01.10.1995

Der Fall Holmes

Spurensicherung Mit Pfeife und Lupe schickte der britische Arzt und Autor (1859 bis 1930) seinen genialen Detektiv ins Land des Verbrechens. Und Sherlock Holmes wurde so beliebt, daß er lebendig werden mußte: Ungezählte Filme und Nach-Erzählungen halten ihn bei Atem, sein London der Gaslaternen gehört zum kollektiven Bewußtsein wie er selbst. Die Holmes-Abenteuer, getreulich aufgezeichnet vom (fiktiven) Chronisten Dr. Watson, faszinieren auch moderne Kollegen: Im jüngsten John-le-Carre-Thriller, „Unser Spiel“, will der reife Held seine allzu junge Geliebte mit dem Holmes-Fall der giftigen Schlange, „Das gefleckte Band“, fesseln; sie entläuft ihm dennoch - oder deswegen?
Ich hatte meinen Freund Sherlock Holmes eine kleine Ewigkeit nicht mehr gesehen. Nach drei - oder vier? - Ehen war ich menschenmüde geworden; mein aufreibendes Dasein als Arzt tat ein übriges.
Um so erfreuter war ich, als ich, an einem hellen Herbsttag des Jahres '95, eines jener lapidaren Telegramme erhielt, mit denen mich Holmes früher in die Baker Street zu rufen pflegte. Der große Detektiv lebte seit vielen Jahren, völlig zurückgezogen und der Bienenzucht hingegeben, in seinem Cottage in Sussex; von daher kam folglich sein Telegramm: "Werde verfolgt. Erwarte Sie dringend. Holmes."
Ich bestieg meinen kleinen Ford, mit dem ich im August 1914 zu unserem letzten gemeinsamen Abenteuer geeilt war (der Fall des deutschen Spions von Bork); Holmes erwartete mich, eine Imkerhaube unterm Arm.
"Schön, Sie unter den Lebenden zu finden", rief ich meinem alten Gefährten zu. "Aber Watson", schnaubte er gewohnt sarkastisch, "Sie wissen doch, daß ich unsterblich bin."
Ein Hauch von Baker Street wehte mich aus dem Sussex-Cottage an. Der alte Lehnstuhl stand da, auf dem zerfransten Teppich türmten sich Zeitungen, auf dem Kaminsims lag die Violine. Auch seine Marotte, Schießübungen an der Zimmerwand vorzunehmen, hatte Holmes offensichtlich nicht abgelegt.
"Holmes, wer verfolgt Sie?" fragte ich. Mit seinem langen, dünnen Zeigefinger wies er auf die überquellenden Bücherregale. Ich trat näher, die Namen der Autoren sagten mir nichts, aber alle Titel verwiesen auf Holmes: Biographien, Enzyklopädien, wissenschaftliche Untersuchungen - Hunderte von Büchern, aus angesehenen Verlagen.
Bücher als Verfolger? Spritzte Holmes wieder Kokain? Der Mann, der den "Napoleon des Verbrechens", Professor Moriarty, vernichtet hatte, der Königshäuser vor dem Ruin bewahrt, internationale Komplotte aufgedeckt und den Hund von Baskerville erlegt hatte - der berühmteste Detektiv der Welt fürchtete ein paar Tonnen Papier?
Menetekelhaft erschien ein Holmes-Wort vor meinem inneren Auge: "Von allen Ruinen sind die eines edlen Geistes die beklagenswertesten."
Holmes hatte sich inzwischen die Pfeife angezündet und eine Flasche Wein mit Gläsern auf den Tisch gestellt. "Sie", er wies auf die Bücher, "verfolgen mich, wie ich vor hundert Jahren in London das Verbrechen verfolgte." Und finster schnaubte er: "Sie wollen alles über mich herausfinden und benutzen dazu meine eigenen Methoden."
Ah, die Methoden der Deduktion und Analyse: von einem Tropfen Wasser auf die Niagarafälle schließen, von einem gefundenen Hut auf den Charakter des Besitzers; es war unglaublich, was diese Denkmaschine ehedem zu leisten vermochte. Und nun Holmes ein Opfer seiner eigenen Strategien?
"Trau niemals dem Offensichtlichen", fuhr mir eine Holmes-Maxime durch den Sinn; eigentlich müßte es dem großen Manne, dem Eitelkeit keineswegs fremd war, doch eher schmeicheln, im Zentrum wissenschaftlicher Forschung zu stehen. Bluffte Holmes mal wieder?
