01.12.1995

Anatomie des Ohrwurms

Hermann Rauhe, 65, ist Präsident der Hamburger Hochschule für Musik und Theater sowie Professor für Musikwissenschaften. Das Gespräch führte Günther Stockinger.
special: Herr Professor Rauhe, haben Sie heute morgen unter der Dusche gesungen?
Rauhe: Ja, "Yesterday", von den Beatles.
special: Welche Ohrwürmer verfolgen Sie sonst noch durch Ihr Leben?
Rauhe: Sehr oft das 3. Brandenburgische Konzert von Bach. (Singt.) Oder die Italienische Sinfonie von Mendelssohn. (Singt.)
special: Trällern Sie auch andere U-Musik als die der Beatles?
Rauhe: Selbstverständlich. Ich habe ja ein Faible für die leichte Muse, was mir einige Kollegen immer wieder übelnehmen. Das war übrigens auch der Grund, weshalb ich in der Aufnahmeprüfung zu der Hochschule, die ich heute leite, erst einmal durchgefallen bin. Ich habe damals Bach und Beethoven "swinging" gespielt, mit einer Jazz-Artikulation und -phrasierung, was zu dieser Zeit, das war 1950, völlig verpönt war. Die waren entsetzt, wie jemand derart Blasphemie betreiben konnte.
special: Fallen Ihnen ein paar Ohrwürmer aus dem neueren Repertoire ein?
Rauhe: "Tea for Two", etwa, aus dem Musical "No, no, Nanette". (Singt.) Oder "Moon River", aus dem Film "Frühstück bei Tiffany", komponiert von Henry Mancini, dem erfolgreichsten Filmkomponisten in Hollywood.
special: Wie wird der Tag, wenn Sie ihn mit "Yesterday" beginnen?
Rauhe: Ich bin entspannt. Mein Abwehrschirm gegen den Alltagsstreß funktioniert besser.
special: Welche Songs regen Sie an?
Rauhe: "Tea for Two". Die Melodie hat den großen Vorzug, daß sie alle paar Jahre den Rhythmus geändert hat. Deshalb ist "Tea for Two" auch ein Super-Hit geworden. Als das Stück 1924 entstand, war es ein Foxtrott-Rhythmus, fünf Jahre später Rumba, langsamer Walzer, Tango und so fort. Unabhängig voneinander haben die Soziologen Adorno und Silbermann, die sonst nie einer Meinung waren, festgestellt, daß "Tea for Two" das Modell musikalischer Massenkommunikation schlechthin ist. Der Grund war für beide übereinstimmend, daß es sich den wechselnden Tanz- und Rhythmusmoden angepaßt hat. Was die Verkaufsziffern, die Zahl der Arrangements, der Einspielungen angeht, hielt das Stück übrigens bis vor kurzem den Weltrekord unter den alten Evergreens.
special: Und heute?
Rauhe: Es wurde vor gut einem halben Jahr von "Strangers in the Night" überholt, jenem Titel des Hamburger Komponisten Bert Kaempfert, der am Anfang überhaupt nicht populär war. Erst Frank Sinatra machte die Melodie zum Welt-Hit.
special: Was macht den Ohrwurm eigentlich musikalisch aus?
Rauhe: Vor allem der "Schein des Bekannten", um es mit einem Zitat des Goethe-Zeitgenossen Johann Reichardt zu sagen. Man erreicht das, indem man ein Motiv aus nur drei Tönen nimmt, das sich durch ständige Wiederholungen einprägt. Das Prinzip der Wiederholung darf dann allerdings nicht zu Tode strapaziert werden, sonst werden kurzlebige Schnulzen daraus. Bei einem Evergreen, der die Jahrzehnte überdauert, folgt nach zwei- oder dreimaliger Wiederholung dieses Motivs eine Überraschung. Und wenn diese Überraschung ein besonders erregender Tonsprung ist, der Sextsprung zum Beispiel wie bei "Tea for Two" oder "Strangers in the Night", dann kann daraus ein Ohrwurm werden. In der Dosierung von Vertrautheits- und Überraschungseffekt liegt das Erfolgsgeheimnis.
special: Gilt dieses Rezept auch für Pop?
Rauhe: Im Prinzip ja. In der Pop-Musik hat sich allerdings das Schwergewicht von der Melodik mehr zum Sound, zur Klangfarbe, zur Abmischung verlagert. Deshalb werden diese Produktionen auch nicht mehr "geschrieben", sondern experimentell im Tonstudio hergestellt.
special: Das Prinzip, etwas Bekanntes mit einer Prise Neuem zu kontrastieren, klingt ziemlich simpel. Trotzdem ist nicht immer aus jedem Würmling ein Wurm geworden. Sind weitere Elemente notwendig, um aus einer Melodie einen Evergreen zu machen?
