01.10.1995

Abriß ohne Birne

Das unauffällige Bändchen wird gewiß nicht zu den Knüllern dieses literarischen Herbstes gehören; schon der doppelsinnige Titel verheißt alles andere als einen Bestseller-Erfolg: "Abriß der Kritik" hat der aus Sachsen stammende Schriftsteller Wolfgang Hilbig, Jahrgang 1941, die Buchausgabe seiner Frankfurter Poetik-Vorlesungen benannt.
Hilbigs Bilanz ist niederschmetternd: Längst hätten die Mechanismen der Bewußtseinsindustrie, die Marketingstrategien der Verlage und der geschwätzige Zynismus der sogenannten Postmoderne die Literaturkritik korrumpiert; mit Recht erinnert der Autor daran, daß sie auch in Deutschland einmal das Herz der Aufklärung war.
Nicht die freie Meinungsbildung des Publikums, sondern allein die Auflagenjagd und die Übertrumpfung der Konkurrenz seien der Existenzgrund der Medienunternehmen und der ihnen dienstbaren Literaturkritik. "In fliegender Hast" reiße diese "einen Star nach dem anderen" an sich, "um ihn in kürzester Zeit wieder auseinanderzunehmen und den Reißwölfen zum Fraß vorzuwerfen".
In ihrer Pauschalität ist die Diagnose überspitzt, wie das Beispiel von Deutschlands wirkungsmächtigstem Leser zeigt. Marcel Reich-Ranicki ist der paradoxe, aber lebende Beweis dafür, daß ein unermüdlicher Akrobat des Medienzirkus, der es um nahezu jeden Preis auf Massenwirkung abgesehen hat, außerhalb der Arena ein Kritiker von Rang sein kann.
Auch Hilbig fällt es nicht ein, die Unabhängigkeit der Urteile (und Fehlurteile) von Reich-Ranicki anzuzweifeln. Im Gegenteil: Er ruft ihn als einen seiner beiden Kronzeugen auf, indem er eine bereits klassisch gewordene Diagnose des Großkritikers über die deutsche Literaturkritik zitiert: "Sie liegt darnieder und siecht dahin."
Der andere Kronzeuge dieses Abrisses ist Hans Magnus Enzensberger, der schon vor neun Jahren in einem Essay voll Eleganz und Sarkasmus die "Rezensenten-Dämmerung" konstatierte: "Wer fortwährend zwischen in und out in der Drehtür zappelt, von dem wird man kaum erwarten dürfen, daß er die nötige Geduld aufbringt, einen normalen deutschen Satz zu bilden."
So unnachsichtig Hilbig die morschen Grundfesten der Kritik kritisiert: Er zertrümmert seinen Gegenstand nicht mit der Abrißbirne.
Wie schlecht nämlich die Literatur ohne unabhängige Kritik leben und sich entwickeln kann, das hat der ehemalige Heizer Hilbig als heimlicher DDR-Schriftsteller zur Genüge erfahren. Gerade die noch nicht etablierten Autoren, gibt er zu bedenken, wären auf dem Markt verloren, wenn sie sich nach Enzensbergers unbekümmerter Empfehlung allein der "Mundpropaganda" einer Elite von 10000 bis 20000 "wahren" Lesern anvertrauten.
So erweist sich Hilbigs zorniger Protest dagegen, daß "die Aufklärung von nun an im Red Light District verwaltet wird", zuletzt als ein beschwörender Ruf nach einer Kritik, die diesen Namen verdiente. Noch ist die "Dämmerung" der Kritik nicht ganz in jene Nacht übergegangen, in der alle Katzen grau sind.
Rainer Traub
Wolfgang Hilbig "Abriß der Kritik". S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main; 112 Seiten; 16 Mark. Erscheint am 13. Oktober.
Von Rainer Traub

SPIEGEL SPECIAL 10/1995
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