Und richtig. Urplötzlich ließ er die Misanthropen-Maske fallen, Spott blitzte aus seinen scharfen Augen. "Willkommen, Watson", rief er, schüttelte mir die Hand und sprach: "Glückwunsch, daß Sie dem Eheleben entkommen sind und den Arztkittel an den Nagel gehängt haben! Und verzeihen Sie meine kleine Komödie."
Der gute alte Holmes. "Aber wer hat Ihnen verraten", fragte ich, "daß ich weder der Ehe noch dem Beruf mehr fröne?" Holmes gluckste: "Ein Ehemann läßt die Haare nicht aus der Nase ragen, und ein Arzt pflegt seine Fingernägel. Watson, willkommen im Club der Freien!"
Er war der alte Hagestolz geblieben; Frauen und Liebe, so hatte er immer doziert, störten seinen Denkapparat. "Ich habe Sie gerufen, Watson", sprach er, "um mit Ihnen über die Bücher zu reden, die über uns geschrieben werden." Und dann gluckste er wieder: "Ich bin das glorioseste Beispiel für die Entstehung des Lebens aus dem Papier."
Ich hatte mich nie um diese spekulative Holmes-Scholastik geschert; alles, was es zu sagen gab, stand schließlich in meinen Holmes-Abenteuern, 60 Fälle insgesamt. Eine Spezialität der Holmes-Ausbeutung hatte mich allerdings in tiefe Verbitterung gestürzt - die sogenannten Pastiches.
Das sind Imitationen meiner Holmes-Abenteuer, also im Prinzip Plagiate, die vorgeben, "aus den nachgelassenen Papieren des Dr. John H. Watson" zu stammen, aufgefunden in irgendeinem Nachlaß oder versiegeltem Behälter; es soll Hunderte von diesen Pastiches geben, ich habe, wie man wohl verstehen wird, kein einziges gelesen.
"Watson, an Ihrem linken Mundwinkel sehe ich, daß Sie an etwas Unangenehmes denken", unterbrach Holmes mein Brüten. "Entweder denken Sie an Ihre Ehen und an Ihre Patienten, was vermutlich das gleiche war. Oder an Ihre Konkurrenten bei der Pflege meines Erbes." Sein Lächeln war sardonisch. "The game is afoot, Watson", sprach er, wie gewohnt, um mich aufzurütteln. "Machen wir uns an die Arbeit. Zunächst die Fakten." Seit einem halben Jahrhundert, resümierte er, gebe es eine weltweite Gelehrtenrepublik, die Holmes-Forschung betreibe, meine 60 Holmes-Abenteuer als "Kanon" verstehe, also quasi als heiligen Text, und mit jenem Ernst bei der Sache sei, der nur beim Spiel aufkomme; "The Game" hätten die Scholaren folgerichtig ihre Tätigkeit getauft.
"Holmes-Societys" gebe es von Japan bis Sibirien; er präferiere das Londoner Institut, in dem die Tochter eines gewissen Arthur Conan Doyle Ehrenmitglied sei. Mit Vergnügen lese er das Periodikum der Londoner Society, "The Sherlock Holmes Journal"; es werde, vermerkte Holmes, in der Baskerville-Type gedruckt.
"Aber um des Himmels willen, Holmes, der Kanon liegt vor, was suchen diese Leute?" Holmes sah mich mit undurchdringlicher Miene an: "Sie wollen die Lücken erforschen, die schwarzen Löcher, die Sie, Watson, in Ihrem Kanon hinterlassen haben; Lücken übrigens, die mir zuweilen selbst zu denken geben."
Der Abend war herabgesunken, Holmes hatte eine weitere Flasche entkorkt und die Pfeife neu gestopft. Wir schwiegen. "Holmes", hob ich an, "Sie wissen, daß ich neben meiner Schriftstellerei auch noch Kranke zu versorgen hatte. Nennen Sie mir drei Lücken in dem, was Sie meinen Kanon nennen."
Holmes sog an der Pfeife. "Lücke eins: Was geschah wirklich in den Jahren, nachdem ich vermeintlich mit Professor Moriarty in die Reichenbachfall-Schlucht gestürzt war? Lücke zwei: Warum habe ich den Fall Jack the Ripper, der zu meiner Glanzzeit Furore machte, nicht aufgegriffen? Lücke drei: Wie oft waren Sie, Watson, wirklich verheiratet?"
