagegen im Bereich der Nutzung von Energie.
Seit um die Mitte der siebziger Jahre die rationelle Nutzung von Energie Beachtung fand, haben zahlreiche Einzeluntersuchungen Möglichkeiten zur durchgreifenden Senkung des Energieverbrauchs ohne Konsumverzicht aufgedeckt. Der Endenergieverbrauch der Industrieländer wird weitgehend bestimmt durch den Bestand an energieverbrauchenden Produkten, wie Gebäuden, Heizungs- und Produktionsanlagen, elektrischen Geräten und Fahrzeugen.
Diese Energienutzungsstruktur ist historisch entstanden, großenteils noch bevor die Ölpreissteigerungen der siebziger Jahre - mit Zeitverzug - bewirkten, daß energieeffizientere Produkte auf den Markt kamen. Sie wandelt sich ständig. Schon in 20 Jahren wird von der jetzigen Energienutzungsstruktur - mit Ausnahme der meisten Gebäude - nahezu nichts mehr existieren. Die Wandelbarkeit der Nutzungsstruktur zeigt sich im Vergleich des Energieverbrauchs älterer mit neuen Produkten.
Gut 30 Prozent des Endenergieverbrauchs werden in den alten Bundesländern für die Heizung von Gebäuden verwendet, zwei Drittel davon für Wohnungen. Dieser Heizenergieverbrauch hat sich seit 1973 kaum verändert, obwohl seitdem die gesamte Wohnfläche um die Hälfte angewachsen ist. Das wurde kompensiert durch bessere Wärmedämmung, effizientere Heizkessel und energiebewußteres Verhalten.
Der durchschnittliche jährliche Heizenergieverbrauch je Quadratmeter Wohnfläche von Einfamilienhäusern, die in den alten Bundesländern bis Ende der sechziger Jahre gebaut wurden, lag bei 300 Kilowattstunden. Er war fast doppelt so hoch wie bei den seit Mitte der achtziger Jahre gebauten und rund vier- bis fünfmal so hoch wie bei Hunderten von sogenannten Niedrigenergie-Häusern, die in den letzten Jahren in Deutschland entstanden und die in etwa dem in Schweden vorgeschriebenen Standard entsprechen.
Dieser Standard wird für alle deutschen Neubauten erst erreicht nach der nächsten Verschärfung der Wärmeschutzverordnung, welche die Bundesregierung bereits angekündigt hat. Danach läge der Heizenergiebedarf von Neubauten bei etwa einem Drittel des durchschnittlichen Bedarfs im derzeitigen Gebäudebestand.
Bei den meisten bestehenden Gebäuden ließe sich durch nachträgliche Wärmedämmung und Heizungssanierung ein ähnlicher Standard erreichen wie bei Neubauten. Solche Maßnahmen sind aber bei den derzeit niedrigen Heizöl- und Heizgaspreisen wirtschaftlich nicht attraktiv, schon gar nicht bei Mietshäusern, deren Heizkosten nicht die Besitzer, sondern die Mieter zahlen.
Da nachträgliche Dämmung nicht verordnet ist, geschieht derzeit hier auch wenig. Studien zeigen, daß schon bei moderat erhöhten Energiepreisen, wie sie durch Energiesteuern erreicht werden könnten, durchgreifende Dämm-Maßnahmen im Zuge fälliger Fassadenerneuerungen wirtschaftlich würden.
Die Realisierung der enormen technischen Potentiale zur Senkung des Heizenergiebedarfs setzt ein energiebewußtes Verhalten der Bewohner voraus. Das gilt nicht zuletzt auch für den Verbrauch an Warmwasser, der derzeit etwa 15 Prozent des Heizenergieverbrauchs entspricht, bei heutigen gängigen Niedrigenergie-Häusern aber 50 Prozent des Heizenergiebedarfs erreicht, wenn die Nutzer einen durchschnittlichen Wasserverbrauch beibehalten. Hier zeigen sich die Grenzen der technischen Möglichkeiten des Klimaschutzes.
Auch bei elektrischen Geräten gibt es Möglichkeiten, den Verbrauch durchgreifend zu senken. So lag der Normverbrauch eines durchschnittlichen Kühlschranks vor 1975 bei 2 Kilowattstunden pro Tag, damit dreimal so hoch wie bei den heute verbreitet angebotenen effizienteren Kühlschränken, fünfmal so hoch wie beim effizientesten der marktgängigen Geräte.
Wenn alle absehbaren technischen Möglichkeiten ausgenutzt würden, dürfte die Ausstattung aller Haushalte mit Kühlschränken und Waschmaschinen die Erreichung von Klimaschutzzielen nicht gefährden. Eine Ausstattung aller Haushalte mit den stromintensiven Wäschetrocknern, die derzeit jeder vierte Haushalt hat, erscheint dagegen schon als nicht mehr vertretbar.
