01.09.1997

ExotenIn der Höhle des Piech

Es gibt Menschen, die sich das Leben vorsätzlich schwer machen. Sie kaufen zum Beispiel Ledersofas, um dann zur Erhöhung der Gemütlichkeit Wolldecken draufzulegen. Michael Sacher gehört zu dieser Sorte. Er arbeitet bei Volkswagen und fährt Opel. In Wolfsburg. Ausgerechnet.
Seine Auto-Vorliebe habe selbstverständlich nichts mit Anarchie zu tun, beteuert Sacher, alles sei bloß Zufall gewesen. Vor 15 Jahren tauschte er mit einem Freund das Auto. Golf gegen Manta. Ganz harmlos. Damals muß der Opel-Blitz eingeschlagen haben, und Michael Sacher hat sich davon bis heute nicht erholt. Zwei Mantas, ein Kadett, ein Vectra stehen in seinem Sündenregister. Gegen alle Widerstände. Oft genug hat er schon von Kollegen zu hören bekommen: "Wie kannst du nur so 'nen Scheiß fahren?"
Sacher aber konnte nicht anders; der hochgewachsene VW-Werker, als Werkzeugmacher im Werkzeugbau beschäftigt, gründete 1994 sogar, mit fünf Gleichgesinnten, den Fanclub "Opel-Freunde Wolfsklippe", eine zarte Pflanze. Höhepunkt der Bemühungen ums Vereinsleben war der Versuch, auf dem Festplatz von Wolfsburg ein Manta-Treffen zu veranstalten. Ausgerechnet.
Im Stadtamt haben sie sich damals halb totgelacht. Dabei würde Michael Sacher Volkswagen niemals schlecht machen wollen. Wer beißt schon in die Hand, die einen füttert?
Aber: "Opel is' einfach 'n Lebensgefühl." Das muß doch erlaubt sein. Auch in Wolfsburg. Oder?
Bloß: Hier war zuerst die Fabrik, dann wurde eine Stadt drumherum gebaut. So etwas prägt. Heute gibt es in Wolfsburg mehr VW-Händler als Polizeidienststellen. Und wenn Gründer-Enkel Ferdinand Piech in seinem Büro hoch über der Stadt niest, kriegt die ganze Region Schnupfen.
Niemand beißt die fütternde Hand. Deshalb kommen VW-Modelle in Wolfsburg auf einen Marktanteil von 97 Prozent. Ein Zustimmungsgrad wie in straff geführten Diktaturen. Das Massenprodukt Opel ist dagegen so exotisch wie ein Turbo-Saab im Rest der Republik.
Trotzdem existiert ein Opel-Händler. "Auto Dürkop" liegt in einer kaum befahrenen Seitenstraße, eingeklemmt zwischen VW-Museum und Königreichssaal der Zeugen Jehovas. Ausgerechnet.
"In Wolfsburg Opel verkaufen zu wollen ist wie Sand in die Wüste tragen", philosophiert Geschäftsführer Detlev von Plato. Aber Plato kann den natürlichen Handelsbarrieren sogar einen Vorteil abgewinnen: Wer es hier schafft, schafft es überall. Deshalb stieg er zum Opel-Gebietsleiter von ganz Niedersachsen auf - sein Chef Werner Hoppenworth, Vorsitzender der Braunschweiger Dürkop-Gruppe (eine Milliarde Mark Jahresumsatz, rund 30 Autohäuser, darunter auch VW-Betriebe), lernte den Job ebenfalls in Wolfsburg.
Nur in den Wendejahren lief der Betrieb zu einer ungeahnten Form auf, Dürkop war die erste Opel-Niederlassung hinter der geöffneten Grenze. Als die Wiedervereinigungsparty endete, mußte die Mannschaft fast halbiert werden. Zusätzlich kämpft die Filiale in den letzten Jahren mit einer zunehmenden Opel-Aversion. Plato: "Das Geschäft ist deutlich schwieriger geworden. Wohl eine Art Lopez-Effekt."
Tatsächlich kauft in Wolfsburg niemand zufällig ein Auto aus Rüsselsheim. Es steckt immer eine Botschaft dahinter. Ein guter Teil des Kundenkreises sind Protestwähler. Andersdenker, Querulanten, Beamte, Rentner. Leute, die es sich leisten können, gegen Konventionen zu verstoßen, und solche, die den großen Befreiungsschlag gegen die Schranken der Gesellschaft üben.
Opel-Fahrer Dieter Schieseck etwa erinnert sich noch genau an jenen Tag, als er das erste Mal mit seinem dicken Senator samt WOB-Kennzeichen durch die Stadt fuhr. "Mann, war das ein Gefühl. Alle drehten sich nach meinem Wagen um." Opel-Fahren als höchster Ausdruck menschlicher Freiheit.
Meist bedarf es noch eines zusätzlichen Kicks. Daher ist es für Opel-Verkaufsleiter Manfred Geisler selbstverständlich, daß er Sonntag nachmittags ein defektes Kundenauto abholt und am nächsten Abend zurückbringt. Gratis natürlich. Ein Service, von dem VW-Kunden nicht nur in Wolfsburg träumen. Geisler: "Wir müssen in jeder Beziehung besser sein, sonst geht gar nichts."
Volkswagen ist im Umkreis von gut 20 Kilometern die einzige maßgebliche wirtschaftliche Größe. Praktisch jeder Unternehmer lebt direkt oder indirekt vom Werk. Wen wundert es da, wenn selbständige Mercedes- oder BMW-Fahrer mit geheimnisvollen Auftragsverlusten zu kämpfen haben? Rentner Schieseck: "So mancher Geschäftsmann fährt mit einem Audi vor, während daheim in der Garage ein Mercedes-Coupe steht."
Für Burkhard Warkotz wurde die Opel-Liebe fast existenzbedrohend. Der VW-Werker gab sich als Freak, aber wer Opel-T-Shirts während der Arbeitszeit trägt, überzieht das allgemein gültige Humormaß deutlich. "Es war eine Qual. Ich eckte ständig an." In regelmäßigen Abständen habe man ihn zum Meister oder ins Personalbüro gerufen, erinnert sich Warkotz, wo dann stets die Frage aller Fragen gestellt worden sei: "Warum fahren Sie nicht 'nen Golf?" Schließlich kündigte Warkotz entnervt.
VW bestreitet allerdings die Vorwürfe. Unternehmenssprecher Kurt Rippholz: "Völliger Unsinn. Bei uns kann jeder das Auto fahren, das er möchte."
Etwas Feingefühl bei der Markenwahl ist in Wolfsburg allerdings schon gefragt. Kurz nach dem Aufstieg des VfL in die erste Fußball-Bundesliga tauschte Mannschaftskapitän Jann Jensen seinen Opel Frontera gegen einen Passat Variant. Opel-Verkäufer Geisler: "Da war nichts zu machen. Das versteh' ich auch."
Fragt sich nur, wie lange seine Freundin noch Opel Tigra fahren darf. Immerhin hat sie gerade erst einen neuen bestellt.
Von Christian Kornherr

SPIEGEL SPECIAL 9/1997
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