Rauhe: Die Vermittlung ist wichtig, also ob Stars wie Marika Röck oder Frank Sinatra, die Beatles und Michael Jackson die Melodie singen oder ein Nobody. Auch die lebensgeschichtliche Funktion des Stückes für den Hörer spielt eine Rolle: Hat er dabei im Tanzkurs seine spätere Frau kennengelernt, oder erinnert es ihn an irgendeine andere Schlüsselepisode seines Lebens?
special: Eine Handvoll Noten geschickt zu arrangieren reicht demnach nicht aus, um einen Ohrwurm zu produzieren.
Rauhe: Nein, bestimmt nicht. Man muß sich seine Entstehung als einen regelkreisähnlichen Zusammenhang aus musikalischer Struktur, Ausstrahlungskraft des Interpreten und lebensgeschichtlichem Stellenwert des Songs für den Hörer vorstellen.
special: Normalerweise suchen uns Ohrwürmer nicht im wachsten Geisteszustand heim. Hat unsere Empfänglichkeit etwas mit infantilen Sehnsüchten, mit der "Regression des Hörers" zu tun, die uns Soziologen und Pädagogen vorhalten?
Rauhe: Sicher auch. Ich glaube, eine ganz wichtige Funktion der Musik besteht heute einfach darin, daß ich durch sie in eine Art magischen Uterus hineinkriechen kann. Daß ich aus den Konflikten, aus dem Streß des Daseins einen Moment ausbrechen kann, damit ich mich hinterher wieder erholt fühle. Ich selbst bin dagegen, diese Art von Regression pauschal zu verurteilen, wie es etwa der Kulturkritiker Adorno getan hat.
special: Gibt es gar keine Momente, in denen Sie die akustischen Schnipsel als Plage empfinden?
Rauhe: Doch, bei manchen aufdringlichen Melodien in Werbe-Spots. Und man darf auch nicht vergessen, wie populäre Melodien in totalitären Systemen gezielt als Manipulationsmittel eingesetzt wurden. Das Horst-Wessel-Lied der Nazis war ja das Plagiat eines alten Matrosenlieds, und die Nationalhymne der DDR lehnte sich an die ebenfalls populäre Melodie "Good bye, Jonny" an.
special: Sind Komponisten von Ohrwürmern Genies, oder spricht die künstlerische Schlichtheit solcher Kompositionen eher gegen sie?
Rauhe: Ich glaube, es war nie ehrenrührig, eingängige Melodien zu komponieren. Viele Hits, die sich später zu Volksliedern entwickelten, sind von großen Komponisten wie Haydn und Mozart geschrieben worden. Vor Beginn des romantischen Geniekults war es ganz selbstverständlich, daß auch bedeutende Komponisten eingängige Musik schrieben, also Stücke, die das Volk oder zumindest die Mehrheit verstand. Mozarts "Kleine Nachtmusik" etwa war als Unterhaltungsmusik für ein Gartenfest gedacht. Die Leute haben wahrscheinlich kaum zugehört, als das Stück zum erstenmal gespielt wurde.
special: Apropos - hat auch Mozart Ohrwürmer gesummt?
Rauhe: Das kann gut sein. Aber spätestens seit dem "Freischütz" von Carl Maria von Weber, der zu seiner Zeit einschlug wie eine Bombe, haben solche Hits aus Opernmelodien zum Alltag gehört. Es war Heinrich Heine, der in einem Brief geschrieben hat, er könne die "Freischütz"-Strophe "Wir winden dir den Jungfernkranz" nicht mehr hören, weil sie in aller Munde sei. "Ich glaube fast", schimpfte er, "die Hunde auf der Straße bellen sie."
special: Warum bleibt immer der letzte Song im Kopf stecken, als hätte jemand vergessen, das Licht auszuschalten?
Rauhe: Das müßten Sie einen Neurophysiologen fragen. Aus musikalischer Sicht spielt dabei das "Fade-out" vieler erfolgreicher Titel eine Rolle. Sie klingen aus, aber sie gehen nicht eigentlich zu Ende und nisten sich dann wie eine Endlosschleife im Kopf ein. Bei den klassischen Stücken mit ihren vielen Abschlußakkorden ist das nicht so. Die wirken wie Sicherheitsschlösser.
* In dem Film "Die Frau meiner Träume" (1944).
Von Günther Stockinger

SPIEGEL SPECIAL 12/1995
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