Nach der Raumheizung mit gut 30 Prozent Anteil am Endenergieverbrauch sind Industrieproduktion und Kraftfahrzeuge mit je einem Viertel Anteil die bedeutendsten Sektoren der Energienutzung. Wegen der unterschiedlichen Mischung der Energieträger in diesen Sektoren sind die CO2-Emissionen etwas anders verteilt: Raumheizung und Kraftfahrzeuge sind daran mit je 30 Prozent beteiligt, die Industrie mit etwa einem Viertel.
Von 1973 bis 1993 ist in den alten Bundesländern der Energieverbrauch der Industrie um ein Viertel gesunken, der des Straßenverkehrs um fast drei Viertel gestiegen. Die Summe der beiden blieb konstant und machte stets etwa die Hälfte des Endenergieverbrauchs aus. Der lag 1993 geringfügig, um fünf Prozent, über dem Niveau von 1973.
Während der Energieverbrauch der westdeutschen Industrie in diesen 20 Jahren um ein Viertel zurückging, stieg ihre Wertschöpfung inflationsbereinigt ebenfalls um ein Viertel, ihre "Energieproduktivität" damit um zwei Drittel. Dieser Trend hält an. Er erklärt sich zu einem Viertel aus Strukturwandel, zu drei Vierteln aus Maßnahmen zur rationelleren Energienutzung. Die Motivation zur Verbesserung der Nutzungstechnik würde freilich vor allem in Wachstumsbranchen wie der Investitionsgüterindustrie, deren Energiekosten derzeit kaum ein Prozent des Umsatzes ausmachen, durch höhere Energiepreise steigen. Insgesamt ist das Energiesparpotential angesichts der Vielfalt industrieller Produktion weniger überschaubar als das homogenerer Sektoren wie Raumwärme oder Kraftfahrzeuge.
Der beständige Anstieg des Verbrauchs im Kraftfahrzeugsektor wird anhalten, wenn die Verkehrspolitik nicht durchgreifend umsteuert, insbesondere beim Pkw-Verkehr, der drei Viertel des im Straßenverkehr verbrauchten Treibstoffes und bereits ein Sechstel des gesamten deutschen Endenergieverbrauchs beansprucht.
Der technische Fortschritt hat nicht verhindert, daß der durchschnittliche Treibstoffverbrauch je 100 Kilometer Fahrleistung seit 1973 fast konstant geblieben ist und höher liegt als in den sechziger Jahren, weil die verkauften Autos im Durchschnitt immer größer, schwerer, schneller wurden. Um diesen Trend, der alle Energiesparstrategien konterkariert, umzudrehen, muß einerseits der Autoverkehr vermindert werden, und zwar mit Hilfe einer auf Ausweitung des öffentlichen Verkehrs zugeschnittenen Investitionspolitik anstelle der Politik, die durch den geltenden Bundesverkehrswegeplan vorgezeichnet ist. Andererseits bedarf es der Durchsetzung sparsamer Automobile.
Autos, die fünf Liter je 100 Kilometer verbrauchen - halb soviel wie derzeit der Durchschnitt des Pkw-Bestandes - kann man bereits kaufen. Sie sind allerdings schwach motorisiert, also langsam, und klein, damit leicht; das sind Grundvoraussetzungen für sparsame Fahrzeuge.
Sollen sie sich durchsetzen, dann muß der Trend zu immer größeren, immer schnelleren Autos gebrochen werden. Hier geht es auch um technische Entwicklung, aber noch mehr um den Symbolwert der Autos, um Änderungen des sozialen Verhaltens, der Einstellung zum Automobil. Die läßt sich nicht verordnen, Grenzen des zulässigen Verbrauchs aber lassen sich festlegen - wie in Kalifornien, wo ein im Lauf der Zeit sinkender Flottenverbrauch vorgeschrieben ist. Gewiß hängt der Energieverbrauch immer auch vom alltäglichen persönlichen Verhalten ab. Aber in noch wesentlicherem Maß wird der zukünftige Energieverbrauch bestimmt durch die Effizienz der sich wandelnden Energienutzungsstruktur.
Wie energieeffizient die künftigen Elektrogeräte und Autos, die künftigen Investitionen in Produktionsanlagen und Gebäude sein werden, das hängt weitgehend ab von Rahmenbedingungen, die politisch gesetzt werden.
Vordringlich ist die spürbare Erhöhung der Energiepreise durch Steuern oder Abgaben, damit energiesparende Maßnahmen sich betriebswirtschaftlich lohnen. Dies rechtfertigt sich als Internalisierung der "externen Kosten", sprich der umweltschädlichen Folgen des Energieverbrauchs: Die Energiepreise sollten "die ökologische Wahrheit sagen". Energiesteuern sollten nicht zum Stopfen von Haushaltslöchern dienen, sondern durch Entlastung von anderen Steuern oder Sozialabgaben kompensiert werden und so eine ökologische Reform des Steuersystems herbeiführen.