Ich saß wie erschlagen. "Fassen Sie sich, Watson", sagte Holmes, "beginnen wir mit Lücke zwei. Die Holmes-Scholastik hat dazu drei Theorien aufgestellt. Erstens: Ich griff den Fall Ripper auf, aber das Königshaus bat mich aus bestimmten Gründen, meine Nachforschungen einzustellen. Zweitens: Ich nahm das Gesetz, selbst in die Hand und spielte Scharfrichter. Drittens: Ich war selbst Jack the Ripper."
"Holmes", stammelte ich, "das ist Wahnsinn!" Kühl entgegnete er: "Nein, das ist Methode. Nehmen Sie alles, was Sie über mich geschrieben haben, deduzieren und analysieren Sie es, das Resultat wird sein: Sherlock Holmes war Jack the Ripper, der Frauenmörder."
Der alte Jagdhund erwachte in ihm, als er mir den kuriosesten aller Fälle explizierte und die Indizien darlegte: seine Frauenfeindlichkeit, seine Verkleidungskünste, seine genaue Kenntnis der Londoner Unterwelt und der Strategien von Scotland Yard. Und das auslösende Motiv finde sich in meinem Bericht über jenes Holmes-Abenteuer, das unter dem Titel "Ein Skandal in Böhmen" bekannt wurde.
Darin war Holmes der einzigen Frau begegnet, die auf ihn Eindruck machte, der Abenteurerin Irene Adler - die einzige auch, die ihn ausbluffte und ihn auf seinem eigenen Gebiet schlug. Die kränkende Affäre trug sich wenige Monate vor dem Beginn der Ripper-Morde zu, und ich, zum erstenmal verheiratet, wohnte zu dieser Zeit nicht in der Baker Street.
Mir trat kalter Schweiß auf die Stirn; Holmes musterte mich zufrieden. "Ich hatte Ihnen vielleicht noch nicht gesagt", hob er wieder an, "daß ich Pastiches, im Gegensatz zu Ihnen, mit dem allergrößten Vergnügen lese." Er erhob sich, schon etwas mühsam, wie mir schien, griff in eins der Regale und reichte mir ein schmales Buch.
"The last Sherlock Holmes Story" las ich. Ein Pastiche. "Glänzende Arbeit", sagte Holmes. "Der Mann macht meinen Erzfeind, Professor Moriarty, zum Alter ego meiner Persönlichkeit, so nach Art von Dr. Jekyll und Mr. Hyde. Als Moriarty morde ich, als Holmes verfolge ich mich. Zum Schluß will ich auch Sie umbringen, Watson." "Tun Sie es?" fragte ich. Er lachte: "Lesen Sie es."
Holmes goß nach. "Lücke drei, die Zahl Ihrer Ehen, Watson, überlasse ich Ihren eigenen Investigationen." Er gluckste wieder. "Nun zu Lücke eins: Mein Leben nach dem Tode, mein vermeintlicher Sturz mit Moriarty in die Schlucht und meine Wiederbelebung nach ein paar Jahren. Watson, was geschah in diesen Jahren?"
"Sie bereisten Tibet und den Orient; das haben Sie mir selbst erzählt", entgegnete ich verblüfft. "Die Holmes-Scholastik", erwiderte er, "kommt zu dem Resultat, mein aufgewühlter Zustand habe mich nach Wien geführt, um mich von einem Doktor Sigmund Freud analysieren zu lassen."
Ich wußte, daß Doktor Freud meine Holmes-Abenteuer kannte; er hat darüber wohlwollend mit einem seiner berühmten anonymen Patienten gesprochen, dem "Wolfsmann". Und ich hatte es immer als ein unbegreifliches Versäumnis der Geschichte betrachtet, daß sich die beiden großen Zeitgenossen, Holmes und Freud, nicht die Hände reichten - Erforscher des Dschungels der Städte der eine, Erforscher des Dunkels der Seele der andere. Und Kokainisten beide.
