01.10.1995

Quell der Schaffensfreude

Wenn Ihr vom Begräbnis oder von der Messe zurückkommt", beruhigte die Lady die um sie versammelten Lieben, "wird Euch der Gedanke aufmuntern, daß Ihr die zwei Bücher habt."
Agatha Christie rechnete in den ersten Kriegsjahren mit dem Schlimmsten, denn die deutsche Luftwaffe bombardierte London. Als eine Art Lebensversicherung verwahrte sie darum zwei fertige Krimis - den einen für ihre Tochter Rosalind, den anderen für ihren zweiten Mann Max Mallowan - in einem Banksafe.
Die Krimi-Queen überlebte den Krieg und starb erst 1976. Ihr Schwiegersohn hingegen, Hubert Prichard, fiel in der Normandie. Sein im September 1943 geborener Sohn Mathew war acht Jahre alt, als ihm die Oma die Rechte an ihrem zweiten Bühnenwerk, der "Mausefalle", schenkte.
Acht Monate, so ihre Schätzung, würde das Stück in Londons Westend laufen. "Meine Großmutter hat mit Sicherheit nicht geahnt, daß sie mir damit zu einer Art Lottogewinn verhelfen würde", meint Prichard heute - die "Mausefalle" spielt in London inzwischen im 43. Jahr und wird, das hofft zumindest der derzeitige Produzent, das nächste Jahrtausend erreichen.
Von William Shakespeares Werken, schrieb der amerikanische Autor Scott Palmer ("The films of Agatha Christie"), sind mehr als 900 Millionen Exemplare abgesetzt worden. "Christie schaffte innerhalb von 60 Jahren so viel wie er in 400".
Fest steht, daß das Werk der von der Königin geadelten Dame Agatha eine Goldgrube ist: über eine Milliarde verkaufte Bücher - und jährlich werden 18 weitere Millionen abgesetzt. Wer würde den Enkel nicht verstehen, wenn er betont, seine Großmutter sei "die feinste Person, die ich je getroffen habe"?
Ist ihr unendlicher Erfolg mit Nostalgie zu erklären, mit Sehnsucht nach der englischen Insel-Idylle, nach den weißen Häuschen mit den hübsch gepflegten Vorgärten, in denen die Rosen blühen und der Duft von Tee sich mit dem Rauch von brennendem Kaminholz vermischt? Sind es die Figuren wie der körperlich etwas kurz geratene, aufgeblasen-geniale Detektiv Hercule Poirot oder die zauberhaft gewitzte alte Jungfer Miss Marple, diese Perle der Weltliteratur?
Könnte es ihre im Grunde schlichte Botschaft gewesen sein, die Agatha Christies Werk zum Evergreen werden ließ: daß das Gute stets über das Böse siegt? In ihrer Autobiographie "Meine gute alte Zeit" notierte die Schriftstellerin: "Ich erlebe einen köstlichen Triumph, wenn es mir gelungen ist, einen Menschen, der beinahe an einem Verbrechen zugrunde gegangen wäre, aus dem Tal des Todes herauszuführen."
Die 1890 im südenglischen Badeort Torquay geborene Agatha Mary Clarissa Miller, so erinnert sich der Enkel, war von scheuem Wesen. Wenn sie in späteren Jahren in ihrem Sommerhaus "Greenway" (wo heute ihre Tochter mit dem zweiten Ehemann, Anthony Hicks, lebt) am Klavier saß und sang, erschien es ihrem Mathew, als "öffne sich ihre Seele" - sobald ein Zuhörer den Raum betrat, verstummte sie. Obgleich die Schriftstellerin das Schreiben "als eine Marter wie keine andere" empfand, verfaßte sie bereits als Kind Geschichten, "wie andere junge Mädchen Kissenbezüge stickten".
Es war die viktorianische Zeit - Frauen und Männer entblößten am Strand allenfalls die Unterarme und näßten die Füße streng nach Geschlechtern getrennt. Und Damen der Gesellschaft gefährdeten Schönheit oder Mutterschaft nicht durch körperliche Arbeit. Die eher konservative Agatha freilich, die nie eine Schule besuchte und ihre Bildung autodidaktisch erwarb, war zumindest in diesem Punkt ihrer Zeit voraus.
Da ihr erster Ehemann Archibald Christie, ein junger Offizier ohne Vermögen, in den frühen Ehejahren kaum Geld verdiente, setzte sie sich an die Schreibmaschine: "Das Schöne an meiner Arbeit war damals", so Agatha Christie, "daß ich sie in unmittelbare Beziehung zu Geld bringen konnte." Das, sagte sie, "regte meine Schaffensfreude enorm an".