Solche Grundsätze sind eigentlich längst unstrittig. Doch trotz aller guten Gründe haben wirtschaftliche Interessengruppen die Durchsetzung der Energiesteuer in der EU wie auch in den USA verhindert. Dabei darf es nicht bleiben; die Energiesteuer muß endlich auf nationaler Ebene eingeführt werden. Wenn sie aber hauptsächlich zur Finanzierung der Förderung heimischer Steinkohle dient, so wird das Konzept einer ökologisch motivierten Steuer diskreditiert.
Zusätzlich zur Erhebung zunächst spürbarer, im Lauf der Zeit steigender Energiesteuern ist der Einsatz eines breitgefächerten ordnungs-, finanz- und investitionspolitischen Instrumentariums erforderlich, um Hemmnisse zu beseitigen, die einer durchgreifenden Senkung des Energieverbrauchs, und damit des CO2-Ausstoßes, im Wege stehen.
So werden beispielsweise Wohnungsbaugesellschaften auch durch hohe Energiepreise nicht zu Investitionen in die Wärmedämmung über das durch die Wärmeschutzverordnung vorgeschriebene Maß hinaus motiviert, solange die (auf die Mieter umgelegten) Heizkosten sie gar nicht tangieren. Interessenidentität zwischen Mieter und Vermieter könnte aber hergestellt werden durch ein System von Warmmieten, bei dem der Heizkostenanteil durch eine gebäudespezifische Kennzahl für den Heizenergieverbrauch (Energiepaß) bestimmt wird.
Die Beispiele Mietwohnung und Autoverkehr verdeutlichen, daß Energiepolitik auf vielen Feldern Hilfestellung geben muß, um das hohe Potential effizienterer Energienutzung zu aktivieren. Denn für die meisten privaten und gewerblichen Verbraucher ist Energie Nebensache. Im Gegensatz zur Energiewirtschaft, die naturgemäß am Absatz von Energieträgern interessiert ist, entwerfen sie keine Energiestrategien, bilden sie keine Lobby, sind sie mangelhaft informiert und motiviert.
Energiespar-Investitionen unterbleiben auch aus Kapitalmangel, infolge extremer Erwartungen an kurze Amortisationszeiten, mangels Interessenidentität zwischen Besitzern und Nutzern (wie bei Mietshäusern), wegen der Spaltung in Grund- und Arbeitspreis oder weil Einsparungen an Strom und Gas mangelhaft belohnt werden - und so fort. Darüber hinaus haben die Hersteller der energieverbrauchenden Geräte, Produktions- und Heizungsanlagen, Fahrzeuge und Gebäude kein eigenständiges Interesse an der energiesparenden Ausstattung ihrer Produkte.
Es mangelt nicht an detaillierten Konzepten für eine Energiepolitik, die diese vielfältigen Hemmnisse für die Ausschöpfung des Energiesparpotentials abbaut, es mangelt an deren Durchsetzung. Klimaschutz ist auch ein technisches, noch mehr aber ein politisches Problem.
Eine durchgreifende Senkung des Energiebedarfs durch Aufbau effizienterer Nutzungsstrukturen ist die unabdingbare Grundlage für ein ökologisch verträgliches Energiesystem. Schon jetzt muß zudem die Markteinführung bereits marktnaher regenerativer Energieträger - vor allem Windkraft und Biomasse aus land- und forstwirtschaftlichem Abfall - forciert werden.
Was Politik hier bewirken kann, zeigt die in Deutschland Anfang 1991 gesetzlich geregelte Vergütung für Windstrom. Seitdem hat sich die Gesamtleistung der Windkraftwerke von Jahr zu Jahr verdoppelt. In Dänemark, wo Windkraft bereits drei Prozent zur Stromerzeugung beiträgt, hatten staatliche Rahmenbedingungen auch dafür gesorgt, daß die energetische Nutzung von Abfallbiomasse bereits sieben Prozent des gesamten Energiebedarfs deckt.
Langfristig muß der nach Umstrukturierung des Nutzungssystems verbleibende Energiebedarf weitgehend regenerativ gedeckt werden durch eine bunte Palette von Wind- und Wasserkraft, Solarstrom, aktiver und passiver Solarwärme, Erdwärme, Biogas und Biotreibstoff, Holz und Stroh. Es geht dabei nicht um die eine, erlösende Technologie - vielmehr um die intelligente Kombination einer Vielzahl von Versorgungstechnologien mit rationellen Nutzungstechnologien.