Und nun? Pah, Pastiche! Holmes zog wieder einen schmalen Band aus den Regalen. "The Seven-per-cent Solution" las ich - natürlich eine Anspielung auf die Kokain-Dosis, die sich Holmes zu injizieren pflegte. "In diesem Büchlein lockt mich ein Watson nach Wien, auf daß mich Doktor Freud von meiner Sucht befreie; gleichzeitig befreit mich der gute Mann vom Trauma Moriarty."
"Aber Holmes, Moriarty hatten Sie doch am Reichenbachfall erledigt." Holmes senkte den Kopf: "Nur äußerlich. In der Hypnose entrang mir Freud das Geheimnis meines Lebens: Moriarty war mein Mathematiklehrer, er begann ein Verhältnis mit meiner Mutter, mein Vater erschoß sie und nahm sich selbst das Leben. Erst jetzt ist Moriarty auch für mein Inneres tot."
Ich brauste auf: "Holmes, wo leben Sie, im Kanon oder in diesen verabscheuungswürdigen Pastiches?" Er gluckste wieder: "Ich lebe sozusagen zwischen den Zeilen." Nahm er doch wieder Kokain? Ich mußte ihm den Glauben an die kalte Größe seines Denkens zurückgeben.
Ich ging aufs Ganze. "Holmes, haben Sie sich schon mal mit Semiotik beschäftigt, mit der Wissenschaft der Zeichen? Kennen Sie Umberto Eco, Carlo Ginzburg, Thomas A. Sebeok, Marcello Truzzi? Wissen Sie, welche Rolle Sie in dieser Wissenschaft spielen? Die eines Pioniers! Eines Vordenkers! Eines Revolutionärs!"
Weil ärztliche Diagnostik auch eine Lehre von Zeichen ist, hatte ich mich in die Wissenschaft der Semiotik versenkt - und war baß erstaunt, Seite für Seite meinem Freunde Holmes gehuldigt zu sehen; schmerzlicherweise auch seinem Diktum: "Watson, Sie sehen, aber Sie beobachten nicht." Nicht minder mächtig schien der Schatten, den er in der Literaturwissenschaft wirft.
Mit Walter Benjamins Flaneur, mit Oscar Wildes Dandy, mit Friedrich Nietzsches Übermenschen schreitet er da Schulter an Schulter. Und dieser Mann will in lächerlichen Pastiches und "Kanon"-Plündereien sein Leben weiterführen? Hatte er nicht gesagt: "Mittelmaß kennt nichts Höheres als sich selbst, nur Talent erkennt das Genie?"
Holmes war in sich zusammengesunken, als ich meine Philippika beendet hatte. "Lesen Sie auch richtige Romane, Holmes?" Er winkte müde ab: "Ich lese keine Romane, Watson, ich bin selbst ein Roman."
Draußen war es Nacht geworden, die Lampe warf ein mildes Licht auf Flaschen und Gläser. Umberto Ecos Kloster-Krimi "Der Name der Rose" kam mir in den Sinn.
"Wissen Sie, Holmes, daß Sie in diesem Roman leibhaftig auferstehen?" Holmes sehniger, langer Körper straffte sich. "William von Baskerville heißen Sie darin, sie tragen die Kutte eines Franziskaners, und die Beschreibung, die der Mönch Adson von Ihnen gibt, gleicht jener, die ein gewisser Dr. Watson einst von Ihnen gab: die scharfen Augen, das wuchtige Kinn, das den entscheidungsfreudigen Mann kennzeichnet ..."
Ich hielt inne, Holmes schien tief bewegt. "Watson, welches war der letzte Fall, den wir gemeinsam lösten?" "Der deutsche Spion, im August 1914", entgegnete ich. "Wie war sein Name?" wollte Holmes wissen. "Von Bork". Er schien zu grübeln. "Und wie hieß noch mal die Krankheit, bei der man das Gedächtnis verliert?" Ich sah auf die Etiketten der Flaschen, die vor uns paradierten, und sagte: "Rüdesheimer".
Eine unbändige Heiterkeit ergriff meinen Freund, er sprang auf, nahm mich, was er nie getan hatte, in den Arm und rief: "Wo keine Vorstellungskraft ist, da gibt es keinen Horror. Danke, Watson.Wissen Sie noch, welches meine letzten Worte im August 1914 an Sie waren?" Ich mußte verneinen. "Watson, Sie sind der einzige Fixpunkt in einer sich ändernden Zeit."
Von Fritz Rumler

SPIEGEL SPECIAL 10/1995
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