In einer Krankenhaus-Apotheke, in der sie während des Ersten Weltkriegs aushalf, war der Engländerin die Idee gekommen, einen Kriminalroman zu schreiben. "Auf den Regalen rund um mich standen Gifte, und so war es vielleicht nur natürlich, daß ich einen Giftmord ins Auge faßte."
Der Verleger ihres Erstlings "Das fehlende Glied in der Kette" wollte erst ein Honorar zahlen, wenn 2000 Exemplare verkauft wären. Die 25 Pfund, die Agatha Christie schließlich mit ihrem Krimi-Debüt verdiente, hatte ihr nicht etwa das Buch eingebracht, sondern ein Abdruck als Zeitungsserie.
Weltruhm und Wohlstand kamen sehr allmählich, doch in ihren reiferen Jahren hatte Agatha Christie ausgesorgt. Sie kaufte Häuser, ließ sie umbauen, richtete sich ein - und trennte sich, von einer eigentümlichen Unrast getrieben, wieder von ihnen. In ihrer Sammelleidenschaft trug sie englisches Silberbesteck, Seidenmalerei und feine Holzmosaik-Kästchen zusammen.
Ein Dinner mit der Queen im Buckingham-Palast betrachtete Dame Agatha zwar als einen Höhepunkt ihres Lebens, ansonsten aber mied sie Society-Veranstaltungen wie etwa das Pferderennen in Ascot, wo Adelige oder jene, die es gern wären, vor der Königin zu buckeln pflegen. Lieber fuhr die Schriftstellerin im Rolls-Royce Phantom III zu einer kleinen Pferderennbahn in Devon, packte den Picknick-Koffer aus und trank Ingwerlimonade. Champagner war ihr so zuwider wie Alkohol überhaupt.
Glaubt man dem dankbaren Nachkommen, so haben Familiensinn und Pflichtbewußtsein ihr Leben geprägt. Offenbar schreckte sie weniger der Gedanke an den Tod als der an die hernach fällige Erbschaftsteuer, die "eine echte Katastrophe für die Angehörigen" bedeuten würde - so jedenfalls gibt der Enkel die Befürchtungen seiner Großmutter wieder. Also sorgte sie vor: Mathew hatte schon seine "Mausefalle", Tochter Rosalind erhielt die "Zeugin der Anklage" überschrieben, die später von Billy Wilder verfilmt wurde. Vor allem die Begehrlichkeit des Finanzamtes ging der Lady gegen den Strich: Wegen der Steuerbelastungen produzierte sie pro Jahr durchschnittlich nur einen Krimi.
Sie gründete eine Firma, die "Agatha Christie Ltd.", und verkaufte den Familienbetrieb an den - börslich notierten - Lebensmittelkonzern Booker. Der verfügt seither über 95 Prozent der Christie-Copyrights, Agatha Christie fungierte als Angestellte und bezog ein Gehalt. Ähnlich gewitzt hat auch der 1964 gestorbene Christie-Kollege und James-Bond-Erfinder Ian Fleming den steuerlichen Zugriff entschärft.
Über Bond und Poirot wacht Christie-Enkel Prichard, der als Chef der Booker-Tochter "Booker Entertainment" beim früheren Arbeitgeber seiner Mutter untergekommen ist und 36 Prozent dieses Unternehmens hält.
Beinahe hätte die sonst so weitsichtige alte Dame sich übrigens doch noch um einen Teil ihres Vermögens gebracht. Die Erfinderin des belgischen Gehirn-Athleten Hercule Poirot, der mit seinen "kleinen grauen Zellen" zu renommieren pflegt, hatte ihr Geschöpf ursprünglich schon in den Anfangsjahren des zweiten Weltkriegs zu Tode bringen wollen.
Die lieben Verwandten aber beschworen die Autorin inständig, dem lukrativen Helden noch ein langes Leben zu gewähren. Der Appell an Agatha Christies Nächstenliebe fruchtete: Der Krimi "Vorhang", in dem Poirot den herkulischen Geist aufgibt, verschwand bis 1975 in einem Banksafe, und bei guter Gesundheit wieselte der eitle Belgier durch viele weitere Bände.
Als er dann doch sterben mußte, druckte die Londoner Times einen Nachruf auf das Detektiv-Genie.
Von Helmut Sorge

SPIEGEL SPECIAL 10/1995
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