1938
Otto Hahn und einem Mitarbeiter gelingt in Berlin die erste Kernspaltung
1939
Irene und Frederic Joliot-Curie entdecken die Möglichkeit der Kettenreaktion
1941
Im US-Bundesstaat Vermont wird der Prototyp eines Putnam-Windkraftwerks mit einer geplanten Leistung von 1 Megawatt in Betrieb genommen
1945
Am 16. Juli zünden die USA in Los Alamos die erste Atombombe
1945
Im August werden Hiroschima und Nagasaki durch US-Atombomben zerstört
1949
In den französischen Pyrenäen wird ein Sonnenschmelzofen errichtet, der Material ohne Verunreinigung schmelzen läßt
1952
Explosion der ersten (amerikanischen) Wasserstoffbombe auf dem pazifischen Eniwetok-Atoll
1953
An der Rhone in Frankreich wird Europas größtes Wasserkraftwerk eingeweiht
1953
US-Präsident Dwight D. Eisenhower hält seine programmatische Uno-Rede "Atome für den Frieden"
1954
In den USA wird die Silizium-Solarzelle zur Umwandlung von Licht in Strom entwickelt
1954
Stapellauf der amerikanischen "Nautilus", des ersten Atom-U-Bootes der Welt
1955
Im Oktober wird Franz Josef Strauß (CSU) erster deutscher Atomminister
1955
Das Wort Atom ist immer noch eher positiv besetzt; der Volksmund rühmt den "Atombusen" von Anita Ekberg
1956
Robert Jungks Anti-Atom-Klassiker "Heller als tausend Sonnen" erscheint
1957
In Stötten auf der Schwäbischen Alb installiert der deutsche Ingenieur Ulrich Hütter eine 100-Kilowatt-Windturbine
1957
Nuklearkatastrophe im Süd-Ural; Reaktorunfall im britischen Windscale
1962
Eine Bonner Broschüre empfiehlt den Deutschen eine Aktentasche über dem Kopf als Schutz vor Atom-Fallout
1967
Das Gezeitenkraftwerk am Atlantik im nordfranzösischen Saint-Malo liefert erstmals Strom ins elektrische Verbundnetz
1969
In den französischen Pyrenäen geht ein weiterer Solar-Schmelzofen, der weltgrößte, in Betrieb
1970
Der Atomwaffen-Sperrvertrag (zwischen den USA, der UdSSR und Großbritannien) tritt in Kraft
1972
Der Club of Rome warnt unter dem Titel "Die Grenzen des Wachstums" vor einem globalen Öko-Kollaps
1973
Nach der drastischen Erhöhung der Ölpreise wird erstmals in Deutschland ein Sonntagsfahrverbot erlassen
1974
Im hessischen Biblis geht der größte Kernkraftwerksblock der Welt ans Netz
1975
"Atomkraft - nein danke": Im badischen Wyhl erste Massenproteste gegen den Bau eines deutschen Kernkraftwerks
1979
Auf Hawaii geht das erste Kraftwerk der Welt, das die Meereswärme nutzt, ans Netz
1979
Havarie im Kernkraftwerk "Three Miles Island" bei Harrisburg (USA)
1980
Gründungsversammlung der bundesweiten Umwelt- und Anti-Atom-Partei "Die Grünen"
1982
Massenproteste der deutschen Friedensbewegung gegen die geplante Stationierung von US-Atomraketen
1983
Auf der Insel Pellworm nimmt das erste deutsche Solarkraftwerk mit einer Leistung von 200 Megawatt den Betrieb auf
1984
Bei Brunsbüttel liefert das störanfällige Windkraftwerk Growian Strom (bis 1988)
1985
Protest des (daraufhin von den Franzosen versenkten) Greenpeace-Schiffs "Rainbow Warrior" gegen Atomtests im Pazifik
1985
Erste Rallye für Solarmobile in der Schweiz
1986
Größte zivile Atomkatastrophe im ukrainischen Tschernobyl
1988
Erster Weltklimagipfel in Toronto - keine verbindlichen Beschlüsse, auch nicht bei den Folgekonferenzen
1989
Verzicht auf den Weiterbau der Wiederaufarbeitungsanlage im bayerischen Wackersdorf
1991
Nach der Wiedervereinigung werden alle Atomkraftwerke der ehemaligen DDR stillgelegt
1991
Verzicht auf den Schnellen Brüter in Kalkar (NRW)
1994
Siemens kündigt die Schließung der Hanauer Altanlage zur Plutonium-Mischoxid-Brennelementfertigung an
1995
In New York wird der von 178 Mitgliedsstaaten der UN unterschriebene Vertrag über die Nichtverbreitung von Kernwaffen auf unbefristete Zeit verlängert
Von Klaus Traube

SPIEGEL SPECIAL 7/1995
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SPIEGEL SPECIAL 7/1995
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